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Die Form der Distanz
Medienkritik
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Die Form der Distanz

SRF/SRGGesellschaftDemokratie
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Zur SRF-Adaption der RTS-Reportage «Sarah: ‹Die Kunden konnten erahnen, dass ich minderjährig bin›», 8. Mai 2026

Was berichtet wird

Der Beitrag, ursprünglich produziert von RTS für die Sendung Temps présent vom 7. Mai 2026, wurde am Folgetag in gekürzter Textform auf SRF News publiziert. Er behandelt ein gesellschaftliches Problem von erheblicher Dimension. In Genf sind rund fünfzig Fälle von Prostitution Minderjähriger aktenkundig, im Kanton Waadt rund vierzig. Eine Genfer Inspektorin schätzt die Dunkelziffer höher. Aufgedeckt wurde das Phänomen durch den «Barbershop-Fall»: Sechs Minderjährige prostituierten sich über mehr als ein Jahr im Inneren eines Geschäfts in Genf. Acht Personen wurden verhaftet — die Betreiber und einzelne Kunden.

Die zentrale Stimme des Beitrags ist Sarah, ein Pseudonym. Sie war zum Tatzeitpunkt 16, heute 18. Ihre Kunden waren zwischen 20 und 60 Jahre alt. Eine zweite Stimme kommt aus Frankreich: Ylona, 16, prostituierte sich zwischen 11 und 15 Jahren. Sie wurde in einem Heim rekrutiert. Erzieher öffneten ihr das Tor, wenn die Kunden sie abholten. In Frankreich, so der Beitrag unter Berufung auf das Innenministerium, praktizierten 2024 rund 20'000 Minderjährige Sexarbeit, 140 Prozent mehr als 2016.

Am 5. Februar 2026 trafen sich Polizistinnen, Richter und Sozialarbeitende aus der Schweiz und Frankreich im französischen Annemasse. Ihr Schluss: Es brauche spezialisierte Heime. Sarah lebt heute in einer Erziehungseinrichtung, macht Psychotherapie, beginnt bald eine Lehre. «Ich habe Albträume. Aber ich gebe mein Bestes, um da rauszukommen.» Mit diesem Satz endet der Beitrag.

Das Format der Empathie

Die Konstruktion ist erzählerisch effizient. Zwei junge Frauen, zwei Schicksale, eine grenzüberschreitende Mobilisierung. Die Reportage operiert mit den Werkzeugen, die das Genre seit Jahrzehnten bereithält: anonymisierte Pseudonyme, kursive Direktzitate, eine Fachperson zur Einordnung («Man sieht, dass sie ein Kind ist»), eine Schlussformel mit Hoffnungsmoment. Das ist handwerklich nicht schlecht. Es ist auch genau das Format, das die fundamentale Auseinandersetzung mit dem berichteten Phänomen verhindert.

Die journalistische Operation der Reportage besteht darin, Empathie zu erzeugen. Der Leser soll mit Sarah fühlen. Er soll erschüttert sein über Ylona. Er soll am Ende, wenn er die Albtraum-Schlussformel liest, ein Gefühl der menschlichen Nähe zu den Opfern empfinden. Diese Empathie ist nicht falsch. Aber sie ist auch nicht ausreichend. Sie ist die emotionale Sättigung, die dem Leser erlaubt, den Text zu schliessen mit dem Gefühl, etwas Wichtiges erfahren zu haben — ohne dass Fragen offenblieben, die zu unbequemeren Folgerungen führen würden.

Die fehlenden Akteure

Ein gesellschaftliches Phänomen wie Kinderprostitution hat drei Gruppen von Akteuren: Opfer, Täter, Institutionen. Der Beitrag widmet sich der ersten Gruppe ausführlich. Er nennt Sarahs Schicksal, Ylonas Geschichte, die psychologische Verarbeitung, den Weg in die Therapie. Die zweite und dritte Gruppe bleiben konturlos.

