Die NZZ und die 800 000
Zur Datenanalyse «Seit Beginn der Personenfreizügigkeit sind über 800 000 Ausländer in der Schweiz eingebürgert worden. Zum Glück», NZZ vom 31. Oktober 2024
Die Datenanalyse von Matthias Benz, Florian Seliger und Ida Götz wertet Zahlen des Bundesamts für Statistik aus und kommt zu folgenden Befunden:
Seit Beginn der EU-Personenfreizügigkeit 2002 betrug die Nettomigration in die Schweiz 1,536 Millionen Personen — die Differenz zwischen Zu- und Ausgewanderten. Im Jahr 2002 lebten bereits rund 1,5 Millionen Ausländer in der Schweiz. Hätte sich die Zuwanderung ungebremst niedergeschlagen, wäre der Ausländeranteil bis 2023 von rund 20 auf 36 Prozent gestiegen.
Tatsächlich liegt er bei 27 Prozent. Der Grund: Seit 2002 haben rund 865 000 Ausländer das Schweizer Bürgerrecht erhalten, im Schnitt etwa 40 000 pro Jahr. Die ausländische Wohnbevölkerung wuchs dadurch nicht von 1,5 auf 3 Millionen, sondern von 1,5 auf 2,4 Millionen.
Ein zweiter Befund ist demografisch bemerkenswert: Ohne Einbürgerungen würde die Zahl der Schweizer Staatsbürger seit 1992 schrumpfen. Bei den Schweizern ohne Migrationshintergrund überwogen in den letzten zwei Jahrzehnten die Todesfälle die Geburten, und mehr Schweizer wanderten aus, als zurückkehrten. Dass die Bevölkerung mit Schweizer Pass dennoch wuchs, beruht ausschliesslich auf Einbürgerungen.
Die grössten Gruppen unter den Eingebürgerten seit 2002 sind Italiener (104'000), Menschen aus Serbien und Montenegro (102'000), Deutsche (91'000), Portugiesen (51'000), Türken (51'000) und Franzosen (46'000). Die Einbürgerungsquoten variieren stark zwischen den Kantonen — von 0,2 Prozent in Appenzell Innerrhoden bis 3,3 Prozent in der Waadt. Die ordentliche Einbürgerung setzt mindestens zehn Jahre Aufenthalt in der Schweiz voraus.
Die NZZ-Autoren kommentieren diese Zahlen im Titel mit den Worten «Zum Glück».
Was die NZZ nicht thematisiert
Die Datenanalyse ist faktisch sauber. Die kommentierende Einordnung verdient eine genauere Betrachtung.
Erstens suggeriert die Darstellung, der dämpfende Effekt der Einbürgerungen auf den Ausländeranteil sei eine Lösung. Das ist eine statistische, keine soziale Aussage. Der Ausländeranteil sinkt, weil eine Kategorie umetikettiert wird. Die demografische Realität — wer wann woher kam, welche Sprache zu Hause gesprochen wird, wie sich die Bevölkerungszusammensetzung in einem Quartier anfühlt — verändert sich durch die Einbürgerung nicht. Sie wird in der Statistik unsichtbar.
Wer den Ausländeranteil als Indikator für demografische Transformation liest, wird durch die Zahlen getäuscht. 27 Prozent klingt nach moderater Veränderung. Rechnet man die seit 1981 Eingebürgerten hinzu — die NZZ-Grafik weist sie als separate Kategorie aus —, ergibt sich ein anderes Bild. Die Zahl der in der Schweiz lebenden Personen, die entweder selbst eingewandert sind oder als Kind eingewanderter Eltern hier leben (oft als zweite oder dritte Generation), liegt deutlich höher. Das BFS spricht in diesem Zusammenhang von «Bevölkerung mit Migrationshintergrund»: Diese Gruppe macht inzwischen rund 40 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren aus.
Zweitens ist der Befund, dass die «Schweizer Bevölkerung» ohne Einbürgerungen seit 1992 schrumpfen würde, in seiner politischen Tragweite bemerkenswerter, als die NZZ ihn präsentiert. Er bedeutet: Das Wachstum der Wohnbevölkerung in der Schweiz beruht seit drei Jahrzehnten ausschliesslich auf Migration — direkt durch Zuwanderung, indirekt durch die höhere Geburtenrate von Zugewanderten und durch Einbürgerungen.
Diese Tatsache lässt sich auf zwei Arten lesen. In der NZZ-Lesart ist sie ein Argument für Zuwanderung als demografische Notwendigkeit: Ohne Migration wäre die Schweiz auf einem Schrumpfungspfad. In einer anderen Lesart wirft sie die Frage auf, weshalb die einheimische Bevölkerung sich nicht selbst reproduziert — eine Frage, die in den Bereich Familienpolitik, Wohnkosten, Arbeitsmarktstruktur und kulturelle Verschiebungen führt und die in der NZZ-Analyse nicht gestellt wird. Beide Lesarten sind aus den Daten ableitbar. Die NZZ wählt eine.
Drittens ist der Titelzusatz «Zum Glück» eine redaktionelle Wertung, die in einem Format «Datenanalyse» auffällig ist. Die Daten zeigen, dass Einbürgerungen den Ausländeranteil dämpfen. Sie zeigen nicht, dass dies «zum Glück» geschieht. Das ist eine politische Position, kein Datenbefund. Sie wird ohne Begründung als Konsens präsentiert. Der Leser, der die Wertung nicht teilt — etwa weil ihm der Ausländeranteil nicht das relevante Mass für demografische Transformation ist —, findet im Text keine Anerkennung dieser Möglichkeit.
