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Die Lücke im Gerechtigkeitsbarometer
Medienkritik
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Die Lücke im Gerechtigkeitsbarometer

SRF/SRGSNB/GeldpolitikWirtschaft
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Zum SRF-Beitrag «Geld spaltet die Schweiz, die Stimmung kippt» vom 27. April 2026

Eine Tagesschau-Meldung über eine «Beobachter»-Umfrage. Die Zahlen sind aussagekräftig: 56 Prozent fühlen sich noch eher oder sehr gerecht behandelt, ein Rückgang von zwölf Prozentpunkten in zwei Jahren. Ein Drittel hält das System für «eher nicht gerecht», 18 Prozent für «überhaupt nicht gerecht». Drei Viertel der Geringverdienenden sehen sich benachteiligt. Immer weniger glauben, dass Leistung Wohlstand bringt.

Das sind keine Randwerte. Das ist ein Gesellschaftsbefund. Wenn die Hälfte einer Bevölkerung das System als ungerecht erlebt und der Trend nach unten zeigt, hat das politische Konsequenzen. Die Frage, die ein verantwortungsvoller Beitrag stellen müsste, lautet: Warum?

Die Tagesschau stellt diese Frage nicht. Sie referiert die Befunde, lässt Cloé Jans von GFS Bern die übliche Einordnung liefern und schliesst mit der beruhigenden Volte, dass das Vertrauen in den Staat «krisenfest» bleibe. Die Diagnose erschöpft sich in der Beobachtung, dass Mieten, Krankenkassen und AHV teurer werden. Die Therapie wird ausgespart. Die Ursachenanalyse fehlt vollständig.

Die Kostenfrage und ihre Ursache

Jans sagt, die «Kostenfrage» stehe über allem. Das stimmt empirisch und ist analytisch dünn. Kosten haben Ursachen. Wenn Mieten, Prämien, Lebensmittel, Energie und Dienstleistungen alle gleichzeitig steigen, dann ist das nicht ein Problem von einzelnen Branchen, sondern ein systemisches Phänomen. Die Frage, was die gemeinsame Ursache dieser parallelen Verteuerung ist, drängt sich auf.

Die Antwort ist in der ökonomischen Theorie unstrittig, auch wenn sie in der politischen Berichterstattung selten ausgesprochen wird. Die Geldmenge in westlichen Volkswirtschaften ist seit 2008 dramatisch ausgeweitet worden. Bilanzsumme der SNB: 2008 rund 100 Milliarden, 2022 über 1000 Milliarden. Die EZB, die Federal Reserve, die Bank of Japan haben ähnliche Expansionen durchgeführt. Diese Ausweitung hatte ihre Begründungen: Finanzkrise, Eurokrise, Pandemie. Sie hatte auch Folgen, die jetzt sichtbar werden.

Wenn die Geldmenge schneller wächst als die reale Wirtschaft, verliert das Geld an Kaufkraft. Das ist Inflation. Sie zeigt sich nicht überall gleichzeitig, sondern dort zuerst, wo das neu geschaffene Geld zuerst eintrifft. Banken, Finanzmärkte, Immobilien, Vermögenswerte aller Art. Die Aktienmärkte sind seit 2008 weltweit explodiert, oft entkoppelt von der realen Wirtschaftsleistung. Die Immobilienpreise in Schweizer Städten haben sich teilweise verdoppelt oder verdreifacht. Der Bitcoin als das vermutlich knappste Asset der Welt ist von wenigen Cents auf hunderttausend Dollar gestiegen, eine Bewegung, die ohne die Geldmengenausweitung nicht denkbar wäre.

Wer ein Vermögen besass, als die Geldschwemme begann, ist seither reicher geworden, oft sehr viel reicher. Wer von seinem Lohn lebte und keine Vermögenswerte besass, hat verloren. Die steigenden Mieten und Lebenshaltungskosten erreichen ihn ungebremst. Die steigenden Vermögenspreise gehen an ihm vorbei.

