Die Jungfrau im Tuch
Wie SRF aus einer politisch konfrontativen Aktivistin eine sanfte Velo-Idealistin macht – und alles weglässt, was die Geschichte ist
Zum SRF-Beitrag «Vera Celik will mehr sein als ihr Kopftuch», Echo der Zeit, 7. Mai 2026
Es ist ein freundliches Porträt. Eine 20-Jährige eröffnet die neue Legislatur des Zürcher Stadtparlaments. Sie trägt Kopftuch. Sie ist Tochter türkischer Einwanderer. Sie sitzt für die SP im Rat. Sie möchte nicht auf ihr Kopftuch reduziert werden. Sie sagt, sie möchte Velo fahren können.
Vier Minuten und neunundvierzig Sekunden. Bilder von der Jugendsession, ein Standbild aus dem Ratssaal, sanfte Stimme der Korrespondentin, freundliche Selbstauskünfte der Porträtierten. «Sie lässt sich nicht einschüchtern.» «Sie ist stolz, die Vielfalt dieser Stadt zu repräsentieren.»
Es ist alles drin, was in ein modernes SRF-Porträt einer jungen muslimischen Politikerin gehört. Es fehlt nur eines: alles, was die Geschichte tatsächlich interessant macht.
Was Vera Çelik gesagt hat
Beginnen wir mit dem, was SRF systematisch nicht zitiert. Die Aussagen sind alle öffentlich, dokumentiert, gegengeprüft – grösstenteils von Çelik selbst auf Instagram veröffentlicht, von der NZZ und anderen Medien aufgearbeitet:
Zu Israel (Instagram-Video, dokumentiert von der NZZ):
«Wenn du sagst, du bist ein Israel-Gegner, remember: Niemand ist eine so grosse Israel-Gegnerin wie ich.»
Mit dem eingeblendeten Slogan:
«All my homies hate israeli lobby.»
An einer Demonstration hielt sie ein Schild mit der Aufschrift:
«A thief never becomes an owner.»
Ein Slogan, der – egal wie man ihn auslegt – Israel als Staat das fundamentale Existenzrecht abspricht. Nicht eine Regierung kritisiert. Nicht eine Politik. Sondern den Staat selbst als illegitime Aneignung kennzeichnet.
Zur Pro-Palästina-Demonstration in Bern (Mai 2025): Aufruf zur Teilnahme an einer unbewilligten Demonstration, gemeinsam mit der linksradikalen Gruppe «Organisiert Handeln», bewusst angesetzt an einem Schabbat. Die Symbolik einer pro-palästinensischen Strassenaktion in Bern, zeitlich gelegt auf den jüdischen Ruhetag, in einer Phase, in der Schweizer Juden in Zürich Messerangriffen ausgesetzt waren – diese Symbolik braucht keine zusätzliche Übersetzung.
Zu einer christlich-zionistischen Veranstaltung in Winterthur: Sie warf den Veranstaltern vor, sie würden «die Bombardierung von Kindern mit Bibelzitaten rechtfertigen».
Zum Kopftuchverbot für Lehrerinnen (Watson-Interview): «ein rassistisches Anliegen». Nicht aus ihrer Sicht falsch. Nicht eine Position, die sie nicht teilt. Sondern rassistisch. Wer es vertritt, ist Rassist.
Zur eigenen Person (Republik, Oktober 2025):
«Ich bin 19, Feministin, Muslimin – und ich trage ein Kopftuch. Deal with it.»
Deal with it. Das ist nicht der Tonfall einer jungen Frau, die sich gegen Anfeindung verteidigt. Es ist der Tonfall einer Aktivistin, die provoziert und dies offen ausspricht.
Nichts davon im SRF-Porträt. Nicht ein einziges dieser Zitate. Stattdessen: Tierrechte. Velofahren.
Der Parteiaustritt, der nicht stattgefunden hat – im SRF-Beitrag
Die NZZ hat dokumentiert, dass die Nominierung Çeliks zum Stadtratswahlkampf der SP zu Parteiaustritten führte. Der prominenteste: Hartmuth Attenhofer, ehemaliger Kreispräsident und langjähriger SP-Vertreter, der seinen Austritt explizit mit Çeliks Nominierung begründete – ihre Anti-Israel-Positionen seien für den moderaten, traditionellen Flügel der Sozialdemokratie nicht tragbar.
Ein Parteiaustritt eines Kreispräsidenten ist in der Schweizer Politik keine Petitesse. Es ist eine politische Aussage, die das ganze Klima einer Stadtpartei spiegelt. Es bedeutet: Die SP Zürich hat sich in diesem Konflikt für Çelik entschieden – und gegen Mitglieder, die seit Jahrzehnten für die Partei standen.
