Die Romcom der Mächtigen
Zum SRF-Beitrag «Darum finden Trump und Musk immer wieder zueinander», 15. Mai 2026
Der Titel liest sich wie ein Teaser für eine Beziehungskomödie. «Darum finden Trump und Musk immer wieder zueinander.» Man erwartet fast: «Diesen Freitag im Kino.» Die Botschaft ist klar: Zwei starke Persönlichkeiten, die sich nicht lassen können. Ein Paar, das streitet und sich versöhnt. Eine Liebesgeschichte mit Hindernissen.
Das ist das Framing. Es ist nicht zufällig. Es lenkt den Blick weg von dem, was eigentlich passiert: der Verschmelzung von staatlicher Macht und privatem Kapital in einer Weise, die demokratische Grundprinzipien untergräbt. Und es lenkt den Blick weg von den konkreten Geschäftsinteressen, die auf dem Spiel stehen — Interessen, die weder SRF noch der Experte auch nur erwähnen.
Der Experte
Thomas Jäger, Professor für internationale Politik an der Universität Köln, wird als Experte eingeführt. Er erklärt die Delegation nach China. Er erklärt das Verhältnis zwischen Trump und Musk. Er tut das in einer Sprache, die pragmatisch ist, aber nicht kritisch.
Musk ist «das Aushängeschild der amerikanischen Techbranche». Die Delegation will «Geschäfte machen». Die Chinesen möchten «am liebsten mit den USA zusammenarbeiten». Das ist die Sprache des Handels. Sie ist nicht falsch. Sie ist aber unvollständig. Was heisst «Geschäfte machen» zwischen den USA und China? Welche Geschäfte? Unter welchen Bedingungen? Mit welchen Konsequenzen für die nationale Sicherheit, für die Menschenrechte, für die geopolitische Ordnung?
Jäger erwähnt Nvidia und Apple. Er erwähnt nicht, dass Nvidia wegen Chip-Exporten nach China bereits Restriktionen der US-Regierung unterliegt. Er erwähnt nicht, dass Apple seine Lieferketten teilweise aus China herausverlagert hat — und teilweise nicht. Er erwähnt nicht, dass die Tech-Branche der zentrale Schauplatz des Handelskriegs zwischen den USA und China ist. Die Delegation wird als Geschäftsreise dargestellt, nicht als geopolitischer Akt. Das ist eine Reduktion.
Die zwei Fakten, die alles verändern
Zwei Zahlen fehlen im Beitrag vollständig. Sie würden die gesamte Rahmung verschieben.
Erstens: Tesla exportiert nur 13 Prozent seiner in China produzierten E-Autos. 87 Prozent werden in China verkauft. Tesla ist kein Exporteur. Tesla ist ein inländischer Hersteller auf dem chinesischen Markt. Das Gigawerk in Shanghai produziert für China, nicht für die Welt. Musk ist nicht in China, um «amerikanische Geschäfte» zu machen. Er ist dort, um seine eigenen Geschäfte zu machen — Geschäfte, die darauf angewiesen sind, dass der chinesischen Markt funktioniert. Tesla ist abhängig von China. Nicht umgekehrt. China hat die Macht. Musk hat die Abhängigkeit.
Wer das weiss, liest die Delegation anders. Sie ist keine Verhandlungsdelegation der USA gegenüber China. Sie ist eine Delegation, in der der reichste Mann der Welt vom chinesischen Markt abhängig ist — und in der der amerikanische Präsident diesen Abhängigen als «Aushängeschild» mitnimmt. Das ist keine Stärke. Das ist eine Schwäche. Die USA zeigen nicht Geschlossenheit. Sie zeigen Verletzlichkeit.
Zweitens: Tesla braucht die Freigabe für Full Self-Driving Version 14 in China. FSD ist Musks grosser Traum — und sein grösstes Versprechen, das er bisher nicht gehalten hat. In den USA läuft FSD in einer Beta-Version, die umstritten ist. In China ist es bisher nicht zugelassen. Die Freigabe wäre ein massiver Geschäftsschub für Tesla. Sie würde den Aktienkurs treiben. Sie würde die Erzählung retten, dass Tesla ein Tech-Unternehmen ist, kein Autobauer.
Das ist der eigentliche Grund, warum Musk in der Delegation ist. Nicht weil er «das Aushängeschild der Techbranche» ist. Sondern weil er eine regulatorische Freigabe braucht, die nur die chinesische Regierung erteilen kann. Er braucht den Staat — den chinesischen Staat. Und er nutzt die amerikanische Delegation, um Druck aufzubauen. Die Delegation ist sein Vehikel. Trump ist sein Türöffner.
Das ist Korruption im reinsten Sinne: Ein Unternehmer nutzt die Aussenpolitik eines Landes, um eine regulatorische Freigabe für sein eigenes Produkt zu erhalten. Die Aussenpolitik wird zum Werkzeug privater Bereicherung. Die Grenze zwischen Staatsinteresse und Privatinteresse wird aufgehoben.
