Die diesjährige Messung liegt im negativen Mittelfeld einer hochvariablen Zeitreihe
Zur SRF-Berichterstattung «Wenig Schnee auf Schweizer Gletschern», 8. Mai 2026
Was berichtet wird
SRF meldet am 8. Mai: Die Schneemenge auf den Schweizer Gletschern liegt 25 Prozent unter dem Durchschnitt der Referenzperiode 2010-2020. Die Gletscher seien «schlecht gerüstet» für den Sommer. GLAMOS-Leiter Matthias Huss erläutert die Konsequenzen: Wenn der Schnee fehle, beginne die Eisschmelze früher. Der April sei trocken gewesen. Einzelne Gletscherzungen hätten bereits zu schmelzen begonnen. Im Engadin lägen die Werte 39 bis 42 Prozent unter dem Durchschnitt.
Das ist die Geschichte, die der Text erzählt. Es ist nicht die Geschichte, die in der Grafik steht, die SRF im selben Artikel publiziert.
Die eigene Grafik
SRF zeigt eine Zeitreihe der prozentualen Abweichung der Winterschneemenge auf Gletschern, jeweils zum 30. April, gegenüber der Referenzperiode 2010-2020. Die Datenpunkte, die SRF selbst publiziert:
−15.8, −22.3, −19.2, −23.8, +18.4, −31.3, −33.4, −2.3, 0, −0.4, +1.2, −9.8, −13.5, +31.8, +23.7, −7.8, +8.3, −32, −21.7, +31.5, −12.5, −25.5
Wer diese Zahlen liest, sieht etwas anderes als die im Text gezeichnete Niedergangsgeschichte. Er sieht eine extreme Jahresvariabilität. Er sieht Jahre mit +31,8 Prozent und Jahre mit −33,4 Prozent. Er sieht, dass das aktuelle Jahr (−25,5) nicht einmal in der schlechteren Hälfte der Verteilung liegt, sondern im Mittelfeld der negativen Jahre. Er sieht, dass dem Vorjahr (oder einem der jüngsten Jahre) +31,5 Prozent zugeordnet sind — also eine Schneemenge, die deutlich über dem Referenzdurchschnitt lag.
Diese Beobachtung verändert die Lesart. Wenn die Variabilität von Jahr zu Jahr zwischen +32 und −33 Prozent schwankt, dann ist eine einzelne Jahresmessung von −25,5 Prozent nicht das, was die SRF-Schlagzeile suggeriert. Sie ist eine normale Variation in einem System, das ohnehin starke Jahresschwankungen aufweist.
Im Text findet sich kein Hinweis auf diese Variabilität. Es heisst nicht: «Die Schneemenge schwankt seit 2005 jährlich zwischen +32 und −33 Prozent; der aktuelle Wert liegt im negativen Mittelfeld.» Es heisst: «25 Prozent weniger Schnee.» Diese Formulierung impliziert eine Tendenz, die in der Grafik so nicht erkennbar ist.
Die Wahl der Referenzperiode
Die Referenzperiode 2010-2020 wird als selbstverständlich präsentiert. Sie ist nicht selbstverständlich. Sie ist eine Wahl mit Konsequenzen.
Die Periode 2010-2020 umfasst Jahre, die in der gegenwärtigen Klimaforschung selbst als bereits stark von der Erwärmung beeinflusst gelten. Wenn 25 Prozent weniger Schnee liegt als im Durchschnitt der vorangegangenen Dekade, sagt das etwas über die Differenz zu dieser Dekade — nicht über die Differenz zu einem klimatisch unverzerrten Ausgangszustand. Eine Referenz, die etwa die Periode 1960-1990 verwendete, würde andere Zahlen produzieren — möglicherweise grössere Abweichungen, möglicherweise auch geringere, je nachdem, welche Phänomene (Niederschlag im Winter, Temperatur im Frühling) wie stark mit der Erwärmung korrelieren.
Der entscheidende Punkt ist nicht, welche Referenz die richtige ist. Der entscheidende Punkt ist: Die Wahl wird im Artikel nicht thematisiert. Sie erscheint als wissenschaftlicher Standard. Tatsächlich ist sie eine Setzung, die das Ergebnis prägt. Wer mit einer warmen Periode vergleicht, findet andere Zahlen als wer mit einer kalten Periode vergleicht. Eine seriöse Berichterstattung würde diese methodische Voraussetzung offenlegen.
Wetter und Klima
Im Text wird der Befund «25 Prozent weniger Schnee» mit einer aktuellen Wetterlage verknüpft: «Bis auf wenige Wochen sei es in diesem Winter sehr trocken gewesen, ähnlich wie in den Jahren 2022 und 2023.» Das ist eine korrekte Beobachtung. Sie betrifft das Wetter — die kurzfristigen Niederschlagsverhältnisse einer einzelnen Saison.
