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Die regelmässigen Krawalle in Paris — und SRF (dpa)
Medienkritik
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Die regelmässigen Krawalle in Paris — und SRF (dpa)

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Ein Fussballsieg, und danach: 200 Verletzte, 780 Festnahmen, brennende Autos, Plünderungen in 15 Städten. Im Vorjahr dasselbe Bild, nur mit zwei Toten. SRF berichtet darüber pflichtschuldig, korrekt, mit allen Zahlen — und lässt dabei die eine Frage konsequent aus, die sich jedem Leser sofort aufdrängt: Wer tut das eigentlich? Und warum verwandelt sich in Frankreich ein sportliches Freudenfest mit solcher Regelmässigkeit in eine Strassenschlacht, dass der Innenminister es «vorausgesehen» hat und 22'000 Polizisten aufbietet? Der Bericht beschreibt das Symptom in jedem Detail. Die Ursache bleibt eine schwarze Box.

Zum SRF-Beitrag «Macron über Krawalle: ‹Das muss ein Ende haben›», 31.05.2026


Das Ereignis

Lesen wir, wie der Innenminister die Lage beschreibt — und wie SRF es unkommentiert übernimmt:

«Es gab feierliche Demonstrationen, die von einer Reihe von Ausschreitungen begleitet waren, was der Situation entspricht, die wir erwartet und daher vorausgesehen hatten.»

Das ist ein bemerkenswerter Satz, und er müsste eine Lawine von Nachfragen auslösen. Der Staat erwartet die Krawalle. Er sieht sie voraus. Er stellt deshalb landesweit 22'000 Polizisten bereit, allein 8000 in Paris. Und trotzdem brennen die Autos, werden Geschäfte geplündert, 57 Polizisten verletzt.

Das ist keine spontane Eruption. Das ist ein einkalkuliertes, jährlich wiederkehrendes Ritual. Und genau so wird es behandelt: wie ein Wetterphänomen. Man kennt die Saison, man kennt die Front, man sichert sich ab, und dann zieht das Unwetter durch. Der Bericht reiht die Zahlen aneinander — 200 Verletzte, 780 Festnahmen, 480 in Paris, plus 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr — als wären es Niederschlagsmengen.

Aber ein Unwetter hat keine Täter. Diese Krawalle haben welche. Und genau hier hört die Neugier des Berichts auf.

«Vermummte Personen»

Die einzige Charakterisierung der Randalierer, die der Text liefert, lautet:

«Vermummte Personen und Einsatzkräfte gerieten mehrfach aneinander.»

«Vermummte Personen.» Das ist die maximal entleerte Formel. Sie sagt nichts über Alter, Herkunft, Motiv, sozialen Hintergrund — nichts ausser, dass sie ein Tuch vor dem Gesicht trugen. Es ist die journalistische Variante des Achselzuckens: irgendwer, vermummt, randalierte.

Und das ist kein Zufall, sondern Methode. Denn jeder, der die französischen Verhältnisse kennt, weiss, dass diese alljährlichen Ausschreitungen — ob nach Fussballsiegen, an Silvester, oder nach dem Tod von Nahel 2023 — in einem bestimmten sozialen und geografischen Milieu stattfinden: in den Banlieues, getragen von einer überwiegend jungen, oft migrantisch geprägten Männerklientel, die jeden Anlass — Sieg oder Niederlage, Trauer oder Freude — zum Vorwand für Plünderung und Gewalt nimmt. Das ist keine steile These, das ist die dokumentierte Realität jeder dieser Nächte.

Aber SRF schreibt «vermummte Personen». Und überlässt es dem Leser, sich den Rest zu denken — oder, was wahrscheinlicher ist, gar nicht erst auf die Frage zu kommen. Die Sprache ist so gewählt, dass die naheliegendste Frage gar nicht entsteht. Wo keine Täter beschrieben werden, wird auch nicht nach ihnen gefragt.

