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«Die Bedrohung war offensichtlicher» — wirklich?
Medienkritik
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«Die Bedrohung war offensichtlicher» — wirklich?

SRF/SRGKlima/EnergieGesellschaft
mittel
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Dieser Beitrag zum Ozonloch ist aus mehreren Gründen interessant. Er ist wissenschaftlich seriös. Er gibt einem Empa-Forscher Raum. Er liefert konkrete Zahlen: 4 Prozent statt erwartete 0.5 Prozent Verluste bei Feedstock-Chemikalien. 160 Prozent mehr Produktion in zwanzig Jahren. Das Ozonloch schliesst sich langsamer als vorausberechnet.

Das ist Qualitätsjournalismus in genau dem Bereich, wo SRF ihn kann — dann, wenn das Thema keine politische Sprengkraft im Inland hat.

Umso interessanter wird ein einzelner Satz, den man leicht überlesen kann.

«Die Bedrohung war offensichtlicher als heute bei der Klimaerwärmung.»

Das sagt Stefan Reimann. Die Redaktorin lässt es stehen. Sie hakt nicht nach. Sie fragt nicht weiter.

Dabei ist das eine bemerkenswerte Aussage, gerade aus dem Mund eines Umweltchemikers, der im Feld arbeitet. Er sagt nicht: Das Klimaproblem ist offensichtlicher geworden. Er sagt: Das Ozonproblem war offensichtlicher. Was er damit implizit beschreibt, ist eine epistemische Asymmetrie zwischen den beiden Fällen.

Beim Ozonloch gab es einen klaren Mechanismus: FCKW steigt auf, zerstört Ozon, UV-Strahlung erreicht die Erde, Hautkrebs und Ernteausfälle folgen. Die Wirkung war messbar, die Ursache identifizierbar, die Lösung chemisch benennbar. Die Skeptiker konnten widerlegt werden, weil die Prognose kurzfristig genug war, um sie zu überprüfen.

Beim Klima ist die Kausalkette länger, die Feedback-Mechanismen sind komplexer, die Prognosen bewegen sich über Jahrzehnte, und die Modelle haben in der Vergangenheit immer wieder revidiert werden müssen. Reimann sagt das nicht direkt, aber seine Formulierung anerkennt es: Die Bedrohung ist heute nicht offensichtlich in demselben Sinne, wie sie es damals war.

Das ist eine Einsicht, die in der öffentlichen Klimaberichterstattung fast nie vorkommt. Üblicherweise lautet der Satz: «Die Wissenschaft ist sich einig, wir wissen, was kommt, die Modelle sind klar.» Reimann sagt in einem Nebensatz das Gegenteil: Die Offensichtlichkeit ist geringer.

Und er sagt es, ohne ein Klimaskeptiker zu sein. Er arbeitet an Emissionsmessungen, er ist Teil des wissenschaftlichen Establishments, er argumentiert unzweideutig für Klimaschutz. Genau das macht seine Aussage wertvoll. Sie kommt nicht aus der Leugnungsecke, sondern aus der Mitte der Forschung.

Aber schauen wir, wie SRF mit dieser Einsicht umgeht.

Die Redaktorin nimmt den Satz entgegen und wendet ihn sofort in eine andere Richtung. Nicht: «Was heisst das für die Kommunikation der Klimawissenschaft?» Nicht: «Welche Unsicherheiten in den Modellen wurden in der öffentlichen Debatte womöglich unterbelichtet?» Nicht: «Wenn die Bedrohung weniger offensichtlich ist, wie reagiert die Gesellschaft auf Forderungen nach dramatischen Eingriffen, deren Begründung für den Einzelnen schwer überprüfbar ist?»

Stattdessen: «Wenn Wissenschaft, Politik und Industrie zusammenarbeiten, dann kann man in Umweltfragen etwas erreichen.»

Das Interview kehrt sofort zur erbaulichen Schlussformel zurück. Der potenziell produktive Moment — die Anerkennung, dass beim Klima die wissenschaftliche Gewissheit nicht denselben Klarheitsgrad hat wie bei FCKW — wird nicht vertieft. Reimann selbst, der den Satz gesagt hat, verlässt ihn unmittelbar wieder.

Das ist eine interessante Stelle für einen Medienbeobachter. Denn die offizielle Linie des öffentlichen Senders beim Klima lautet: Konsens. 97 Prozent der Wissenschaftler. Die Forschung ist geklärt. Die Debatte ist beendet. Wer anderes sagt, ist Skeptiker, Leugner, Aussenseiter.

