9min
Die Sanftmut der Strafen
Medienkritik
6 Minuten

Die Sanftmut der Strafen

SRF/SRGAbstimmungenGesellschaft
schwerwiegend
Teilen

Wie SRF die AHV-Reform als Förderung verkauft — und verschweigt, dass die Massnahmen vor allem jene treffen, die körperlich nicht mehr arbeiten können

Zum SRF-Beitrag «AHV-Reform: Bundesrat will das Arbeiten im Rentenalter fördern», 20. Mai 2026


Es ist eine Geschichte über Förderung. Der Bundesrat will das Arbeiten im Rentenalter fördern. Er will Anreize schaffen. Er will Frühpensionierungen unattraktiv machen. Er will die Beitragspflicht ausweiten.

Es ist die Sprache der Ermutigung. Der Sanftmut. Der Hilfe. Der Bundesrat fördert. Er unterstützt. Er incentiviert.

Aber was heisst «fördern» konkret? Es heisst: Wer vor 63 in Pension geht, soll bestraft werden. Wer nach 65 weiterarbeitet, soll belohnt werden. Wer krank ist, soll Beiträge zahlen. Wer selbstständig ist und gut verdient, soll mehr zahlen.

Das ist keine Förderung. Das ist ein Katalog von Strafen, Verboten und neuen Zwängen. Aber SRF wählt die Sprache der Sanftmut. Und verschleiert so, wen diese Reform wirklich trifft.

Der Freibetrag und die kranken Rücken

Der Bundesrat will den Freibetrag für Personen anheben, die nach 65 weiterarbeiten. Von 16'800 auf 22'680 Franken. Das klingt grosszügig. Es ist ein «Anreiz».

Aber für wen ist das ein Anreiz? Für den Finanzanalysten, der am Schreibtisch sitzt und mit 66 noch gerne 20 Prozent arbeitet. Für die Beraterin, die ihre Expertise weitergeben will. Für Menschen, die ihre Arbeit lieben und körperlich dazu in der Lage sind.

Was ist mit dem Bauarbeiter, dessen Knie zerstört sind? Mit der Pflegefachfrau, die 30 Jahre auf den Beinen war und mit 60 kaum noch stehen kann? Mit dem Dachdecker, der mit 55 schon krankgeschrieben ist?

Für sie ist der Freibetrag irrelevant. Sie können nicht weiterarbeiten. Sie können den «Anreiz» nicht nutzen. Aber sie werden von den «negativen Anreizen» für Frühpensionierungen voll getroffen.

SRF erwähnt diese Menschen nicht. Es spricht von «Babyboomerinnen und Babyboomern», die in Pension gehen. Als wäre das eine homogene Masse. Als wären alle gleich gesund, gleich stark, gleich fähig, weiterzuarbeiten.

Die Realität lautet: Die Lebenserwartung steigt, aber die gesunde Lebenserwartung nicht im gleichen Mass. Wer mit 65 statistisch länger lebt, lebt nicht unbedingt länger gesund. Die Differenz zwischen statistischer und gesunder Lebenserwartanz ist die Differenz zwischen dem Finanzanalysten und dem Bauarbeiter. Sie ist die Differenz, die SRF verschweigt.

Die Strafe für die Frühen

Das Mindestalter für Frühpensionierungen soll von 58 auf 63 Jahre angehoben werden. Ausnahmen sind vorgesehen. Aber das Mindestalter soll 60 Jahre sein.

SRF schreibt: «Frühpensionierungen sollen unattraktiver werden.» Das ist die Sprache der Bürokratie. «Unattraktiv» heisst: teuer. «Unattraktiv» heisst: Wer mit 58 in Pension geht, muss massive Abschläge in Kauf nehmen. «Unattraktiv» heisst: Die Freiheit, früher aufzuhören, wird zu einem Luxus, den sich nur Reiche leisten können.

Wen trifft das? Den Manager, der mit 58 genug Geld angespart hat? Oder die Verkäuferin, die nach 35 Jahren im Laden die Füsse nicht mehr halten kann? Den Informatiker, der sich ein Aussteigen leisten kann? Oder den Lastwagenfahrer, dessen Wirbelsäule zerstört ist?

Die Anhebung des Frühpensionierungsalters trifft genau jene, die am dringendsten pensioniert werden müssen: Menschen in körperlich belastenden Berufen. Menschen, die nicht bis 63 arbeiten können. Menschen, die jetzt noch die Möglichkeit hatten, mit 58 – unter Inkaufnahme von Abschlägen – in Pension zu gehen.

SRF erwähnt diese Menschen nicht. Es erwähnt nur die Ausnahmen: «wenn Unternehmen umstrukturiert werden oder im Rahmen von Gesamtarbeitsverträgen». Das sind Ausnahmen für Unternehmen. Nicht für Menschen.

Der Selbstständige als Milchkuh

«Wie für Angestellte mit höheren Einkommen soll neu für Selbstständige mit guten Einkommen ein höherer AHV-Beitragssatz gelten.»