Viertens wird die Gruppe der Eingebürgerten nicht weiter aufgeschlüsselt. Die NZZ nennt die Herkunftsländer, nicht aber die Verfahrenswege. Wie viele der 865 000 Einbürgerungen erfolgten im ordentlichen Verfahren, wie viele im erleichterten (Ehegatten von Schweizern, dritte Generation)? Wie hoch war die Ablehnungsquote? Wie viele Eingebürgerte besitzen die Doppelbürgerschaft? Die letzte Zahl ist relevant, weil rund drei Viertel der Eingebürgerten ihre frühere Staatsangehörigkeit behalten. Die binäre Kategorie «Schweizer / Ausländer» bildet diese Realität nicht ab.
Der Bezug zur 10-Millionen-Initiative
Während die NZZ-Analyse erschien, hatte die SVP ihre Volksinitiative «Nachhaltigkeitsinitiative» — in der politischen Debatte als 10-Millionen-Initiative bekannt — bereits eingereicht. Sie verlangt, dass die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz nicht über 10 Millionen Personen wachsen darf. Die Befürworter argumentieren mit Wohnraumknappheit, Infrastrukturüberlastung, Lohndruck und kultureller Veränderung. Die Gegner argumentieren mit Wirtschaftsbedarf, demografischer Notwendigkeit und der Personenfreizügigkeit als Grundpfeiler der bilateralen Beziehungen.
Die NZZ-Daten sind für diese Debatte zentral, in einer Weise, die der Artikel nicht ausspricht.
Punkt eins: Die offiziell ausgewiesenen 27 Prozent Ausländeranteil unterschätzen die demografische Transformation. Wer die seit 1981 Eingebürgerten dazurechnet, kommt deutlich höher. Wer auf den Migrationshintergrund schaut, kommt auf rund 40 Prozent. Wer in den Städten misst — Genf, Lausanne, Zürich, Basel, Lugano —, kommt nochmals höher. Die SVP-Initiative wird häufig als Reaktion auf die «27 Prozent» kritisiert. Die NZZ-Daten zeigen, dass die wahrgenommene Veränderung sich nicht an den 27 Prozent festmacht, sondern an einer Realität, die statistisch zerlegt ist.
Punkt zwei: Wenn die Schweizer Bevölkerung im engeren Sinn — Geburten minus Todesfälle, plus Saldo der nicht eingebürgerten Schweizer — seit 1992 schrumpft, dann ist der politische Streit um die 10 Millionen ein Streit darüber, ob die Schweiz ihre Bevölkerungszahl durch fortgesetzte Migration aufrechterhalten oder einen anderen Pfad einschlagen soll. Die NZZ präsentiert den Migrationspfad als alternativlos. Andere Pfade — eine Politik, die einheimische Familienbildung erleichtert; eine Wirtschaft, die nicht auf permanentes Wachstum durch Zuwanderung angewiesen ist; eine Akzeptanz demografischer Stagnation — erscheinen im Artikel nicht.
Punkt drei: Die Aussage «im Durchschnitt hat die Hälfte der Zuwanderer aus EU-Ländern die Schweiz nach drei Jahren wieder verlassen» relativiert die Permanenz der Personenfreizügigkeit, ändert aber nichts an der Bruttozahl der Anwesenden zu einem gegebenen Zeitpunkt. Die Wohnungsknappheit, der Verkehr, die Schulen, die Gesundheitsversorgung — alle reagieren auf die Anwesenheit, nicht auf die Verweildauer. Die NZZ erwähnt die Verweildauer als entlastendes Argument; für die Frage der Tragfähigkeit ist es keines.
Befund
Die NZZ-Analyse liefert wertvolle Zahlen. Sie liefert sie in einem Rahmen, der die Wertung «zum Glück» bereits im Titel trägt. Daten und Wertung sind nicht scharf getrennt. Wer den Artikel als reinen Datenbericht liest, übernimmt die Wertung mit.
Drei Beobachtungen lassen sich registrieren:
Erstens, dass der vielzitierte Ausländeranteil von 27 Prozent ein politisches Konstrukt ist, das die demografische Realität durch Einbürgerungen statistisch dämpft, ohne sie zu verändern. Die in der Schweiz wahrgenommene Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung — in Quartieren, Schulen, öffentlichen Räumen — entspricht eher den Zahlen mit Migrationshintergrund (rund 40 Prozent) als der offiziellen Ausländerquote.
Zweitens, dass das Bevölkerungswachstum der Schweiz seit drei Jahrzehnten ausschliesslich auf Migration und ihren Folgewirkungen beruht. Diese Tatsache ist als demografisches Argument für Zuwanderung verwendbar; sie ist auch als Hinweis auf eine Krise der einheimischen Reproduktion lesbar. Die NZZ wählt die erste Lesart, ohne die zweite zu erwähnen.
Drittens, dass der Streit um die 10-Millionen-Initiative auf der Datengrundlage der NZZ-Analyse anders erscheint, als ihn der Artikel rahmt. Die Initiative ist nicht eine Reaktion auf eine geringfügige Veränderung («nur 27 Prozent»), sondern auf eine demografische Transformation, deren Ausmass durch die offizielle Statistik unterschätzt wird, und auf einen Wachstumspfad, der ohne Migration nicht mehr existiert. Ob die Initiative die richtige Antwort ist, ist eine politische Frage. Dass sie auf eine reale Datenlage reagiert, ist nach Lektüre des NZZ-Artikels schwerer zu bestreiten als vor ihr.
Auffällig ist, dass eine Datenanalyse, die diese drei Punkte sichtbar macht, zugleich keinen davon ausspricht. Die Daten liegen offen. Die Schlüsse, die sich aus ihnen ziehen liessen, bleiben dem Leser überlassen — vorausgesetzt, er liest gegen den im Titel vorweggenommenen Kommentar.
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