Die Diagnose, welche die Debatte ersetzt
Die Rubrik heisst «Demokratie im Fadenkreuz», die Expertin hat ein Buch geschrieben, das «demokratischen Faschismus» im Titel trägt, und die erste Frage des Interviews lautet: «Wie haben Sie diese Wahl erlebt?» — erlebt, nicht analysiert. Die Antwort: «geschockt und gelähmt». Damit steht das Format: Eine Wissenschaftlerin, deren Forschungsergebnis im Buchtitel vorab feststeht, wird als neutrale Deuterin einer Wählerschaft präsentiert, die sie pathologisiert — und der Interviewer liefert die Steilvorlagen. Die Wähler bekommen eine Diagnose, keine Anhörung: Ihre Sorgen sind Projektionen, ihre Motive kennen sie selbst nicht, und ob ihre Wahrnehmungen stimmen, ist der Expertin einerlei — «ob das real so ist oder nicht».
Zum SRF-Beitrag «Soziologin: ‹Auch die Schweiz ist vom Rechtsruck erfasst›», Regionaljournal Basel, 13.09.2026
Was der Beitrag leistet: Er liefert eine echte soziologische Erklärungsskizze — die Erosion des Aufstiegsversprechens, Vermögensungleichheit, Teuerung, Mietpreise. Das ist mehr Ursachenforschung als die meisten Reaktions-Sammlungen der Woche. Und die Expertin benennt die Schweiz-Besonderheit ehrlich: Direkte Demokratie beuge Misstrauen vor. Das Problem ist nicht die Person. Es ist die Konstruktion: eine Diagnostikerin ohne Gegenrede, ein Begriff, der vorab entscheidet, und ein Format, das Schock als Erkenntnisrahmen nutzt.
Der Faschismus, der im Titel steht
«Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus» — so heisst das Buch, und der Beitrag nennt den Titel zweimal, ohne ein einziges Mal zu fragen, was er bedeutet. Ein Oxymoron trägt die ganze These: Es erlaubt, eine Partei faschistisch zu nennen, die demokratisch gewählt wurde — 43,8 Prozent, die höchste Zustimmung, die eine Partei in diesem Land je erhielt. Der Faschismusvorwurf, einst die schwerste verfügbare Anschuldigung, gerichtet auf Regime, die Wahlen abschafften, wird hier auf ein Wahlergebnis angewandt — und der Interviewer fragt nach dem Gefühl der Autorin, nicht nach dem Begriff. Ein Terminus, der eine Wählerschaft vorab delegitimiert, müsste in einem Interview über diese Wählerschaft der erste Streitpunkt sein. Er ist das Vorstellungszertifikat.
Die Projektion, die die Wähler entmündigt
Der Kern der Diagnose: «Die eigenen Verunsicherungen werden nicht mit ökonomischer Ungleichheit erklärt, sondern auf fremde Gruppen projiziert.» Übersetzt: Die Wähler haben recht mit dem Schmerz, aber unrecht mit der Ursache — und die Expertin weiss beides besser. Der Wähler, der sagt, ihn beunruhige Zuwanderung, wird belehrt: In Wahrheit beunruhigt ihn die Vermögensungleichheit; er projiziere. Das eigene Urteil der Menschen über ihre Motive wird überschrieben durch die Deutung der Wissenschaftlerin — die klassische falsche Bewusstseins-Lehre, diesmal mit empirischem Anstrich: Interviews mit AfD-Wählern, deren Selbstauskünfte dann als Symptom gelesen werden, nicht als Zeugnis. Und der Schlüsselsatz gleich daneben: «Ob das real so ist oder nicht — das Gefühl ist präsent.» Ob die Wahrnehmung stimmt, ist der Expertin egal. Dabei wäre genau das die empirische Frage: Stimmen die Befürchtungen — zu Löhnen, Mieten, Kriminalität, demografischem Wandel? Eine Soziologin, die die Realitätsfrage ausklammert und nur das Gefühl behandelt, betreibt keine Ursachenforschung. Sie betreuft Symptome — und zwar nur die, die ins Krankheitsbild passen.
Der Schock, der die Expertise eröffnet
«Geschockt und gelähmt — sowohl als Soziologin als auch als Privatperson.» Das ist die erste Antwort des Stücks, und sie setzt den Rahmen: Expertise als Affekt. Wer über eine Partei forscht und zugleich eingesteht, vor deren Erfolg gelähmt zu sein, bringt keine neutrale Analyse mit — er bringt eine Position mit, die Analyse genannt wird. Das Interviewerfragen unterstützt das Format: «Wie haben Sie diese Wahl erlebt?» — die erste Frage gilt dem Befinden, nicht dem Befund. Keine einzige adversative Frage folgt in zwölf Minuten. Nicht: Was sprechen Ihre Interviews gegen Ihre These? Nicht: Warum erklären andere Forscher denselben Befund anders? Nicht: Warum verloren dieselben Wähler die CDU, deren Programm 2002 Positionen enthielt, die heute als rechtsextrem gelten? Die Gegenhypothese — dass die Mitte die Wähler verliess, nicht die Wähler die Mitte — kommt nicht vor. Eine Expertin, ein Buch, eine Richtung, kein Widerspruch: der Zitierkreislauf der deutschen Talkshows, jetzt im Regionaljournal.
