Die Quersubvention
Die Pharma steht in den USA unter Preisdruck. Lösung: Die Schweiz soll kompensieren. Roche hat den USA offenbar zugesichert, Medikamente nicht teurer als in Industrieländern wie der Schweiz anzubieten — ein vertraglicher Anreiz, Schweizer Preise hochzuhalten. Bundesrätin Baume-Schneider sagt, die Schweizer sollen nicht für die USA bezahlen. Aber sie weigert sich, die Verträge zu sehen, die zeigen würden, ob sie es bereits tun. Gleichzeitig weicht die FDP von ihrem eigenen Vorschlag einer Pharmaabgabe zurück. BAG-Mitarbeiter sprechen von Erpressung. Die Ministerin nennt es mangelnde Kreativität. Zwei Artikel. Keiner verbindet die Punkte.
Zum SRF-Beiträgen «Bürgerliche wollen Umsatzabgabe bei Medikamenten überdenken», 26. Mai 2026 und «Baume-Schneider: «Mir machen die Lobbyisten keine Angst», 23. Mai 2026
Der Deal im Dunkeln
Roche hat den USA offenbar garantiert: Neue Medikamente kosten nicht mehr als in anderen Industrieländern. Das heisst: Fällt der Schweizer Preis, fällt automatisch auch der US-Preis. Die Pharma hat einen vertraglichen Grund, Schweizer Preise hochzuhalten — nicht nur einen geschäftlichen.
Baume-Schneider sagt: «Ich verstehe, dass es nicht die Schweizer Bevölkerung sein kann, die für die Schwierigkeiten in Amerika bezahlt.» Aber sie hat die Verträge nicht gesehen. Auf die Frage, ob das akzeptabel sei, antwortet sie: «Transparenz heisst nicht, die Nase in jeden Vertrag zu stecken.»
Die Ministerin verhandelt über Preise mit Firmen, die geheime Zusicherungen an Drittstaaten gemacht haben. Sie will verhindern, dass die Schweiz die US-Einbusen bezahlt. Aber sie weigert sich, die Dokumente zu prüfen, die zeigen würden, ob sie es bereits tut.
Die Kehrtwende
Die FDP hat die Kostenfolge-Modelle vorgeschlagen. Jetzt will sie davon abrücken. SVP und Mitte ebenfalls. Die Abgabe von 350 bis 400 Millionen Franken — ein Prämienprozent — wird gekippt oder reduziert.
Der erste Artikel notiert die Kehrtwende. Der zweite liefert den Kontext: Pharma steht unter US-Druck, fordert Lockerungen in der Schweiz, die Arbeitsgruppe tagt, die Stimmung ist angespannt.
Aber keiner der Artikel verbindet die Punkte. Die Kehrtwende wird registriert, nicht erklärt. Der Pharmadruck wird beschrieben, nicht mit dem Politikwechsel in Verbindung gebracht.
Die Umdeutung
BAG-Mitarbeiter berichten von Erpressung. Baume-Schneider antwortet: «Wenn man nur Angst hat vor Druck oder vor Erpressung, ist man weniger kreativ.»
Damit wird ein Strukturproblem — die Pharma setzt Druckmittel ein — zum psychologischen Problem — die Beamten haben Angst. Und die Ministerin versichert: «Mir machen die Lobbyisten keine Angst.»
Die Frage lautet nicht, ob die Ministerin Angst hat. Die Frage lautet, ob die Pharma ihre Ziele erreicht hat. Die Antwort liegt in der Kehrtwende der bürgerlichen Parteien.
Was fehlt
Zwei Artikel über Pharmaabgaben und Medikamentenpreise. Keiner erwähnt:
Die Schweizer Medikamentenpreise im europäischen Vergleich (sie gehören zu den höchsten).
Die Gewinne der Pharmaunternehmen in der Schweiz (Milliarden pro Jahr, Margen von 20 bis 30 Prozent).
Den Anteil der Abgabe am Branchenumsatz (unter 1 Prozent).
Die Verbindung zwischen den geheimen US-Verträgen und dem Schweizer Preisniveau.
Ohne diese Kontexte bleibt die Abgabe ein abstraktes Konstrukt. Mit ihnen wird sie zu dem, was sie ist: ein marginaler Korrekturposten in einer Branche, die die Schweiz als Ausgleich für US-Preisdruck nutzt.
Die Geschichte dieser zwei Artikel ist nicht die «schwierige Entscheidung» zwischen Pharma und Prämienzahlenden. Die Geschichte ist ein Mechanismus: Die Pharma steht in den USA unter Druck. Sie fordert Kompensation in der Schweiz. Sie hat vertragliche Gründe, Schweizer Preise hochzuhalten. Die Ministerin will nicht für die USA bezahlen, sieht aber die Verträge nicht, die zeigen würden, ob sie es tut. Die bürgerlichen Parteien vollziehen die Kehrtwende. Die Abgabe wird gekippt. Die 350 bis 400 Millionen bezahlen die Versicherten. SRF berichtet über die Einzelteile. Den Zusammenhang stellt der Artikel nicht her.
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