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Die Erzählung vom zusammenbrechenden Russland
Medienkritik
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Die Erzählung vom zusammenbrechenden Russland

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schwerwiegend
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*Wie SRF Wirtschaftskrise und Kriegsrekrutierung verknüpft — und dabei die unbequemen Fragen vermeidet

*Zum Beitrag von Calum MacKenzie: «Wie der Krieg Russland ärmer macht», 21. Mai 2026


Der Artikel von Calum MacKenzie ist handwerklich solide. Er zeigt Menschen, nicht Statistiken. Er lässt Betroffene sprechen. Er vermittelt ein Bild der Verzweiflung: eine Möbelfabrik ohne Kunden, ein Eisenbahnwerk ohne Aufträge, Männer, die aus Armut in den Krieg gehen.

Aber er ist auch ein Beispiel dafür, wie Berichterstattung durch Auslassung funktioniert. Was erzählt wird, stimmt wahrscheinlich. Was nicht erzählt wird, ist das Problem.

Das fehlende «Trotz»

Der Titel lautet: «Wie der Krieg Russland ärmer macht.» Das ist die These. Aber der Titel enthält ein Wort, das die These untergräbt: «Trotz hohem Ölpreis.»

Warum ist der Ölpreis hoch? Weil Russland vom Krieg im Iran profitiert. Das wird im ersten Satz eingeräumt, dann aber nie wieder aufgegriffen. Stattdessen heisst es: «Die Gewinne liegen unter dem Vorjahresniveau.»

Das ist eine seltsame Formulierung. Wenn die Ölpreise hoch sind und Russland Öl exportiert, dann steigen die Einnahmen. Wenn die Gewinne trotzdem unter dem Vorjahresniveau liegen, dann gibt es zwei mögliche Erklärungen:

Erstens: Russland verkauft weniger Öl. Das wäre eine Folge der Sanktionen.

Zweitens: Russland verkauft Öl mit Abschlag. Das ist dokumentiert — russisches Öl wird nach Asien mit Rabatt verkauft, weil europäische Käufer ausfallen.

Beide Erklärungen würden die These stützen, dass die Sanktionen wirken. Aber keine der beiden wird im Artikel erwähnt. Stattdessen bleibt es bei der Feststellung: Gewinne unter Vorjahresniveau. Das klingt nach Krise, aber es erklärt nichts.

Die selektive Krise

Der Artikel beschreibt zwei Unternehmen: eine Möbelfabrik und ein Eisenbahnwerk. Beide kämpfen. Beide sind Beispiele für den Druck auf die zivile Wirtschaft.

Aber was ist mit den Unternehmen, die profitieren? Die Rüstungsindustrie wächst. Die Militärausgaben sind auf einem historischen Hoch. Russland baut mehr Panzer, mehr Drohnen, mehr Munition als seit Jahrzehnten. Das sind auch Arbeitsplätze. Das ist auch Wirtschaft.

Der Artikel erwähnt die Militärausgaben — aber nur als Erklärung für den Rückgang der zivilen Nachfrage. «Russlands Militärausgaben verdrängen die zivile Wirtschaft», heisst es am Ende.

Das ist nicht falsch. Aber es ist unvollständig. Die Verdrängung der zivilen durch die militärische Wirtschaft ist kein Zeichen von Schwäche — es ist ein Zeichen von Kriegswirtschaft. Und Kriegswirtschaften funktionieren oft länger und besser als erwartet.

Die Frage lautet nicht: Ist die russische Wirtschaft in der Krise? Die Frage lautet: Ist die Krise tief genug, um den Krieg zu beenden?

Die Antwort des Artikels ist implizit: Ja. Die Armut treibt Männer in die Armee. Die Fabriken schliessen. Die Rezession kommt.

Aber die Antwort der Realität könnte lauten: Nein. Die Kriegswirtschaft produziert. Die Rekrutierung funktioniert. Der Ölfluss nach Asien sichert die Deviseneinnahmen.

Der alkoholisierte Rekrut

Der stärkste Moment des Artikels ist die Geschichte von Sergeis Bekanntem: Ein Mann, der nicht aufhören konnte zu trinken, und schliesslich einen Armeevertrag unterschrieb, «einfach, um da rauszukommen.»

Das ist ein erschütterndes Bild. Es zeigt die Verzweiflung. Es zeigt, wie Armut und Sucht Menschen in den Krieg treiben.

Aber es zeigt auch etwas anderes: dass die Rekrutierung funktioniert. Dass Russland genug Männer findet, die bereit sind, für Geld zu kämpfen. Dass die Armee, trotz aller Verluste, nicht auf Zwangsrekrutierung angewiesen ist.

