Die Beruhigung: Demokratie Schläft
SRF macht aus einer Studie mit unbequemen Befunden eine Gute-Nacht-Geschichte. Die Überschrift: «Schweizerinnen und Schweizer mögen ihre Staatsform, sehr sogar.» Der Untertitel verrät, wer den Schlaf stören könnte: «Einige kritische Stimmen kommen von Wählenden der SVP.» Über 90 Prozent finden es wichtig, in einer Demokratie zu leben. Die Demokratie ist nicht gefährdet. Sie können weiterschlafen.
Die Studie von Pro Futuris sagt das auch. Sie sagt aber noch einiges mehr, und davon erfährt der SRF-Leser nichts.
Die ausgelassene Hauptzahl
38 Prozent der Schweizer Bevölkerung befürworten den Ausschluss der ihnen unbeliebtesten Partei aus Wahlen und Abstimmungen. Nicht zehn. Nicht fünfzehn. Achtunddreissig. Mehr als jeder Dritte will eine Partei verbieten.
SRF erwähnt diesen Befund nicht. Er passt nicht in die Überschrift. Wer Menschen beruhigen will, erzählt ihnen nicht, dass vier von zehn ihrer Mitbürger bereit wären, politische Gegner vom demokratischen Prozess auszuschliessen.
Die ausgelassenen kontraintuitiven Befunde
Die Studie stellt drei Befunde fest, die das gängige Narrativ komplizieren.
Erstens: Menschen, die keine Nachrichten konsumieren, sind weniger demokratiemüde. Das ist eine Bombe, die in der Studie sachlich vermerkt wird und in der SRF-Berichterstattung verschwindet. Die naheliegende Erklärung: Was die Medien als Krise der Demokratie inszenieren, erzeugt diese Krise mindestens teilweise mit. Wer den Mediendiskurs meidet, wird die Demokratie wieder gelassener. Ein öffentlich-rechtlicher Sender hat keinen Anreiz, diesen Befund zu transportieren — er stellt sein eigenes Geschäft in Frage.
Zweitens: Ehrenamtliches Engagement geht mit höherer Demokratiemüdigkeit einher, nicht mit niedrigerer. Wer sich engagiert, sieht offenbar genauer hin und reibt sich an dem, was er sieht. Auch dieser Befund kollidiert mit dem üblichen Narrativ vom passiven Bürger als Gefährder der Demokratie.
Drittens: Affektive Polarisierung — das Feindbild, das üblicherweise als Bedrohung der Demokratie erzählt wird — steigert die politische Aktivität. Wer politische Gegner stark ablehnt, geht eher wählen, engagiert sich eher. Polarisierung ist offenbar nicht nur Krankheitssymptom, sondern auch Antrieb.
SRF erwähnt keinen dieser drei Befunde. Es berichtet, was bestätigt. Es verschweigt, was irritiert.
Die ausgelassene Erklärung
Die Studie bietet für die Unzufriedenheit der SVP-Wähler mehrere Erklärungen. Eine davon: «dass sich manche SVP-Wähler:innen in ihrem demokratisch geäusserten Willen nicht ernst genommen fühlen, etwa wenn angenommene Volksinitiativen aus ihrer Sicht nicht oder nur teilweise umgesetzt wurden.»
Ein Satz, der den Kern des Problems benennt — nicht die Wähler sind demokratiemüde, sondern die Institutionen, die ihre Entscheide ignorieren, erzeugen die Müdigkeit. Masseneinwanderungsinitiative. Ausschaffungsinitiative. Eine Reihe weiterer Volksentscheide, deren Umsetzung jahrelang verzögert, verwässert oder umgangen wurde.
SRF lässt diesen Satz weg.
Der externe Experte als Beruhiger
Stattdessen holt SRF einen Experten, der in der Studie gar nicht vorkommt. Marc Bühlmann sagt: Die Demokratie sei «absolut nicht gefährdet». Skeptische Voten seien «normal und gesund». Wer nicht abstimme, vertraue vielleicht einfach darauf, dass alles in seinem Sinn entschieden werde.
Die Studie liefert Befunde. Der Experte liefert Beruhigung. SRF druckt die Beruhigung. Das ist der zentrale Trick: Die Quelle wird ersetzt durch eine Stimme, die das gewünschte Resultat liefert. Die Studie selbst, mit ihren unbequemen Zahlen, wird zum Anlass für einen Beitrag, der ihr widerspricht.
