Die Aufarbeitung, die man nur von anderen fordert
SRF lässt seinen Auslandredaktor über das Staatsbegräbnis für Ratko Mladic schreiben — und fordert Aufarbeitung. «Eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Kriege der 90er-Jahre und der eigenen Rolle dabei hat in Serbien nie stattgefunden», heisst es. Der Satz ist korrekt. Und er fällt auf den Absender zurück, sobald man die Variablen vertauscht: die Kriege der 90er durch die Pandemie von 2020, Serbien durch den Sender. Eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Pandemie und der eigenen Rolle dabei hat bei SRF nie stattgefunden — stattdessen steht der Sender vor Bundesgericht, um nicht über die RKI-Protokolle berichten zu müssen. Wer von Serbien dreissig Jahre nach Dayton die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verlangt und sechs Jahre nach Bern die eigene vor Gericht verhindert, hat den Anspruch nicht verloren — er hat die Berechtigung.
Zum SRF-Beitrag «Mladic ist tot — der serbische Nationalismus lebt weiter», Echo der Zeit, 07.09.2026
Was der Beitrag leistet: Er steht auf solidem Boden. Mladic wurde 2017 vom UNO-Tribunal wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt — für Srebrenica, für die Belagerung Sarajevos. Ein Staatsbegräbnis mit militärischen Ehren für einen verurteilten Völkermörder ist ein Skandal, und der Beitrag benennt ihn. Er nennt die personelle Kontinuität — Vucic war Minister unter Milosevic. Er nennt die Opfer. Wer das Begräbnis verurteilt, hat recht. Diese Kritik ist keine Verteidigung Mladics. Sie ist eine Frage an den, der sie formuliert.
Der Satz, der zurückfällt
Der Kernsatz des Beitrags: «Eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Kriege der 90er-Jahre und der eigenen Rolle dabei hat in Serbien nie stattgefunden.» Vertausche die Variablen — Kriege der 90er durch Pandemie von 2020, Serbien durch SRF —, und der Satz beschreibt exakt den Absender. Die RKI-Protokolle, deren schrittweise Veröffentlichung seit 2024 dokumentiert, dass deutsche (und dementsprechend schweizer) Corona-Politik teilweise ohne solide Datenbasis getroffen wurde: SRF bestreitet vor Gericht, darüber berichten zu müssen. Die Covid-Impfstoffverträge — rund eine Milliarde Franken, deren Bedingungen die Öffentlichkeit nicht kannte, bis ein Gericht die Offenlegung anordnete: keine Aufarbeitung. Das Tamiflu-Lager, hundert Jahre Vorrat eines Medikaments, dessen Hersteller in den USA wegen Betrugs verklagt wird — dem Vorwurf, Regierungen mit fragwürdigen Studien zum Kauf bewegt zu haben: SRF meldete die Entsorgung, ohne die Klagen zu erwähnen. Serbien hat dreissig Jahre nicht aufgearbeitet — aus Versäumnis, aus Nationalismus, aus politischem Kalkül. SRF hat sechs Jahre nicht aufgearbeitet — aus Entscheidung, mit Anwälten, vor Bundesgericht. Das Erste ist ein Vorwurf. Das Zweite ist einer mit einem anderen Adressaten.