Das ist eine unbequeme Tatsache. Denn sie bedeutet: Der Krieg kann weitergehen. Die russische Gesellschaft trägt ihn — vielleicht nicht gerne, aber sie trägt ihn.

Die fehlende Gegenrechnung

Der Artikel zitiert Studien: «Vor allem Männer, die unter der Armutsgrenze leben, lassen sich von der Armee rekrutieren.»

Das ist plausibel. Aber was heisst «Armutsgrenze» in Russland? Wie hat sich die Armutsgrenze in den letzten Jahren entwickelt? Wie viele Russen leben unterhalb der Armutsgrenze — und wie hat sich diese Zahl seit Kriegsbeginn verändert?

Keine dieser Fragen wird gestellt. Stattdessen bleibt es bei der Feststellung: Arme gehen in den Krieg. Das bestätigt die Erzählung vom verarmten Russland. Aber es erklärt nicht, ob die Armut wächst oder schrumpft, ob sie tiefer wird oder breiter.

Und es erklärt nicht die andere Seite: Was passiert mit dem Geld, das die Rekruten verdienen? Drei Millionen Rubel Rekrutierungsbonus — das ist das 30-fache von Sergeis altem Monatslohn. Wenn ein Mann den Krieg überlebt, kehrt er mit viel Geld zurück. Das Geld fliesst in die lokale Wirtschaft. Es bezahlt Wohnungen, Autos, Konsum.

Das ist keine Rechtfertigung des Krieges. Aber es ist ein Mechanismus, der die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges komplexer macht, als der Artikel darstellt.

Das Bild an der Wand

Ingvar Kamprad schaut auf die leere Fabrik. Der Ikea-Gründer, der 2004 kam, als alles noch möglich schien. Jetzt ist Ikea weg. Die Fabrik schreibt Verluste. Aber das Bild bleibt.

«Opa Ingvar inspiriert auch heute unseren Möbelbau», sagt der Werkmeister.

Das ist ein schönes Bild. Es steht für den Verlust der westlichen Verbindung. Für die Nostalgie nach einer Zeit, in der Russland Teil der globalen Wirtschaft war.

Aber es steht auch für etwas anderes: für die Weigerung, aufzugeben. Die Fabrik läuft wieder. Ohne Ikea, ohne westliches Kapital, ohne westliche Kunden. Sie läuft schlechter. Sie schreibt Verluste. Aber sie läuft.

Das ist nicht die Geschichte eines Zusammenbruchs. Das ist die Geschichte einer Anpassung. Und Anpassung ist das, was Sanktionen verhindern sollen.

Die Frage, die nicht gestellt wird

Die Frage lautet nicht: Leidet die russische Wirtschaft? (Ja, sie leidet.)

Die Frage lautet: Leidet sie genug, um den Krieg zu beenden?

Die Antwort des Artikels ist: Vielleicht. Die Armut wächst. Die Rekrutierung beschleunigt sich. Die Fabriken schliessen.

Die Antwort der Realität ist: Bisher nicht. Der Krieg dauert an. Die Rekrutierung funktioniert. Die Öl- und Gasexporte sichern die Einnahmen.

Warum wird diese Realität nicht stärker in den Vordergrund gerückt? Weil sie die Erzählung gefährdet. Die Erzählung lautet: Die Sanktionen wirken. Der Krieg ruiniert Russland. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Wenn diese Erzählung nicht stimmt, dann stellt sich die Frage: Was tun? Mehr Sanktionen? Direkte militärische Intervention? Oder Verhandlungen?

Das sind unbequeme Fragen. Und SRF zieht es vor, sie nicht zu stellen.


Der Artikel zeigt ein verarmtes Russland. Die Möbelfabrik ohne Ikea. Das Eisenbahnwerk ohne Aufträge. Die Männer, die aus Armut in den Krieg gehen. Es sind wahre Geschichten. Aber sie sind unvollständig. Was fehlt, ist die Gegenrechnung: Die Kriegswirtschaft, die läuft. Die Öl- und Gasexporte, die fliessen. Die Rekrutierung, die funktioniert. Die Anpassung, die stattfindet. Das heisst nicht, dass es Russland gut geht. Es heisst, dass es Russland besser geht, als die Erzählung vom Zusammenbruch nahelegt. Und das ist das Problem: Wenn die Erzählung nicht stimmt, dann stimmt auch die Politik nicht, die auf ihr basiert. Die Sanktionen sollen Russland in die Knie zwingen. Bisher haben sie es nicht geschafft. Aber anstatt diese Frage zu stellen, berichtet SRF von den Symptomen der Krise — und verschweigt, dass die Krise nicht tief genug ist, um den Krieg zu beenden.

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