Die heiligen Flächen
Wie SRF den Biodiversitätsschwund als Staatsversagen rahmt, mehr Schutzgebiete fordert, ohne zu fragen, ob die bisherigen überhaupt wirken, die abgelehnte Volksinitiative verschweigt und die Agrarsubventionen als Problem benennt – ohne die Frage zu stellen, warum der Staat für die Zerstörung bezahlt, die er gleichzeitig beklagt
Zum SRF-Beitrag «Der Bundesrat muss mehr für die Biodiversität tun», 21. Mai 2026
Es ist eine Geschichte vom Verlust. Von Arten, die verschwinden. Von Lebensräumen, die zerstört werden. Von einer Schweiz, die ihre biologische Vielfalt nicht schützt.
Es ist die Geschichte, die SRF erzählt. Und sie hat recht. Die Biodiversität nimmt ab. 35 Prozent der Arten sind gefährdet oder ausgestorben. Knapp die Hälfte der Lebensräume ist bedroht. Das sind Fakten.
Aber die Geschichte hat Lücken. Und was in diesen Lücken verschwindet, verändert den Sinn komplett. Denn die Frage lautet nicht: Warum tut der Bundesrat nicht mehr? Die Frage lautet: Warum bringt das, was er tut, nichts? Und: Wer hat eigentlich verhindert, dass mehr getan wird?
Die Schutzgebiete, die nicht schützen
SRF schreibt: «Die Zahl der Schutzgebiete von nationaler Bedeutung habe in der Schweiz zwar zugenommen.» Und: «2023 waren 13.4 Prozent der Landesfläche als Biodiversitäts-Schutzgebiete ausgewiesen.»
Das ist eine Erfolgsmeldung. Mehr Schutzgebiete. Mehr geschützte Fläche. Der Staat handelt. Der Staat weist aus. Der Staat reguliert.
Aber dann kommt der Einwand: «Dieser Zuwachs reiche aber nicht, um nationale und internationale Ziele zu erreichen.»
Nicht genug. Immer nicht genug. Die Flächen wachsen, aber die Ziele wachsen schneller. Oder die Ziele sind von Anfang an so hoch gesteckt, dass sie nie erreicht werden können. Das ist das Prinzip der Zielverfehlung: Man setzt das Ziel so hoch an, dass die Verfehlung programmiert ist. Und dann ruft man nach mehr Massnahmen.
Aber SRF fragt nicht: Wirken die Schutzgebiete überhaupt? Wenn die Zahl der Schutzgebiete zunimmt und die Biodiversität trotzdem abnimmt, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder die Schutzgebiete reichen nicht. Oder die Schutzgebiete wirken nicht.
Die erste Möglichkeit führt zur Forderung nach mehr Schutzgebieten. Die zweite führt zur Frage: Was machen wir falsch? Warum schützt der Schutz nicht?
SRF wählt die erste Möglichkeit. Es fordert mehr. Es fordert ein Gesamtkonzept für 2030 bis 2050. Es fordert gesetzliche Anpassungen. Es fordert eine Vision. Aber es fragt nicht, ob die bisherige Vision funktioniert hat. Es fragt nicht, ob 13.4 Prozent Schutzgebiet ausreichen würden, wenn sie richtig verwaltet würden. Es fragt nicht, ob das Problem nicht die Quantität der Flächen ist, sondern die Qualität des Managements.
Das ist wie bei den Klimazielen: Mehr vom Selben, weil das Bisherige nicht gereicht hat. Nie die Frage, ob das Bisherige das Richtige war.
Die Zahlen ohne Kontext
«35 Prozent der Arten sind gefährdet oder ausgestorben. 12 Prozent gelten als potenziell gefährdet.»
Das klingt dramatisch. Und es ist dramatisch. Aber was bedeutet es genau?
Wie viele Arten gibt es in der Schweiz? Welche Arten sind gefährdet? Welche sind ausgestorben? Seit wann? Warum? Ist der Rückgang beschleunigt oder verlangsamt? Gibt es Arten, die sich erholen? Gibt es Erfolge?
SRF nennt die Zahl. Aber es gibt keinen Kontext. Keine Entwicklung. Keinen Vergleich. Keine Differenzierung.
Das ist nicht Berichterstattung. Das ist Alarmismus. Die Zahl soll erschrecken, nicht informieren. Sie soll Handlung erzwingen, nicht Verständnis schaffen.
