Die Prämien, die zu Steuern werden
Die Schlagzeile lautet: Die Reichsten zahlen relativ am wenigsten Steuern. Die Studie, auf der sie beruht, zählt zu diesen Steuern auch die Krankenkassenprämien. Eine Prämie ist keine Steuer. Sie kauft eine Versicherung. Sie ist pro Kopf ungefähr gleich hoch, unabhängig vom Einkommen, und deshalb flacht sie jede Progressionsrechnung ab, in die man sie hineinmischt. Der zentrale Befund der Schlagzeile ist zu einem wesentlichen Teil das Ergebnis dieser Zuordnung. Der Beitrag nennt den Einbezug der Prämien und druckt sogar den Einwand eines unabhängigen Forschers dazu. Er zieht aus beidem keine Konsequenz für den Satz, den er als Titel trägt. Dazu kommt: Die Studie ist nicht peer-reviewed, ihre Kernzahl beruht auf einem Einkommensbegriff, der einbehaltene Firmengewinne als bezogenes Einkommen zählt, und die eigentlich überraschende Nachricht, die Vermögensungleichheit sei kleiner als lange angenommen, steht im Vorspann und kommt nie wieder vor.
Zum SRF-Beitrag «Studie zeigt: Die Reichsten zahlen relativ am wenigsten Steuern», Echo der Zeit, 18.09.2026
Was der Beitrag leistet: Er ist der transparenteste der Reihe. Ein Methodenkasten erklärt den Ansatz verständlich. Der Peer-Review-Status ist offengelegt, inklusive des Hinweises, dass zwei unabhängige Forschende die Studie für diesen Artikel prüften. Ein Transparenzhinweis dokumentiert die Korrektur des Titels. Und Ben Jann, Professor in Bern, darf den zentralen Einwand formulieren. Das ist Handwerk und verdient Anerkennung. Gerade deshalb lässt sich präzise messen, was das Framing trotzdem tut.
Die Prämien, die keine Steuern sind
Der Titel sagt: Steuern. Die Studie rechnet: Steuern und Abgaben. In den Abgaben stecken die Krankenkassenprämien, abzüglich Prämienverbilligung. Das ist die entscheidende Weiche. Eine Prämie ist eine Zahlung für eine Versicherung. Sie erbringt eine Gegenleistung, die Deckung im Krankheitsfall, und sie ist nach Region und Alter tarifiert, nicht nach Einkommen. Mischt man sie unter die Steuern, dann sinkt die gemessene Belastung der Spitze und steigt jene der Basis. Denn für jemanden im zwanzigsten bis dreissigsten Perzentil, der rund 40 Prozent seines Einkommens an «Steuern und Abgaben» abgibt, macht die Prämie einen erheblichen Teil aus. Der Transparenzhinweis am Ende des Artikels dokumentiert, dass der Titel präzisiert wurde: Aus «bezahlen am wenigsten» wurde «zahlen relativ am wenigsten». Die Korrektur richtete das falsche Wort und liess das entscheidende stehen. «Steuern» für ein Bündel, das Prämien enthält. Was der Beitrag nie zeigt: die Kurve ohne Prämien. Wie sähe die Belastung aus, wenn man nur das zählte, was der Titel verspricht? Die Antwort würde die Schlagzeile vermutlich kosten. Ben Jann liefert den Einwand frei Haus: Bei den Prämien «bezahlen alle gleich viel. Hier ist schlicht keine Progression vorgesehen.» Eine Abgabe, die per Konstruktion flach ist, in eine Progressionsmessung zu mischen und dann Regression zu diagnostizieren, ist kein Befund über das Steuersystem. Es ist ein Befund über die Messung.
