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Die Angst, die man nur dem anderen zubilligt
Medienkritik
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Die Angst, die man nur dem anderen zubilligt

SRF/SRGSicherheitspolitikEU/Aussenpolitik
schwerwiegend
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Der Beitrag über russische Männer und ihre Angst vor der Mobilmachung lief am 18. September, Echo der Zeit, 18 Uhr. Am selben Tag adoptierte der Bundesrat die Sicherheitspolitische Strategie 2026: zehn Ziele, 46 Massnahmen, Vorbereitung auf hybride Angriffe und einen möglichen bewaffneten Angriff. Der Beitrag erwähnt sie mit keinem Wort. Er erwähnt auch nicht, dass Dänemark die Wehrpflicht auf Frauen ausgedehnt und den Dienst von vier auf elf Monate verlängert hat, dass europäische Geheimdienste Angriffsfenster von einem bis fünf Jahren nennen, und dass Russland die Schweiz als Verhandlungsort längst abgeschrieben hat. Die Angst russischer Männer ist exotisches Material. Die Kriegsvorbereitung des eigenen Landes ist unsichtbar. Beide Gesellschaften stellen ihre Jugend für denselben Krieg bereit, und der Beitrag zeigt eine Seite der Spirale und nennt sie Befindlichkeit.

Zum SRF-Beitrag «Russische Männer zwischen Angst und Pflichtgefühl», Echo der Zeit, 18.09.2026

Was der Beitrag leistet: Er ist das redlichste Russland-Stück der Serie. Zwei Stimmen mit Namen und Biografie, keine Karikatur. Der Korrespondent räumt ein, dass beide Theorien über den Ursprung der Gerüchte belegt sind durch nichts. Der Kasten endet mit der richtigen Bescheidenheit: Man könne nicht wissen, was der Kreml tun werde. Das ist mehr methodische Redlichkeit als üblich. Die Kritik gilt dem Rahmen. Er zeigt eine Speiche eines Rades, das sich auf beiden Seiten dreht.

Die Strategie, die am selben Tag kam

Der Bundesrat adoptierte die Sicherheitspolitische Strategie 2026 am 18. September, dem Tag dieses Beitrags. Zehn Ziele, 46 Massnahmen, koordiniert vom Staatssekretariat für Sicherheitspolitik, mit Bericht an den Bundesrat bis Ende 2028. Die Strategie gibt drei stillschweigende Annahmen der Schweizer Sicherheitspolitik auf: dass ein zwischenstaatlicher Krieg in Europa unwahrscheinlich sei, dass Bedrohungen mit langer Vorwarnzeit kämen und dass territoriale Verteidigung die zentrale Aufgabe bleibe. Sie verweist auf ein mögliches Verwundbarkeitsfenster Europas ab 2028, wenn Russland weiter aufgerüstet hat und die europäische Abschreckung noch nicht nachgezogen hat. Das Echo der Zeit über die Angst vor der russischen Mobilmachung lief am Abend desselben Tages. Die Strategie kam in keinem Satz vor. Dabei ist die Gleichzeitigkeit die Story: Ein öffentlicher Sender psychoanalysiert die Mobilisierungsangst des Gegners, während die eigene Regierung am selben Tag eine Kriegsstrategie verabschiedet, und verbindet beides nicht. Zwei Gesellschaften bereiten sich auf denselben Krieg vor. Die eine wird als Angstpathologie gezeigt, die andere als vernünftige Politik. Sogar international schlug die Schweizer Strategie als Kriegsomenn ein, Boulevardmedien titelten über Weltkriegsbefürchtungen. Nur der Beitrag über Kriegsangst, am selben Tag, im selben Land, hielt sie nicht der Erwähnung wert.

Die Fenster, die die Rüstung rechtfertigen

Der Kasten des Beitrags urteilt: eine neue Mobilmachung sei eher unwahrscheinlich, die Truppenstärke bleibe bei rund 30'000 Rekrutierten pro Monat stabil. Die Geheimdienste, auf die sich die Schweizer Strategie stützt, zeichnen ein anderes Bild. Der niederländische Militärnachrichtendienst meldete im April 2026, Russland könne unter günstigen Umständen binnen eines Jahres nach Kriegsende genug Kampfkraft für einen regionalen Konflikt gegen die Nato aufbauen. Der dänische Dienst warnt, Russland könnte binnen zwei Jahren nach Kriegsende für einen Regionalkrieg gegen die baltischen Staaten bereit sein und binnen fünf Jahren für einen grossen europäischen Krieg. Estland verneint einen Angriff 2026, verzeichnet aber den langfristigen Wiederaufbau der Kräfte. Das sind die Fenster, die die europäische Aufrüstung rechtfertigen, inklusive der Schweizer. Der Beitrag druckt die Beruhigung des Kastens und kennt die Alarme nicht, die dieselbe Woche füllen. Beides kann nicht gleichzeitig Trost sein: Entweder ist die Mobilmachung unwahrscheinlich, dann sind die Fenster Alarmismus. Oder die Fenster stimmen, dann ist die Stabilität des Kastens die Ruhe vor dem Sturm. Und die Fenster selbst sind Teil der Dynamik: Jedes verkündete Angriffsfenster rechtfertigt die Vorbereitung der einen Seite, die die Vorbereitung der anderen rechtfertigt, die das nächste Fenster rechtfertigt.