Das ist die eigentliche politische Geschichte hinter dem Porträt. Eine junge Aktivistin verdrängt Generationen-Sozialdemokraten aus ihrer eigenen Partei. Die SP verändert ihre Identität in Echtzeit. Identitätspolitik schlägt Klassenpolitik. Es ist eine der zentralen Entwicklungen der Schweizer Linken im Moment.
SRF erwähnt davon: nichts.
Die SP MigrantInnen – das Vehikel
Çelik sitzt in der Geschäftsleitung der SP Migrant:innen Schweiz und im Vorstand der SP Stadt Zürich. SRF erwähnt es im Vorbeigehen. Was bedeutet das?
Die SP Migrant:innen ist eine eigene Substruktur der Partei mit eigenen Resolutionen, eigener Geschäftsleitung, eigenen Positionen. Sie ist – verschiedenen Berichten zufolge – der Ort innerhalb der SP, an dem identitätspolitische Positionen formuliert und in die Gesamtpartei eingespiesen werden. Es ist die Sektion, die im Frühjahr 2025 die Resolution gegen das Kopftuchverbot für Lehrerinnen erfolgreich in die nationale Partei trug. Es ist die Sektion, die anti-israelische Rhetorik salonfähig macht, die ältere Sozialdemokraten als «strukturellen Antisemitismus» empfinden.
Wer dort in der Geschäftsleitung sitzt, ist nicht «im Vorbeigehen Mitglied». Er oder sie ist Architekt der Linie. Çelik ist mit 20 Jahren bereits in der nationalen Schaltzentrale der innerlinken Migrationspolitik. Das ist eine Karriere, kein Hobby.
SRF behandelt es wie eine zusätzliche Vereinsmitgliedschaft, ungefähr auf der Ebene des Velo-Vereins.
Das, worüber Çelik nicht spricht
Die NZZ und andere Medien haben angemerkt, was in Çeliks öffentlichen Äusserungen konsequent fehlt:
Keine Aussage zu Antisemitismus – obwohl im selben Jahr ein orthodoxer Jude in Zürich von einem radikalisierten Jugendlichen mit dem Messer angegriffen wurde.
Keine Aussage zum 7. Oktober 2023, dem schwersten Massaker an Juden seit dem Holocaust.
Keine Aussage zur Hamas, zu deren Charta, zu deren erklärtem Ziel der Vernichtung Israels.
Keine Aussage zu Erdoğan, zur AKP, zur Verfolgung kurdischer und kemalistischer Türken.
Keine Aussage zu Iran, zu Mahsa Amini, zu den Frauen, die sterben, weil sie das Tuch ablegen, das Çelik in Zürich trägt.
Keine Aussage zu Genitalverstümmelung, Zwangsehen, Apostasie, Scharia.
Das ist auffällig. Eine Politikerin, die sich als Feministin, Antirassistin und Menschenrechtsaktivistin profiliert, hat zu praktisch keinem dieser Themen eine öffentliche Position – obwohl es sich dabei um die brennendsten frauenrechtlichen und menschenrechtlichen Fragen ihrer eigenen Herkunftsregion handelt.
Die Auslassung ist die Aussage. Wer immer und überall gegen «Apartheid», «Siedlerfanatismus» und «Kriegspropaganda» spricht, aber zur systematischen Unterdrückung von Frauen in muslimisch geprägten Staaten konsequent schweigt, hat damit eine politische Linie definiert. Diese Linie heisst: Menschenrechte werden geltend gemacht gegen den Westen und gegen Israel, nicht gegen die eigene religiös-kulturelle Bezugswelt.
Eine kritische Journalistin hätte dieser Frage in einem Porträt nachgehen können. SRF hat es nicht.
Was SRF stattdessen zeigt
Bilder von der Jugendsession. Eine junge Frau, die sympathisch lächelt. Ein paar Sätze über Anfeindungen – ohne dass je konkret wird, woher diese Anfeindungen kommen oder welche Aussagen Çeliks sie ausgelöst haben. Die Konstruktion ist immer dieselbe: Sie wird angefeindet. Die Anfeindung ist falsch. Sie ist stark genug, sich nicht einschüchtern zu lassen. Punkt.