Die persönliche Dramaturgie
Jäger erzählt die Geschichte von Trump und Musk wie eine Soap. «Musk hatte ja Trumps Wahlkampf gerettet.» «Trump sei der Präsident von Musks Gnaden.» «Das kommt bei Trump überhaupt nicht gut an.» «Da war wirklich der Faden gerissen.» «Das waren nie dicke Freunde.» «Zwei solche Personen in einem Raum, und keiner lässt dem anderen Luft zum Atmen.»
Das ist Unterhaltung. Es ist nicht Analyse. Es personalisiert institutionelle Prozesse, die nicht persönlich sind. Musk war nicht Trumps Freund. Er war sein Investor. Er hat Millionen in den Wahlkampf gesteckt, nicht aus Zuneigung, sondern aus Kalkül. Die «Trennung» war kein Liebeskummer, sondern eine Meinungsverschiedenheit über die Staatsschulden — also über Geld. Die «Versöhnung» ist keine Versöhnung, sondern eine erneute Interessenkonvergenz.
Wer diese Geschichte als persönliche Dramaturgie erzählt, verdeckt die eigentliche Frage: Was bedeutet es für eine Demokratie, wenn der reichste Mann der Welt und der mächtigste Politiker des Landes eine Zweckgemeinschaft bilden, die auf gegenseitiger Bereicherung beruht? Das ist keine Frage der Persönlichkeit. Es ist eine Frage der Institutionen.
Die Interessen, die überwiegen
Jäger sagt: «Die Interessen überwogen.» Er sagt es zweimal. Das ist die zentrale Aussage des Interviews. Interessen überwiegen. Immer. Egal, wie gross das Zerwürfnis war.
Das ist eine deskriptive Aussage. Sie beschreibt, was passiert. Sie wertet nicht. Sie fragt nicht, ob es so sein soll. Sie fragt nicht, welche Interessen überwiegen und wessen Interessen unter den Tisch fallen. Sie fragt nicht, ob die Interessen von Trump und Musk auch die Interessen der amerikanischen Bevölkerung sind. Sie stellt die Interessenkonvergenz als Naturgesetz dar.
Was heisst «Interessen» konkret? Jäger nennt sie: «Trump mit Musk einen der grossen Unternehmer an seiner Seite zu wissen, wie auch das Geld und das Image, das Musk mitbringt.» Und: «Musk wiederum hatte ein Interesse daran, dass seine Unternehmen nicht so stark reguliert werden und vor allem, dass er Milliarden vom Staat bekommt für seine Unternehmen.»
Das ist die nackte Transaktion. Trump bekommt Geld, Image, einen mächtigen Verbündeten. Musk bekommt Deregulierung und Milliarden an staatlichen Subventionen. Das ist kein Geheimnis. Es wird im Interview offen ausgesprochen. Was nicht ausgesprochen wird: Das ist Korruption. Nicht im juristischen Sinne — dafür sind die Gesetze zu lückenhaft — aber im substantiellen Sinne. Ein Unternehmer finanziert einen Politiker. Der Politiker liefert im Gegenzug Deregulierung und Steuergelder. Das ist ein Deal, der in jeder Bananenrepublik als Klientelismus bezeichnet würde. In den USA wird er als «Interessenkonvergenz» etikettiert.
Die Delegation als Bühne
Jäger sagt: Musk «muss» mit dabei sein, «sonst wäre das wiederum eine Brüskierung gewesen». Das ist eine bemerkenswerte Formulierung. Musk muss mit. Nicht weil er der beste Verhandler ist. Nicht weil er die Interessen der USA am besten vertritt. Sondern weil seine Abwesenheit ein Signal wäre. Ein Signal, das man nicht senden will.
Was für ein Signal? Dass der mächtigste Unternehmer des Landes nicht hinter dem Präsidenten steht. Dass die Allianz bröckelt. Dass die Interessenkonvergenz nicht mehr konvergiert. Das wäre ein politisches Signal. Also muss Musk mit. Die Delegation ist nicht primär eine Geschäftsreise. Sie ist eine Inszenierung. Sie soll Einheit zeigen. Macht. Geschlossenheit.
Das ist die eigentliche Funktion von Musk in dieser Delegation: er ist ein Requisite. Ein Aushängeschild, wie Jäger sagt. Ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft hinter der Politik steht — und umgekehrt. Die Delegation ist die Bühne, auf der die Allianz zwischen Kapital und Staat aufgeführt wird. Das Publikum sind die Chinesen. Die Botschaft lautet: Wir sind stark. Wir sind einig. Wir kommen als Einheit.
Was Jäger nicht erwähnt: Die Chinesen sehen das auch. Sie verstehen die Inszenierung. Und sie reagieren darauf — mit einer Mischung aus Respekt und Verachtung. Respekt vor der Macht. Verachtung für die Transparenz der Korruption. In China ist die Verschmelzung von Staat und Kapital nicht neu. Sie ist das System. Die USA nähern sich an.