Das absurde Detail

Hier liegt der eigentliche Skandal, den der Bericht streift, ohne ihn zu fassen. PSG hat gewonnen. Die Mannschaft holte die Champions League. Es ist der grösste Triumph in der Vereinsgeschichte. Und die Reaktion der «Fans»: brennende Barrikaden, Plünderungen in Rennes, Strassburg, Clermont-Ferrand, Grenoble, Feuerwerkskörper, die auf Menschen geschossen werden.

Man muss diesen Punkt voll auskosten, um seine Absurdität zu begreifen. Normalerweise erzählt man sich, Fussballgewalt entstehe aus Frust, aus Rivalität, aus der Enttäuschung der Niederlage. Aber hier ist das Gegenteil der Fall. Der Sieg produziert dieselbe Verwüstung wie anderswo die Niederlage. Das beweist, dass es mit Fussball im Grunde nichts zu tun hat. Der Sport ist nur der Auslöser, der Anlass, der Funke. Die Bereitschaft zur Gewalt, zur Plünderung, zur Zerstörung war schon vorher da und wartete nur auf einen Vorwand.

Macron sagt es fast selbst — ohne die Konsequenz zu ziehen: «Das ist kein Fussball, das ist kein Sport, das ist nicht, was wir lieben.» Er hat recht. Es ist kein Fussball. Aber was ist es dann? Genau diese Frage — die einzige, die zählt — stellt weder der Präsident noch der Bericht, der ihn zitiert.

Das Polit-Theater

Und so wird der Bericht zur Bühne für ein Ritual, das man auswendig kennt. Der Präsident empfängt das Team im Élysée und gibt die markigen Worte zum Besten:

«Wir haben genug. Das muss ein Ende haben.» «Wir werden kompromisslos sein.» «Ich will mich nicht daran gewöhnen.»

Das sind exakt die Sätze, die nach jedem dieser Ereignisse fallen. «Das muss ein Ende haben» — gesagt nach den Krawallen 2023, nach den Krawallen 2024, nach den Krawallen 2025. Und es hat kein Ende. Es wiederholt sich, Jahr um Jahr, mit derselben Choreografie: Gewalt, Empörung, Kraftworte, dann Vergessen bis zum nächsten Anlass.

SRF protokolliert diese Worte, als wären sie eine Nachricht. Aber die eigentliche Nachricht wäre die Folgenlosigkeit. Ein kritischer Bericht hätte gefragt: Herr Präsident, Sie sagen das jedes Jahr — warum ändert sich nichts? Was haben die «kompromisslosen» Massnahmen des letzten Jahres bewirkt, wenn die Zahlen nun um 30 Prozent gestiegen sind? Stattdessen steht das Pathos da, unkommentiert, als hätte es Substanz.

Was ein ehrlicher Bericht gefragt hätte

Die Liste der ungestellten Fragen ist lang. Warum braucht eine westliche Demokratie 22'000 Polizisten, um einen Sportsieg zu überstehen? Wer sind die 780 Festgenommenen — Alter, Herkunft, Vorstrafen, Aufenthaltsstatus? Warum steigen die Zahlen trotz jährlicher Beteuerungen? In welchen Vierteln eskaliert es, und in welchen nicht? Und die unbequemste: Warum traut sich kaum ein Medienbericht, den offensichtlichen sozialen und demografischen Zusammenhang auch nur zu benennen?

Stattdessen: «vermummte Personen», «Ausschreitungen», «Zwischenfälle». Eine Sprache, die so abstrakt ist, dass sie das Geschehen entkörpert. Niemand ist verantwortlich, alles passiert irgendwie, der Präsident ist empört, und nächstes Jahr wieder.

Fairerweise: Dies ist eine kurze Agenturmeldung (dpa), kein Hintergrundstück. Niemand erwartet hier eine Banlieue-Analyse. Aber gerade die Routine, mit der solche Meldungen durchlaufen — Zahlen rein, Pathos rein, Ursachenfrage raus —, ist das Problem. Denn aus tausend solcher entkörperten Kurzmeldungen entsteht beim Leser ein diffuses Bild von «Krawallen, die halt passieren» — und nie das Verständnis, warum sie passieren, und immer denselben Leuten an denselben Orten.

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