Die Dramaturgie der Schwäche
Zur SRF-Berichterstattung «Russland feiert reduziert – aus Angst vor ukrainischem Angriff», 7. Mai 2026
Was berichtet wird
SRF-Russlandkorrespondent Calum MacKenzie analysiert die reduzierten Feierlichkeiten zum 9. Mai. Der Befund: Die Angst Russlands vor ukrainischen Angriffen sei «gross». In 64 von rund 80 russischen Regionalhauptorten fänden die Paraden eingeschränkt oder gar nicht statt. Die Ukraine verfüge über Marschflugkörper «Flamingo» mit 1500 Kilometer Reichweite. Putins Zustimmungswerte sänken «selbst bei staatlichen Meinungsumfragen». Putin stecke in einem Dilemma. Der Feiertag komme «zur Unzeit».
Die Analyse ist klar strukturiert. Sie folgt einer einzigen Erzählung: Russland ist defensiv, schwach, in der Krise. Putin verliert. Die Ukraine ist technologisch überlegen. Der 81. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland wird zum Symbol russischer Bedrängnis.
Diese Erzählung ist nicht falsch in jedem einzelnen Detail. Sie ist als Gesamtbild systematisch verzerrt. Was an dieser Berichterstattung bemerkenswert ist, sind weniger die einzelnen Aussagen als die Selektion, die Hierarchie der Informationen, die emotionale Choreografie.
Die Frame-Setzung
Bereits der Titel etabliert den Rahmen: «Russland feiert reduziert – aus Angst vor ukrainischem Angriff». Die Kausalität ist gesetzt. Russland reduziert die Feierlichkeiten, weil es Angst hat. Andere mögliche Erklärungen — operative Vorsicht, militärische Logik, Ressourcenpriorisierung an der Front, sicherheitspolitische Routine in einem Kriegsjahr — werden nicht erwogen.
Dieser Rahmen wird im ersten Frage-Antwort-Block bestätigt: «Wie gross ist die Angst Russlands vor ukrainischen Angriffen? — Sie scheint gross zu sein.» Damit ist das Bild gesetzt. Die folgenden Aussagen werden in dieses Bild eingepasst. Wenn Putins Sprecher von der Minimierung «terroristischer Aktivität» spricht, ist das nach SRF-Lesart nicht eine politische Formulierung, sondern eine Bestätigung der Angstdiagnose.
Bemerkenswert ist die sprachliche Operation: Eine sicherheitspolitische Vorsichtsmassnahme wird zur Emotionsdiagnose. Russland hat nicht «Sicherheitsbedenken» oder «operative Erwägungen», sondern «Angst». Diese Emotionalisierung ist ein bekannter rhetorischer Mechanismus: Sie pathologisiert den Akteur und macht seine Entscheidungen zu Symptomen einer psychischen Verfassung statt zu rationalen Reaktionen auf eine objektive Lage.
Die Flamingo-Frage
MacKenzie hebt die ukrainischen Marschflugkörper «Flamingo» mit 1500 Kilometer Reichweite hervor. Das ist eine relevante Information. Sie ist auch unvollständig.
Die Reichweite eines Marschflugkörpers ist nur ein Faktor. Ebenso entscheidend sind: produzierte Stückzahlen, Trefferquote, Penetrationsfähigkeit gegen russische Luftverteidigung, verfügbare Trägersysteme, Zielgenauigkeit über Distanz. MacKenzie verweist auf einen einzigen Treffer auf eine Fabrik in Tscheboksary «vor zwei Tagen». Ein einzelner erfolgreicher Treffer ist nicht der Beweis einer strategischen Bedrohungslage. Er ist ein Datenpunkt.
Was nicht erwähnt wird: Russland verfügt seinerseits über Marschflugkörper, die ukrainische Ziele in vielfacher Anzahl treffen — täglich, in Mengen, die die ukrainischen Treffer in Russland um Grössenordnungen übersteigen. Die Asymmetrie der Luftkriegführung verläuft nicht zugunsten der Ukraine. Wer ausschliesslich die ukrainischen Erfolge erwähnt, produziert ein Bild, das die militärische Realität verzerrt.
