Die Auswahl: Das Schweigen
Am 11. März 2026 präsentiert der Gemeindepräsident von Wattwil, Alois Gunzenreiner (Mitte), an der Vorgemeinde im Thurparksaal eine Zahl: Eine Familie mit vorläufiger Aufnahme: zwei Eltern, vier unmündige Kinder, 2023 über die Balkanroute eingereist. Die Familie kostet die Gemeinde rund 400'000 Franken pro Jahr. Sozialhilfe, Wohnkosten, Integrationsmassnahmen. Er nennt keine Namen. Er präsentiert eine kommunale Ausgabe an einer öffentlichen Veranstaltung über kommunale Ausgaben.
Ab dem 12. März berichten die ersten Medien. In den Tagen darauf folgen Blick, das St. Galler Tagblatt, die Weltwoche, Toggenburg24, Linth24, TVO, das Vaterland. Ab dem 16. März verschärft sich die Debatte: Die SP Toggenburg kritisiert den Gemeindepräsidenten wegen einer möglichen Verletzung des Amtsgeheimnisses. Die Geschichte erreicht die nationale Diskussion über die «Lex Kirchberg» — jenes St. Galler Gesetz, das die freie Wohnsitzwahl für vorläufig Aufgenommene einschränkt und im Fall Wattwil dazu führt, dass die Gemeinde die Kosten voraussichtlich bis 2039 tragen muss.
Die gesamte Deutschschweizer Medienlandschaft greift die Geschichte auf. Jede Redaktion ausser einer. SRF berichtet nicht. SWI swissinfo.ch berichtet nicht.
Dies ist keine deutsche Geschichte, die man nach Belieben importieren kann. Dies ist eine Schweizer Gemeinde, Schweizer Steuergelder, Schweizer Asylpolitik, präsentiert von einem gewählten Gemeindepräsidenten einer Bundesratspartei. Die Frage, die der Fall aufwirft — wie das Zusammenspiel von nationalem Asylrecht, kantonaler Zuweisung und kommunaler Finanzierung funktioniert — betrifft die direkte Demokratie auf ihrer untersten, konkretesten Ebene.
SRF findet im selben Monat Platz für einen Wolf, der in Hamburg eine Frau beisst. Es findet Platz für Deepfake-Demonstrationen in Berlin. Es findet Platz für eine deutsche Schauspielerin, die ihren Ex-Mann beschuldigt. Es findet keinen Platz für 400'000 Franken pro Jahr in einer Toggenburger Gemeinde.
Der Wolf ist kurios und folgenlos. Die Deepfakes sind emotional und mobilisierend. Die Asylkosten in Wattwil sind konkret, politisch brisant und instrumentalisierbar von der falschen Seite. Die Auswahl ist die mächtigste redaktionelle Entscheidung. Was nicht gesendet wird, existiert für das Massenpublikum nicht.
Quellen: Toggenburg24, 16. März 2026; Blick, März 2026; St. Galler Tagblatt, März 2026; Weltwoche, März 2026; Linth24; TVO; Das Vaterland; SRF, «Wolf beisst in Hamburg eine Frau», 31. März 2026.
Ähnliche Beiträge
Kein Artikel verpassen.
