Die «gekreuzigte junge Frau» Dame Dittli
Dieser SRF/RTS-Beitrag ist ein Nahporträt der Waadtländer Regierungsrätin Valérie Dittli (Mitte), die seit Monaten massiv unter Druck steht: Ein Untersuchungsbericht eines ehemaligen Richters warf ihr «diverse Versäumnisse» vor, eine Parlamentsmehrheit forderte ihren Rücktritt — den sie verweigerte. Ein RTS-Team begleitete sie drei Tage lang. Das Resultat ist weniger ein investigativer Bericht über die Vorwürfe als ein einfühlsames Stimmungsbild aus ihrer Perspektive. Genau das macht es zum interessanten Fall: Hier liegt die Schlagseite nicht in einer Anklage, sondern in der fast vollständigen Übernahme der Sicht der Beschuldigten.
Zum SRF/RTS-Beitrag «Dittli: ‹Was ich gerade durchmache, ist schon sehr brutal›», Mise au point, 07.06.2026
Was der Beitrag gut macht
Zunächst das Legitime: Auch eine unter Druck stehende Politikerin hat ein Recht darauf, ihre Sicht darzulegen, und Journalismus, der nur die Anklage referiert, wäre ebenso einseitig wie sein Gegenteil. Dass RTS Dittli zu Wort kommen lässt, ist also nicht per se fragwürdig — im Gegenteil, das Prinzip audiatur et altera pars verlangt es geradezu. Lobenswert ist auch, dass der Beitrag die Faktenlage im Kern nicht verschweigt: Der Untersuchungsbericht, die «diversen Versäumnisse», die Rücktrittsforderung der Parlamentsmehrheit und vor allem die heikle Zahlung von 10'000 Franken aus öffentlichen Mitteln zur Rücknahme einer Strafanzeige — all das steht im Text. Wer genau liest, erkennt den Ernst der Vorwürfe.
Und der Beitrag ist, das gehört zur Fairness, bezüglich seines Zustandekommens transparent: Er weist aus, dass Dittli sich begleiten liess, weil sie «transparent sein und ihre Sicht vermitteln wollte», und verlinkt sogar eine Erläuterung des Journalisten zur Zusammenarbeit. Damit signalisiert er, dass es sich um ein von der Porträtierten gewünschtes Format handelt — der Leser ist gewarnt.
Der entscheidende Konstruktionsfehler: Drei Tage an ihrer Seite
Doch genau in diesem Zustandekommen liegt das Grundproblem. Ein Team begleitet die Beschuldigte drei Tage lang auf deren eigenen Wunsch. Das ist kein neutraler journalistischer Zugriff, sondern ein Setting, das strukturell Nähe und Sympathie erzeugt. Wer jemanden drei Tage begleitet, dessen traurige Momente miterlebt, dessen Alltag teilt, gerät fast zwangsläufig in eine empathische Perspektive. Das Format selbst ist die Botschaft: Es macht aus der Politikerin, über deren Amtsführung gestritten wird, einen Menschen, mit dem man mitfühlt.
Das Resultat ist denn auch ein Text, der von ihrer Gefühlslage dominiert wird. «Es gibt Momente, in denen ich wirklich extrem traurig bin.» «Was ich gerade durchmache, ist schon sehr brutal.» Diese Sätze stehen prominent am Anfang und prägen den ganzen Nachhall. Die Frage, die der Beitrag damit implizit stellt, ist nicht «Was hat sie falsch gemacht?», sondern «Wie geht es ihr dabei?» — und das ist eine Verschiebung von der Sache zur Person, von der Verantwortung zum Leiden.
Die fehlende Gegenseite — diesmal die der Ankläger
Das ist die eigentliche Leerstelle, und sie ist hier spiegelbildlich zu den anderen Stücken dieser Serie. Während dort meist die Regierungs- oder die unbequeme Seite zu kurz kam, fehlt hier die kritische Seite vollständig. Niemand kommt zu Wort, der die Vorwürfe vertritt: kein Parlamentarier der Mehrheit, die ihren Rücktritt forderte; nicht der ehemalige Richter, der die Versäumnisse dokumentierte; niemand aus dem Regierungskollegium, mit dem es die selbst eingeräumten «Komplikationen» gab. Die Anklage existiert im Text nur als abstrakte, gesichtslose Kulisse, gegen die sich Dittli verteidigen darf — und sie verteidigt sich ausführlich, mit dem letzten Wort, ohne Widerrede.