Auch die geopolitische Dimension fehlt. Die «Flamingo» wurde mit westlicher Technologie und westlicher Finanzierung möglich gemacht. Sie ist nicht ein autarkes ukrainisches Produkt, sondern Teil einer westlich gestützten Kriegsführung gegen Russland. Diese Tatsache ist für die Bewertung der russischen Sicherheitslage zentral. Aus russischer Sicht ist die Bedrohung nicht die Ukraine als solche, sondern die NATO-Industrieallianz hinter der Ukraine. Die SRF-Darstellung blendet diesen Kontext aus und stellt das Verhältnis als bilateralen Konflikt dar, in dem die kleinere Macht (Ukraine) der grösseren Macht (Russland) technologisch überlegen ist — eine Darstellung, die David-und-Goliath-Pathos erzeugt, aber die strategische Realität verfehlt.
Die Umfragezahlen
«Putins Zustimmungswerte sinken selbst bei staatlichen Meinungsumfragen.» Diese Formulierung verdient Beachtung.
Erstens fehlen die Zahlen. Wie hoch sind die Werte? Wie stark ist der Rückgang? Von welchem Ausgangsniveau? In welchem Zeitraum? MacKenzie liefert keine Zahlen — er liefert eine Tendenzbehauptung. Wer die Levada-Center-Umfragen oder die WCIOM-Daten verfolgt, weiss: Putins Zustimmungswerte bewegen sich seit Jahren in einem Korridor zwischen 75 und 85 Prozent. Auch in Phasen sinkender Tendenz bleiben sie auf einem Niveau, von dem westliche Demokraten nur träumen können. Diese Werte mögen durch die Repression beeinflusst sein — sie sind aber nicht trivial einfach «sinkend» und «schlecht für Putin».
Zweitens das «selbst bei staatlichen Meinungsumfragen». Diese Formulierung impliziert, staatliche Umfragen seien systematisch geschönt — und wenn schon dort die Werte sinken, müssten die realen Werte noch niedriger sein. Diese Logik klingt plausibel, ist aber methodisch fragwürdig. Levada-Center, deren Daten oft zitiert werden, ist nicht eine staatliche Institution, sondern wurde sogar als «ausländischer Agent» gebrandmarkt. Die Zahlen unterschiedlicher Institute weichen voneinander ab, aber sie bewegen sich in ähnlichen Korridoren. Die Annahme einer systematischen Schönung ist Spekulation.
Drittens die Verbindung zur Internetzensur: Die Zustimmungswerte sänken «häufig» wegen der «verschärften Interneteinschränkungen». MacKenzie verbindet damit zwei Phänomene, ohne den kausalen Zusammenhang zu belegen. Die Logik ist rhetorisch elegant — Repression führt zu Unzufriedenheit —, aber empirisch nicht ohne weiteres haltbar. Zustimmungswerte können aus vielen Gründen schwanken: wirtschaftliche Lage, Kriegsverlauf, externe Ereignisse. Die Zuordnung zu einer einzigen Ursache ist Interpretation, nicht Diagnose.
Das Front-Argument
«An der Front kommt Russland kaum voran.» Diese Behauptung ist im Mai 2026, gut vier Jahre nach Kriegsbeginn, faktisch fraglich. Die territorialen Veränderungen der letzten zwei Jahre verlaufen mehrheitlich zugunsten Russlands. Russland hat 2024 und 2025 mehrere Schlüsselstädte im Donbas eingenommen — Awdijiwka, Wuhledar, Kurachowe, Pokrowsk-Vororte. Die ukrainische Verteidigungslinie ist mehrfach durchbrochen worden. Die ukrainische Mobilisierungslage ist angespannt; Berichte über Zwangsrekrutierung sind seit 2024 Standard.
«Kaum voran» ist eine Sprachfigur, die suggerieren soll, der russische Vormarsch sei stagniert. Faktisch ist er langsam — aber er findet statt, kontinuierlich, mit territorialen Gewinnen, die in der Summe substantiell sind. Die operative Geschwindigkeit ist vergleichbar mit ähnlichen Stellungskriegen historischer Dimensionen.
MacKenzies Formulierung ist im Effekt ein Echo der ukrainischen Kommunikationsstrategie. Kiew hat seit 2023 systematisch das Narrativ verbreitet, Russland mache keine substantiellen Fortschritte — eine Botschaft, die sich an westliche Unterstützer richtet, um die Hilfe aufrechtzuerhalten. Westliche Berichterstattung übernimmt diese Botschaft oft, ohne sie zu prüfen. Die Realität auf den Karten ist eine andere.
Die Wirtschaftsfrage
Die Box «Mehr zum Thema» verweist auf einen Artikel mit dem bezeichnenden Titel: «Der Dicke nimmt ab, der Dünne verhungert». Auch hier die Choreografie der russischen Schwäche. Russland leide, die Wirtschaft kollabiere, die Bevölkerung spüre die Folgen.