Und dann die Erfolgsmeldung, die keine ist: «Fortschritte gibt es beispielsweise in Wäldern.» Ein Beispiel. Ein einziges. Und es wird nicht erklärt, warum es in Wäldern Fortschritte gibt. Was macht der Wald richtig? Was können andere Lebensräume von ihm lernen? Ist es das Management? Ist es die Fläche? Ist es die Nutzung?
SRF fragt nicht. Es nennt den Fortschritt und geht weiter. Der Fortschritt ist eine Fussnote. Der Verlust ist die Schlagzeile.
Die Demokratie, die gescheitert ist
SRF schreibt: «Bei der Biodiversitätsinitiative, die 2024 an der Urne scheiterte, fand das Anliegen weder im Parlament noch bei der Stimmbevölkerung eine Mehrheit.»
Das ist ein bemerkenswerter Satz. Er erwähnt die Volksinitiative. Er erwähnt das Scheitern. Aber er erwähnt nicht, warum sie scheiterte. Er erwähnt nicht die Argumente der Gegner. Er erwähnt nicht die Bedenken der Landwirtschaft. Er erwähnt nicht die Sorge um die Nutzung des Landes. Er erwähnt nicht die Frage, wer die Kosten tragen soll.
Er erwähnt nur: Das Volk hat Nein gesagt. Und das Parlament auch.
Das ist die Demokratie, die nicht vorkommt. Das Volk hat abgelehnt, was die Experten fordern. Das Parlament hat abgelehnt, was der Bundesrat vorgeschlagen hat. Aber für SRF ist das kein demokratischer Entscheid. Es ist ein Hindernis. Ein Rückschlag. Ein Beweis dafür, dass die Politik nicht genug tut.
Aber was, wenn das Volk recht hat? Was, wenn die Menschen in den Tälern und auf den Höfen wissen, was sie tun? Was, wenn sie die Biodiversität schützen wollen, aber nicht um den Preis ihrer Existenz? Was, wenn sie die Initiative nicht abgelehnt haben, weil sie die Natur nicht schätzen, sondern weil sie die Massnahmen für falsch halten?
SRF stellt diese Frage nicht. Es bedauert das Scheitern. Es bedauert, dass das Volk nicht das gewählt hat, was die Experten für richtig halten. Es bedauert die Demokratie – und feiert die Ziele, die das Volk abgelehnt hat.
Die Agrarsubventionen, die niemand hinterfragt
SRF schreibt: «Der Bundesrat soll deshalb aufzeigen, welche Auswirkungen staatliche Beihilfen auf die Vielfalt der Lebensräume haben. Zudem soll er prüfen, wie sich negative Folgen von Agrarsubventionen für die Biodiversität verringern lassen.»
Das ist der wichtigste Satz des Artikels. Und er wird nicht analysiert.
Agrarsubventionen haben negative Folgen für die Biodiversität. Der Staat bezahlt die Landwirtschaft. Die Landwirtschaft zerstört Lebensräume. Der Staat beklagt den Verlust von Lebensräumen. Der Staat fordert mehr Schutzgebiete. Der Staat bezahlt weiterhin die Landwirtschaft, die die Schutzgebiete zerstört.
Das ist ein Kreislauf. Ein Kreislauf der Inkonsequenz. Der Staat zahlt für die Zerstörung, die er gleichzeitig beklagt. Er subventioniert die Intensivierung, die er regulieren will. Er fördert die Produktion, die er einschränken muss.
Aber SRF fragt nicht: Warum bezahlt der Staat für die Zerstörung der Biodiversität? Warum gibt es Agrarsubventionen, die negative Auswirkungen haben? Wer profitiert von diesen Subventionen? Und warum werden sie nicht abgeschafft, wenn sie schaden?
Die Antwort lautet: Weil die Landwirtschaft ein mächtiger Interessenverband ist. Weil die Bauern in den Bergen und auf dem Land Wähler sind. Weil das Parlament die Subventionen nicht streicht, weil es die Bauern nicht verärgern will. Weil die Demokratie – die SRF sonst ignoriert – hier sehr wohl funktioniert: Die Bauern wehren sich. Und sie haben Erfolg.
Aber SRF analysiert diesen Kreislauf nicht. Es fordert, dass der Bundesrat die Auswirkungen der Subventionen aufzeigt. Als ob er sie nicht schon kennte. Als ob das Problem die fehlende Erkenntnis wäre, nicht die fehlende Konsequenz.
Das Problem ist nicht, dass der Bundesrat die Auswirkungen nicht kennt. Das Problem ist, dass er sie nicht ändern kann. Weil das Parlament ihn nicht lässt. Weil die Bauern sich wehren. Weil die Demokratie funktioniert – nur nicht in die Richtung, die SRF möchte.
