Die Erfindung der digitalen Gewalt
Wie ein politisch konstruierter Begriff den Bürger zum Patienten macht und den Staat zum Therapeuten – und was die alternative Prämisse der mündigen Selbstermächtigung dagegen setzt
Es beginnt mit einem Wort. «Digitale Gewalt». SRF verwendet es, als wäre es eine Naturkonstante. Als wäre es ein Begriff, der vom Himmel fiel. Als wäre er einfach da, weil die Wirklichkeit ihn erfordert.
Aber der Begriff fiel nicht vom Himmel. Er wurde gemacht. Von politischen Akteuren. Mit einem Interesse.
Die Karriere eines Begriffs
Bis in die 1970er-Jahre verstand man unter Gewalt fast ausschliesslich physische Gewalt. Schläge, Tritte, Messerstiche. Gewalt war, was den Körper verletzt. Was Blut vergiesst. Was sichtbar ist.
Dann kam die Erweiterung. Die Frauenrechtsbewegung und die Soziologie erkannten: Gewalt kann auch psychisch sein. Demütigung, Isolation, emotionale Erpressung. Das war ein wichtiger Schritt. Psychische Gewalt ist real. Sie zerstört Selbstwert, sie erzeugt Traumata, sie macht krank.
Aber «digitale Gewalt» ist nicht die nächste logische Stufe dieser Entwicklung. «Physisch» und «psychisch» beschreiben, was getroffen wird: der Körper oder die Seele. «Digital» beschreibt, wo und womit etwas getan wird: im Netz, mit Technologie. Es ist eine andere Kategorie. Wie wenn man «Gewalt» und «Dienstag» kombinieren würde: Dienstagsgewalt. Es beschreibt den Zeitpunkt, nicht die Natur der Tat.
Digitale Gewalt ist funktional fast immer psychische Gewalt, ausgeübt mit neuen Werkzeugen. Die Mechanismen sind dieselben: Machtdemonstration, Demütigung, Kontrolle. Das Neue ist die Hebelwirkung: Ewigkeit, Hyper-Verbreitung, Anonymität. Das Internet verstärkt die zerstörerische Kraft psychischer Gewalt massiv. Aber es ändert nicht ihre Natur.
Warum also der neue Begriff? Weil ein neuer Begriff neue Zuständigkeiten schafft. Neue Stellen. Neue Stellen schaffen neue Budgets. Neue Budgets schaffen neue Abhängigkeiten. Und neue Abhängigkeiten schaffen neue Macht.
Die Erfinder
Wer hat den Begriff «digitale Gewalt» geprägt und popularisiert? SRF fragt nicht. Es zitiert Unicef und HateAid als Autoritäten. Als wären sie neutrale Experten. Als wären sie Wissenschaftler, die ein Phänomen beschreiben.
Unicef ist keine neutrale Organisation. Unicef ist eine politische Organisation, die Interessen vertritt. Unicef hat ein Interesse daran, das Problem gross darzustellen, weil das Problem die Organisation rechtfertigt. Kein Problem, keine Organisation. Keine Organisation, keine Budgets.
HateAid ist erst recht keine neutrale Organisation. HateAid sagt selbst: «Wir sind unabhängig und überparteilich. Aber wir sind nicht neutral.» HateAid ist eine wertegeleitete Kampagnenorganisation. Sie wählt Fälle strategisch aus. Sie steuert Prozesse. Sie führt Grundsatzprozesse, um die Rechtsprechung nach ihren Vorstellungen zu verändern. Und sie wird kritisiert, weil sie vor allem Fälle aus dem grün-linken Spektrum unterstützt und mit Steuergeldern finanziert wird.
Das heisst nicht, dass HateAid nichts Gutes tut. Es heisst: HateAid ist ein politischer Akteur. Und politische Akteure haben ein Interesse daran, Begriffe zu prägen, die ihre Arbeit rechtfertigen. Der Begriff «digitale Gewalt» rechtfertigt HateAid. Ohne ihn gäbe es HateAid in dieser Form nicht.