Die Analyse, die kein Warum kennt
Der Beitrag heisst «Analyse» — und erklärt nichts. Warum verehren Tausende einen verurteilten Völkermörder? Eine Umfrage des Vorjahres ergab, dass 52 Prozent der Serben in der Republika Srpska Mladic als Held betrachten — mehr als die Hälfte. Das ist der Befund, der jede Analyse erzwingen würde: Was macht einen Kriegsverbrecher zum Helden der Hälfte einer Bevölkerung? Die NZZ liefert einen Teil der Antwort — Mladic wurde jahrelang vom «tiefen Staat» und von hochrangigen Politikern geschützt, lebte nach Kriegsende als freier Mann in Belgrad. Die DW liefert einen anderen: Bosnien hat Gesetze gegen die Verherrlichung verurteilter Kriegsverbrecher, die nur uneinheitlich durchgesetzt werden; Serbien hat kein solches Gesetz. SRF hat nichts von alledem. Es hat «Tausende» auf der Strasse, staatlich geförderte Wandbilder und die Diagnose «Nationalismus». Ein Phänomen ohne Erklärung ist eine Anklage, keine Analyse. Wenn die Hälfte einer Bevölkerung einen Kriegsverbrecher zum Helden macht, ist die Frage nach dem Warum die einzige analytische Frage. Der Beitrag beantwortet sie zirkulär: weil sie Nationalisten sind.
Die EU, deren Kalkül scheiterte — und als Moralinstanz weiterdient
Der Beitrag rahmt Brüssel als Mahner: «Die EU versucht, Vucic immer wieder Grenzen aufzuzeigen» — erfolglos, die Warnungen «verhallen». Was der Beitrag diagnostiziert, ohne es zuzuschreiben: Das gescheiterte Kalkül war das der EU selbst. Sie machte die Auslieferung der Kriegsverbrecher zur Bedingung der Beitrittsgespräche, begann sie 2014 — und sah anderthalb Jahrzehnte zu, wie Vucic die Macht konsolidierte, die Medien gleichschaltete und den Nationalismus pflegte, während die Beitrittsperspektive stagnierte. Der Beitrag sagt: «Das Kalkül, dass der EU-Prozess automatisch zu einer Demokratisierung Serbiens führt, geht nicht auf.» Er sagt nicht, wessen Kalkül es war. Die Institution, deren Instrument versagte, erscheint als unparteiische Moralinstanz — nicht als Mitspielerin, deren Anreize den Zustand mitproduzierten, den der Beitrag beklagt.
Das Muster ist der Aufarbeitungsexport. Die Forderung nach Vergangenheitsbewältigung als Handelsware: nach aussen geliefert mit voller Stimme, unbefristet, ohne Ansehen der Kosten; nach innen zurückgehalten, vor Gericht verteidigt, durch Entsorgungsmeldungen ersetzt. Der Massstab ist universell in der Rede und partikulär in der Anwendung — das fremde Gedächtnis als Pflicht, das eigene als Option. Eine Institution, die von anderen verlangt, was sie vor Bundesgericht verhindert, verliert mit dem Argument nicht unbedingt die Sache. Sie verliert die Stimme, in der sie es verlangt. Denn die Frage, die sich am Ende jedes Aufarbeitungsdoppelzweifels stellt, ist immer dieselbe: Wenn die Aufarbeitung beim eigenen Haus beginnt — warum beginnt sie nicht dort? Und wenn sie dort nicht beginnt: Was ist sie dann, wenn man sie beim fremden Haus fordert? Ein Instrument.
So funktioniert dieser Beitrag: Er verurteilt ein Staatsbegräbnis, das verdient verurteilt zu werden, und fordert eine Aufarbeitung, die verdient gefordert zu werden — von einem Absender, der die eigene vor Gericht verhindert. Die Analyse erklärt nicht, warum Hälfte einer Bevölkerung einen Völkermörder zum Helden macht; sie diagnostiziert Nationalismus im Kreis. Die EU erscheint als Moralinstanz, obwohl ihr Kalkül den Zustand mitproduzierte. Und der Satz, der Serbien fehlende Aufarbeitung bescheinigt, beschreibt mit vertauschten Variablen den Sender, der ihn publiziert. Der Beitrag endet mit dem Befund, ein Weg in Richtung Versöhnung sei nicht erkennbar. Er könnte mit demselben Recht über den enden, der ihn schrieb — und über die Redaktion, die ihn sendete, sechs Jahre nach 2020, ohne ein Wort über die Protokolle, die sie vor Gericht nicht erwähnen will.
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