Das Einkommen, das niemand erhält
Die zweite Weiche steht im Methodenkasten: Einbehaltene Gewinne werden den Besitzern zugerechnet. Dadurch, so der Beitrag, steigt das Einkommen des reichsten Prozents «um rund die Hälfte». Für die 900 Personen an der Spitze bestehen 30 Prozent des so gemessenen Einkommens aus Gewinnen, die ihre Unternehmen nicht ausgeschüttet haben. Dieses Geld haben sie nie erhalten. Sie können es nicht ausgeben, nicht investieren, nicht vererben, ohne dass das Unternehmen ausschüttet und dabei Steuern auslöst. Der Ökonom nennt das Einkommen im Haig-Simons-Sinn: Konsum plus Vermögenszuwachs. Das ist eine legitime theoretische Definition. Sie ist eine Definition, keine Beobachtung. Wer sie zugrunde legt, misst die Spitze mit einem Einkommen, das sie nie bezogen hat, und stellt fest, dass darauf zu wenig Steuer entrichtet wurde. Entrichtet wurde auf diese Gewinne Unternehmenssteuer, grob ein Fünftel. Dass die Gewinnsteuer tiefer liegt als der Spitzensteuersatz auf ausbezahlte Einkommen, ist die klassische Logik der Doppelbesteuerung: erst die Firma, dann die Ausschüttung. Man kann dieses System kritisieren. Aber eine Studie, die die theoretische Größe als Einkommen behandelt und die Differenz zur Steuerlast als Skandal verbucht, hat die Debatte entschieden, bevor sie sie eröffnet.
Die Vermögensungleichheit, die kleiner wurde
Im Vorspann steht die eigentliche Nachricht: «Die Vermögensungleichheit in der Schweiz ist weniger gross als bisher angenommen.» Pensionskassenguthaben und Immobilien zu Marktwerten vergrössern vor allem die Vermögen der Mittelschicht und drücken die gemessene Ungleichheit unter den Befund früherer Studien. Das ist eine Revision einer jahrelangen Erzählung. Jahrelang hiess es, die reichsten zwei bis vier Prozent besässen rund die Hälfte des Vermögens, die Schweiz gehöre zu den ungleichtigsten Vermögensgesellschaften Europas. Eine ETH-Studie, die das relativiert, wäre unter diesem Narrativ die Meldung. Der Beitrag nennt sie im ersten Absatz und kehrt ihr nie wieder zu. Die gesamte Energie des Stücks fliesst in die Steuerbelastung, also in den Teil des Befunds, der die Erzählung verschärft. Der Teil, der sie korrigiert, wird zur Fussnote der eigenen Schlagzeile. Eine Redaktion, die eine Revision der Ungleichheitserzählung meldet, ohne sie zu melden, hat gewählt, welche Nachricht sie sein soll.
Die Prämisse, die keine ist
«Eigentlich sollten jene, die mehr verdienen, anteilsmässig mehr Steuern bezahlen.» Der Satz steht als Selbstverständlichkeit im Text, eingeleitet mit «Eigentlich», als sei Progression ein Naturgesetz, dessen Verletzung nur noch festzustellen wäre. Progression ist eine politische Entscheidung. Die Schweiz hat sie für die direkten Steuern getroffen, bewusst moderat, mit kantonalen Unterschieden und Steuersatzwettbewerb. Für Verbrauchsabgaben und Sozialversicherungen hat sie sie bewusst nicht getroffen. Das Ergebnis ist eine im Mittel ungefähr flache Gesamtbelastung über weite Teile der Verteilung, mit Einbrüchen an den Rändern. Ob der richtige Massstab die progressive Gesamtbelastung ist oder die flache bei progressiver Einkommenssteuer, ist genau die politische Frage. Die Schweiz hat über diese Frage übrigens mehrfach abgestimmt. Die 99-Prozent-Initiative, die Spitzeinkommen stärker belasten wollte, scheiterte 2021 deutlich. Ein «Eigentlich», das der Souverän wiederholt abgewählt hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Er ist eine Position.