Der Streit, der keiner war
Jäger sagt: «Der Streit ist sozusagen nur überdeckt.» Das ist eine wichtige Aussage. Sie bedeutet: Die Versöhnung ist eine Fassade. Die Interessenkonvergenz ist temporär. Der nächste Streit kommt bestimmt.
Das ist die wahre Botschaft des Interviews — auch wenn Jäger sie nicht so formuliert. Die Allianz zwischen Trump und Musk ist nicht stabil. Sie beruht nicht auf gemeinsamen Werten oder einer gemeinsamen Vision. Sie beruht auf Kalkül. Sobald das Kalkül sich ändert, ändert sich die Allianz.
Was das für die USA bedeutet: Die Aussenpolitik wird von den Interessen eines einzelnen Unternehmers mitbestimmt. Wenn Musk in China Geschäfte machen will, wird die US-Politik gegenüber China von Musks Geschäftsinteressen beeinflusst. Wenn Musk einen Konflikt mit China hat, wird die US-Politik von diesem Konflikt beeinflusst. Das ist keine Aussenpolitik im Interesse der Nation. Es ist Aussenpolitik im Interesse eines Milliardärs.
Diese Frage wird im Interview nicht gestellt. Jäger beschreibt die Interessenkonvergenz. Er wertet sie nicht. Die Interviewerin fragt nicht nach. Die Sendung endet mit der Feststellung, dass die Interessen «immer dazu führen, dass die zwei sich wieder verstehen». Das ist ein Happy End. Für eine Soap. Nicht für eine Demokratie.
Die fehlende Perspektive
Was im Beitrag völlig fehlt: die europäische Perspektive. Die Schweiz. Die EU. Was bedeutet es für Europa, wenn die USA und China Geschäfte machen — unter der Ägide eines Präsidenten, der die transatlantische Allianz als Verhandlungsmasse betrachtet, und eines Unternehmers, der in Europa produziert und in China verkauft?
Musk hat Werke in Deutschland. Er hat Interessen in Europa. Wenn die US-Delegation in China Geschäfte macht, die europäische Interessen beeinträchtigen — zum Beispiel durch Technologie-Transfer, der die europäische Wettbewerbsfähigkeit schwächt —, dann ist das ein Problem für Europa. Nicht für die USA. Nicht für China. Für Europa.
Diese Perspektive fehlt. Der Beitrag behandelt die Delegation als bilateralen Akt zwischen den USA und China. Er ignoriert die dritte Seite: diejenigen, die nicht am Tisch sitzen, aber die Konsequenzen tragen. Das ist die Schweizer Perspektive. Die europäische Perspektive. Die Perspektive derer, die nicht «das Aushängeschild der Techbranche» sind, sondern die Kunden, die Mitarbeiter, die Steuerzahler.
Der Befund
Der Beitrag ist eine verpasste Chance. Er hat einen Experten, der die Mechanismen der Macht kennt. Er hat ein Thema, das zentral ist für die Weltpolitik. Er hat eine Delegation, die die neue Ordnung verkörpert: die Verschmelzung von Staat und Kapital, die Personalisierung der Politik, die Aushöhlung demokratischer Institutionen.
Statt diese Themen zu behandeln, liefert der Beitrag eine Soap-Opera. Trump und Musk, die sich nicht lassen können. Die Interessen, die überwiegen. Die Versöhnung, die keine ist. Das ist Unterhaltung. Es ist nicht Aufklärung.
Die zwei Fakten, die alles verändern — 13 Prozent Exportanteil, FSD 14 — werden nicht erwähnt. Ohne sie bleibt die Analyse an der Oberfläche. Mit ihnen würde sichtbar, was eigentlich passiert: Ein abhängiger Unternehmer nutzt die Aussenpolitik eines Landes, um eine regulatorische Freigabe für sein eigenes Produkt zu erzwingen. Der Staat wird zum Dienstleister des Kapitals. Die Aussenpolitik wird zum Werkzeug privater Bereicherung.
Die Frage, die nicht gestellt wird, lautet: Was bedeutet es für die Welt, wenn die mächtigsten Männer der Welt eine Zweckgemeinschaft bilden, die auf gegenseitiger Bereicherung beruht und keine demokratische Legitimation hat? Diese Frage ist unbequem. Sie erfordert eine Analyse, die über Persönlichkeiten und Interessen hinausgeht. Sie erfordert eine Kritik der Institutionen, die diese Allianz ermöglichen. Sie erfordert den Blick auf diejenigen, die nicht am Tisch sitzen.
Der Titel lautet: «Darum finden Trump und Musk immer wieder zueinander.» Die Antwort lautet: wegen der Interessen. Das ist die einfache Antwort. Die schwierige Antwort lautet: weil die Institutionen sie nicht daran hindern. Weil die Gesetze Lücken haben. Weil die Demokratie keine Verteidigung hat gegen die Verschmelzung von Geld und Macht. Weil die Medien die Allianz als persönliche Dramaturgie erzählen, statt als institutionelles Versagen.
Aber das wäre keine Soap-Opera mehr. Das wäre Politik.
Ähnliche Beiträge
Kein Artikel verpassen.