Das ist der Cantillon-Effekt, benannt nach dem Ökonomen Richard Cantillon im 18. Jahrhundert. Er beschreibt, dass neu geschaffenes Geld jene begünstigt, die nahe an seinem Entstehungspunkt sitzen, und jene benachteiligt, die weit davon entfernt sind. Der Effekt ist seit dreihundert Jahren bekannt. Er ist in der akademischen Ökonomie unstrittig. Er findet in der Tagesberichterstattung praktisch nicht statt.

Die Rolle der SNB

Die Schweizerische Nationalbank hat in den letzten zwanzig Jahren eine Politik betrieben, die in ihrer Konsequenz das Vermögensgefälle in der Schweiz vergrössert hat. Die Verteidigung der Frankenuntergrenze 2011 bis 2015 erforderte massive Devisenkäufe und entsprechende Geldschöpfung. Die Negativzinsen von 2015 bis 2022 enteigneten Sparer und subventionierten Schuldner. Die Bilanzausweitung führte zu einer Aktienportfolio-Position der SNB, die heute Hunderte Milliarden umfasst und in den USA mit zu den grössten Einzelaktionären globaler Konzerne gehört.

Diese Politik hatte ihre Gründe. Die Frankenstärke hätte die Exportwirtschaft beschädigt. Die Negativzinsen sollten Kapitalzuflüsse abwehren. Die SNB handelte im Rahmen ihres Mandats. Aber das Mandat selbst, und die Konsequenzen seiner Ausübung, haben Verteilungseffekte, die in einer Diskussion über Gerechtigkeit nicht ignoriert werden dürften.

Die «Beobachter»-Umfrage zeigt, dass drei Viertel der Geringverdienenden sich benachteiligt fühlen. Der Beitrag erklärt das mit «Mieten, Krankenkassen, AHV». Die Mieten in der Schweiz sind in den letzten zehn Jahren überproportional gestiegen, weil die Immobilienpreise durch Niedrigzinsen und Geldschwemme aufgebläht wurden. Die Krankenkassenprämien skalieren mit den Gesamtkosten des Gesundheitssystems, die wiederum mit Lohnniveau, Mietniveau und Materialkosten steigen. Die AHV-Diskussion dreht sich um demographische Probleme, aber auch um die reale Kaufkraft der Renten in einem inflationären Umfeld.

Hinter allen drei Posten steht das Geldsystem. Hinter dem Geldsystem stehen geldpolitische Entscheidungen, die in Bern und Zürich getroffen werden, von der SNB, mit Aufsicht durch den Bundesrat, mit politischer Begleitung durch das Parlament. Diese Entscheidungen sind keine Naturgewalten. Sie sind Politik. Sie haben Verlierer. Die Verlierer machen sich in der Umfrage des «Beobachter» bemerkbar.

Die journalistische Lücke

Warum spricht die Tagesschau über die Befunde, ohne die Ursache zu nennen? Vermutlich aus einer Mischung von Routine und institutionellem Reflex. Geldpolitik gilt als Spezialthema der Wirtschaftsredaktionen. In der allgemeinen Berichterstattung wird sie selten verhandelt. Die SNB ist eine Institution mit hohem öffentlichem Ansehen, geschützt durch ihre Unabhängigkeit, vertreten durch souveräne Vorsteher. Eine Kritik an ihrer Politik fühlt sich an wie ein Angriff auf eine Schweizer Institution.

Hinzu kommt, dass die mediale Standardrahmung von Verteilungsfragen seit Jahrzehnten in einer steuerpolitischen Logik operiert. Wer arm ist, bekommt zu wenig vom Staat. Wer reich ist, sollte mehr Steuern zahlen. Das ist ein legitimes Diskussionsfeld, aber es ist nicht das ganze Bild. Die monetäre Umverteilung durch das Geldsystem ist quantitativ wahrscheinlich grösser als alles, was über Steuern bewegt wird, und sie funktioniert nach völlig anderen Logiken. Sie erscheint nicht in der Steuerstatistik, weil sie nicht über Steuern läuft.