Die Bedrohung, die Frauen heisst
«Personen mit nicht-binären Geschlechtsidentitäten oder Frauen als Bedrohung des eigenen ‹normalen› Lebens» — die Expertin zählt auf, wen die Rechten als Bedrohung wahrnehmen, und der Interviewer nickt durch. Nicht-binäre Personen: eine Debatte, in der es reale Konflikte gibt — etwa die Frage der Selbstbestimmung gegen den Schutz von Frauenräumen, die Gerichte in mehreren Ländern beschäftigt. Frauen als Bedrohung: eine Kategorie, die jede inhaltliche Auseinandersetzung ersetzt. Wer die Sorge um Frauenräume, um Familie, um die Folgen der Gender-Politik ernst nähme, müsste die Argumente hören und widerlegen. Die Diagnose erspart das: Die Sorge ist Wahrnehmung, die Wahrnehmung ist Projektion, die Projektion ist Pathologie. Das konservative Familienverständnis — von «Familie statt Gender-Ideologie» bis zum Wahlprogramm — wird nie als Position behandelt, die man bestreiten müsste. Es wird als Symptom behandelt, das man verzeichnen darf.
Die Schweiz, die «erfasst» wurde
«Dennoch ist auch die Schweiz vom Rechtsruck erfasst» — erfasst, wie von einer Krankheit. Der Befund dafür: Die SVP ist seit Jahrzehnten die stärkste Kraft des Landes — das ist kein Rechtsruck, das ist der Status quo, den die Wählerschaft bei jeder Gelegenheit bestätigt. Und die «Junge Tat» sei gewachsen und «tritt präsenter auf» — als Beleg zitiert, in derselben Woche, in der dieselbe Redaktionsfamilie deren Mitglieder mit Kreide vor einem Gericht verhaften liess, drei Tage in Haft, Strafbefehle für Sachbeschädigung. Die Expertin ergänzt: «Die militante Rechte ist jung und männlich.» Was in derselben Woche fehlt: die militante Linke — rund hundert Vermummte, die den Lindenhof besetzten, Barrikaden bauten, historische Bauten besprühten und drei Tage geduldet wurden. Eine Soziologin, die über politische Militanz in der Schweiz spricht und nur eine Richtung sieht, bestätigt nicht die Lage. Sie bestätigt den Filter.
Das Fadenkreuz, das die Ironie nicht sieht
Die Rubrik heisst «Demokratie im Fadenkreuz». Wer hält die Demokratie im Fadenkreuz? Nach der Diagnose des Stücks: die Wähler, die eine Partei wählten, die «Zerstörungslust» verkörpere. Die Woche lieferte das Gegenbild: Die Partei, die die Wahl gewann, wird von allen übrigen von der Regierung ausgeschlossen — die stärkste Kraft des Landes soll nicht regieren, auf Zeit, auf unbestimmte Zeit. Wer hier Institutionen aushöhlt, ist eine empirische Frage: die 43,8 Prozent, die einen Stimmzettel ausfüllten — oder die Arrangements, die deren Repräsentation verhindern und jedem künftigen Wahlsieg dasselbe Schicksal versprechen? Ein Buch, das die Wähler «demokratische Faschisten» nennt, und ein System, das die Gewählten von der Macht fernhält — welche Seite davon trägt zur «Zerstörung» des Vertrauens in Demokratie bei, ist die Frage, die das Interview nicht stellt. Sie wäre die einzige gewesen, die beide Richtungen des Fadenkreuzes geprüft hätte.
Das Muster ist die Pathologisierung als Analyse. Die Wählerschaft wird nicht angehört, sondern diagnostiziert: Ihre Sorgen sind Projektionen, ihre Motive verkennt sie selbst, ihre Wahrnehmungen sind realitätsgleichgültig, ihr Wahlergebnis ein Symptom. Die Therapie-Struktur ist vollständig: der Patient (die Wähler), der Diagnostiker (die Expertin), die Krankheit (Zerstörungslust), die Ansteckungsgefahr («auch die Schweiz ist erfasst»). Was in einer Therapie legitim wäre — der Deutungsanspruch des Arztes gegen die Fehlwahrnehmung des Kranken —, ist in einer Demokratie der Kern des Problems: Ein System, das die Urteile seiner Wähler für Symptome hält, hat aufgehört, sie für Urteile zu halten. Und der öffentliche Sender, der diese Struktur ohne eine Gegenfrage sendet, macht sich zum Assistenten der Diagnose.
So funktioniert dieser Beitrag: Er präsentiert eine Expertin, deren Buchtitel das Urteil vorab fällt, und fragt sie nach ihrem Erleben statt nach ihren Begriffen. Die Wähler erscheinen als Projektionsfläche — ihre Sorgen sind ökonomisch, ihre Deutungen falsch, die Realitätsfrage ausdrücklich ausgeklammert. Frauen und Nicht-binäre figurieren als «Bedrohungen», die die Rechten wähnen — jede inhaltliche Debatte über Familien- und Genderpolitik ist damit erledigt, bevor sie begänne. Die Schweiz gilt als «erfasst», belegt durch eine Partei, die seit Jahrzehnten regiert, und eine Jugendorganisation, deren Kreide-Aktion in derselben Woche die Schlagzeilen lief — während die geduldete linke Besetzung im selben Stadtnachrichten-Zyklus keine Rolle spielt. Und das Fadenkreuz der Rubrik zielt auf die Wähler, während die Ausschlussmechanismen gegen die Gewählten unsichtbar bleiben. Wer den Beitrag hört, weiss, wie die Expertin die Wahl erlebte und was die Wähler in Wahrheit bewegt — laut der Expertin. Was die Wähler selbst sagen würden, wenn man sie fragte statt sie zu diagnostizieren, erfährt man in diesem Interview nicht — denn gefragt wurde nur die, die es besser wissen will. Das ist keine Wahlanalyse, das ist die Konsultation eines Landarztes, der das Volk für krank erklärt — gesendet von einem Sender, der die Krankheit schon vorher diagnostiziert hatte.
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