Was bei einer SVP-Politikerin selbstverständliche journalistische Praxis wäre – die konkreten Aussagen zitieren, die Kontroverse auslösen – wird hier vermieden. Stattdessen wird die Kontroverse als Phänomen erwähnt, ihre Ursache aber unsichtbar gemacht. Der Effekt: Die Anfeindung steht da als blanker Vorurteils-Akt gegen ein Kopftuch. Nicht als Reaktion auf Aussagen.
Wer Çeliks Instagram-Account fünf Minuten durchscrollt, weiss: Es geht nicht ums Tuch. Es geht um Sätze wie «Niemand ist eine so grosse Israel-Gegnerin wie ich», um Demonstrationsaufrufe am Schabbat, um Slogans, die das Existenzrecht eines UN-Mitgliedstaates negieren. Es geht um Positionen.
SRF macht aus Positionen ein Tuch. Aus politischer Konfrontation ein Diversity-Tableau. Aus einer kämpferischen Aktivistin eine sanfte junge Frau mit Velo-Wünschen.
Das Pendel: Was der Ombud rügte
Die Vorgeschichte des aktuellen Porträts ist aufschlussreich. Sie erklärt möglicherweise den Watte-Ton.
Am 13. April 2025 nahm sich Stefan Büsser in der SRF-Comedyshow Late Night Switzerland den JSVP-Politiker Sandro Subotic vor. Anlass war ein Instagram-Video, in dem die damals 19-jährige Vera Çelik ihn zu seinen politischen Positionen befragt hatte. Büsser zweifelte mit ironischem Unterton an, dass die Interviewerin eine echte Muslimin sei – vielleicht handle es sich auch um den JSVP-Präsidenten Nils Fiechter «beim Demonstrieren». Dazu blendete er ein Bild Fiechters ein, das diesen 2016 in tschadorähnlichem Gewand mit selbstgebasteltem Sprengstoffgürtel zeigte, mit dem er damals für das Verhüllungsverbot demonstriert hatte.
Die Pointe sollte der JSVP gelten. Sie traf Çelik. Bei der Ombudsstelle gingen über 500 Beanstandungen ein (die JUSO hatte aufgerufen, einzureichen). Am 20. Mai 2025 erklärte der Schlussbericht die Sequenz für «diskriminierend und die Menschenwürde verletzend»: Es sei eine Assoziation zwischen einer jungen Muslimin und dem Stereotyp einer Selbstmordattentäterin hergestellt worden. Die Ombudsstelle hielt zudem fest, Çelik sei zu diesem Zeitpunkt keine Person des öffentlichen Interesses gewesen.
Die Rüge war berechtigt. Çelik war 19, hatte kein Amt, war öffentlich kaum sichtbar. Sie wurde gegen ihren Willen zur Projektionsfläche eines schlecht konstruierten Witzes. Sie erhielt nach ihrer Beschwerde Morddrohungen.
Die falsche Lehre
Ein Jahr später ist die Lage anders. Çelik sitzt im Stadtparlament, hat die Eröffnungsrede gehalten, sitzt in der Geschäftsleitung der SP Migrant:innen Schweiz, hat eine nationale Parteiresolution durchgesetzt, ihre Nominierung hat Parteiveteranen zum Austritt bewogen. Sie ist gewählte Politikerin im vollen Sinn – mit allem, was an journalistischer Behandlung dazugehört.
Der Schutz, den die Ombudsstelle 2025 zu Recht zubilligte, gilt 2026 nicht mehr in derselben Form. SRF behandelt sie jedoch so, als wäre sie noch immer die unbekannte 19-Jährige. Aus der berechtigten Rüge wurde die falsche Lehre gezogen: Statt sorgfältiger zu werden, wurde der Sender ehrfürchtiger. Statt der Karikatur kam die Hagiographie. Beides ist Instrumentalisierung – einmal als Witz, einmal als Symbol.
Es gibt eine Ironie darin: 2025 protestierte Çelik dagegen, zur Projektionsfläche gemacht zu werden – zu Recht. 2026 ist sie wieder Projektionsfläche, diesmal für die Erzählung der vielfältigen, mutigen jungen Muslimin. Sie protestiert nicht. Weil diese Instrumentalisierung ihren politischen Interessen dient.
Verständlich. Aber nicht die Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders. Die Rüge hätte zu mehr Sorgfalt erziehen können. Sie hat zu vorauseilender Verklärung geführt – von der einen Form der Respektlosigkeit zur anderen, ohne je in der Mitte anzukommen, wo der Beruf stattfindet.
Wer schützt wen – und vor wem?
Die zentrale Frage ist nicht, ob Vera Çelik ein Kopftuch tragen darf. Die Frage ist nicht, ob sie für ihre Positionen Anfeindungen erlebt. Das tut sie, und das ist verwerflich, gleich welche Positionen sie vertritt.
