Die Burg, der Krieg und die Frage, wer geschossen hat
Israel nimmt die Kreuzritterfestung Beaufort im Südlibanon ein. SRF macht daraus eine Geschichte über eine «rund 900 Jahre alte Festung», über mittelalterliches Welterbe, über den «tiefsten Vorstoss seit mehr als einem Vierteljahrhundert». Die Bildergalerie zeigt wehende israelische Fahnen auf alten Steinmauern, zerstörte Gebäude, aufsteigenden Rauch. Und der prominent gesetzte Pull-Quote stammt vom libanesischen Ministerpräsidenten: «Ein Versuch, die Geschichte auszuradieren.» Es ist eine elegant gebaute Erzählung. Aber sie stellt die entscheidende Frage erst spät, leise und ohne Nachdruck: Warum ist Israel überhaupt dort? Und sie behandelt eine vom Iran finanzierte, als Terrororganisation eingestufte Miliz als eine von drei gleichberechtigten Stimmen am Tisch.
Zum SRF Beitrag «Israel nimmt wichtige Burg im Südlibanon ein – was bedeutet das?», 31.05.2026
Das Schema, das den Terroristen zum Gesprächspartner macht
Der Artikel ist nach einem vertrauten Muster gebaut: «Das sagt Israels Regierungschef.» «Das sagt die israelische Armee.» «Das sagt Libanons Regierungschef.» «Das sagt die Hisbollah.»
Vier Stimmen, fein säuberlich nebeneinandergestellt, jede mit ihrem Standpunkt, jede mit ihrer Wortmeldung. Das wirkt ausgewogen. Es ist die journalistische Grundhaltung des «Wir lassen alle zu Wort kommen».
Aber diese scheinbare Neutralität verbirgt eine Wertung. Indem man die Hisbollah als gleichwertigen Akteur in die Reihe stellt — neben einen demokratisch gewählten Regierungschef, neben die Armee eines souveränen Staates —, adelt man sie. Aus einer vom Iran aufgerüsteten Miliz, die den libanesischen Staat als «Staat im Staat» (so SRF selbst in einem verlinkten Artikel) unterwandert hat, die für den Raketenbeschuss israelischer Ortschaften verantwortlich ist, wird eine Konfliktpartei mit legitimer Perspektive.
Die Hisbollah «bekannte sich zu neuen Raketenangriffen auf den Norden Israels». Das steht da — als Selbstauskunft, im selben sachlichen Ton wie Netanjahus Erklärung oder Salams Fernsehansprache. Eine Organisation gibt zu, Raketen auf zivile Gebiete abzufeuern, und SRF protokolliert es, als wäre es ein Beitrag zur Debatte.
Die Kausalität, die im Nebensatz versinkt
Hier liegt das eigentliche Problem. Die Frage, die jede ehrliche Kriegsberichterstattung zuerst beantworten müsste, lautet: Wer hat die Waffenruhe gebrochen, und warum?
Die Antwort steht im Artikel — aber sie ist verstreut, beiläufig, ohne Gewicht. Man erfährt, dass sich die Hisbollah «laut einer Vereinbarung» hinter den Litani zurückziehen sollte. Man erfährt es nicht als zentrale Tatsache, sondern als geografische Fussnote zur Lage der Burg. Man erfährt, dass die Hisbollah «neue Raketenangriffe» verübt hat. Man erfährt, dass Israel «gegen Raketenabschussrampen» vorgeht.
Setzt man diese Bruchstücke zusammen, ergibt sich eine klare Kausalkette: Eine Waffenruhe sah vor, dass sich die Hisbollah hinter den Litani zurückzieht. Sie tat es nicht. Sie feuerte weiter Raketen auf Nordisrael. Israel rückte vor, um die Stellungen auszuschalten, von denen aus geschossen wurde.
Aber SRF erzählt die Geschichte nicht so. SRF erzählt sie umgekehrt: Im Zentrum steht der israelische «Vorstoss», die «immer tiefere Besetzung», die zerstörte Festung. Die Ursache — der fortgesetzte Beschuss aus dem Libanon, der Bruch der Vereinbarung durch die Hisbollah — wird zur Randbedingung degradiert. Die Reaktion wird zur Nachricht, die Provokation zur Fussnote.