Das ist ein Satz, der im Text untergeht. Er steht zwischen den Krankentaggeldern und den Mitarbeiteraktien. Er klingt vernünftig. «Höhere Einkommen, höhere Beiträge.» Wer soll dagegen sein?

Aber der Satz verschweigt die Realität der Selbstständigkeit. Der Selbstständige hat keine Arbeitgeberbeiträge. Er trägt das volle Risiko. Er hat keinen Kündigungsschutz. Er hat keine Lohnfortzahlung bei Krankheit. Er hat keine Pensionskasse, die ihm ein garantiertes Einkommen im Alter sichert.

Und jetzt soll er auch noch höhere AHV-Beiträge zahlen. Nicht weil er mehr profitiert. Sondern weil er mehr verdient. Das ist keine Solidarität. Das ist die Umverteilung von Risiko auf denjenigen, der es bereits trägt.

SRF erwähnt das nicht. Es erwähnt nicht, dass die Selbstständigen bereits den vollen AHV-Beitrag (Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil) allein tragen. Es erwähnt nicht, dass höhere Beiträge für Selbstständige die Gründung von Unternehmen unattraktiver machen. Es erwähnt nicht, dass die Schweiz auf Selbstständige angewiesen ist, wenn sie innovativ bleiben will.

Die 13. Rente: Der Elefant im Raum

Der letzte Absatz des Beitrags erwähnt die 13. Altersrente. Sie wird Ende 2026 zum ersten Mal ausbezahlt. Das Parlament berät über die Finanzierung. «Treffe das Parlament keinen oder nur einen befristeten Entscheid, brauche es eine Zusatzfinanzierung.»

Das ist der Elefant im Raum. Die 13. AHV-Rente ist ein populistisches Versprechen, das die Finanzierungslücke der AHV massiv vergrössert. Und jetzt, wo die Rechnung präsentiert wird, sollen die Bürger sie bezahlen: mit längeren Arbeitszeiten, mit höheren Beiträgen, mit härteren Strafen für Frühpensionierungen.

SRF erwähnt diesen Zusammenhang nicht. Es erwähnt nicht, dass die «AHV 2030»-Reform teilweise notwendig ist, weil die 13. Rente die Finanzen der AHV belastet. Es erwähnt nicht, dass die Bürger, die jetzt länger arbeiten sollen, die Rechnung für ein Versprechen bezahlen, das sie sich vielleicht gar nicht gewünscht haben.

Die 13. Rente und die AHV-Reform sind zwei Seiten derselben Medaille. Wer die eine Seite zeigt, ohne die andere zu erwähnen, verschleiert die Ursache der Massnahmen.

Die Frage, die SRF nicht stellt

Die Frage lautet nicht: Wie kann die AHV gerettet werden?

Die Frage lautet: Warum muss die AHV gerettet werden? Und von wem? Und auf wessen Kosten?

Die Antwort lautet: Die AHV muss gerettet werden, weil das Umlageverfahren auf einer demografischen Illusion beruht. Weil die 13. Rente die Illusion noch verstärkt hat. Und weil die Bürger die Zeche bezahlen sollen: mit längerem Arbeiten, mit härteren Strafen für Frühpensionierungen, mit höheren Beiträgen.

SRF berichtet über die Massnahmen. Aber es fragt nicht nach den Ursachen. Es fragt nicht nach den Verlierern. Es fragt nicht nach der Gerechtigkeit eines Systems, das den Bauarbeiter bestraft, weil er mit 58 nicht mehr arbeiten kann, und den Finanzanalysten belohnt, weil er mit 66 noch arbeiten will.

Das ist keine Berichterstattung über eine Reform. Das ist die Verwaltung einer Krise, die nicht beim Namen genannt wird.


Der Bundesrat will das Arbeiten im Rentenalter «fördern». SRF übernimmt diese Formulierung. Aber die Reform ist kein Förderprogramm. Sie ist ein Strafkatalog: Frühpensionierungen werden unattraktiver, Beiträge werden ausgeweitet, Selbstständige zahlen mehr. Was SRF verschweigt: Die Reform trifft jene, die körperlich nicht mehr arbeiten können. Den Bauarbeiter mit kaputten Knien. Die Pflegefachfrau mit zerstörter Wirbelsäule. Den Lastwagenfahrer, der mit 58 nicht mehr kann. Für sie ist der Freibetrag irrelevant. Für sie ist die Anhebung des Frühpensionierungsalters eine Katastrophe. Und die 13. Rente, die Ende 2026 erstmals ausbezahlt wird? Der Elefant im Raum, den SRF im letzten Absatz erwähnt, ohne die Verbindung zu ziehen: Die Bürger arbeiten länger, um ein Versprechen zu finanzieren, das die AHV erst recht in die Krise getrieben hat. SRF berichtet über die Massnahmen. Nicht über die Ursachen. Nicht über die Verlierer. Nicht über die Frage, die wirklich zählt: Cui bono?

Originalbeitrag auf X →

Ähnliche Beiträge

Kein Artikel verpassen.