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Die Diagnose als Waffe
Medienkritik
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Die Diagnose als Waffe

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Peer Teuwsen nennt die Hälfte der Schweizer Wählerschaft neurotisch, verwahrlost und realitätsverweigernd. Er beruft sich auf Freud, um politische Gegner zu pathologisieren. Er vermischt die 10-Millionen-Initiative mit Arbeitszeit, Frühpensionierung, AHV-Renten, Sabbaticals, Erbschaften und dem Eurovision Song Contest. Was er nicht macht: ein einziges Argument der Initiativbefürworter ernst nehmen. Wohnungsnot wird nicht erwähnt. Lohnkonkurrenz wird nicht erwähnt. Die Belastung der Infrastruktur wird nicht erwähnt. Stattdessen: Diagnose. Wer anders denkt, ist krank.

Was ist bloss mit der NZZ los? Mit SRF? Mit der Medienlandschaft? Es ist nicht der erste Artikel dieser Natur. Es ist ein Muster.

Zum NZZ-am-Sonntag-Kommentar «10-Millionen-Initiative: Sind wir von allen guten Geistern verlassen?», 24.05.2026


Die Pathologisierung als Methode

Teuwsen schliesst seinen Kommentar mit einem Freud-Zitat: «Der Neurotiker wendet sich von der Wirklichkeit ab, weil er sie unerträglich findet.» Das ist die rhetorische Pointe. Die Hälfte der Schweizer Wählerschaft, die die Initiative unterstützen will, sei neurotisch. Sie verweigere die Realität.

Das ist kein Argument, es ist eine Diagnose. Und Diagnosen schliessen Debatten, sie führen sie nicht. Wer als neurotisch bezeichnet wird, muss seine Position nicht widerlegen — sondern muss therapiert werden.

Diese Methode hat eine lange Geschichte. Politische Gegner werden nicht widerlegt, sondern pathologisiert. Sie sind nicht falsch, sie sind krank. Sie haben nicht andere Interessen, sie haben Störungen. Das ist bequem für den Diagnostiker. Es ist tödlich für die Debatte.

Die Argumente, die nicht vorkommen

Warum unterstützen Menschen in der Schweiz (~47%+) die Initiative – nicht nur SVP? Teuwsen beantwortet diese Frage nicht. Er fragt sie nicht einmal.

Tatsächliche Gründe wären zu prüfen: Die Wohnungsnot in den Ballungszentren. Die Mietpreissteigerungen, die Familien aus den Städten vertreiben. Der Druck auf die Löhne in unteren Lohnsegmenten. Die Belastung des öffentlichen Verkehrs, der Schulen, der Spitäler. Die Frage, wie viel Wachstum ein Land mit begrenzter Fläche verträgt.

Keines dieser Themen erscheint im Kommentar. Stattdessen kommen Sabbaticals, Frühpensionierung, ESC-Kostüme und Erbschaften. Die realen Sorgen werden ersetzt durch eine Karikatur der Sorgenden.

Der Auslandschweizer als Strohmann

Teuwsen fragt: Dürften die 800'000 Auslandschweizer nicht mehr in der EU arbeiten, wenn die Personenfreizügigkeit gekündigt würde?

Diese Frage ist rhetorisch, nicht analytisch. Auslandschweizer in der EU haben ihre Rechte aus dem Personenfreizügigkeitsabkommen — und dieses Abkommen würde durch eine Kündigung tatsächlich infrage gestellt. Aber: Die meisten EU-Staaten haben separate Regelungen für Drittstaatsangehörige. Die Schweizer in Frankreich, Deutschland und Österreich würden nicht ausgewiesen. Sie würden in das Regime fallen, in dem auch Amerikaner, Briten und Australier leben.

Teuwsen weiss das vermutlich. Er stellt die Frage trotzdem. Weil sie Angst erzeugt, nicht weil sie eine reale Konsequenz beschreibt.