Die Täter erscheinen als Schemen. «Acht Personen wurden verhaftet, darunter die Betreiber des Geschäfts, aber auch Kunden der Minderjährigen.» Das ist die einzige substantielle Information über die Täterschaft. Wer waren diese Männer? Welche Berufe, welche soziale Stellung, welches Alter? Wie fanden sie den Barbershop? Welche Netzwerke ermöglichten den jahrelangen Zugriff auf 16-Jährige in einem mitten in Genf gelegenen Geschäft? Die Reportage stellt diese Fragen nicht. Sie zitiert Sarahs Beobachtung, die Kunden hätten «erahnen können», dass sie minderjährig sei — «aber man musste es erahnen wollen». Damit ist die Frage erledigt. Die Männer, die sich in einen Genfer Barbershop begaben, um Sex mit Minderjährigen zu kaufen, bleiben namenlos, gesichtslos, soziologisch unerschlossen.

Diese Auslassung ist nicht zufällig. Sie ist Strukturmerkmal. Wenn die Reportage die Täter beschreiben würde — als die Steuerzahler, Familienväter, Berufstätigen, Pendler, die sie überwiegend sind —, würde sie das Phänomen aus der Sphäre des fernen Verbrechens in die Mitte der Gesellschaft holen. Sie würde Fragen aufwerfen, die unangenehm sind: Welche Männer sind das? Wie viele sind es? Was sagen die Statistiken über Sexkäufer in der Schweiz, in Frankreich, im deutschsprachigen Raum? Welche Kontinuität besteht zwischen legaler Prostitution Volljähriger und der Prostitution Minderjähriger, was die Käuferprofile betrifft? Diese Fragen sind beantwortbar. Es gibt Forschung dazu. Sie kommt im Beitrag nicht vor.

Die Heime

Die zweite Auslassung betrifft die Institutionen. Ylonas Geschichte enthält einen Satz, der die ganze Reportage in Frage stellt: «Die Erzieher sahen mich weggehen. Sie waren es, die mir das Tor öffneten.»

Das ist kein Nebendetail. Das ist ein institutionelles Versagen monströser Dimension. Erzieher in einer Jugendschutzeinrichtung übergeben ein 11- bis 15-jähriges Mädchen an erwachsene Männer, die es zur Prostitution abholen. Welche Einrichtung war das? Welche Aufsicht? Welcher Träger? Welche Konsequenzen wurden gezogen? Welche Erzieher wurden befragt, welche entlassen, welche strafrechtlich verfolgt?

Der Beitrag stellt keine dieser Fragen. Er verlegt die Episode nach Frankreich, behandelt sie als ausländisches Phänomen, kehrt zurück in die Schweiz und konstatiert, viele betroffene Mädchen lebten auch hierzulande in Heimen — in «familiärem, affektivem und schulischem Bruch», was sie zur «leichten Beute» mache. Die Verletzlichkeit der Mädchen wird damit als Eigenschaft der Mädchen beschrieben, nicht als Folge institutioneller Bedingungen. Heime erscheinen als neutrale Container, in denen verletzliche Jugendliche gelagert werden, bis Sexualstraftäter sie finden.

Die Schlussfolgerung des grenzüberschreitenden Treffens in Annemasse ist die logische Verlängerung dieser Lesart: Es brauche «spezialisierte Heime». Mehr Heime. Andere Heime. Bessere Heime. Heime, in denen die Tore nicht geöffnet werden. Aber Heime — als Antwort auf ein Heim-Versagen, dessen Mechanik nicht aufgearbeitet wird. Welche Heime, mit welchem Personal, mit welcher Aufsichtsstruktur, mit welcher Finanzierung — diese Fragen werden nicht gestellt. Die Forderung nach «spezialisierten Heimen» ist eine institutionelle Selbstreproduktion, die als Lösung verkauft wird.

Die Sprache

Der Sprachgebrauch des Beitrags ist verräterisch. «Junge Mädchen» — nicht: minderjährige Personen, nicht: Kinder. «Sexarbeit» — der Beitrag verwendet diesen Begriff für 11- bis 15-Jährige. Ylonas erster Kunde habe ihr gesagt, das sei nicht sein Problem, «denn er sei ein Kunde und ich sei die Arbeiterin». Diese Begriffsverwendung wird zitiert, aber nicht problematisiert. Die Reportage operiert mit einem Vokabular, das in der Debatte um erwachsene Prostitution entwickelt wurde — und das auf den vorliegenden Sachverhalt schlicht nicht passt. 11-jährige Kinder leisten keine «Sexarbeit». Sie werden vergewaltigt. Die Verwendung des Sexarbeit-Vokabulars im Kontext von Kindern ist eine sprachliche Operation, die Kindesmissbrauch in ein Lohnverhältnis übersetzt und damit verharmlost.