Das verschwiegene Datum
Die Daten der Studie stammen vom Sommer 2024. SRF berichtet sie im März 2026, zwanzig Monate später, ohne den Zeitabstand zu erwähnen — als wäre die Zufriedenheit der Schweizer eine Konstante, die keiner Aktualisierung bedarf.
Zwanzig Monate, in denen die SVP-Initiative gegen die 10-Millionen-Schweiz Fahrt aufnahm, in denen die Migrationsdebatte sich verschärfte, in denen mehrere kantonale Wahlen Verschiebungen brachten, in denen die Inflation und die Krankenkassenprämien das Vertrauen vieler Bürger in die Institutionen weiter belasteten. Eine Bestandsaufnahme von Sommer 2024 sagt heute, im Frühjahr 2026, womöglich wenig über die aktuelle Stimmung. Aber sie eignet sich, wenn man den richtigen Ausschnitt wählt, ausgezeichnet zur Beruhigung.
Warum dieser Bericht im März 2026 erscheint — kurz vor parteipolitisch heiklen Diskussionen über die Initiativenflut, über den AfD-Kontext in Deutschland, über die Frage, ob bestimmte Parteien aus dem Diskurs gedrängt werden sollen — bleibt unbeantwortet. Aber das Timing ist nicht zufällig: Die Botschaft «Die Demokratie ist nicht gefährdet, ausser durch ein paar SVP-Wähler» ist im Frühjahr 2026 politisch nützlich für jene, die das politische Establishment verteidigen wollen.
Der geschlossene Kreis
Pro Futuris, das die Studie verfasst hat, ist der «Think + Do Tank» der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, gefördert von der Stiftung Mercator Schweiz. Seine Empfehlungen: mehr politische Bildung, mehr Begegnungsräume, mehr deliberative Formate. Mehr von dem, was Organisationen wie Pro Futuris anbieten.
Die Studie diagnostiziert ein Problem und verschreibt sich selbst als Therapie. Eine durch Stiftungsgelder finanzierte Organisation, deren Geschäftsmodell auf der Förderung deliberativer Demokratie beruht, stellt fest, dass die Schweiz mehr deliberative Demokratie braucht. Diese Empfehlung wird dann von der gleichen Stiftungslandschaft finanziell umgesetzt, die die Studie ermöglicht hat. Niemand muss böse Absicht unterstellen, um zu erkennen, dass dieser Mechanismus systematisch das gleiche Resultat produziert.
Die Stiftung Mercator Schweiz, die Pro Futuris fördert, finanziert auch das fög an der Universität Zürich, das die jährliche Bewertung der Schweizer Medienqualität erstellt — einschliesslich jener von SRF. Dieselbe Stiftung finanziert also die Studie, den Think Tank, der sie in Auftrag gibt, und die Institution, die beurteilt, ob die Medien korrekt darüber berichten.
Die Studie empfiehlt mehr politische Bildung und mehr Begegnungsräume. Die Stiftung finanziert politische Bildung und Begegnungsräume. Das fög, vom selben Geldgeber finanziert, wird in seinem nächsten Jahresbericht die Berichterstattung von SRF beurteilen — möglicherweise auch die Berichterstattung über die Pro-Futuris-Studie.
Niemand in diesem Kreislauf lügt. Alle glauben aufrichtig an das, was sie tun. Der Kreis schliesst sich trotzdem.
Der Befund
So verwandelt ein öffentlicher Sender eine Studie, die zeigt, dass fast vier von zehn Schweizern eine Partei aus dem politischen Prozess ausschliessen würden, in einen Beitrag darüber, wie sehr die Schweizer ihre Demokratie lieben. Die Operation gelingt durch fünf Schritte: Auslassung der Hauptzahl. Auslassung der unbequemen Befunde. Auslassung der institutionellen Erklärung für die SVP-Unzufriedenheit. Ersetzung der Studie durch einen externen Beruhigungsexperten. Verschweigen des Datums der zugrundeliegenden Daten.
Das Ergebnis ist nicht falsch in einzelnen Sätzen. Es ist falsch in der Gesamtwirkung. Wer den SRF-Beitrag liest, glaubt, eine beruhigende Studie über eine gesunde Demokratie kennenzulernen. Wer die Studie selbst liest, sieht ein Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung fundamentale Zweifel an der Funktionsweise des politischen Systems hat — und in dem Nachrichtenkonsum diese Zweifel verstärkt statt zerstreut.
Die zweite Lesart ist die Studie. Die erste ist SRF.
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