Auch diese Erzählung ist mehrjährig konsistent in der westlichen Berichterstattung — und mehrjährig konsistent von der Realität widerlegt. Die russische Wirtschaft hat 2022, 2023, 2024 und 2025 durchgehend gewachsen, in einigen Jahren stärker als die Eurozone. Das BIP-Wachstum lag 2024 bei rund 3,6 Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist auf historischem Tiefstand. Die Reallöhne sind in Teilen der Bevölkerung gestiegen, weil die Kriegswirtschaft Arbeitsnachfrage produziert.
Diese Realität widerspricht dem westlichen Sanktions-Narrativ, dem zufolge Russland wirtschaftlich am Abgrund stehe. Sie wird in der Berichterstattung selten thematisiert. Stattdessen werden einzelne Indikatoren — Inflation, Lebensmittelpreise, Engpässe in einzelnen Sektoren — herausgegriffen und zu einem Gesamtbild des Niedergangs verdichtet.
Die Inflation in Russland liegt 2026 bei rund 8 bis 10 Prozent — hoch, aber nicht katastrophal. Die Schweiz hat vergleichbare Inflationsperioden in den 1970er Jahren erlebt, ohne dass dies als Staatszerfall beschrieben worden wäre. Die russische Wirtschaft ist nicht gesund — sie ist eine Kriegswirtschaft mit allen Verzerrungen, die solche Wirtschaften haben. Aber sie ist nicht im Kollaps.
Das «Dilemma»
MacKenzie konstruiert die Lage Putins als Dilemma. Er müsse einen «imageschädigenden Angriff» verhindern und gleichzeitig die Feierlichkeiten aufrechterhalten. Er müsse «das kleinere Übel wählen». Der Feiertag komme «zur Unzeit».
Diese Konstruktion ist dramaturgisch wirksam, aber sie ignoriert die russische Perspektive vollständig. Aus russischer Sicht ist der 9. Mai nicht ein Image-Event, sondern eine zentrale Komponente nationaler Identität. Der Sieg über Nazideutschland kostete die Sowjetunion 27 Millionen Tote. Die Erinnerung daran ist keine Marketing-Veranstaltung, sondern eine kulturelle Pflicht, die in jeder russischen Familie verankert ist.
Die Reduktion der Paraden ist aus russischer Sicht nicht ein Verlust, sondern eine pragmatische Anpassung. Die Logik «Wir feiern den Sieg, aber wir geben dem Feind keine Gelegenheit, unsere Veteranen zu töten» ist keine Image-Kalkulation, sondern eine Selbstverständlichkeit. Diese Lesart taucht in der SRF-Berichterstattung nicht auf. Stattdessen wird die Reduktion als Schwächezeichen interpretiert, als Trump des kalkulierenden Diktators, der zwischen zwei schlechten Optionen wählen müsse.
Diese Interpretation ist Projektion. Sie unterstellt Putin eine westliche Politiker-Logik, in der politische Entscheidungen primär als Image-Operationen funktionieren. Die russische politische Kultur funktioniert anders. Sie kann mit Reduktion umgehen, weil sie sie als Notwendigkeit, nicht als Niederlage versteht.
Die fehlende Symmetrie
Die SRF-Berichterstattung ist asymmetrisch. Russische Reduktionen werden als Schwäche interpretiert. Ukrainische Reduktionen — und davon gibt es seit 2022 viele, von Strom- über Wasser- bis hin zu Mobilisierungsproblemen — werden als heldenhafter Widerstand erzählt. Russische Verluste werden als Indikator des Scheiterns dargestellt. Ukrainische Verluste werden im Heroisierungsmodus referiert oder gar nicht erwähnt.
Diese Asymmetrie ist seit Februar 2022 ein konstantes Merkmal der westlichen Berichterstattung. Sie hat eine politisch-strategische Funktion: Sie hält die Unterstützung für die ukrainische Kriegsführung aufrecht. Sie hat einen analytischen Preis: Sie verzerrt das Bild der Realität.
