Die importierten Experten
Zum SRF-Beitrag «Was bedeutet der Austritt der VAE für die Opec?» vom 28. April 2026
Die Wahl der Geschichte ist ausgezeichnet. Der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der Opec ist eine der wichtigeren energiepolitischen Entwicklungen des Jahres, mit erheblichen Implikationen für globale Ölmärkte, das innerarabische Kräfteverhältnis und die Geopolitik des Persischen Golfs. Der Zeitpunkt mitten in der Hormus-Blockade gibt der Meldung zusätzliches Gewicht. Das Echo der Zeit hat hier eine relevante Geschichte gewählt und ihr fünf Minuten gewidmet. Das ist gut.
Die Wahl des Experten ist die eigentlich interessante Frage. Philipp Dienstbier ist Leiter des Regionalprogramms Golf-Staaten der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sitz in Amman. Die Stiftung, wie SRF transparent macht, steht der deutschen CDU nahe. Sie wird vom deutschen Bundeshaushalt mitfinanziert und versteht sich als Instrument deutscher politischer Bildung und auswärtiger Vertretung.
Es lohnt sich, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen, warum diese Konstellation beim Schweizer öffentlich-rechtlichen Sender Routine ist.
Die strukturelle Frage
Das Schweizer Echo der Zeit, gesendet auf Schweizerdeutsch beziehungsweise Hochdeutsch mit Schweizer Akzent, in einem Land mit einem hochentwickelten Universitätssystem und einer aussergewöhnlichen Konzentration energiewirtschaftlicher Expertise, importiert seine Welteinordnung von einem deutschen Stiftungsmitarbeiter in Jordanien.
Die Schweiz beheimatet drei der wichtigsten Rohstoffhandelsplätze der Welt: Genf, Zug, Lugano. Über Genf laufen Schätzungen zufolge ein Drittel des physischen Welt-Ölhandels und ein bedeutender Anteil des Metall- und Agrarhandels. Glencore, Trafigura, Vitol, Mercuria, Gunvor haben hier ihre Zentralen oder bedeutende Niederlassungen. In diesen Firmen arbeiten Analysten, Ökonomen, Geopolitik-Spezialisten, deren Verständnis des Opec-Geschehens jeden Stiftungsmitarbeiter in den Schatten stellt.
Die Schweiz hat universitäre Expertise. Die ETH Zürich hat ein Energy Science Center. Die Universität St. Gallen hat Energieökonomen. Die EPFL betreibt Energieforschung. Das Centre for Security Studies an der ETH publiziert regelmässig zu Nahostfragen. Das Graduate Institute Genf hat eine ganze Fakultät, die zu Geopolitik und internationalen Beziehungen arbeitet. Das CIDOB-Pendant in Genf, das Centre on Conflict, Development and Peacebuilding, beschäftigt sich seit Jahren mit Konflikten in der Region.
Die Schweiz hat diplomatische Expertise. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten unterhält Botschaften in allen Golfstaaten. Ehemalige Botschafter, Konsuln, Schutzmachtbeauftragte verfügen über tiefe Kenntnisse der dortigen Verhältnisse. Die Schweiz hat in Saudi-Arabien und in den VAE Schweizer Honorarkonsuln, in Genf akkreditierte Botschafter, in den UNO-Strukturen aktive Diplomaten.
Aus all diesem Reservoir wird, wenn der Opec-Austritt der VAE erklärt werden soll, ein deutscher Parteistiftungs-Mitarbeiter aus Amman ausgewählt. Das ist nicht sachlich begründet. Es ist redaktionelle Routine.
Warum die deutschen Stiftungen?
Die deutschen politischen Stiftungen, KAS für die CDU, FES für die SPD, Heinrich-Böll für die Grünen, Friedrich-Naumann für die FDP, Hanns-Seidel für die CSU, Rosa-Luxemburg für die Linke, sind ein Phänomen sui generis. Sie werden zu rund 95 Prozent aus dem deutschen Bundeshaushalt finanziert, mit einem Gesamtbudget, das bei rund 700 Millionen Euro pro Jahr liegt. Sie unterhalten weltweit Büros, in Hauptstädten, in geopolitisch interessanten Regionen, mit eigenem Personal, eigenen Veranstaltungsreihen, eigenen Publikationen.
Diese Infrastruktur produziert eine spezifische Kategorie von Experten: deutschsprachig, mediengewandt, in der Sprache deutscher Aussenpolitik geschult, mit etablierten Kontakten zu Journalisten, jederzeit verfügbar für O-Töne. Sie sind die natürlichen Ansprechpartner deutscher Redaktionen. Sie sind aber auch die natürlichen Ansprechpartner Schweizer Redaktionen geworden, weil die Schweizer Medienlandschaft in den letzten zwanzig Jahren stark mit der deutschen verflochten ist (Tamedia-Aufkauf, Übernahme deutscher Korrespondenzen, gemeinsame Inhaltsproduktion).