Die Wehrpflicht, die nur eine Richtung hat

Der Beitrag zeigt Dima, der in der U-Bahn Angst vor Kontrollen hat, für ein Flugticket nach Armenien spart und darüber nachdenkt, sich bei der Grossmutter auf dem Land zu verstecken. Das Spiegelbild läuft in Europa, und der Beitrag erwähnt es nicht: Dänemark hat die Wehrpflicht seit Juli 2025 auf Frauen ausgedehnt, als drittes Land nach Norwegen und Schweden, und verlängert die Grundausbildung ab 2026 von vier auf elf Monate. Polen rüstet intensiver als fast jeder europäische Staat. Russische Männer, die vor der Einziehung fliehen, sind eine Reportage über Angst. Europäische Staaten, die Frauen einziehen und die Dienstzeit verdreifachen, sind nicht einmal eine Erwähnung wert in einem Beitrag über Mobilmachung. Beide Gesellschaften stellen ihre Jugend für einen Krieg bereit, von dem jede Seite sagt, die andere werde ihn beginnen. Die Frage, die niemand stellt: Was, wenn beide Seiten dieselbe Angst haben und dieselbe Angst bedienen? Die Frage, ob jemand diesen Krieg will, stellt keine Strategie. Die Maschinerie stellt ihn her: Jede Vorbereitung ist die Rechtfertigung der anderen, und der Beitrag, der nur eine Vorbereitung zeigt, macht bei der Rechtfertigung mit.

Die Vermittlerin, die niemand mehr ruft

Der Beitrag über die menschlichen Kosten des Krieges in Russland kommt aus der Schweiz. Was er über die Schweizer Rolle verschweigt: Russland betrachtet die Schweiz nicht mehr als mögliche Plattform für Verhandlungen über die Ukraine, wie Vizenaussenminister Grushko erklärte. Die Aussenministerien Russlands und Weissrusslands halten in einem Bericht von 2026 fest, die Schweiz lasse ihre Bürger nur zum Schein an wichtigen Entscheiden teilnehmen, insbesondere in Aussen- und Verteidigungspolitik. Die Schweiz hat sämtliche EU-Sanktionen übernommen und Waffenlieferungen europäischer Länder an die Ukraine blockiert, wofür sie von beiden Seiten kritisiert wurde. Das Land, das der Welt seine Guten Dienste verkaufte, hat das Vertrauen der einen Kriegspartei verloren und der anderen die Waffen verweigert. Ein Beitrag über den Krieg, der die Angst der russischen Seite zeigt, ohne die verlorene Vermittlerrolle des eigenen Landes zu erwähnen, ist eine Reportage ohne Adressatin. Die Schweiz hat in diesem Krieg eine Position. Der Beitrag tut so, als sässe sie im Publikum.

Die Abstimmung, die in neun Tagen kommt

Am 27. September stimmt die Schweiz über die Neutralitätsinitiative ab. Die Sicherheitsstrategie, neun Tage davor adoptiert, definiert das Umfeld, in dem abgestimmt wird: kein Ende des Krieges in Sicht, hybride Bedrohungen im Anstieg. Der Beitrag über die russische Angst hätte der Moment sein können, die Frage zu stellen, die alles verbindet: Was bedeutet Neutralität, wenn beide Blöcke aufrüsten und die Schweiz ihre Strategie auf das eine Lager ausrichtet? Stattdessen: Angstreportage ohne Adresse, ohne Strategie, ohne Abstimmung. Der Krieg, um den es geht, kommt im Beitrag über die Angst vor ihm vor wie ein Nachbarlärm: Gerüchte, Dekrete, Kontrollen. Was die 30'000 monatlich Rekrutierten an der Front tun, wofür ebenso viele fallen oder schwer verwundet werden, wofür Dimas Angst und Maxims Pflicht bestimmt sind, steht mit keinem Wort. Der Krieg ist die unsichtbare Achse des ganzen Stücks, und auch das ist Symmetrie: In den europäischen Strategien fehlt der Krieg, den sie vorbereiten, ebenso wie im russischen Alltag der Krieg, der ihn führt.


Das Muster ist die Angst als Exportartikel. Die Angst vor der Mobilmachung ist nur dann legitim, wenn sie dem anderen gehört. Der Russe, der in der U-Bahn zittert, ist Material für Psychologie. Die Dänin, die elf Monate Dienst leisten muss, ist Material für die Politikrubrik, die dieser Beitrag nicht einmal öffnet. Ein Sender, der am Tag der Verabschiedung einer eigenen Kriegsstrategie die Angst des Gegners meldet und beides nicht verbindet, beobachtet die Spirale nicht. Er dreht sie mit.

So funktioniert dieser Beitrag: Er zeigt die Angst russischer Männer und verschweigt, dass am selben Tag die eigene Regierung eine Strategie adoptierte, die einen bewaffneten Angriff einkalkuliert. Er beruhigt mit der Unwahrscheinlichkeit der Mobilmachung und verschweigt die Geheimdienstfenster, die dieselbe Woche die europäische Aufrüstung rechtfertigen. Er zeigt Männer, die vor der Einziehung fliehen, und verschweigt die europäischen Staaten, die Frauen einziehen und die Dienstzeit verdreifachen. Er verschweigt, dass Russland die Schweiz als Vermittlerin abgeschrieben hat und dass das eigene Land Sanktionen übernahm und Waffen blockierte. Und er verschweigt die Abstimmung in neun Tagen, für die all dies der Kontext wäre. Wer den Beitrag hört, weiss, wie sich Angst in Moskau anfühlt. Wer wissen will, warum beide Seiten aufrüsten, wer die Fenster setzt, wer die Angst bedient und was die Schweiz in diesem Krieg verloren hat und am 27. September entscheidet, muss die Zusammenhänge selbst ziehen. Der Beitrag hat eine Speiche gezeigt und behauptet, das Rad drehe sich nur auf der anderen Seite. Das ist keine Russlandberichterstattung. Das ist die halbe Spirale, gesendet aus dem Land, das am selben Tag die andere Hälfte adoptierte.

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