Die Buchhaltung als Berichterstattung
Zum SRF «Bericht: Bund lässt Gesundheitskosten bei Asylsuchenden ausufern», 12. Mai 2026
Was berichtet wird
Philipp Schrämmli berichtet über einen Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK), der die Gesundheitskosten in den Bundesasylzentren untersucht hat. Befund: Der Bund habe «die Kontrolle verloren». Das Staatssekretariat für Migration (SEM) verfüge über kein einheitliches Controlling, keine verlässlichen Instrumente zur Kostensteuerung, keine systematische Erfassung von Best Practices. Der Krankenversicherer CSS habe seit 2019 «monopolartige Stellung» erlangt. Die Erhöhung der Franchise von 300 auf 1500 Franken im Jahr 2021 habe den Vertrag für den Versicherer profitabler gemacht — aber den Bund Geld gekostet. Allein 2023 hätte eine besser gewählte Franchise rund 1.5 Millionen Franken sparen können.
Das SEM hat «Verständnis für diese Kritik» und hat per 2026 ein neues Versicherungsmodell mit Franchise 300 abgeschlossen. Die CSS schreibt, sie habe 2019 und 2020 «mehr für Leistungen gezahlt, als sie durch Prämien einnahm». In Absprache mit dem SEM sei die Franchise angepasst worden.
Der Rahmen
Der Beitrag ist auf den ersten Blick solide. Er referiert einen offiziellen Kontrollbericht, zitiert die beteiligten Parteien, nennt konkrete Zahlen. Das SEM räumt Versäumnisse ein, die CSS rechtfertigt ihre Position, die EFK kritisiert die Steuerung. Eine ordentliche Verwaltungsberichterstattung, wie man sie aus der Schweizer Medienlandschaft kennt.
Bei genauerem Lesen zeigt sich, dass der Rahmen die eigentliche Geschichte versteckt. Der Beitrag behandelt das Problem als Buchhaltungsfehler. Es geht um die «falsche Franchise», um «fehlende Datenbasis», um «nicht systematisch erfasste Best Practices». Die Sprache ist die der Effizienzberater. Was hätte besser gemacht werden können? Wo hätte gespart werden können? Wie verbessert man die Prozesse?
Diese Sprache verdeckt, was die Zahlen tatsächlich offenbaren.
Die fehlende Zahl
Der entscheidende Wert kommt im Beitrag in einer Aufklapp-Box vor — «Was die Gesundheit in den Asylzentren im Detail kostet». Diese Box wird im Text nicht aufgelöst. Sie ist optional. Wer sie nicht öffnet, erfährt die Gesamtkosten nicht.
Die Pro-Kopf-Gesundheitskosten der Asylsuchenden in den Bundesasylzentren liegen — je nach Jahr und Belegung — in der Grössenordnung von 5'000 bis 7'000 Franken pro Person und Jahr. Das ist eine Kennzahl, die im Beitrag nirgends auftaucht. Sie wäre für einen Vergleich relevant. Schweizerinnen und Schweizer zahlen Krankenkassenprämien, die in den letzten Jahren stetig gestiegen sind. Für eine Person mittleren Alters mit Standardfranchise liegt die Jahresprämie bei rund 5'000 bis 7'000 Franken — abhängig vom Kanton. Diese Prämie deckt typischerweise nicht alle Gesundheitskosten. Die durchschnittlichen Gesundheitskosten pro Kopf liegen in der Schweiz bei rund 9'000 Franken pro Jahr.
Die Gesundheitskosten der Bundesasylzentren pro Kopf liegen in einer ähnlichen Grössenordnung. Der EFK-Bericht enthält die Daten dazu. SRF zeigt sie nicht.
Was unterschlagen wird: die Gesamtkosten
Die Gesundheitskosten sind nur ein Bruchteil. Wer den Bericht liest und denkt, es gehe um ein paar Millionen Franken im Krankenkassenbereich, versteht die Dimension nicht. Die Gesundheitskosten sind einer von mehreren Kostenblöcken — und der kleinste davon.
Unterbringung, Betreuung, Sicherheit. Allein für das Jahr 2024 wurden für zusätzliche Unterkünfte, Sicherheit und Betreuung Mehrausgaben von rund 239 Millionen Franken budgetiert. In den Bundeszentren entstehen durch die 24-Stunden-Betreuung und die Sicherheitsdienste Tagespauschalen, die deutlich über den kantonalen Sätzen liegen. Diese liegen bei Einzelunterbringung zwischen 9.70 und 26.80 Franken pro Person und Tag, was bereits 3'500 bis 9'800 Franken pro Jahr ergibt — nur für die Unterbringung.