Die internationalen Ziele, die niemand hinterfragt
SRF schreibt: «Das Konzept soll das Erreichen der internationalen Ziele gewährleisten, zu denen sich die Schweiz verpflichtet hat.»
Internationale Ziele. Wieder. Wie beim Klima. Die Schweiz hat sich verpflichtet. Sie muss. Sie hat keine Wahl.
Aber wer hat sich verpflichtet? Der Bundesrat. Nicht das Volk. Nicht das Parlament. Der Bundesrat hat internationale Abkommen unterzeichnet, die nationale Verpflichtungen schaffen. Verpflichtungen, die das Volk nie abgenickt hat. Verpflichtungen, die die Demokratie übergehen.
Das ist das Prinzip der internationalen Verpflichtung: Man verlagert die Entscheidung auf die internationale Ebene, wo die Demokratie nicht hingehört. Man schafft Fakten, die das Parlament und das Volk nur noch abnicken können. Man bindet die Hände der nationalen Politik durch internationale Abkommen, die nicht demokratisch legitimiert sind.
SRF fragt nicht, ob diese internationalen Ziele realistisch sind. Es fragt nicht, ob sie der Schweizer Realität entsprechen. Es fragt nicht, ob sie demokratisch legitimiert sind. Es nennt sie als Fakt. Als unverrückbare Grösse. Als Massstab, an dem die Schweiz gemessen wird – und an dem sie notwendigerweise scheitert.
Die Frage, die SRF nicht stellt
Die Frage lautet nicht: Warum tut der Bundesrat nicht mehr für die Biodiversität?
Die Frage lautet: Warum wirkt das, was er tut, nicht? Wenn die Schutzgebiete zunehmen und die Biodiversität trotzdem abnimmt – was machen wir falsch? Ist es die Quantität der Flächen oder die Qualität des Managements?
Die Frage lautet: Warum bezahlt der Staat für die Zerstörung, die er beklagt? Warum gibt es Agrarsubventionen mit negativen Auswirkungen auf die Biodiversität? Und warum werden sie nicht abgeschafft?
Die Frage lautet: Was bedeutet es, wenn das Volk die Biodiversitätsinitiative ablehnt? Heisst das, dass das Volk die Natur nicht schätzen? Oder heisst das, dass das Volk die Massnahmen für falsch hält?
Die Frage lautet: Sind die internationalen Ziele realistisch? Sind sie demokratisch legitimiert? Oder sind sie politische Vorgaben, die die nationale Politik binden, ohne dass das Volk jemals zugestimmt hat?
SRF stellt keine dieser Fragen. Es nennt den Verlust. Es nennt die Forderung nach mehr Massnahmen. Es nennt die internationalen Ziele. Es nennt das Scheitern der Initiative – ohne zu analysieren, warum sie scheiterte. Es nennt die negativen Auswirkungen der Agrarsubventionen – ohne zu fragen, warum sie nicht abgeschafft werden. Und es ruft nach dem Bundesrat, der mehr tun soll – ohne zu fragen, ob das, was er tut, das Richtige ist.
Das ist keine Berichterstattung über die Biodiversität. Das ist die Reproduktion einer Perspektive, die den Staat als Retter sieht, die internationalen Ziele als Dogma, die Demokratie als Hindernis und die Landwirtschaft als Problem – ohne die Frage zu stellen, ob der Retter das Problem vielleicht selbst verursacht.
SRF erzählt die Geschichte vom Verlust der Biodiversität. Von den Arten, die verschwinden. Von den Lebensräumen, die zerstört werden. Aber es verschweigt, dass die Schutzgebiete zunehmen und die Biodiversität trotzdem abnimmt – und fragt nicht, ob der Ansatz falsch ist. Es verschweigt, dass das Volk die Biodiversitätsinitiative abgelehnt hat – und fragt nicht, warum. Es verschweigt, dass der Staat Agrarsubventionen bezahlt, die die Biodiversität zerstören – und fragt nicht, warum er für die Zerstörung bezahlt, die er beklagt. Es verschweigt, dass die internationalen Ziele nicht demokratisch legitimiert sind – und fragt nicht, wer sie gesetzt hat und mit welchem Mandat. Das ist keine Berichterstattung über die Biodiversität. Das ist die Reproduktion einer Perspektive, die den Staat als Retter sieht, die Ziele als Dogma, die Demokratie als Hindernis und die Landwirtschaft als Problem – ohne die Frage zu stellen, ob der Retter das Problem vielleicht selbst verursacht.
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