Dann tritt ein Empa-Forscher vor ein SRF-Mikrofon und sagt in aller Ruhe: Beim Ozon war die Bedrohung offensichtlicher. Man wusste damals, was passiert. Heute beim Klima weiss man das nicht in demselben Mass.

Und anstatt diese Bemerkung zum Ausgangspunkt einer ehrlichen Reflexion zu machen — was wissen wir eigentlich, wo sind die Unsicherheiten, welche Prognosen haben sich bestätigt, welche nicht, welche Modelle mussten angepasst werden — wird sie glatt gebügelt.

Genau dasselbe Muster wie bei den Impfstoffverträgen. Die unbequeme Information wird genannt. Sie wird nicht unterdrückt. Man kann später sagen: Wir haben doch berichtet. Aber sie wird unmittelbar in eine Verpackung gelegt, die ihr die Konsequenzen nimmt. Genannt, entschärft, abgehakt.

Dabei wäre das eine Sendung gewesen, die Reimanns Einsicht ernst nimmt. Eine, die fragt: Welche Klimaprognosen der letzten dreissig Jahre haben sich bewahrheitet, welche nicht? Wie haben sich die IPCC-Modelle über die Jahre verändert? Wo sind die Spannbreiten grösser geworden, wo enger? Wieso hat sich die in der Öffentlichkeit kommunizierte Gewissheit umgekehrt proportional zur tatsächlichen Modellpräzision entwickelt?

Diese Fragen sind nicht klimaskeptisch. Sie sind wissenschaftshistorisch. Sie sind die Fragen, die ein Wissenschaftsjournalismus stellen müsste, der sein Handwerk ernst nimmt.

Stattdessen: freundlicher Interviewschluss, FCKW als Vorbild, Zusammenarbeit schafft Lösungen, fertig.

Und jetzt die Anschlussfrage, die niemand stellt.

Wenn die Bedrohung beim Klima weniger offensichtlich ist als damals beim Ozon, und wenn gleichzeitig die politische Mobilisierung beim Klima grösser ist als damals beim Ozon — Netto-Null-Gesetze, Verfassungsinitiativen, Finanzplatz-Umbauten, Energiewenden im hohen zweistelligen Milliardenbereich — was sagt uns das?

Entweder ist die Bedrohung doch offensichtlicher als Reimann sagt, und er irrt sich. Das wäre eine ernsthafte These, die zu prüfen wäre. Oder die politische Mobilisierung ist grösser als die tatsächliche Evidenzlage rechtfertigt. Auch das wäre eine ernsthafte These, die zu prüfen wäre.

Beide Möglichkeiten sind legitim. Beide wären Gegenstand einer offenen Debatte in einem freien Land mit einem unabhängigen öffentlichen Sender. Keine der beiden wird bei SRF verhandelt. Stattdessen bleibt der Reimann-Satz als erratischer Block im Interview stehen — gesagt, nicht widersprochen, nicht vertieft, nicht in seinen Konsequenzen befragt.

Der Celio-Standard verlangte, dem Souverän das Material zu liefern, damit er selbst urteilen kann. Reimanns Satz ist solches Material. Es ist eine kostbare Stelle: ein anerkannter Wissenschaftler sagt in einer Nebenbemerkung etwas, das die offizielle Kommunikationslinie seines eigenen Feldes durchbricht.

Ein öffentlicher Sender, der seinem Auftrag gerecht werden wollte, hätte diese Stelle aufgegriffen. Hätte nachgefragt. Hätte weitere Wissenschaftler dazugebeten. Hätte eine Sendung daraus gemacht.

SRF hat sie stehen lassen. Und ist zum nächsten Absatz übergegangen.

Nicht weil jemand zensiert hätte. Sondern weil niemand hinhören wollte. Das ist das eigentlich Bemerkenswerte. Die Redaktion hat die Information im Text. Sie hat sie sogar ungekürzt gedruckt. Und hat doch keinen Augenblick erwogen, dass sie eine Geschichte sein könnte.

So sieht der Zustand eines Wissens aus, das nicht mehr aktiv verschwiegen werden muss, weil es von selbst niemand mehr wahrnimmt.

Das ist, wenn man so will, die erfolgreichste Form der Stenographie. Eine, bei der selbst die Quelle, die sich selbst widerspricht, in der Redaktion niemanden mehr wundert.

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