Die Alten im Visier
Zur SRF-Berichterstattung «Warum Menschen im Alter im Einfamilienhaus wohnen bleiben» von Susanne Schmugge, Rendez-vous, 1. Mai 2026
Die Frage steht bereits im Vorspann des Audios: «Sind die Alten schuld?» Sie ist anführungsstrichig gesetzt, was eine elegante Form ist, eine Behauptung aufzustellen und sich zugleich dafür zu entschuldigen. Man stellt die Frage nicht selbst, man berichtet nur, dass sie gestellt wird. Aber sie steht da, sieben Minuten zwanzig lang, als rahmende Logik des Beitrags.
Die Konstruktion
Walter und Rosemarie, beide über 80, leben seit 30 Jahren in ihrem Haus am Stadtrand von Bern. Sie haben das Haus 1996 gekauft. Sie haben die Schwiegermutter beherbergt, die Frau hat dort jahrelang Musikstunden gegeben, die Enkel kommen regelmässig, sie haben das Haus inzwischen den Kindern überschrieben.
Das ist die Lebensgeschichte eines bürgerlichen Ehepaars, das genau das gemacht hat, was die Schweiz von ihren Bürgern jahrzehntelang erwartet hat: gearbeitet, gespart, ein Haus gekauft, eine Familie aufgezogen, die Eltern gepflegt, die nächste Generation vorbereitet.
Diese Lebensgeschichte wird im Beitrag nicht als das gewürdigt, was sie ist: eine vorbildliche Erfüllung des bürgerlichen Lebensentwurfs der Nachkriegszeit. Stattdessen wird sie zum Problem stilisiert. Walter und Rosemarie wohnen «auf zu viel Fläche». Sie sind «unterbelegt». Sie blockieren Wohnraum, den «die Jungen» brauchen.
Das ist die rahmende Logik des Beitrags, von der Anmoderation bis zum Schluss. Der Beitrag fragt nicht: Warum haben wir nicht genug Wohnraum? Er fragt: Warum sitzen die Alten auf so viel Fläche?
Das verschobene Subjekt
Der Trick ist die Verschiebung des Subjekts. Eigentlich gibt es in der Schweiz seit zwanzig Jahren eine politische Entscheidung: Die Bevölkerung soll wachsen, durch Zuwanderung. Diese Entscheidung hat Konsequenzen: mehr Menschen, gleicher Wohnraum, höhere Preise, härterer Verteilkampf.
Wer ist verantwortlich für diese Lage? Die politischen Entscheider, die das Wachstum gewollt haben. Die Wirtschaftslobby, die die Zuwanderung gefordert hat. Die Raumplanung, die das Bauen erschwert. Die Zonenordnung, die Verdichtung verhindert.
Und über allem thront eine Ursache, die in der öffentlichen Debatte praktisch nie genannt wird: die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank. Knapp acht Jahre Negativzinsen — von Januar 2015 bis September 2022 — kombiniert mit einer Bilanzausweitung von 120 auf über 800 Milliarden Franken haben die Immobilienpreise auf ein Niveau getrieben, das mit normalen Einkommen nicht mehr finanzierbar ist. Pensionskassen, Versicherungen und Immobilienfonds wurden gezwungen, in Beton zu flüchten, weil Obligationen negativ rentierten. Sie kauften zu Preisen, die nur unter Negativzinsen Sinn ergaben. Diese Preise sind jetzt da. Sie verschwinden nicht mehr. Wer wissen will, warum junge Schweizer keine Häuser mehr kaufen können, findet die Antwort weniger bei den Senioren, die in ihren Häusern sitzen, als am Bundesplatz 1 in Bern. (Siehe ausführlich: «Das Haus, das die Nationalbank baute».)
Im Beitrag kommt nichts davon vor. Stattdessen wird die Frage gestellt: «Warum wohnen Menschen im Alter im Einfamilienhaus?»
Die Konstruktion ist subtil, aber bemerkenswert. Sie nimmt eine systemische Frage und lokalisiert sie bei Privatpersonen, die diese Lage nicht zu verantworten haben. Walter und Rosemarie haben weder die Personenfreizügigkeit eingeführt noch die Negativzinsen verhängt. Sie haben einfach ein Haus gekauft, in dem sie wohnen.
Die Statistik als Vorwurf
Der Beitrag liefert die zentrale Zahl in einer Box: «Ende 2024 gab es schweizweit rund 228'000 Einfamilienhäuser, in denen eine oder zwei Personen wohnten, die 65 Jahre oder älter waren.»
Diese Zahl wird unkommentiert hingestellt. Sie soll den Eindruck der «Unterbelegung» erzeugen.
Aber was sagt die Zahl wirklich? Sie sagt: 228'000 Schweizer Ehepaare, Witwen und Witwer haben ein Leben lang gearbeitet, um sich ein Eigenheim zu leisten, und wohnen jetzt darin, wo sie immer gewohnt haben. Diese Menschen haben ein verfassungsmässig geschütztes Recht auf Eigentum und eine moralisch unstrittige Berechtigung, in ihrem eigenen Haus zu wohnen.