Wetter und Klima sind in der Klimadiskussion zwei verschiedene Dinge. Das wird in der wissenschaftlichen Kommunikation häufig betont, wenn es darum geht, einen kalten Winter nicht als Widerlegung des Klimawandels zu interpretieren. Die umgekehrte Sorgfalt — einen warmen, trockenen Winter nicht als Bestätigung eines linearen Trends zu lesen — wird im SRF-Text nicht angewendet. Stattdessen wird der trockene Winter direkt in die Niedergangsnarrative eingebettet: «Auch für den Rhonegletscher und den Grossen Aletschgletscher stehen die Zeichen schlecht.»
«Die Zeichen stehen schlecht» — das ist eine Wettervorhersage, präsentiert als Klimaurteil. Wenn der Sommer 2026 kühl und niederschlagsreich verläuft — was meteorologisch durchaus möglich ist —, wird die Schmelzbilanz anders aussehen, als der Artikel suggeriert. Diese Möglichkeit kommt im Text nicht vor.
Der Gletscher, der keiner ist
Der Artikel nennt als Beispiel für besonders schlechte Werte den «Blockgletscher Murtèl» im Engadin mit minus 42 Prozent Schneehöhe.
Ein Blockgletscher ist kein Gletscher im umgangssprachlichen Sinn. Er ist eine Permafrost-Geländeform: ein Gemisch aus Geröll und Eis, das sich langsam talwärts bewegt. Blockgletscher reagieren auf Klimasignale anders als Eisgletscher. Ihre Schneebedeckung ist für ihre Massenbilanz weniger entscheidend, weil ihre Eismasse durch das überlagernde Geröll gegen direkte Sonneneinstrahlung geschützt ist. Die 42 Prozent weniger Schnee am Murtèl sagen nicht dasselbe wie 42 Prozent weniger Schnee auf dem Aletsch.
Der SRF-Text macht diese Unterscheidung nicht. Murtèl wird gleichberechtigt neben dem Persgletscher (einem klassischen Eisgletscher) genannt. Die Zahl «42 Prozent» wirkt als Spitzenwert in der Kette der Schreckensmeldungen. Wer die Differenz zwischen Block- und Eisgletscher kennt, sieht hier eine Vermischung, die in einem Wissenschaftsartikel nicht vorkommen sollte.
Die einzige Stimme
Der Artikel zitiert ausschliesslich Matthias Huss, den Leiter von GLAMOS. Huss ist ein anerkannter Glaziologe, dessen wissenschaftliche Kompetenz nicht in Frage steht. Er ist auch ein politischer Akteur in der schweizerischen Klimadebatte. Er war zentral involviert in die Vorarbeiten zum Fall Klima-Seniorinnen, der 2024 in Strassburg zur Verurteilung der Schweiz führte. Er kommuniziert seit Jahren öffentlich für eine ambitionierte Klimapolitik und gehört zu den Wissenschaftlern, deren Stimme in der politischen Debatte gewünscht wird.
Diese Position macht seine Aussagen nicht falsch. Sie macht sie aber zu Aussagen einer bestimmten Perspektive. Eine ausgewogene Berichterstattung würde diese Perspektive durch eine andere ergänzen — durch eine Stimme aus der Niederschlagsforschung, durch einen Klimatologen, der die natürliche Variabilität gewichten könnte, durch einen Hydrologen, der die Implikationen für die Wasserwirtschaft konkret benennen kann. Stattdessen sieht man im SRF-Format das wiederkehrende Muster der einen Quelle: Eine Wissenschaftsorganisation publiziert eine Mitteilung, der entsprechende Wissenschaftler kommentiert sie, der Journalist verbindet die Aussagen zu einem Text. Externe Validierung findet nicht statt.
Die Sprache der Bedrohung
«Schlecht gerüstet.» «In einem schlechten Zustand.» «Die Zeichen stehen nicht gut.» «Stark unterdurchschnittlich.» «Rekordschmelzwerte.»
Die Sprache des Artikels arbeitet mit einer durchgehenden Bedrohungssemantik. Gletscher werden anthropomorphisiert: Sie sind «gerüstet» oder «schlecht gerüstet», als wären sie Soldaten vor einer Schlacht. Sie haben «Zeichen», die «stehen». Diese Sprache überträgt einen physikalischen Vorgang in eine narrative Struktur, in der eine Hauptfigur (der Gletscher) gegen einen Gegner (den Sommer) bestehen muss.
Diese Erzählweise ist in der Klimaberichterstattung Konvention. Sie hat eine kommunikative Funktion: Sie macht einen abstrakten Prozess fassbar. Sie hat einen analytischen Preis: Sie suggeriert eine Dramatik, die das Phänomen nicht in jedem Fall hat. Eine Saison mit unterdurchschnittlicher Schneebedeckung, die statistisch im Mittelfeld der letzten zwei Jahrzehnte liegt, wird zu einer existenziellen Bedrohung verdichtet.
