9min
Die Debatte und das Geld
Medienkritik
7 Minuten

Die Debatte und das Geld

SRF/SRGSNB/GeldpolitikWirtschaft
schwerwiegend
Teilen

Zum SRF-Beitrag «Schweizer Mittelstand mit Geldsorgen: Was können Betroffene tun?», 8. Mai 2026

Was berichtet wird

SRF berichtet über die finanzielle Lage des Schweizer Mittelstands. Die zitierten Bundeszahlen zeigten anhaltenden Druck: Wohnkosten, Krankenkassenprämien, Benzinpreise. Budgetberater Philipp Frei bestätigt im Interview den Trend: Mehr Beratungen, Wartelisten in einzelnen Kantonen, Klienten mit «ungeöffneten Rechnungen». Auf die Frage, ob der Mittelstand «über seinen Verhältnissen lebe», antwortet Frei differenziert: Einzelne ja, viele aber hätten ihr Verhalten nicht geändert und «trotzdem weniger Geld zur Verfügung».

Der Beitrag schliesst mit Ratschlägen für Betroffene: sofort reagieren, Unterstützung suchen, mit Rechnungsstellern verhandeln, Ratenzahlungen vereinbaren, beim Thema Ferien «ehrlich mit sich selbst sein». Eine Infografik zeigt die Ausgabenverteilung eines Schweizer Durchschnittshaushalts: Wohnen und Energie 26 Prozent, Gesundheit 17 Prozent, Verkehr 11 Prozent, Essen und Trinken 10 Prozent.

Der erste Satz

Der Einleitungssatz verrät die ganze Konstruktion. «Das Problem ist bekannt und hat sich trotz intensiver Debatten nicht entschärft.» Debatten sollen Geldprobleme lösen. Das ist nicht nur falsch, es ist die Umkehrung der Kausalität. Geldprobleme entstehen nicht durch mangelnde Debatten. Sie entstehen durch monetäre Entscheidungen.

Die Schweiz hat in den letzten 25 Jahren mehrere getroffen, die im Beitrag nicht vorkommen, weil sie die Diagnose strukturell verändern würden. Wer in einem Beitrag über Mittelstandsbelastung von «Debatten» spricht und die monetäre Politik nicht erwähnt, hat das Format gewählt, das die Ursachen ausserhalb des Diskussionsraums hält.

Der Goldverkauf

Zwischen 2000 und 2005 verkaufte die SNB rund 1'300 Tonnen Gold — ungefähr die Hälfte der Schweizer Goldreserven. Die Erlöse wurden an Bund und Kantone verteilt. Der durchschnittliche Verkaufspreis lag bei etwa 16'200 Franken pro Kilogramm. Heute liegt der Goldpreis bei über 100'000 Franken pro Kilogramm. Die Schweiz hat einen Vermögenswert zu einem historischen Tief verkauft, dessen Wert sich seither versechsfacht hat.

Das ist kein Vorwurf an die damals Verantwortlichen — die Zukunft kannten sie nicht. Es ist eine Feststellung über die Vermögensposition der Eidgenossenschaft, die heute relevant wäre, wenn man über Krankenkassenprämien, Sozialwerke und Mittelstandsbelastung diskutiert. Bei SRF kommt diese Geschichte nicht vor.

Die Frankeninterventionen

Ab 2011 fixierte die SNB den Franken gegen den Euro bei 1.20. Um diesen Kurs zu halten, druckte sie Franken und kaufte Devisen, vor allem Euro und Dollar. Die Bilanz der Nationalbank wuchs von etwa 270 Milliarden Franken vor der Krise auf zeitweise über 1'000 Milliarden. Die SNB wurde damit zu einem der grössten Devisenhalter der Welt — ein Hedgefonds mit verfassungsmässigem Auftrag.

Die monetäre Expansion floss in Vermögenswerte: Aktien, Immobilien, Bodenpreise. Wer Vermögen besass, profitierte. Wer Lohn bezog, kompensierte über die importierte Verbilligung nur einen Teil dessen, was die Bodenpreissteigerung wegfrass.

Die Negativzinsen

Im Dezember 2014 führte die SNB negative Leitzinsen ein. Sie blieben bis September 2022 in Kraft — fast acht Jahre. In dieser Zeit verloren Sparer auf konservativen Konten real Geld. Pensionskassen wichen in riskantere Anlagen aus, weil festverzinsliche Papiere nichts mehr brachten. Wer für die Pension sparte, traf auf ein System, das Sparen aktiv bestrafte.

Wer sich Geld lieh, um Immobilien zu kaufen, traf auf historisch tiefe Hypothekarzinsen — und auf einen Immobilienmarkt, der diese Zinsen sofort in höhere Preise übersetzte. Das Vermögen wanderte von den Sparern zu den Schuldnern, von den Lohnempfängern zu den Vermögensbesitzern, von der jüngeren zur älteren Generation.

Die fehlenden Akteure

Wer den Mittelstand drückt, kommt im Beitrag nicht vor. Die Wohnkosten steigen — aber wer setzt die Mieten? Die Krankenkassenprämien steigen — aber wer entscheidet über die Prämienhöhe? Die Benzinpreise steigen — aber welche Faktoren bestimmen sie? Diese Fragen werden nicht gestellt. Die Kostentreiber erscheinen als Naturereignisse, die der Mittelstand zu bewältigen hat, nicht als Ergebnis politischer und ökonomischer Entscheidungen.