Auch die Beschreibung der Käufer als «Sexualstraftäter» — was sie strafrechtlich sind — wird im Beitrag nur einmal vorgenommen, in einem Halbsatz. Im Übrigen sind es «Kunden». Diese Wortwahl normalisiert. Wer ein Kind sexuell missbraucht, ist kein Kunde. Er ist ein Täter, der für seine Tat bezahlt. Der Beitrag übernimmt das Vokabular der Branche, gegen die er vorgeblich aufklärt.

Der grenzüberschreitende Vergleich

Die Schweizer Zahlen — neunzig erfasste Fälle in den beiden Westschweizer Kantonen — werden mit den französischen Zahlen kontrastiert: 20'000 Minderjährige in der Sexarbeit, ein Anstieg um 140 Prozent. Diese Gegenüberstellung hat eine entlastende Funktion. Sie suggeriert: In Frankreich explodiert das Phänomen, in der Schweiz ist die Lage vergleichsweise überschaubar. Wir müssen aufpassen, dass es nicht so wird wie dort.

Was die Reportage nicht thematisiert: Die Schweizer Zahlen beziehen sich nur auf die Westschweiz, und nur auf erfasste Fälle. Was ist mit den Deutschschweizer Kantonen? Mit Zürich, Basel, Bern? Welche kantonalen Erhebungen gibt es überhaupt? Wie wird das Phänomen statistisch erfasst, von welchen Stellen, mit welchen Methoden? Die Inspektorin sagt selbst: «Die reale Zahl ist meiner Meinung nach höher.» Diese Andeutung wird nicht weiter verfolgt. Der Beitrag konzentriert sich auf die zwei Westschweizer Kantone und überlässt die Frage der gesamtschweizerischen Dimension der Vorstellungskraft des Lesers.

Die französische Zahl von 20'000 Minderjährigen ist zudem ein Wert, der einer Einordnung bedürfte. Wie wurde sie erhoben? Welche Kategorien fasst sie zusammen — Strassenprostitution, Online-Vermittlung, Loverboy-Konstellationen, Gruppenvergewaltigung mit Bezahlung? Die undifferenzierte Zahl steht im Raum als dramatischer Kontrastpunkt, ohne dass ihre methodische Basis transparent gemacht würde.

Die emotionale Architektur

Was der Beitrag leistet, ist eine emotionale Architektur. Er beginnt mit dem Skandal des Barbershops, führt durch Sarahs Erinnerung, eskaliert mit Ylonas extremerem französischem Fall, schliesst mit der grenzüberschreitenden Mobilisierung und endet mit Sarahs Albtraum-Satz. Diese Dramaturgie funktioniert. Sie ist auch das Problem.

Indem die Reportage emotional sättigt, ersetzt sie die analytische Aufklärung. Der Leser fühlt mit. Er empört sich. Er wünscht den Mädchen Heilung. Er findet die Forderung nach «spezialisierten Heimen» plausibel, weil etwas getan werden muss. Was er nicht tut: weiterfragen. Wer kauft? Wer vermittelt? Wer schaut weg? Welche legalen Strukturen — Bordelle, Escort-Plattformen, Massagesalons, Barbershops (?!) — sind Schnittstellen, an denen sich das Phänomen anlagert? Welche politischen Entscheidungen über die Regulierung der Prostitution haben dazu beigetragen, dass eine Branche existiert, in der die Verschiebung von Volljährigen zu Minderjährigen ein gradueller Übergang ist?

Diese Fragen sind politisch. Sie würden zu Antworten führen, die einzelne politische Lager unbequem fänden. Die Reportage vermeidet sie und produziert dadurch ein Ergebnis, das politisch konsensfähig bleibt: Die Opfer leiden, etwas muss geschehen, mehr Heime sind die Antwort. Niemand widerspricht.