SRF erwähnt das nicht. Es zitiert Unicef und HateAid als wären sie neutrale Instanzen. Es übernimmt ihren Diktus ohne kritische Distanz.
Die Entwertung der Gewalt
Wenn alles Gewalt ist, was uns verletzt, dann ist nichts mehr Gewalt. Wenn ein beleidigender Tweet Gewalt ist, dann ist ein Schlag ins Gesicht auch nur ein Tweet. Wenn ein Shitstorm Gewalt ist, dann ist eine Vergewaltigung auch nur ein Shitstorm.
Das ist nicht nur eine semantische Frage. Es ist eine moralische. Die Entwertung des Gewaltbegriffs trifft diejenigen am härtesten, die tatsächlich physische Gewalt erleiden. Die Frau, die geschlagen wird. Das Kind, das missbraucht wird. Der Mann, der überfallen wird. Ihre Erfahrung wird relativiert, wenn derselbe Begriff für etwas verwendet wird, das man wegklicken kann.
Man kann entgegenhalten: Psychische Gewalt kann man auch nicht wegklicken. Psychische Gewalt ist real. Stalking, Bedrohung, systematische Demütigung – das sind Straftaten, die tiefe Wunden hinterlassen.
Ja. Aber dafür gibt es das Strafrecht. Und die Polizei. Das ist ihre Aufgabe. Dafür bezahlen wir sie. Nicht für eine Beratungsstelle, die Betroffenen sagt, dass sie Opfer sind. Sondern für eine Justiz, die Täter verfolgt.
Die Frage ist nicht, ob Online-Belästigung schlimm ist. Die Frage ist, ob der Begriff «Gewalt» hilfreich ist, um das Problem zu lösen. Und die Antwort lautet: Nein. Der Begriff «Gewalt» ist nicht hilfreich. Er emotionalisiert. Er polarisiert. Er ruft nach dem Staat, statt nach der Polizei. Er pathologisiert, statt zu ermächtigen.
Das Versagen, das den Staat ruft
Wie wir gezeigt haben: Wenn ein privater Verein scheitert, der sich gegen Online-Belästigung engagiert hat, lautet die erste Frage von SRF nicht: Warum ist er gescheitert? Die erste Frage lautet: Wer übernimmt? Die Lücke wird zum Argument. Das Argument für mehr Staat. Für eine neue Stelle. Für ein neues Budget. Für eine neue Abhängigkeit.
Das ist die Logik des therapeutischen Staates. Er produziert Bedürfnisse, die er dann befriedigt. Er definiert Probleme, die er dann löst. Er macht den Bürger zum Patienten und sich selbst zum Therapeuten. Und wer fragt: Brauchen wir das überhaupt? Der wird zum Leugner. Zum Verharmloser. Zum Verbündeten von Trump, wie SRF im Klimabeitrag suggerierte.
Die Alternative wird nicht diskutiert. Sie existiert nicht im Diskurs. Im Diskurs gibt es nur zwei Optionen: Entweder es gibt eine Beratungsstelle, oder die Betroffenen sind allein.
Aber es gibt eine dritte Option.
Die alternative Prämisse: Mündige Selbstermächtigung
Die alternative Prämisse basiert auf dem Prinzip der mündigen Selbstermächtigung anstelle einer Viktimisierung. Sie rückt das Individuum als handlungsfähiges Subjekt in den Mittelpunkt.
Bürger statt Patient. Betroffene werden als wehrhafte, erwachsene Staatsbürger begriffen, nicht als behandlungsbedürftige Opfer. Wer online belästigt wird, ist nicht krank. Er ist angegriffen. Und wer angegriffen wird, kann sich wehren. Er braucht keine Therapie. Er braucht Werkzeuge.
Handlungswerkzeuge statt Betreuung. Der Fokus liegt auf technischer und juristischer Selbsthilfe. Blockieren. Melden. Anzeigen. Diese Werkzeuge existieren. Sie sind zugänglich. Sie funktionieren. Was fehlt, ist nicht die Beratung. Was fehlt, ist das Wissen um die Werkzeuge. Und das Vertrauen, sie zu nutzen.