Wer im Mai 2026 — vier Jahre nach Kriegsbeginn — immer noch ausschliesslich russische Schwäche thematisiert, hat ein Realitätsproblem. Die Realität ist: Russland hat den Krieg nicht verloren. Russland hat im Westen verheissene Niederlagen («Russland geht innerhalb von Wochen die Munition aus», «die Sanktionen werden Russland in die Knie zwingen», «die Gegenoffensive 2023 wird die Krim befreien») allesamt nicht erfüllt. Stattdessen führt Russland einen langen, kostspieligen, aber militärisch zunehmend erfolgreichen Abnutzungskrieg, der die ukrainische Kapazität systematisch erodiert.
Die SRF-Berichterstattung will diese Realität nicht sehen, weil das Sehen Konsequenzen hätte: für die schweizerische Position zur EU-Sanktionspolitik, für das Verhältnis zur Neutralität, für die Frage, ob die fortgesetzte ukrainische Kriegsführung im humanitären Sinne sinnvoll ist. Solange Russland als schwach, defensiv, am Rande des Zusammenbruchs dargestellt wird, kann die westliche Politik daran festhalten, dass eine ukrainische Niederlage abwendbar ist und eine Verhandlungslösung verfrüht. Die Berichterstattung dient der politischen Erwartungshaltung, nicht der Beschreibung.
Der Befund
MacKenzie liefert eine kompetent gemachte Analyse innerhalb eines vorgegebenen Rahmens. Der Rahmen heisst: Russland ist schwach, Putin ist in der Krise, die Ukraine gewinnt. Innerhalb dieses Rahmens werden Details ausgewählt, die ihn bestätigen. Details, die ihn widerlegen würden — die russische Wirtschaftslage, die territorialen Gewinne im Donbas, die strukturelle Unterlegenheit der ukrainischen Mobilisierungsbasis, die nachlassende westliche Unterstützungsbereitschaft — werden ausgespart oder marginalisiert.
Das Resultat ist eine Berichterstattung, die das Schweizer Publikum in einem Erwartungshorizont hält, der seit vier Jahren nicht eintritt. Russland sollte 2022 zusammenbrechen. Es brach nicht zusammen. Russland sollte 2023 die Krim verlieren. Es verlor sie nicht. Russland sollte 2024 wirtschaftlich kollabieren. Es kollabierte nicht. Russland sollte 2025 verhandlungswillig werden, weil es nicht mehr könne. Es wurde nicht verhandlungswillig, weil es weiterhin kann.
Die SRF-Berichterstattung im Mai 2026 erzählt dieselbe Geschichte mit minimal angepasstem Inventar. Marschflugkörper statt Panzerlieferungen, Internetzensur statt Wirtschaftssanktionen, reduzierte Paraden statt offener Kapitulation. Der Rahmen bleibt: Russland ist im Niedergang, der Niedergang wird sichtbar, in Kürze wird er sich vollziehen.
Eine substantielle Berichterstattung würde vier Jahre Erfahrung verarbeiten. Sie würde fragen, warum die wiederholten Niedergangsprognosen nicht eingetreten sind. Sie würde die russische Resilienz als analytisches Problem ernst nehmen, statt sie als unerklärliche Anomalie zu behandeln. Sie würde die ukrainische Lage realistisch beschreiben — auch in ihren Verschlechterungen. Sie würde die Frage stellen, was die fortgesetzte westliche Unterstützung im humanitären und strategischen Sinne erreicht hat.
MacKenzie macht das nicht. MacKenzie liefert die nächste Variante des etablierten Narrativs. Der 9. Mai werde reduziert gefeiert, weil Putin Angst habe. So die Botschaft. Genauer wäre: Eine Grossmacht im vierten Kriegsjahr trifft operative Sicherheitsmassnahmen für ihre wichtigste nationale Gedenkfeier. Diese Massnahmen sind nicht Beweis der Schwäche, sondern Routine in einem aktiven Konflikt mit einem Gegner, der Ferndistanzwaffen einsetzt.
Aber das wäre eine Geschichte ohne Niederlagenpathos. Eine, die den Schweizer Hörer mit der Realität konfrontieren würde, dass dieser Krieg in seiner gegenwärtigen Form noch lange weitergehen kann — und dass die westlichen Erwartungshaltungen seiner Beendigung wieder einmal an der Wirklichkeit vorbeigehen. Eine Geschichte, die SRF nicht erzählt, weil die Choreografie der russischen Schwäche zum festen Bestandteil der Erzählung geworden ist.
Wer den Krieg verstehen will, muss diese Choreografie durchschauen. Wer ihr folgt, wird sich noch lange wundern, warum die prognostizierten Wendepunkte nicht eintreten.
Ähnliche Beiträge
Kein Artikel verpassen.