Sozialhilfe. Nach dem Austritt aus dem Bundeszentrum erhalten Asylsuchende Sozialhilfe in der Höhe von rund 1'200 Franken pro Person und Monat — das macht 14'400 Franken pro Jahr. Darin enthalten sind Grundbedarf, Wohnkosten und Krankenkassenprämien. Bei Jugendlichen oder in spezifischen Integrationsprogrammen können die Kosten auf bis zu 38'000 Franken pro Jahr steigen.
Gesamtbudget. Der Bund gab 2023 rund 3.5 Milliarden Franken für das Asylwesen aus. Rund ein Viertel der gesamten Schweizer Entwicklungshilfe — etwa 1.3 Milliarden Franken — fliesst direkt in die Aufnahme und Betreuung von Asylsuchenden im Inland. Das bedeutet: Die Schweiz finanziert ihre eigene Asylaufnahme aus dem Entwicklungshilfebudget. Geld, das für Hilfe in den Herkunftsregionen vorgesehen ist, fliesst in inländische Asylstrukturen.
Diese 3.5 Milliarden Franken sind nur die Bundesausgaben. Die Kantone tragen weitere Milliarden — für Sozialhilfe nach der Phase B, für Integration, für Sprachkurse, für medizinische Folgekosten, für Schulbildung, für Sicherheit. Eine konsolidierte Gesamtrechnung über alle drei Staatsebenen — Bund, Kantone, Gemeinden — existiert nicht öffentlich. Kritiker bemängeln seit Jahren, dass die vollständige Kostentransparenz fehlt.
Die Pro-Kopf-Rechnung
Wenn man die 3.5 Milliarden Bundesausgaben auf die jährlich betreuten Personen verteilt — bei einer Asylpopulation, die in der Schweiz aktuell im Bereich von 80'000 bis 100'000 Personen liegt, je nach Definition und Status —, ergibt das eine Pro-Kopf-Belastung des Bundes von 35'000 bis 45'000 Franken pro Jahr und Person. Plus Kantonsausgaben. Plus Gemeindeausgaben.
Diese Zahl steht in keinem SRF-Beitrag. Sie steht auch nicht im EFK-Bericht, weil der EFK-Bericht nur einen Ausschnitt prüft. Sie ergibt sich aus der einfachen Division von Gesamtausgaben durch Personenzahl — eine Rechnung, die jeder Bürger selbst anstellen könnte, wenn ihm beide Zahlen genannt würden. Werden sie nicht. Die Personenzahlen werden in einem Beitrag genannt, die Kostenzahlen in einem anderen, die Pro-Kopf-Rechnung in keinem.
Ein Schweizer Familienvater mit zwei Kindern und einem Bruttoeinkommen von 100'000 Franken zahlt nach Abzug von Steuern, Sozialabgaben und Krankenkassen rund 70'000 Franken netto. Davon muss er Miete, Verpflegung, Bildung, Transport, Versicherungen und alles Übrige bestreiten. Die Pro-Kopf-Kosten einer asylsuchenden Person übersteigen das verfügbare Einkommen mancher Schweizer Familien.
Diese Vergleichsrechnung ist nicht polemisch. Sie ist arithmetisch. Sie wird in keinem Schweizer Mainstream-Medium gezeigt, weil ihr Ergebnis politisch unbequem ist.
Die journalistische Operation
Der SRF-Beitrag erfüllt eine doppelte Funktion. Erstens zeigt er, dass die Behörden — die EFK — ihre Kontrollfunktion wahrnehmen. Das ist gut für das Vertrauen in das System. Zweitens kanalisiert er die Kritik in eine Bahn, die das System nicht in Frage stellt. Die Kritik richtet sich gegen die Franchise-Wahl, nicht gegen die Grundkonstruktion.
Diese Kanalisierung ist die eigentliche journalistische Operation. Sie nimmt eine Frage, die politisch unbequem ist — Gerechtigkeit der Lastenverteilung, Höhe der Gesamtkosten, Pro-Kopf-Belastung der Steuerzahler —, und macht aus ihr eine Frage, die politisch ungefährlich ist — Effizienz der Verwaltung. Wer mit dem Bericht fertig ist, hat das Gefühl, etwas gelernt zu haben. Was er gelernt hat: Der Bund sollte besser verhandeln. Was er nicht gelernt hat: Was ihn das Ganze kostet.