Die Klassenverachtung

Der Kommentar ist durchzogen von einer klassenbasierten Verachtung. Die Schweizer seien «wohlstandsverwahrlost». Sie wollten nicht arbeiten. Sie machten sich «einen Lenz». Sie nähmen «jede staatliche Vergünstigung ohne jeden Dank in Anspruch».

Wer ist gemeint? Nicht die Wohlhabenden — die haben Sabbaticals und Erbschaften, und das wird nur leicht ironisch kommentiert. Gemeint sind die unteren und mittleren Einkommensschichten, die Teilzeit arbeiten, früh in Rente gehen, Ergänzungsleistungen beziehen.

Gleichzeitig lobt Teuwsen die «Expats von Google und Co.», die «für Innovation und Steuersegen» sorgen. Und die «Eingewanderten oder deren Kinder», die «am Ende der Nahrungskette» die Jobs übernähmen, die «die Schweizer nicht mehr erledigen wollen».

Das ist die Hierarchie: Oben die Expats. Unten die Migranten. In der Mitte die faulen Schweizer. Eine bemerkenswerte Konstruktion für einen Kommentar, der den Zusammenhalt beschwört.

Die Vermischung als Strategie

Der Kommentar springt von Thema zu Thema: ESC, 10-Millionen-Initiative, Frühpensionierung, AHV, Sabbaticals, Malediven-Flüge, Erbschaften, Buchpreis, Freud. Was haben diese Themen miteinander zu tun?

Im Kommentar: alles. Sie sind alle Beweise für denselben Befund — die Schweiz sei dekadent, faul, realitätsfern.

Tatsächlich: nichts. Die Frühpensionierung hat keinen Zusammenhang mit der Migrationspolitik. Sabbaticals sind keine Aussage über die Personenfreizügigkeit. Der ESC ist keine Metapher für demokratische Entscheidungen.

Die Vermischung erfüllt eine Funktion: Sie ersetzt das Argument durch ein Gefühl. Wer nach Lektüre ein ungutes Gefühl über «die Schweizer» hat, soll die Initiative ablehnen. Nicht weil er die Initiative geprüft hat, sondern weil ihre Befürworter nun in seinem Kopf mit Faulheit, Egoismus und Realitätsverweigerung verknüpft sind.

Die Einheit, die niemand will

Teuwsen schreibt: «Wir leben in kriegerischen Zeiten, in denen das Land angewiesen wäre auf Zusammenhalt, Einigkeit und Sparsamkeit.»

Das ist ein interessanter Satz in einem Kommentar, der die Hälfte des Landes als neurotisch, verwahrlost und realitätsverweigernd bezeichnet. Wie genau soll der Zusammenhalt entstehen, wenn der Kommentator die Position der einen Hälfte für eine Krankheit hält?

Der Aufruf zur Einheit ist hier kein Aufruf zur Debatte. Es ist die Forderung, dass die andere Seite ihre Position aufgibt. Einheit bedeutet: alle denken so wie Teuwsen.


Der Kommentar von Peer Teuwsen ist ein lehrreiches Dokument. Nicht über die 10-Millionen-Initiative, über die er kaum etwas Substanzielles sagt. Sondern über eine Methode: die politische Auseinandersetzung durch psychologische Diagnose zu ersetzen. Wer anders denkt, ist nicht im Irrtum, sondern in der Neurose. Wer Sorgen hat, hat keine Argumente, sondern Symptome. Wer eine Mehrheit hinter sich versammelt, beweist nicht die Berechtigung seiner Position, sondern den Verfall des Landes. Das ist nicht Journalismus. Das ist auch nicht Kommentar. Das ist eine Hygienemassnahme — die Hälfte der Wähler wird zum Sanierungsfall erklärt. Was bei einer solchen Methode auf der Strecke bleibt, ist das, was Teuwsen am Ende des Kommentars beschwört: die Möglichkeit, in diesem Land miteinander zu sprechen. Wer beim ersten Satz schon weiss, dass die Gegenseite krank ist, hat das Gespräch bereits beendet.

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