9min
Die Bedrohung: Eine Inspektionsdrohne
Medienkritik
3 Minuten

Die Bedrohung: Eine Inspektionsdrohne

SRF/SRGSicherheitspolitik
schwerwiegend
Teilen

SRF berichtet am 28. März über «Die Schweiz im Visier des hybriden russischen Kriegs». Der Titel ist gross. Der Beleg ist kleiner.

Der Beitrag arbeitet fast ausschliesslich mit Stimmen aus dem Sicherheitsapparat und seinem Umfeld: Nachrichtendienst, Polizei, Armeeberater, Sicherheitsfirma, ehemaliger Führungsstabschef. Alle leben beruflich von Bedrohungslagen, Bedrohungsanalyse oder Bedrohungsabwehr. Das disqualifiziert sie nicht. Es erklärt aber, warum Gegenstimmen hier nicht Luxus, sondern Voraussetzung wären. Sie fehlen.

Als Illustration dient unter anderem eine Drohne bei Laufenburg, einem Knotenpunkt des europäischen Stromnetzes. Der Fall klingt im Beitrag nach feindlicher Aufklärung über kritischer Infrastruktur. Inzwischen liegt die Stellungnahme von Swissgrid vor. Sie ist unerquicklich für die Dramaturgie. Gemeldet wurde laut Swissgrid am 3. Oktober der Flug einer handelsüblichen Drohne ausserhalb des Unterwerkperimeters. Interne Abklärungen hätten ergeben, dass im selben Zeitraum ein Dienstleister von Swissgrid mit einer Drohne ein Leitungstrassee inspizierte. Swissgrid gehe deshalb davon aus, dass es sich um einen bewilligten Inspektionsflug handelte. Von Grossdrohnen mit 2,5 Metern Durchmesser habe man nichts beobachtet. Entsprechende Meldungen gebe es nicht.

Aus einer mutmasslichen Inspektionsdrohne wird im SRF-Beitrag ein Baustein des «hybriden russischen Kriegs». Die Stellungnahme des Betreibers, der den Vorfall am besten beurteilen kann, kommt nicht vor. Das ist keine Nebensächlichkeit. Es betrifft den Vorfall, mit dem die Bedrohung anschaulich gemacht wird.

Dann die Zahlen. 104 Drohnenmeldungen 2025. Zwölf nachrichtendienstlich zugeordnete Vorfälle in zwei Jahren. 260 Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur in neun Monaten. Die Zahlen stehen im Text wie Beweise. Was fehlt, ist die Einordnung. Wie viele Drohnenmeldungen betreffen Hobbyflüge, gewerbliche Einsätze, Inspektionen, Verstösse gegen Flugverbote? Wie viele der zwölf Vorfälle sind russisch, wie viele chinesisch, wie viele überhaupt operativ bedeutsam? Wie viele der 260 Cyberangriffe waren ernsthafte Eindringversuche, wie viele bloss Störungen, Scans oder DDoS-Attacken?

Gerade beim Cyberteil wird der Sammelbegriff zum Hauptdarsteller. Genannt wird etwa «NoName057(16)». Was diese Gruppe typischerweise macht, ist öffentlich bekannt: DDoS-Angriffe. Server werden mit Anfragen überlastet, Websites sind zeitweise nicht erreichbar. Das ist lästig und kann politisch motiviert sein. Es ist aber etwas anderes als Sabotage, Infiltration oder Datenabfluss. Wenn eine Gemeindewebsite zeitweise offline ist, ist das nicht dasselbe wie die Ausspähung eines Treibstofflagers. Unter dem Begriff «hybrider Krieg» verschwimmt dieser Unterschied.

Auch die Zuordnung bleibt unsauber. Der Titel kennt Russland. Im Text ist von «hauptsächlich russischen oder chinesischen Diensten» die Rede. Das ist nicht dasselbe. Wenn Überschrift und Text unterschiedliche Gegner benennen, ist der Befund offenbar weniger eindeutig, als der Titel vorgibt.

Das Problem des Beitrags ist nicht, dass er über Bedrohungen spricht. Das Problem ist, dass er verschiedenartige Phänomene zu einem einzigen Bedrohungsbild verdichtet, ohne deren Gewicht, Charakter und Evidenzgrad sauber zu trennen. Ein ungeklärter Drohnenvorfall, eine mutmasslich harmlose Inspektionsdrohne, nachrichtendienstliche Aktivität, DDoS-Störungen und allgemeine Sicherheitswarnungen stehen nebeneinander und erzeugen gemeinsam das Bild eines laufenden «hybriden Kriegs». Der Begriff leistet dabei die entscheidende Arbeit: Er verbindet, was zuerst unterschieden werden müsste.

So entsteht Konsens ohne Prüfung. Offizielle Warnung, illustrativer Vorfall, bestätigender Experte, nackte Zahl. Das Resultat ist kein falscher Satz im engeren Sinn. Es ist etwas Wirksameres: ein geschlossenes Bedrohungsgefühl. Gerade deshalb wäre mehr Distanz nötig gewesen — und mehr Respekt vor der simpelsten journalistischen Frage: Was genau ist hier eigentlich passiert?


Quellen: SRF/RTS, Françoise Weilhammer & Xavier Nicol, «Die Schweiz im Visier des hybriden russischen Kriegs», 28. März 2026; Regierungsrat Kanton Aargau, Antwort auf Interpellation Mezzi/Kaufmann, inkl. Stellungnahme Swissgrid AG; Europol, «Operation Eastwood», Juli 2025; Nachrichtendienst des Bundes, Lagebericht 2025.

Originalbeitrag auf X →

Ähnliche Beiträge

Kein Artikel verpassen.