Die fehlende Einordnung
Was der Artikel nicht leistet:
Er ordnet den aktuellen Wert nicht in die Variabilität der Zeitreihe ein. Er erklärt nicht, warum die Wahl der Referenzperiode 2010-2020 sinnvoll ist (ist sie Klimatechnisch nicht). Er unterscheidet nicht zwischen Block- und Eisgletschern. Er differenziert nicht zwischen Niederschlagsmangel (Wetter) und Erwärmung (Klima) als Ursachen. Er nennt nicht, dass der westliche Teil der Alpen nahezu durchschnittliche Werte zeigt — eine Information, die im Text in einem Halbsatz auftaucht und sofort wieder verschwindet. Er fragt nicht, was die Implikationen für die Wasserwirtschaft, für den Tourismus, für die Stromproduktion konkret sind. Er führt keine Gegenstimme ein.
Was er leistet, ist ein Format. Das Format heisst: Saisonale GLAMOS-Mitteilung, dramatisierende Sprache, einzige Quelle, Aufruf zum Handeln implizit, technische Details ausgespart. Dieses Format kommt jedes Frühjahr und jeden Herbst, mit minimalen Variationen. Es ist Teil des journalistischen Inventars zur Klimadebatte.
Was die Grafik tatsächlich zeigt
Wer die SRF-Grafik mit nüchternem Blick liest, sieht:
Erstens: Die Variabilität ist enorm. Innerhalb der dargestellten zwanzig Jahre treten Werte zwischen +32 und −33 Prozent auf. Die Verteilung ist nicht monoton fallend.
Zweitens: Es gibt keinen klaren linearen Trend in den letzten zehn Jahren. Auf gute Jahre (+31,8, +31,5) folgen schlechte (−32, −25,5) und umgekehrt. Wer die letzten zehn Datenpunkte sieht, kann keine eindeutige Verschlechterung ablesen, sondern eine starke Schwankung.
Drittens: Das aktuelle Jahr (−25,5) ist im historischen Vergleich der dargestellten Zeitreihe kein Extremwert. Es liegt deutlich näher am negativen Median als am Minimum.
Viertens: Wenn man die Grafik akkumuliert, ergibt sich über zwanzig Jahre tatsächlich eine negative Bilanz — aber sie ist weniger linear, weniger dramatisch und weniger eindeutig, als der Text suggeriert.
Diese Beobachtungen widersprechen nicht der wissenschaftlichen Tatsache, dass die Schweizer Gletscher seit Jahrzehnten an Masse verlieren. Diese Tatsache ist gut belegt, sie ist nicht ernsthaft umstritten, sie hat ihre eigenen Datenreihen (Massenbilanz, Längenänderung, Volumen), die einen klaren Trend zeigen. Was die Beobachtungen widersprechen, ist die spezifische Erzählung, die SRF aus einer einzigen saisonalen Schneemessung baut.
Der Befund
Die SRF-Berichterstattung über die GLAMOS-Frühjahrsmessung ist ein Standardprodukt. Sie nimmt eine Pressemitteilung, ergänzt sie mit Originalzitaten der Quelle, baut sie in eine Erzählung der Bedrohung ein und publiziert das Resultat. Sie tut, was sie seit Jahren tut.
Bemerkenswert ist nicht die Berichterstattung als solche. Bemerkenswert ist das Verhältnis zwischen Text und Grafik. Der Text erzählt eine eindeutige Geschichte des Niedergangs. Die Grafik, die SRF im selben Artikel publiziert, erzählt eine andere Geschichte: eine Geschichte starker Schwankungen, mit guten und schlechten Jahren, mit einem aktuellen Wert im Mittelfeld der negativen Saisons.
Wer den Text liest, ohne die Grafik zu prüfen, glaubt, der schweizerische Gletscherbestand befinde sich in einem akuten, fortgesetzten Sturzflug. Wer die Grafik prüft, sieht ein Phänomen mit erheblicher Variabilität, dessen Tendenz schwer aus einer einzelnen Saison ableitbar ist. Diese Differenz zwischen Text und Datenvisualisierung ist das eigentliche Phänomen.
Der gegenwärtige Wissenschaftsjournalismus operiert oft mit dieser Schere. Daten werden gezeigt, aber die textliche Interpretation läuft auf einer eigenen Spur. Die Grafik ist Pflichtbeigabe der wissenschaftlichen Ehrlichkeit, der Text ist die kommunikative Erzählung. Dass beide nicht übereinstimmen, fällt selten auf, weil die meisten Leser nur den Text lesen und die Grafik überfliegen.
Die Schweizer Gletscher verlieren Masse. Das ist real. Was nicht real ist, ist die Behauptung, jede einzelne Frühjahrsmessung sei ein dramatischer Wendepunkt. Die Wirklichkeit ist langsamer, schwankender, komplizierter — und sie ist in der Grafik der SRF abgebildet, in dem Artikel daneben aber ausgeblendet.
«Wenig Schnee auf Schweizer Gletschern.» So die Schlagzeile. Genauer wäre: Die diesjährige Frühjahrsmessung liegt im negativen Mittelfeld einer hochvariablen Zeitreihe; die langfristige Tendenz ist abwärts gerichtet, der einzelne Wert sagt darüber wenig aus. Aber das wäre eine Geschichte ohne Dramatik. Eine, die SRF nicht erzählt.
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