Die Methode, die die Antwort mitbringt
Die Methode stammt von Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman. Der Beitrag nennt die Namen, nennt im selben Atemzug deren Forderung nach einer globalen Vermögenssteuer und markiert nicht, dass Methode und Forderung ein Programm sind. Die Methode schreibt einbehaltene Gewinne den Reichen zu, was deren Einkommen erhöht. Sie misst alle Abgaben, auch die flachen, was die Kurve abflacht. Sie produziert so den Befund, der die Forderung trägt: Die Reichen zahlen zu wenig. Der Studienautor selbst sagt: «Dieses Muster sehen wir auch in allen anderen Ländern, für die es bisher solche Studien gibt.» Das ist der wichtigste Satz des Beitrags, und er bleibt ungelesen. Wenn die Methode in jedem Land dasselbe Muster liefert, dann sagt sie etwas über die Methode, nicht über die Länder. Entweder ist jedes Steuersystem der Welt ungerecht, auch jene, die als Vorbilder gelten. Oder die Methode ist so gebaut, dass sie dieses Muster finden muss. Der Beitrag druckt die Universalität als Bestätigung und fragt nicht, was sie bestätigt.
Die 900, die das Prozent sind
Die Schlagzeile sagt: Das Top-Eins-Prozent bezahlt am wenigsten. Das sind, nach der Arithmetik der Studie selbst, grob neunzigtausend Personen. Die Grafik zeigt ihren Tiefpunkt bei den obersten 0,01 Prozent, rund 900 Personen. Ob die breite Masse des obersten Prozents ebenfalls weniger zahlt als das untere Fünftel, ist dem Text nicht zu entnehmen. Die Verallgemeinerung vom extremen Rand auf das ganze Prozent ist die Distanz zwischen Grafik und Schlagzeile. In derselben Grafik läuft eine eigene Linie für «Pauschalbesteuerte Personen», die der Beitrag mit keinem Wort erklärt. Wer das sind und was ihre Kurve zeigt, erfährt der Hörer nicht. Und die untersten 20 Prozent fehlen ganz, aus methodischen Gründen, wie es heisst. Die Gruppe, die unter einer flachen Prämie am stärksten leidet, ist aus der Grafik geschnitten, die die Ungleichheit belegen soll.
Das Muster ist die Konstruktion als Befund. Eine Methode, die Einkommen definitionalisch erhöht und Abgaben definitionalisch verbreitert, produziert eine Regressionskurve. Die Kurve wird als Entdeckung über die Schweiz gemeldet, obwohl ihr Autor sagt, sie zeige sich überall. Die Prämie, die eine Versicherung kauft, wird zur Steuer. Der Gewinn, der im Unternehmen bleibt, wird zum Einkommen, das niemand bezog. Die Vermögensungleichheit, die kleiner wurde, wird zur Fussnote der eigenen Meldung. Und die politische Prämisse steht als «Eigentlich» im Text, obwohl das Stimmvolk sie wiederholt abgelehnt hat. Was der Beitrag ehrlich offenlegt, Methodenkasten, Peer-Review-Status, Korrekturhinweis, wird durch das Framing wieder eingesammelt. Die Transparenz über die Konstruktion ersetzt nicht die Frage, was die Konstruktion kostet.
So funktioniert dieser Beitrag: Er meldet, die Reichsten zahlten am wenigsten Steuern, und rechnet dabei Prämien als Steuern, die keine sind, und theoretische Gewinne als Einkommen, die niemand bezog. Die Gegenrechnung, die Kurve ohne Prämien, fehlt. Die Vermögensrevision, die eigentliche Überraschung, versinkt nach dem Vorspann. Die Universalität des Musters, die auf die Methode verweist, wird als Bestätigung gedruckt. Der einzige kritische Forscher wird zitiert und überhört. Wer den Beitrag hört, weiss, dass die Schweiz ungerechter besteuert als gedacht. Wer wissen will, wie die Kurve ohne die Prämien aussieht, was die Spitze an tatsächlich bezogenem Einkommen versteuert, wie gross die Vermögensungleichheit nach neuer Messung ist und warum dieselbe Methode in jedem Land denselben Skandal findet, muss die Studie selbst lesen. Der Beitrag hat sie gelesen und die Hälfte behalten: die Hälfte, die zur Schlagzeile passt. Das ist keine Ungleichheitsberichterstattung. Das ist eine Schlagzeile mit Methodenkasten, in dem die Konstruktion der Schlagzeile steht, ehrlich dokumentiert und trotzdem gedruckt.
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