Eine Tagesschau-Meldung kann nicht alles abhandeln. Aber wenn sie über die «Spaltung der Schweiz durch Geld» berichtet und dabei die zentrale Maschine der monetären Umverteilung systematisch ausspart, ist die Berichterstattung lückenhaft an einer entscheidenden Stelle. Die Hörerin geht aus dem Beitrag mit dem Gefühl, dass es um Verteilungsfragen zwischen sozialen Schichten geht, die durch Steuern, Sozialleistungen und Lohnpolitik gelöst werden müssten. Das stimmt halb. Die andere Hälfte, die monetäre Komponente, bleibt im Dunkeln.

Die Bitcoin-Lesart

Es gibt Gemeinschaften, die diese Lücke sehr genau benennen. Die Bitcoin-Bewegung ist in den letzten fünfzehn Jahren genau aus dieser Diagnose entstanden. Die Beobachtung lautet: Das fiat-monetäre System ist strukturell inflationär, bevorzugt Vermögensbesitzer und Schuldner, benachteiligt Sparer und Lohnempfänger, und erodiert über Zeit die Kaufkraft jener, die nicht in Vermögenswerten investiert sind. Bitcoin wird in dieser Lesart als Ausweg verstanden, als monetäres Asset mit fester Obergrenze, das nicht inflationiert werden kann.

Man muss diese Lesart nicht teilen, um anzuerkennen, dass sie eine kohärente Diagnose der gegenwärtigen Verteilungslage bietet. Sie erklärt empirisch, warum Vermögenswerte stärker steigen als Löhne, warum Sparer verlieren, warum die Mittelklasse sich entwertet fühlt. Sie wird in der allgemeinen Berichterstattung selten ernst genommen, weil sie unbequem ist. Sie würde Fragen aufwerfen, die das institutionelle Selbstverständnis westlicher Notenbanken berühren.

Im Schweizer Kontext ist das besonders auffällig. Die SNB ist eine der weltweit grössten Devisenreserven-Halterinnen, eine bedeutende Aktionärin in globalen Konzernen, eine geldpolitische Akteurin mit erheblicher Wirkung auf die heimische Vermögenslandschaft. Eine Diskussion über «Gerechtigkeit in der Schweiz», die ihre Rolle nicht thematisiert, ist eine Diskussion ohne den Elefanten im Raum.

Was bleibt

Eine ordentlich präsentierte Umfrage mit aussagekräftigen Zahlen, die in der Tagesschau-Verkürzung um ihre eigentliche Pointe gebracht wird. Die Befunde stimmen: Die Spaltung wächst, das Vertrauen sinkt, die Kostenfrage drückt. Die Erklärung bleibt halbiert, weil sie die monetäre Dimension auslässt.

Das ist nicht primär ein Vorwurf an die einzelne Redaktion. Es ist eine Beobachtung zu einem strukturellen blinden Fleck der medialen Wirtschaftsberichterstattung. Geldpolitik wird als Technik behandelt, nicht als Politik. Inflation wird als externe Grösse gehandelt, nicht als Resultat von Entscheidungen. Die SNB wird als neutraler Akteur gerahmt, nicht als Verteilungsmaschine.

Solange diese Lücke besteht, werden Beiträge wie dieser die Symptome dokumentieren, ohne die Ursachen zu erreichen. Die Hörerin nimmt mit: Es gibt eine Spaltung, sie verschärft sich, das Vertrauen sinkt, aber der Kern des Staates ist krisenfest. Das ist beruhigend. Es ist auch unvollständig.

Wer wirklich verstehen will, warum die Schweiz sich heute zerrissener fühlt als vor zehn Jahren, muss über die SNB-Bilanz sprechen, über die Negativzinsjahre, über den Cantillon-Effekt, über die Asymmetrie zwischen Vermögensbesitzern und Lohnempfängern in einem inflationären Geldsystem. Das ist anspruchsvoll und unbequem. Es ist auch das eigentliche Thema.

Die Tagesschau hat es nicht angefasst. Vielleicht liegt es daran, dass es zu kompliziert für drei Minuten ist. Vielleicht liegt es daran, dass es zu unbequem ist. Vermutlich beides. Die Lücke bleibt.

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