Was die Stiftungen liefern, ist Expertise mit politischer Färbung. Die KAS interpretiert die Welt aus konservativer deutscher Perspektive. Die FES aus sozialdemokratischer. Die Böll-Stiftung aus grüner. Die Aussagen sind nicht falsch, aber sie sind perspektivisch geprägt, und die Perspektive ist eine deutsche.
Wenn Dienstbier sagt, der Opec-Austritt der VAE schwäche Saudi-Arabien, ist das vermutlich richtig. Wenn er die Hintergründe als wirtschaftliche und geopolitische Konkurrenz zwischen Riad und Abu Dhabi rahmt, ist das eine bestimmte Lesart. Eine schweizerische Lesart, aus dem Blickwinkel des grössten Rohstoffhandelsplatzes der Welt, würde vielleicht andere Akzente setzen: die Rolle der in Genf ansässigen Trader, die Implikationen für Schweizer Pensionskassen, die Folgen für den Frankenraum, die spezifischen Schweizer diplomatischen Verbindungen.
Diese schweizerische Lesart kommt nicht vor, weil keine schweizerische Stimme vorkommt.
Die schweizerischen Stimmen, die fehlen
Es gibt sie, sie werden nur selten gefragt. Beispielhaft:
Daniel Möckli, Senior Researcher am Center for Security Studies der ETH, hat zu Energie- und Sicherheitsfragen im Nahen Osten publiziert. Er wäre eine selbstverständliche Wahl für ein Echo-der-Zeit-Gespräch.
Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich, kommentiert regelmässig Energiepolitik in historischer Perspektive. Er wäre für die langfristige Einordnung des Opec-Austritts qualifiziert.
Reto Föllmi, Aussenwirtschaftsökonom an der Universität St. Gallen, könnte die Implikationen für globale Märkte analysieren.
Martin Dahinden, ehemaliger Direktor der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, mit langjähriger diplomatischer Erfahrung, könnte die geopolitischen Aspekte einordnen.
Mehrere ETH-Professoren am Energy Science Center haben über Jahre zur Erdölindustrie geforscht.
Die Liste liesse sich verlängern. Diese Personen sind nicht in Amman, sondern in Zürich, St. Gallen, Bern, Lausanne. Sie sind erreichbar, sie sind kompetent, sie sind unabhängig von ausländischen Parteistiftungen. Sie kommen in der SRF-Berichterstattung systematisch weniger zu Wort als ihre deutschen Pendants.
Die strukturellen Gründe
Warum bevorzugen Schweizer Redaktionen deutsche Stiftungsexperten? Vier Gründe lassen sich identifizieren.
Erstens: Verfügbarkeit. Die Stiftungen haben Pressestellen, die innerhalb von Stunden einen Experten organisieren. Universitäten arbeiten langsamer, Akademiker haben Sprechstunden, Konferenzen, Lehrverpflichtungen. Wer als Redaktor um 14 Uhr für die 18-Uhr-Sendung einen Experten braucht, greift zur effizienteren Quelle.
Zweitens: Mediengewandtheit. Die Stiftungsmitarbeiter sind geschult in der Kunst des O-Tons. Sie liefern in zwei Sätzen, was Akademiker oft in zehn Minuten ausarbeiten. Sie kennen die Logik der Hörfunkbeiträge, sie strukturieren Antworten auf Frequenzen, die ein vier-Minuten-Stück tragen können.
Drittens: Sprache. Hochdeutsch ohne Akzent klingt im Schweizer Radio kompetent. Deutsche akademische Diktion gilt im deutschsprachigen Raum als Goldstandard intellektueller Seriosität. Schweizer Mundart-Hochdeutsch oder italienisch-akzentuiertes Deutsch klingt für viele Hörer weniger autoritativ, auch wenn der Inhalt qualifizierter ist.
Viertens: Vernetzung. Die Stiftungen pflegen aktive Beziehungen zu Schweizer Redaktionen, mit Hintergrundgesprächen, Studienreisen, Korrespondenten-Empfängen, gemeinsamen Veranstaltungen. Diese Beziehungspflege funktioniert. Sie erzeugt Vertrauen, Routine, Selbstverständlichkeit.
Diese vier Gründe erklären die Präferenz, ohne sie zu rechtfertigen.