Der Pull-Quote, der die Prioritäten verrät
Nichts verrät die redaktionelle Haltung deutlicher als die Wahl des hervorgehobenen Zitats. SRF hätte aus einem halben Dutzend Aussagen wählen können. Es wählte den Satz des libanesischen Ministerpräsidenten Nawaf Salam:
«Ein Versuch, die Geschichte auszuradieren.»
Das ist ein rhetorisch brillanter, emotional aufgeladener Satz. Er verwandelt eine militärische Operation gegen Raketenstellungen in einen Angriff auf das kulturelle Gedächtnis der Menschheit. Er macht aus Israel nicht einen Staat, der seine beschossenen Bürger schützt, sondern einen Barbaren, der das Mittelalter zerbombt.
Und SRF stellt diesen Satz in den Verstärker. Nicht Netanjahus «Wir haben die Barriere der Angst durchbrochen». Nicht Katz' Begründung mit der «Sicherheit der Bewohner im Norden». Nicht etwa ein Zitat über die Raketen, die Sirenen, die Toten auf israelischer Seite. Sondern der Satz, der Israel als Geschichtsvernichter zeichnet.
Dazu passt die ganze Dramaturgie: die liebevolle Schilderung der Festung «aus dem 12. Jahrhundert», errichtet «um das Jahr 1137» vom «damaligen König von Jerusalem», die «Unesco»-Listung als schützenswertes Kulturerbe, die «herausragendste noch erhaltene Stätte des Mittelalters». Der Krieg wird zur Tragödie der Steine. Die 25 getöteten Israelis und die Raketen auf Wohngebiete bekommen keine Bildergalerie.
Die Zahlen, die nicht hinterfragt werden
Und damit zum gravierendsten Punkt. In einer eingeklappten Box, fast versteckt, steht:
«Seit Anfang März wurden im Libanon nach Angaben der lokalen Behörden mehr als 3000 Menschen getötet und über eine Million Menschen vertrieben.»
«Nach Angaben der lokalen Behörden.» Wer sind diese lokalen Behörden in einem Gebiet, das laut SRF von der Hisbollah beherrscht wird? Es ist dieselbe Quellenproblematik wie im Gazastreifen: Zahlen aus einem Territorium, das von der kriegführenden Miliz kontrolliert wird, werden ohne Einordnung übernommen. Keine Unterscheidung zwischen Kämpfern und Zivilisten. Keine unabhängige Verifikation. Kein Konjunktiv, der über das pflichtschuldige «nach Angaben» hinausginge.
Und nun der Kontrast. Direkt darunter, im selben Kasten: «Die israelische Armee gab ihrerseits den Tod eines Soldaten bekannt, der am Samstag durch eine Sprengdrohne der Hisbollah getötet worden war. Somit steigt die Zahl der im Libanon getöteten Israelis auf 25.»
Hier plötzlich: Präzision. Ein Soldat. Eine Sprengdrohne. Ein Wochentag. Die genaue Gesamtzahl 25. Die israelische Seite wird einzeln, individuell, nachvollziehbar gezählt. Die libanesische Seite kommt als runde, ungeprüfte, undifferenzierte Masse von «mehr als 3000» — geliefert von der Gegenseite.
Das ist die Asymmetrie der Glaubwürdigkeit. Die eine Zahl wird seziert, die andere geschluckt. Und der Leser bleibt mit dem Eindruck zurück: 3000 gegen 25. Ein Massaker. Dass die 3000 womöglich zu einem erheblichen Teil Hisbollah-Kämpfer sind — gegen die der ganze Einsatz geführt wird —, kommt ihm gar nicht in den Sinn, weil SRF die Frage nicht stellt.
Wo der Artikel fairer ist, als er scheint
Der Vollständigkeit halber: Dieser Beitrag ist nicht das schlimmste Beispiel. Er nennt — anders als manch andere Berichterstattung — den Litani-Rückzug, den Raketenbeschuss, das Bekenntnis der Hisbollah zu den Angriffen. Die Liste der verwandten Artikel ist sogar bemerkenswert ausgewogen: «So wird der Libanon von der Hisbollah beherrscht», «Geschändetes Kruzifix im Libanon löst Entsetzen aus», «Der Wunsch nach Frieden – und nach Eliminierung der Hisbollah». Die Bausteine für eine ehrliche Einordnung liegen alle da.