Die Frage ist: Warum behandelt der gebührenfinanzierte Sender eine Politikerin, deren öffentliche Aussagen einen Parteiveteranen wie Hartmuth Attenhofer zum Austritt bewogen haben, deren Slogans das Existenzrecht eines UN-Mitgliedstaates verneinen, die zur unbewilligten Demonstration am jüdischen Ruhetag aufgerufen hat, als wäre sie eine schutzbedürftige Studentin?
Hätte SRF eine 20-jährige SVP-Frau, die in einer Aussage Israels Existenzrecht in Frage stellt, mit derselben Sanftmut interviewt? Die Frage stellt sich nicht – weil eine 20-jährige SVP-Frau, die so etwas sagen würde, von SRF zerlegt würde, und das mit Recht.
Hätte SRF eine 20-jährige evangelikale Politikerin, die an einer rechtsfundamentalistischen Veranstaltung teilnimmt, mit Fragen zu Tierrechten und Velopolitik begleitet? Die Frage beantwortet sich selbst.
Der Unterschied ist nicht journalistisch begründet. Er ist ideologisch begründet. Çelik gehört einer Kategorie an, die im redaktionellen Selbstverständnis des Senders als verletzlich kodiert ist. Diese Kodierung führt dazu, dass sie nicht als das behandelt wird, was sie politisch ist: eine kämpferische, ideologisch klare, durchsetzungsfähige Aktivistin mit klar erkennbaren Positionen, einigen davon hochproblematisch.
Stattdessen wird sie infantilisiert. Geschützt. Mit Watte gepolstert. Auf Velo und Tierrechte reduziert. Genau das, was sie nach eigener Aussage nicht möchte – nämlich auf das Tuch reduziert werden – wird ihr von SRF abgenommen: Sie wird auf ihr Tuch reduziert, dann wird das Tuch zur Unschuld erklärt, und alles, was sie sonst noch ist und sagt, fällt unter den Tisch.
Es ist keine Hommage. Es ist eine subtile Form der Entwürdigung – verkleidet als Respekt.
Der eigentliche Befund
Eine politische Journalistin namens Susanne Brunner – die in dem Echo-der-Zeit-Format normalerweise zu Israel und Nahost berichtet und dort harten Klartext liefert – hätte die Vera-Çelik-Geschichte in zehn Minuten anders erzählen können. Sie hätte die Instagram-Zitate vorlesen lassen. Sie hätte gefragt: «Frau Çelik, Sie sagen, niemand sei eine grössere Israel-Gegnerin als Sie. Was bedeutet das konkret? Hat Israel ein Existenzrecht?» Sie hätte den Schabbat-Aufruf angesprochen. Sie hätte Attenhofers Austritt thematisiert.
Es ist nicht so, dass SRF nicht weiss, wie journalistische Konfrontation geht. Es ist so, dass SRF entscheidet, sie hier nicht anzuwenden.
Diese Entscheidung ist nicht zufällig. Sie folgt einem Muster, das sich seit Jahren beobachten lässt: Wo eine Person mit Migrationshintergrund, religiöser Minderheitenzugehörigkeit oder identitätspolitisch markiertem Profil im Zentrum steht, schaltet die Redaktion in den Schonmodus. Wo eine Person mit anderem Profil im Zentrum steht – konservativ, religiös-christlich, bürgerlich, männlich – aktiviert sich die kritische Distanz.
Das ist nicht Vielfalt. Das ist eine ideologische Vorsortierung, an deren Ende eine asymmetrische Berichterstattung steht, die ihre eigene Aufgabe – die Bürger zu informieren – verfehlt. Und zwar systematisch.
Coda
Vera Çelik möchte mehr sein als ihr Kopftuch. Das ist ein legitimer Wunsch. Eine seriöse Redaktion hätte ihn ernst genommen – indem sie Çelik als Politikerin behandelt, mit Aussagen, Widersprüchen, Positionen, Konflikten. So wie sie jeden anderen behandeln würde, der in ein Parlament gewählt wird.
SRF hat ihr stattdessen einen anderen Gefallen getan: Es hat ihr das Tuch belassen und alles andere weggenommen. Die Positionen, die Konfrontationen, die Schärfe, den eigenen Mund. Übrig bleibt eine junge Frau im Tuch, die Velo fahren möchte.
Sie hat mehr verdient. Und die Gebührenzahler haben mehr verdient.
Beides hat SRF nicht geliefert.
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