Wer aus dieser Zahl ein Problem macht, hat eine politische Operation begonnen. Er behauptet implizit, dass die Verteilung des bestehenden Wohnraums ungerecht sei und korrigiert werden müsse. Er bereitet diskursiv den Boden für politische Massnahmen, die diese Verteilung «korrigieren» sollen, mit welchen Mitteln auch immer.
Die Belästigung als Normalfall
Walter und Rosemarie erzählen, was die Logik dieser Operation in ihrem Alltag bedeutet. Sie werden angesprochen, wenn sie im Garten arbeiten. Sie bekommen anonyme Anrufe. Briefe im Briefkasten. Makler an der Haustür. «Wenn sie sehen, dass hier alte Leute wohnen, fühlen sie sich wohl bestärkt.»
Das ist Bedrängung. Wer regelmässig anonyme Anrufe bekommt mit der Frage, ob er nicht endlich verkaufen wolle, lebt nicht mehr unbeschwert. Er weiss: Er ist Zielobjekt. Er soll weichen.
Der Beitrag berichtet das. Aber er kommentiert es nicht. Er fragt nicht: Wer sind diese Leute, die anonym ältere Hausbesitzer bedrängen? Welche Branche profitiert von diesem Druck? Was sagt es über eine Gesellschaft, dass Achtzigjährige sich gegen Maklergeschwader an der Haustür wehren müssen?
Stattdessen wird der Druck als gegebene Realität referiert, fast wie ein Wetterphänomen. Diese Normalisierung ist das eigentliche Problem. Sie sagt: Wer alt ist und ein Haus hat, soll sich nicht wundern, wenn er belästigt wird.
Die Erbschaftsbox
Die Box im Beitrag liefert eine zweite, scheinbar harmlose Information: Wer erstmals eine Immobilie erwirbt, hat deutlich öfter kurz zuvor eine Erbschaft oder Schenkung erhalten. Der entsprechende Anteil hat sich zwischen 2007 und 2022 fast verdoppelt: von 23 auf 40 Prozent.
Auch diese Zahl wird unkommentiert hingestellt. Sie steht im Beitrag in der Logik: Schaut, wie ungerecht das System ist. Nur wer erbt, kann sich noch ein Haus leisten.
Was die Zahl tatsächlich sagt, wird nicht gefragt: Warum sind Häuser so teuer geworden, dass man sie ohne Erbschaft kaum mehr kaufen kann? Die Antwort ist nicht primär demografisch, sie ist monetär. Häuser sind nicht teurer geworden, weil die Alten nicht ausziehen. Sie sind teurer geworden, weil die Negativzinspolitik die Preise auf ein Niveau gehoben hat, auf dem die Lohnentwicklung der jüngeren Generation hoffnungslos zurückgeblieben ist. Wer 2007 ein Haus mit fünfzehn Jahresgehältern bezahlen konnte, braucht heute fünfundzwanzig oder dreissig. Das ist kein Generationenkonflikt. Das ist die Verteilungswirkung einer Geldpolitik, die Vermögen aufbläht und Arbeit nicht.
Die fehlende Bauseite
Der Beitrag thematisiert die «unterbelegten» Häuser, die Erbschaftslogik, die anonymen Anrufer. Was er nicht thematisiert: Warum gibt es nicht genug neue Wohnungen?
Die Schweiz hat seit 2010 fast eine Million zusätzliche Einwohner. Die Zahl der Wohnungen ist langsamer gewachsen. Diese Knappheit ist nicht das Resultat von Walters und Rosemaries Existenz. Sie ist das Resultat einer Politik, die mehr Menschen ins Land gelassen hat, ohne entsprechend mehr Wohnraum zu schaffen.
Die Bauseite kommt im Beitrag nicht vor. Die Zonenordnung wird einmal kurz erwähnt, weil Walters und Rosemaries Mehrgenerationenhaus-Plan daran gescheitert ist. Aber als systemisches Problem wird sie nicht behandelt. Die Verdichtungsdebatte fehlt. Die Frage, warum so wenig gebaut wird, fehlt. Die Frage, warum die Bauvorschriften so kompliziert sind, fehlt.
Stattdessen liegt der Fokus auf den Senioren. Sie sind das Problem, das sichtbar gemacht werden soll. Nicht die Politik, die das Problem geschaffen hat.
Die Verschiebung der Schuld
Diese Berichterstattung ist Teil eines grösseren Musters. Wenn ein politisches Problem nicht thematisiert werden soll, weil seine Thematisierung unbequeme Konsequenzen hätte, wird das Problem auf eine demografische Gruppe verschoben, die als legitimes Ziel öffentlicher Kritik gilt.
Beim Wohnraum sind das jetzt die Alten.