Aber genau das macht die Gewichtung so aufschlussreich. Es fehlt nicht an Information — es fehlt an Hierarchie. Die Fakten, die Israels Handeln erklären, sind vorhanden, aber kleingeschrieben. Die Fakten, die Israel anklagen, sind grossgeschrieben, bebildert, in den Pull-Quote gehoben. Die Redaktion hatte die Wahl, und sie traf sie.
Und die Sorgfalt? Zwei Stolpersteine
Wenn man schon die Steine des Mittelalters so liebevoll inventarisiert, sollte man bei den Fakten der Gegenwart ebenso genau sein. Zwei Punkte verdienen eine Prüfung.
Erstens: SRF schreibt, Israel habe die Bevölkerung aufgefordert, sich «nördlich des Sahrani-Flusses» zu begeben. Einen «Sahrani»-Fluss gibt es im Libanon nicht. Gemeint ist mit grosser Wahrscheinlichkeit der Zahrani, der tatsächlich rund 40 Kilometer nördlich der Grenze verläuft und damit zur Beschreibung passt. Ein kleiner Buchstabendreher — aber in einem Bericht über Frontverläufe ist Geografie keine Nebensache.
Zweitens: die Behauptung, «die Unesco listet die Burg als kulturelles Erbe, das besonderen Schutz geniesst». Das ist zumindest präzisierungsbedürftig. Beaufort ist kein eingeschriebenes UNESCO-Welterbe. Solche Sätze erwecken einen Eindruck von völkerrechtlich verbrieftem Sonderstatus, der den emotionalen Rahmen — Israel zerstört geschütztes Welterbe — verstärkt, ohne dass die Faktenlage das in dieser Schärfe trägt.
Israel nimmt eine Burg ein, von deren Umgebung aus Raketen auf israelische Ortschaften abgefeuert werden — entgegen einer Waffenruhe, die den Rückzug der Hisbollah vorsah. Das ist die Geschichte. Aber SRF erzählt eine andere: die Geschichte einer 900 Jahre alten Festung, einer «dramatischen» Eskalation, eines «Versuchs, die Geschichte auszuradieren». Der Krieg wird zur Tragödie der Steine, der Aggressor zum Verteidiger des Mittelalters umgedeutet, und die Miliz, die schiesst, sitzt als gleichberechtigte vierte Stimme mit am Tisch. Die Methode ist subtiler als blosse Parteinahme. Sie liegt in der Gewichtung. Die Ursache — der Bruch der Waffenruhe, der fortgesetzte Beschuss — versinkt in Nebensätzen. Die Wirkung — der israelische «Vorstoss» — füllt die Überschrift und die Bildergalerie. Die eigenen Toten werden einzeln und genau gezählt: ein Soldat, eine Drohne, die Zahl 25. Die gegnerischen Toten kommen als ungeprüfte, undifferenzierte Masse von «mehr als 3000» — geliefert von «lokalen Behörden» in einem von der Hisbollah beherrschten Gebiet, ohne ein Wort darüber, wie viele davon Kämpfer waren. Das ist die Asymmetrie der Glaubwürdigkeit: Die eine Zahl wird seziert, die andere geschluckt. Und der prominent gesetzte Pull-Quote stammt nicht von dem, der seine beschossenen Bürger schützt, sondern von dem, der Israel der Geschichtsvernichtung bezichtigt. Die Bausteine für eine faire Darstellung liegen alle im Artikel — der Litani, die Raketen, das Hisbollah-Bekenntnis. Es fehlt nicht an Fakten. Es fehlt an der Bereitschaft, sie richtig zu gewichten. Die Bürger zahlen 335 Franken im Jahr für einen Sender, der ihnen die Steine einer Kreuzritterburg in fünf Bildern zeigt — und die Frage, wer zuerst geschossen hat, in einen Nebensatz verbannt. Selbst beim Namen des Flusses, hinter den die Menschen fliehen sollen, reicht die Sorgfalt nicht ganz.
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