Eigenverantwortung statt Staatsabhängigkeit. Digitale Resilienz wird durch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gestärkt, nicht durch institutionelle Begleitung. Wer lernt, dass er sich selbst helfen kann, wird stärker. Wer lernt, dass er Hilfe braucht, wird schwächer. Die therapeutische Prämisse schwächt die, die sie stärken will. Die alternative Prämisse stärkt die, die sie ermächtigt.
Wut statt Symptom. Ärger über Angriffe wird als gesunder Ansporn zur Gegenwehr gewertet, nicht als psychische Belastung. Wer wütend ist, weil er belästigt wird, hat ein Problem. Aber das Problem ist nicht seine Wut. Das Problem ist der Belästiger. Die Wut ist die Antwort. Die Wut ist der Antrieb, zu blockieren, zu melden, anzuzeigen. Die therapeutische Prämisse pathologisiert die Wut. Sie sagt: Du bist verletzt. Du brauchst Hilfe. Die alternative Prämisse legitimiert die Wut. Sie sagt: Du bist angegriffen. Wehr dich.
Die Frage, die SRF nicht stellt
Die Frage lautet nicht: Wie schützen wir die Opfer digitaler Gewalt?
Die Frage lautet: Warum machen wir die Opfer zu Opfern? Warum geben wir ihnen eine Diagnose statt eines Werkzeugs? Warum sagen wir ihnen, dass sie Hilfe brauchen, statt dass sie sich selbst helfen können? Warum rufen wir nach dem Staat, wenn wir nach der Polizei rufen sollten? Warum erfinden wir Begriffe wie «digitale Gewalt», die den Bürger zum Patienten machen und den Staat zum Therapeuten?
Die Antwort lautet: Weil der therapeutische Staat die Opfer braucht. Weil die Beratungsstellen die Opfer brauchen. Weil die politischen Akteure die Opfer brauchen. Ohne Opfer keine Stellen. Ohne Stellen keine Budgets. Ohne Budgets keine Macht.
Die alternative Prämisse nimmt den Opfern ihre Opferrolle. Sie sagt: Du bist kein Opfer. Du bist ein Bürger. Du hast Werkzeuge. Du hast Rechte. Du kannst dich wehren.
Das ist die gefährlichste Prämisse von allen. Denn sie macht den Staat überflüssig. Und ein überflüssiger Staat ist ein Staat, der seine Legitimation verliert.
Darum wird die alternative Prämisse nicht diskutiert. Darum wird der Begriff «digitale Gewalt» nicht hinterfragt. Darum wird das Scheitern von Netzcourage der Technologie zugeschrieben und nicht der falschen Prämisse. Darum ruft SRF nach dem Staat, statt nach der Resilienz.
Nicht weil die Alternative nicht existiert. Sondern weil sie zu gut funktioniert – für den Bürger. Und zu schlecht – für den therapeutischen Staat.
Der Begriff «digitale Gewalt» ist nicht eine Beschreibung der Wirklichkeit. Er ist ein Werkzeug der Macht. Er erfindet eine Kategorie, die neue Zuständigkeiten schafft. Neue Stellen. Neue Budgets. Neue Abhängigkeiten. Er macht den Bürger zum Patienten und den Staat zum Therapeuten. Er entwertet den Begriff der echten Gewalt. Er verschweigt, dass die Alternative existiert: die mündige Selbstermächtigung. Bürger statt Patient. Handlungswerkzeuge statt Betreuung. Eigenverantwortung statt Staatsabhängigkeit. Wut statt Symptom. Diese Alternative wird nicht diskutiert, weil sie den therapeutischen Staat überflüssig macht. Und ein überflüssiger Staat ist ein Staat, der seine Legitimation verliert. SRF reproduziert die therapeutische Prämisse, ohne sie zu hinterfragen. Es übernimmt den Begriff «digitale Gewalt» von politischen Akteuren wie Unicef und HateAid, ohne deren Eigeninteressen zu erwähnen. Es ruft nach dem Staat, statt nach der Resilienz. Das ist nicht Berichterstattung. Das ist die Reproduktion einer politischen Agenda, die den Bürger zum Patienten macht und den Staat zum Therapeuten.
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