Diese Intransparenz ist nicht zufällig. Sie ist das Produkt eines redaktionellen Stils, der in Einzelfällen berichtet und Aggregate vermeidet. Was nicht summiert wird, kann nicht politisiert werden. Wer im Detail bleibt, vermeidet die Grundfrage. SRF berichtet detailliert über 1.5 Millionen Franken Sparpotenzial. SRF berichtet nicht über 3.5 Milliarden Franken Gesamtausgaben.
Das fehlende Wort
Es gibt ein Wort, das im Beitrag nicht vorkommt: Entwicklungshilfe. Dass ein Viertel der schweizerischen Entwicklungshilfe — 1.3 Milliarden Franken im Jahr 2023 — für die Aufnahme von Asylsuchenden im Inland verwendet wird, ist eine Information, die das Verständnis der schweizerischen Aussen- und Entwicklungspolitik fundamental verändert. Die offizielle Entwicklungshilfe-Quote der Schweiz erscheint höher, als sie effektiv für Entwicklungshilfe verwendet wird. Was als «Entwicklungshilfe» in der OECD-Statistik gemeldet wird, ist zu einem grossen Teil inländische Asylaufnahme.
Diese Praxis ist OECD-konform und legal. Sie ist auch eine erhebliche statistische Augenwischerei. Die Schweiz erfüllt ihre Entwicklungshilfeverpflichtungen formal, indem sie inländische Sozialausgaben als Entwicklungshilfe deklariert. Wer in den Schweizer Medien etwas darüber lesen will, sucht lange. Diese Geschichte gehört in jeden Bericht über Asylkosten — sie zeigt, wie tief die Konsequenzen reichen.
Die CSS-Logik
Die Stellungnahme der CSS verdient eine eigene Aufmerksamkeit. Die Krankenkasse erklärt, sie habe 2019 und 2020 «mehr für Leistungen gezahlt, als sie durch Prämien einnahm». Das ist eine bemerkenswerte Konstruktion. Eine Krankenkasse berechnet Prämien, die die erwarteten Leistungen decken. Wenn die Prämien die Leistungen nicht decken, ist das ein Kalkulationsfehler. Diesen Kalkulationsfehler wälzt die CSS auf den Bund ab, indem sie die Franchise verfünffacht. Aus Sicht der CSS ist das «kostendeckend». Aus Sicht des Bundes — also der Steuerzahler — ist es eine direkte Belastung der öffentlichen Hand.
Die ursprüngliche Ausschreibung war «erfolglos». Das bedeutet: Andere Krankenkassen wollten den Auftrag zu marktüblichen Konditionen nicht übernehmen. Warum nicht? Vermutlich, weil sie das Risiko richtig eingeschätzt haben. Die CSS hat den Auftrag genommen und sich nachträglich abgesichert. Das ist nicht illegal — aber es ist die genaue Konstellation, die in jedem anderen Markt als Marktversagen bezeichnet würde.
SRF beschreibt diese Konstellation neutral. Die CSS habe «eine monopolartige Stellung erlangt». Was das praktisch bedeutet, wer am Ende die Rechnung trägt — wird nicht ausgeführt.
Die kantonale Ebene
Es gibt eine Ebene, die im Beitrag komplett fehlt: die kantonale. Nach der Erstphase in den Bundesasylzentren werden Asylsuchende an die Kantone überwiesen. Dort entstehen weitere Gesundheitskosten — bei sehr ähnlichen Strukturen, mit sehr ähnlichen Problemen, oft bei denselben oder anderen Versicherern, häufig zu ähnlichen Konditionen.
Der EFK-Bericht behandelt nur die Bundesasylzentren. Das ist ein kleiner Ausschnitt der Gesamtkosten. Die kantonalen Asylkosten — Gesundheit, Unterbringung, Sozialhilfe, Integration — bilden den weit grösseren Teil der Gesamtbelastung. Pro Person im monatlichen Sozialhilfebezug entstehen 14'400 Franken pro Jahr — und das nur für die Grundleistungen. Hinzu kommen Sprachkurse, Integrationsprogramme, medizinische Sonderbehandlungen, schulische Förderung, psychologische Betreuung.
Über diese Dimension schreibt SRF nichts. Der Verweis auf den 1.5-Millionen-Spareffekt 2023 klingt nach handhabbarem Verwaltungsaufwand. In der Gesamtbilanz der Asylkosten ist diese Summe statistisches Rauschen.
Die institutionelle Funktion
Solche Beiträge sind charakteristisch für die Schweizer Medienberichterstattung über Asylkosten. Es gibt detaillierte Berichte über einzelne Beträge, einzelne Verträge, einzelne Verfahren. Es gibt keine konsolidierte Gesamtdarstellung der Kosten, die einem Bürger erlaubt, sich ein Urteil zu bilden. Wer wissen will, was die Schweiz das Asylwesen jährlich kostet — alle Stufen, alle Bereiche, alle Folgekosten —, findet die Zahl nicht in einem Medienbeitrag. Er muss sie aus mehreren amtlichen Quellen selbst zusammenrechnen.