So entsteht ein einseitiges Tribunal mit umgekehrtem Vorzeichen: Die Beschuldigte hat einen Anwalt (den Beitrag selbst), die Anklage hat niemanden. Jeder ihrer Sätze bleibt unwidersprochen stehen.
Die Technik der Externalisierung
Aufschlussreich ist, wie Dittli ihre Verteidigung führt — und dass der Beitrag diese Strategie ungeprüft weiterreicht. Bei der heikelsten Affäre, der 10'000-Franken-Zahlung, schiebt sie die Verantwortung von sich: Die Anzeige sei «völlig unbegründet» gewesen, aber «das ganze System» habe sie zur Vereinbarung gedrängt — «der Staat Waadt, die beteiligten Anwälte und die Staatsanwaltschaft». Das ist eine bemerkenswerte Konstruktion: Sie unterzeichnet eine Zahlung öffentlicher Gelder und erklärt sich zugleich zum Opfer der Umstände, die sie dazu «gedrängt» hätten. «Ich wollte die Dinge gut machen.»
Genau hier hätte kritischer Journalismus nachhaken müssen: Wer hat konkret «gedrängt»? Warum 10'000 Franken Steuergeld für die Rücknahme einer angeblich «völlig unbegründeten» Anzeige — wenn sie unbegründet war, warum dann überhaupt zahlen? Stattdessen steht ihre Selbstdeutung unkommentiert da. Dasselbe Muster bei den Medien: «Die Medien haben von mir ein Bild, in dem ich mich nicht wirklich wiedererkenne.» Auch das ist eine Schuldverlagerung — nicht ihr Handeln sei das Problem, sondern dessen Darstellung. Der Beitrag übernimmt diese Opfer-Erzählung, statt sie zu hinterfragen.
Der Subtext: die «junge Frau», die man «kreuzigt»
Besonders verräterisch ist der redaktionelle Rahmen. Unter den «verwandten Artikeln» steht prominent: «Affäre Dittli: ‹Wie kann man eine junge Frau nur so kreuzigen?›». Dieses Framing — Dittli als junges, weibliches Opfer einer übermächtigen, erbarmungslosen Verfolgung — durchzieht auch das Porträt selbst. Schon der Einstieg betont, sie sei 2022 «mit dem Image der Frische» und «mit nur 29 Jahren» gewählt worden. Jugend, Frische, Weiblichkeit: Das sind Sympathie-Anker, die den Leser auf ihre Seite ziehen, bevor es um ihre Amtsführung geht.
Die Erzählung von der «gekreuzigten jungen Frau» ist rhetorisch wirkmächtig — aber sie ist auch ein Ablenkungsmanöver. Ob jemand jung, weiblich und sympathisch ist, hat nichts damit zu tun, ob die Vorwürfe der Amtsführung berechtigt sind. Ein Minister wird an seinen Amtshandlungen gemessen, nicht an seinem Alter oder Geschlecht. Indem der Beitrag (und mehr noch der verlinkte Artikel) das Alter und die «Frische» in den Vordergrund rückt, lädt er die sachliche Frage emotional auf und immunisiert die Porträtierte gegen Kritik: Wer jetzt noch nachbohrt, steht im Verdacht, eine junge Frau zu «kreuzigen».
Die unwidersprochenen Schlusspointen
Bezeichnend ist auch das Ende. Dittli darf zwei sympathische Schlussakzente setzen: Sie werde auf die «lebenslange Rente» der Waadtländer Staatsräte verzichten und traue sich zu, danach «eine gute Arbeit zu finden». Das ist eine geschickte Geste der Bescheidenheit und Unabhängigkeit — und sie steht, wie alles andere, unkommentiert und unwidersprochen am Schluss, als positiver Nachklang. Ob dieser Rentenverzicht rechtlich überhaupt relevant oder bloss eine PR-wirksame Ankündigung ist, fragt der Beitrag nicht. Er lässt die Pointe wirken.
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