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Die Sauger der Gleichgültigkeit
Medienkritik
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Die Sauger der Gleichgültigkeit

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Wie SRF eine Maschine feiert, die mehr CO₂ ausstösst als sie einfängt – und nicht einmal die einfachsten Fragen stellt

Zum SRF-Beitrag «Die Schweiz sucht internationalen Markt für CO₂-Entnahme», 17. Mai 2026

Es ist ein freundlicher Beitrag. Schweizer Pioniergeist. ETH-Spin-off. Climeworks saugt CO₂ aus der Luft. Neustark presst es in Recyclingbeton. Abkommen mit Norwegen und Schweden. Ein Markt entsteht. Eine Zukunft wird gebaut.

SRF zeigt die Bilder. Zitiert die Gründer. Lobt die Behörden. Lässt die Unternehmen sprechen, die Zertifikate kaufen. Was SRF nicht tut: in eine Suchmaschine tippen, was im Mai 2025 über genau diese Firma berichtet wurde. Eine Minute Recherche hätte den ganzen Beitrag in seine Bestandteile zerlegt.

Die Maschine, die mehr ausstösst als sie einfängt

Im Mai 2025 veröffentlicht das isländische Investigativmedium Heimildin das Ergebnis einer mehrmonatigen Recherche zu Climeworks' Anlagen in Island. Der Befund ist nicht zweideutig:

Im Jahr 2023 hat der Betrieb der Climeworks-Anlagen rund 1'700 Tonnen CO₂ verursacht. Die Anlagen haben deutlich weniger als das eingefangen.

Auf Deutsch: Die Wundermaschine, die CO₂ aus der Atmosphäre saugen soll, hat 2023 mehr CO₂ in die Atmosphäre gepustet, als sie ihr entzogen hat. Sie war ein Netto-Emittent. Ein Klimaschaden, kein Klimaschutz.

Die «Orca»-Anlage – Nennleistung 4'000 Tonnen pro Jahr – hat seit Inbetriebnahme 2021 in keinem einzigen Jahr auch nur 1'000 Tonnen Netto-Entnahme erreicht. Die grössere «Mammoth»-Anlage – auf 36'000 Tonnen ausgelegt – kämpft mit Eis, Schnee und Frostregen, die zentrale Komponenten lahmlegen. Die unabhängige Rating-Agentur Calyx Global hat Climeworks-Zertifikate in die niedrigste Kategorie heruntergestuft, mit dem Vorwurf des over-crediting – verkauft wurden Tonnen, die nie eingefangen wurden.

Im selben Mai entlässt Climeworks 22 Prozent der Belegschaft. Der geplante Megastandort in Louisiana wird auf Eis gelegt.

All das ist öffentlich. SWI swissinfo.ch – die internationale Schwester von SRF – hat darüber berichtet. Es steht in der eigenen Datenbank. SRF hätte es lesen können. Es hätte den Beitrag völlig anders schreiben müssen.

Stattdessen: «ein Dämpfer im letzten Jahr». Ein Nebensatz. Wie ein Schnupfen.

Die Mathematik, vor der man flieht

Wurzbacher nennt selbst die Zahl: gegen tausend Franken pro Tonne. Andere Quellen sprechen von 500 bis 800 Dollar. Nehmen wir das untere Ende: 500 Franken.

Globale Emissionen 2024: rund 37 Milliarden Tonnen. Eine «klimaneutrale» Welt per DAC kostete bei 500 Franken pro Tonne: 18,5 Billionen Franken pro Jahr. Das ist ungefähr ein Sechstel der globalen Wirtschaftsleistung. Jedes Jahr. Für eine Maschine, die in der Realität bisher mehr emittiert als sie einfängt.

Selbst wenn man nur die «schwer vermeidbaren» Schweizer Emissionen – rund 13 Millionen Tonnen – mit DAC abdecken wollte: 6,5 bis 13 Milliarden Franken jährlich. Mehr als das Armeebudget. Mehr als der Bundesbeitrag an die AHV.

SRF nennt die Kosten pro Tonne und rechnet nicht weiter. Das ist nicht Sparsamkeit. Das ist Rücksichtnahme. Wer multipliziert, zerstört die Geschichte.

Was die Maschine wirklich ist

Wozu also? Wenn die Anlage mehr emittiert als sie einfängt, wenn die Zertifikate von unabhängigen Auditoren als Etikettenschwindel klassifiziert werden, wenn die Kosten in jeder denkbaren Skalierung lächerlich bleiben – wozu betreibt man das Ganze?

Die Antwort ist unsentimental: Es ist ein Geschäftsmodell, kein Klimaprojekt.