Auch die Profiteure bleiben unsichtbar. Wenn Wohnkosten 26 Prozent des Haushaltsbudgets ausmachen, fliesst Geld irgendwohin. An wen? Immobilieneigentümer, Pensionskassen, börsenkotierte Immobiliengesellschaften wie Swiss Prime Site oder PSP Swiss Property haben in den letzten zwei Jahrzehnten erhebliche Renditen erzielt. Krankenkassen haben Reserven in Milliardenhöhe aufgebaut. Diese Verteilungsfrage taucht im Beitrag nicht auf.

Die Sprache

Frei sagt einen Satz, der den ganzen Beitrag trägt: «Aber viele ändern nichts an ihrem Leben und haben trotzdem weniger Geld zur Verfügung.» Dieser Satz benennt das Problem präzise: Es geht nicht um Konsumverhalten, sondern um eine strukturelle Verschiebung. Die Menschen leben wie zuvor und sind dennoch ärmer. Der Beitrag zitiert den Satz und zieht keine Konsequenz daraus.

Die Konsequenz wäre die Frage: Wenn das Verhalten gleich bleibt und das Geld trotzdem weniger wird, was hat sich dann verändert? Die Antwort liegt nicht bei den Individuen. Sie liegt in den Preisen, den Löhnen, den Abgaben, der Verteilung, der Geldpolitik. Statt diese Antwort zu suchen, springt der Beitrag zur nächsten Frage: «Was raten Sie den Betroffenen?»

Die Sprache der Lösungsvorschläge ist die Sprache der Anpassung. «Lebensstandard herunterschrauben.» «Ferien zuhause verbringen.» «Ehrlich mit sich selbst sein.» Diese Vokabeln verschieben die Verantwortung. Wer nicht mehr ans Meer kann, soll sich fragen, was sein Budget zulässt. Die Frage, warum das Budget weniger zulässt als vor zehn Jahren, wird nicht gestellt.

Die Infografik

Die Aufschlüsselung der Haushaltsausgaben zeigt 26 Prozent für Wohnen, 17 Prozent für Gesundheit, 11 Prozent für Verkehr, 10 Prozent für Essen und Trinken, 36 Prozent für «Rest». Was sie nicht zeigt: die Entwicklung dieser Anteile über die Zeit. Vor 25 Jahren lagen die Wohnkosten bei rund 20 Prozent. Die Krankenkassenprämien haben sich seit 2000 mehr als verdoppelt. Die Bodenpreise in den Schweizer Agglomerationen sind explodiert — getrieben unter anderem von acht Jahren Negativzinsen.

Eine Infografik, die diese Entwicklung zeigte, würde die Diagnose verändern. Sie würde sichtbar machen, dass der Mittelstand nicht «mit weniger Geld» auskommen muss, weil er mehr ausgibt, sondern weil bestimmte Posten überproportional gewachsen sind, getrieben von Entscheidungen, die sich namentlich benennen lassen. Die statische Momentaufnahme ersetzt die historische Entwicklung. Was sie zeigt, ist eine Verteilung. Was sie nicht zeigt, ist deren Veränderung.

Der Befund

Goldverkauf, Frankeninterventionen, Negativzinsen — drei Operationen der SNB, die zusammen den monetären Hintergrund der heutigen Mittelstandsbelastung bilden. Sie sind nicht die alleinige Ursache. Sie sind auch nicht das übliche Schuldigen-Inventar populistischer Erklärungen. Sie sind dokumentierte, durch SNB-Beschlüsse herbeigeführte Veränderungen der monetären Bedingungen, unter denen Schweizer Haushalte wirtschaften.

Sie haben Vermögenswerte umverteilt — von Sparern zu Schuldnern, von Mietern zu Eigentümern, von jüngeren zu älteren Kohorten. Wer heute eine Wohnung kaufen will, kann sich die Preise nicht leisten, die durch acht Jahre Negativzinsen entstanden sind. Wer auf seine Pension hofft, hofft auf ein System, das durch ebendiese Zinsen unter Druck gesetzt wurde. Wer im Bundeshaushalt nach Reserven sucht, findet die 1'300 Tonnen Gold nicht mehr, die zwischen 2000 und 2005 verkauft wurden.

SRF erwähnt nichts davon. Im Beitrag erscheinen die Mittelstandskosten als Naturphänomen, dem man mit Ratenzahlungen begegnet. Die monetäre Politik der letzten 25 Jahre — die wesentliche Ursache der Vermögensumverteilung in der Schweiz — taucht in keinem Satz auf. Das ist kein Versehen. Es ist die logische Konsequenz eines Formats, das nach Budgetberatern fragt statt nach Notenbankern. Ein Budgetberater kann Ratenzahlung empfehlen. Er kann nicht den Goldverkauf rückgängig machen, die Bilanz der SNB reduzieren oder acht Jahre Negativzinsen aus der Bodenpreisstruktur entfernen.

Die Debatte hat das Problem nicht gelöst, schreibt SRF. Die Debatte hat das Problem nie behandelt. Sie hat über das Problem geredet — und die Ursachen ausserhalb des Diskussionsraums gehalten. Wer die Ursachen nicht benennen darf, kann auch keine Lösung debattieren. Er kann nur den Betroffenen Tipps geben.

Originalbeitrag auf X →

Ähnliche Beiträge

Kein Artikel verpassen.