Die Schweizer Lesart

Die SRF-Übernahme der RTS-Reportage hat zudem eine eigene strukturelle Dimension. RTS produziert für die Westschweiz, SRF adaptiert für die Deutschschweiz. Die ursprüngliche Reportage ist Teil von Temps présent, einem investigativen Format mit längerem Atem. Die SRF-Textversion ist eine stark verkürzte Adaption, die auf einer Newsplattform erscheint. Was im Originalformat möglicherweise weiter ausgeführt war — Recherchen zu den Tätern, zu den Heimstrukturen, zur statistischen Erfassung —, geht in der Verkürzung verloren oder fehlte schon im Original. Eine Überprüfung wäre für die Beurteilung der Originalqualität nötig.

Die Tatsache, dass SRF die Reportage übernimmt und nicht durch eine eigene Deutschschweizer Recherche ergänzt, ist selbst eine Aussage. Das Phänomen wird als Westschweizer Problem mit französischer Zuspitzung präsentiert. Eine eigenständige journalistische Aufarbeitung der Deutschschweizer Verhältnisse — der Heime in Zürich, Bern, Basel, der entsprechenden Käuferstrukturen, der kantonalen Erfassungspraktiken — findet nicht statt. SRF berichtet, was RTS recherchiert hat. SRF recherchiert nicht selbst.

Der Befund

Die Reportage ist ein Lehrstück darin, wie ein gesellschaftliches Verbrechen in eine Erzählung individueller Schicksale aufgelöst wird, ohne dass die strukturellen Bedingungen des Verbrechens benannt werden. Die Opfer werden gezeigt, die Täter bleiben abstrakt, die Institutionen werden kritisiert, ohne benannt zu werden. Die Sprache normalisiert, indem sie Kinder zu «Sexarbeiterinnen» und Vergewaltiger zu «Kunden» macht. Die Schlussforderung — mehr Heime — verlangt mehr von dem System, das in einem der dargestellten Fälle die Tür geöffnet hat.

Was bleibt, ist eine Form von Berichterstattung, die Mitgefühl produziert, ohne politische Aussagen zu machen. Sie erzeugt Empathie, ohne Konsequenzen zu fordern. Sie zeigt das Leiden, ohne nach den Verursachern zu fragen. Sie schliesst mit Sarahs Satz: «Ich habe Albträume.» Die Männer, die diese Albträume produziert haben, haben Adressen, Berufe, Familien, Namen. Sie kommen in der Reportage nicht vor.

Wenn 20'000 Minderjährige in Frankreich Sex verkaufen, gibt es 20'000-fach Käufer. Wenn ein Genfer Barbershop über ein Jahr lang Sex mit sechs Minderjährigen vermittelt, hat das Geschäft Stammkundschaft. Diese arithmetische Selbstverständlichkeit fehlt im Beitrag. Sie fehlt nicht durch Zufall. Sie fehlt, weil ihre Adressierung das Format sprengen würde. Eine Reportage, die mit «Albträume» endet, kann nicht zugleich die Frage stellen, in welchen Schweizer Schlafzimmern die Männer schlafen, die diese Albträume verursacht haben. Eine Reportage, die «spezialisierte Heime» fordert, kann nicht zugleich fragen, welche Heimstrukturen das Problem überhaupt erst ermöglicht haben.

So entsteht ein journalistisches Produkt, das alles Notwendige sagt und nichts Unangenehmes. Das die Empörung kanalisiert, ohne sie produktiv zu machen. Das den Leser entlässt mit einem Gefühl der Anteilnahme und ohne ein Werkzeug zur Veränderung. Sarah hat Albträume. Der Leser hat Mitgefühl. Die Täter haben weiterhin freie Termine.

Die Politik fragt sich bloss: «Wir wollen aber verstehen, wieso so viele Barbershops, [...] entstanden sind.»

Kriminelle Strukturen, wahrscheinlich. Wer sitzt am Hebel, um dies nachzuprüfen?

Originalbeitrag auf X →

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