Die Konsequenzen
Die Konsequenz ist eine systematische perspektivische Verzerrung der Schweizer Welteinordnung. Schweizer Hörer erfahren die Welt nicht durch eigene, sondern durch deutsche Augen. Das ist nicht primär ein Problem der Faktentreue, sondern eines der Akzentsetzung. Die Welt sieht aus Berlin anders aus als aus Bern. Aus Hamburg anders als aus Zürich. Aus München anders als aus Genf.
Die deutsche Akzentsetzung neigt zu Themen, die für die deutsche Aussenpolitik relevant sind: Energiesicherheit, Migration aus Nordafrika, NATO-Solidarität, EU-Integration, deutsch-französische Achse. Sie neigt zu Rahmungen, die deutsche Interessen reflektieren: kritischere Sicht auf Russland, freundlichere auf die USA, ambivalentere auf Israel, weniger interessierte auf Lateinamerika.
Das alles kann legitim sein. Aber es ist nicht zwingend die Schweizer Perspektive. Die Schweiz ist nicht in der NATO. Sie ist nicht in der EU. Sie hat eine eigene Tradition humanitärer Diplomatie, eine andere wirtschaftliche Verflechtung, andere historische Loyalitäten. Eine Welteinordnung, die diese Spezifika reflektiert, müsste aus schweizerischen Quellen kommen.
Sie kommt aber nicht. Stattdessen wird die deutsche Aussenpolitik-Brille importiert und als universelle Vernunft präsentiert.
Was es nicht ist
Ein Vorwurf an Philipp Dienstbier persönlich ist hier nicht beabsichtigt. Er macht seine Arbeit, vermutlich kompetent. Die KAS ist eine etablierte Institution, ihre Aussagen sind in der Regel sachlich. Das Problem liegt nicht beim einzelnen Experten, sondern bei der redaktionellen Routine, die ihn ohne weiteres Hinterfragen einsetzt.
Auch ein deutscher Experten-Boykott wäre absurd. Es gibt Themen, bei denen deutsche Stimmen die natürliche Wahl sind: deutsche Innenpolitik, deutsch-französische Beziehungen, EU-Verhandlungen aus Berliner Sicht. Wenn eine deutsche Perspektive thematisch relevant ist, soll eine deutsche Stimme zu Wort kommen.
Worum es geht, ist die Routinisierung. Der Reflex, beim Opec-Austritt der VAE einen deutschen Stiftungsmann zu fragen, statt einen Schweizer Energieökonomen, ist nicht durch das Thema gerechtfertigt. Er ist durch die redaktionelle Bequemlichkeit motiviert. Diese Bequemlichkeit hat Konsequenzen für das Schweizer Selbstverständnis.
Was bleibt
Ein relativ guter Beitrag zu einem wichtigen Thema, mit einem kompetenten Experten, der aus den falschen Gründen ausgewählt wurde. Der Inhalt ist dieses Mal nicht zu beanstanden. Der Auswahlmechanismus dahinter ist es.
Wenn Schweizer öffentlich-rechtlicher Rundfunk seinen Auftrag ernst nimmt, eine eigenständige Schweizer Perspektive auf die Welt zu vermitteln, müsste er seine Expertenauswahl entsprechend gestalten. Das hiesse, schweizerische Stimmen systematisch zu suchen, auch wenn sie schwerer erreichbar sind. Das hiesse, akademische Quellen über Stiftungsquellen zu bevorzugen, auch wenn die Stiftungen schneller liefern. Das hiesse, das eigene Reservoir zu nutzen, statt sich auf das deutsche zu verlassen.
Diese Anstrengung wird selten unternommen. Stattdessen wiederholt sich die Routine. Die KAS liefert, das Echo der Zeit sendet, die Hörer akzeptieren, niemand fragt, warum eigentlich.
Die Schweiz hat ihre eigenen Energieökonomen, Diplomaten, Akademiker, Trader. Sie hat eine eigene Geschichte mit dem Persischen Golf, eigene Interessen am Erdölmarkt, eigene Beziehungen zu Saudi-Arabien und den VAE. Sie hätte eine eigene Perspektive zu bieten. Sie bietet sie nicht, weil ihr öffentlich-rechtlicher Sender lieber importiert, als selbst recherchiert.
Das ist nicht skandalös, aber es ist beobachtenswert. Über die Jahre summiert es sich. Schweizer Hörer wachsen mit deutschen Expertenstimmen auf, lernen die Welt mit deutschen Akzenten kennen, übernehmen deutsche Rahmungen als selbstverständlich. Sie verlieren dabei etwas, das für ein kleines Land mit eigener Tradition wertvoll wäre: das Bewusstsein, dass die Welt auch aus Schweizer Perspektive betrachtet werden kann.
Beim nächsten geopolitischen Thema wird wieder ein Stiftungsmitarbeiter aus Berlin oder Amman gefragt. Niemand wird sich wundern. Genau das ist das Problem.
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