Diese Intransparenz ist Funktion, nicht Versehen. Wer im Detail bleibt, vermeidet die Grundfrage. Wer von «Best Practices» und «Franchise-Optimierung» spricht, vermeidet die Frage, ob 3.5 Milliarden Franken Bundesausgaben pro Jahr im Verhältnis zu Leistung und Volumen angemessen sind. Wer die Pro-Kopf-Kosten nicht ausweist, vermeidet die Vergleichsrechnung mit Schweizer Haushalten.
In demselben System, in dem Schweizer Familien wegen steigender Krankenkassenprämien Budgetberatung in Anspruch nehmen müssen (siehe der vorherige SRF-Beitrag zum Mittelstand), werden Personen ohne Beitragsleistung zu Volltarif versorgt — und der Verteilungsmechanismus wird in Effizienzfragen umgeleitet. Diese parallele Existenz zweier Berichterstattungen — Mittelstand unter Druck einerseits, Verwaltungsoptimierung der Asylgesundheit andererseits — ist die eigentliche Pointe. Beide Berichte erscheinen nebeneinander. Die Verbindung wird nicht gezogen.
Der Befund
Der Beitrag ist gut recherchiert in dem Sinn, dass er den EFK-Bericht korrekt referiert. Er ist schlecht recherchiert in dem Sinn, dass er die Implikationen des Berichts ausblendet. Die Geschichte ist nicht die Franchise. Die Geschichte ist die strukturelle Asymmetrie: ein System, in dem Beitragspflichtige unter Druck stehen und Nichtbeitragspflichtige zum Volltarif versorgt werden, finanziert über Steuern und Entwicklungshilfegelder, deren Verwendung nur fragmentarisch berichtet wird.
Die vollständigen Zahlen sind verfügbar. 3.5 Milliarden Franken Bundesausgaben für Asyl im Jahr 2023. 1.3 Milliarden Franken aus dem Entwicklungshilfebudget für inländische Aufnahme. 239 Millionen Franken Mehrausgaben allein 2024 für Unterbringung und Sicherheit. 14'400 Franken Sozialhilfe pro Person und Jahr. Bis zu 38'000 Franken bei Spezialprogrammen. Pro-Kopf-Belastung des Bundes im Bereich von 35'000 bis 45'000 Franken pro Person und Jahr, ohne Kantons- und Gemeindeausgaben.
Diese Zahlen sind nicht versteckt. Sie sind in amtlichen Quellen abrufbar. Sie werden nur nicht zusammengefügt. Diese Aufgabe — Zahlen zusammenfügen, einordnen, mit der Lebenswirklichkeit der Adressaten in Beziehung setzen — ist die journalistische Kernaufgabe. SRF erfüllt sie nicht.
Was SRF erfüllt, ist die Wiedergabe eines Verwaltungsberichts. Das ist nicht nichts. Es ist auch nicht das, was eine Bevölkerung braucht, die jährlich über Krankenkassenprämien, Steuersätze und Sozialwerke abstimmen muss. Eine Demokratie, die ihre eigenen Verteilungsfragen nicht klar sehen darf, kann sie auch nicht klar entscheiden.
Im Archivvideo am Ende des Beitrags läuft die «Rundschau» über den «Widerstand gegen Asylzentrum in Zürich». Der Bericht über die Gesundheitskosten und der Bericht über den Widerstand werden nebeneinander gestellt, ohne Verbindung. Die Verbindung wäre die Geschichte gewesen. Sie wird vom Zuschauer selbst hergestellt — oder nicht hergestellt. SRF überlässt es ihm. Und tut so, als wäre das Neutralität.
Es ist keine. Es ist die Vermeidung der zentralen Frage durch die Konzentration auf eine Nebenfrage. Die EFK hat einen sauberen Bericht über die Franchise geschrieben. SRF hat ihn sauber wiedergegeben. Was beide nicht getan haben: die Pro-Kopf-Kostenrechnung, die jeder Schweizer Steuerzahler selber anstellen müsste, wenn er wissen wollte, wofür er bezahlt. Dass diese Rechnung dem Bürger überlassen wird, in einer Medienlandschaft, die ihn ansonsten mit Detailinformationen überschüttet, ist die eigentliche Signatur der schweizerischen Asylberichterstattung im Jahr 2026.
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