Microsoft, Stripe, JP Morgan, Boeing kaufen Climeworks-Zertifikate. Nicht, weil sie an die Tonnen glauben. Sondern weil sie auf ihre Verpackung «klimaneutral» schreiben dürfen, ohne irgendetwas an ihrem Geschäft zu ändern. Climeworks bekommt Investorengeld und Staatssubventionen. Die Schweiz bekommt einen Sektor mit Pressefotos. Die ETH bekommt wissenschaftliches Prestige. Die Behörden bekommen ein neues Mandat samt Personalbestand. SRF bekommt eine schöne Geschichte, die den Erwartungen des Publikums entspricht, das man sich erzogen hat.

Niemand muss etwas ändern. Niemand muss etwas erklären. Das schlechte Gewissen wird ausgelagert – an eine Maschine, die nicht funktioniert, in einem Land, das niemand besucht, gegen Zahlung an einen Konzern, dessen Bilanz niemand prüft.

Es ist Ablasshandel. Das mittelalterliche Original war ehrlicher: Es versprach nur Seelenheil, keine messbaren Tonnen.

Die journalistische Frage, die zählt

Jenseits aller technischen Details: Warum schreibt ein öffentlich finanzierter Sender, der jährlich 1,3 Milliarden Franken aus Zwangsgebühren bezieht, einen PR-Text für eine Privatfirma, deren grösste Anlage gerade entlassen, geschlossen und herabgestuft wurde?

Drei Möglichkeiten:

Erstens: Faulheit. Der Redaktor hat die Pressemitteilung des Departements gelesen, die Climeworks-Website angeschaut, zwei Telefonate geführt, fertig. Eine Suche bei der eigenen Schwester SWI swissinfo.ch wäre zumutbar gewesen. Sie fand nicht statt.

Zweitens: Bequemlichkeit. Eine kritische Story zu Climeworks bedeutet Anrufe von der ETH, vom Departement, von Investoren, von der eigenen Direktion. Eine wohlwollende Story bedeutet: nichts. Der Pfad des geringsten Widerstands geht durch die unkritische Reproduktion offizieller Erzählungen.

Drittens: Identifikation. Der Redaktor will, dass es funktioniert. Er gehört zu jenem urbanen Milieu, in dem die Möglichkeit, dass DAC eine teure Absurdität ist, nicht denkbar ist, weil die ganze moralische Architektur darauf beruht, dass es eine Lösung gibt – irgendwo, irgendwann, von irgendjemandem. Ein Zweifel an der Lösung wäre ein Zweifel am Selbstbild.

Welche Erklärung auch zutrifft: Das Ergebnis ist dasselbe. Ein Sender, der seine Aufgabe – kritische Distanz zu den Mächtigen – beim Thema Klima konsequent durch Affirmation ersetzt.

Was nicht im Beitrag steht

– Climeworks war 2023 ein Netto-Emittent.

– Die «Orca»-Anlage erreicht nicht einmal ein Viertel ihrer Nennleistung.

Calyx Global hat die Climeworks-Zertifikate auf die schlechteste Stufe zurückgestuft.

– 22 Prozent der Belegschaft sind im Mai 2025 entlassen worden.

– Der US-Megastandort Louisiana ist gestoppt.

– Die unabhängige Berichterstattung – inklusive der eigenen Schwester swissinfo.ch – ist seit einem Jahr öffentlich.

Davon: nichts. Stattdessen «Dämpfer». Stattdessen «bald». Stattdessen «Pioniere».

Der eigentliche Befund

Der SRF-Beitrag ist kein Journalismus. Er ist eine Pressemitteilung, vorgetragen in der Erkennungsmelodie der Tagesschau. Er behauptet einen Markt, dessen Ware in der Realität nicht geliefert wird. Er feiert eine Technologie, die selbst nach den Massstäben ihrer Verfechter scheitert. Er verschweigt eine investigative Recherche, die in der eigenen Senderfamilie publiziert wurde.

Wer eine öffentliche Gebühr bezahlt, hat ein Anrecht darauf, dass die Redaktion die einfachsten Fragen stellt. Funktioniert die Maschine? Antwort: Nein. Rechnet sich das Geschäft? Antwort: Nein. Hält sie, was sie verspricht? Antwort: Nein. Wer profitiert? Antwort: Die, die nichts ändern wollen, und die, die das Nichtändern verkaufen.

Stattdessen bekommt der Gebührenzahler einen Werbespot. Vier Minuten Climeworks-PR mit SRF-Logo. Während in Reykjavík die Filter einfrieren, in Louisiana die Baustelle stillsteht und in Zürich der Personalchef die Kündigungen verschickt, läuft im Schweizer Fernsehen die Heldengeschichte einer Pionierfirma, die die Welt rettet.

Die Welt rettet sie nicht. Die Bilanz aus Reykjavík sagt es nüchtern: 2023 war Climeworks ein Klimaschaden, kein Klimaschutz.

Das wäre die Schlagzeile gewesen. SRF hat eine andere gewählt.

Originalbeitrag auf X →

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