Die alternative Erklärung wäre die ehrliche: Die Schweiz hat zu viele Menschen für den verfügbaren Wohnraum, und sie hat eine Geldpolitik betrieben, die die bestehenden Wohnflächen zu Anlageobjekten gemacht hat, deren Preise mit Arbeitseinkommen nicht mehr kompatibel sind. Beides wäre korrigierbar. Man könnte die Zuwanderung steuern. Man könnte mehr bauen, durch Liberalisierung der Bauvorschriften. Man könnte verdichten. Man könnte die Geldpolitik öffentlich diskutieren, was bisher nicht geschieht.
Stattdessen wird auf die Senioren gezeigt. Diese Logik ist gefährlich. Sie öffnet die Tür für eine Politik, die das Privateigentum der Älteren als legitimes Ziel staatlicher oder gesellschaftlicher Umverteilung definiert. Sie bereitet den Boden für Massnahmen wie höhere Steuern auf «unterbelegte» Häuser, Zwangsverkäufe oder Quoten für Generationenwechsel.
Die Demografie als Drohung
Der Schlussteil des Beitrags spricht von einer «Verkaufswelle in 15 Jahren», wenn die Boomer-Generation hochbetagt sein wird. Das wird fast erleichtert berichtet, als wäre es eine erlösende Aussicht.
Diese Erwartung verdient Beachtung. Sie suggeriert, dass das demografische Verschwinden einer ganzen Generation als Lösung eines politischen Problems angesehen wird. Die alten Boomer werden sterben, dann gibt es wieder Platz.
Was diese Logik übersieht: In 15 Jahren wird die Schweiz, wenn die Zuwanderung weiterläuft, nicht mehr 9 Millionen, sondern 11 oder 12 Millionen Einwohner haben. Und selbst wenn die Häuser frei werden — sie werden zu den heutigen Preisen frei, oder zu höheren. Die Preisbasis, die die Geldpolitik geschaffen hat, verschwindet nicht mit den Boomern. Sie wird vererbt, im wörtlichen wie im finanzpolitischen Sinn.
Der Befund
Susanne Schmugge hat einen scheinbar harmlosen Beitrag gemacht. Eine Reportage über ein älteres Ehepaar, das in seinem Haus wohnt. Mit Statistiken, mit Erklärungen, mit einer Box über Erbschaften.
Tatsächlich ist es ein Beitrag, der eine politische Operation durchführt. Er verschiebt die Schuld am Wohnungsmangel von der Politik auf die Senioren. Er normalisiert die Bedrängung älterer Hausbesitzer durch Makler und anonyme Anrufer. Er etabliert das Konzept der «Unterbelegung» als legitimen Begriff der öffentlichen Debatte. Er bereitet diskursiv den Boden für eine Politik, die das Privateigentum älterer Menschen als verfügbares Gut der Allgemeinheit behandelt.
Walter und Rosemarie sind nicht das Problem. Sie sind das Symptom einer Berichterstattung, die unbequeme strukturelle Fragen nicht stellen will und stattdessen auf jene zeigt, die sich am wenigsten wehren können: zwei Achtzigjährige, die in ihrem eigenen Haus wohnen.
Die ehrliche Frage wäre: Warum hat die Schweiz nach 25 Jahren Personenfreizügigkeit und knapp acht Jahren Negativzinspolitik eine Wohnungsknappheit, die so dramatisch ist, dass eine ganze Generation aus ihren Häusern gedrängt werden soll? Warum sind die Einkommen der Jungen mit den Immobilienpreisen nicht mehr Schritt gehalten? Diese Fragen stellt der Beitrag nicht. Sie würden die politische und geldpolitische Verantwortung dort verorten, wo sie hingehört: in Entscheidungen, die das Wachstum gewollt und das billige Geld zugelassen haben, ohne die Konsequenzen zu bedenken.
Stattdessen werden Walter und Rosemarie befragt. Warum sie in ihrem Haus wohnen. Warum sie noch nicht verkauft haben. Warum sie sich nicht «verkleinern». Sieben Minuten zwanzig Schuldzuweisung an Menschen, die nichts falsch gemacht haben, ausser alt zu werden.
Wenn die Politik versagt, suchen die Medien einen Sündenbock. Diesmal sind es die Alten. Nächstes Mal werden es die Erben sein. Es wird immer eine Gruppe gefunden werden, deren Existenz das Problem zu erklären scheint, solange die strukturellen Ursachen, die niemand benennen will, unangetastet bleiben.
«Sind die Alten schuld?» Die ehrliche Antwort lautet: Nein. Schuld ist eine Politik, die zwei Jahrzehnte lang Wachstum produziert hat, ohne die räumlichen Konsequenzen zu bewältigen, und eine Geldpolitik, die fast ein Jahrzehnt lang Liquidität ins System gepumpt hat, bis Immobilien zu einer Anlageklasse wurden, die mit Arbeitseinkommen nicht mehr finanzierbar ist. Aber diese Antwort kommt im Beitrag nicht vor. Stattdessen bleiben die Alten im Bild, als Erklärung für ein Problem, das sie nicht verursacht haben.
Sieben Minuten zwanzig. Mehr braucht es nicht, um eine ganze Generation diskursiv in die Defensive zu drängen.
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