9min
Die 40-Jahre-Regel
Medienkritik
8 Minuten

Die 40-Jahre-Regel

SRF/SRGGesellschaftMedienrecht
schwerwiegend
Teilen

Warum SRF die Aufarbeitung der Vergangenheit feiert — und die Aufarbeitung der Gegenwart vor Bundesgericht bekämpft

Zum SRF-Beitrag «Das Leid und die Scham hallen lange nach», 17. Mai 2026

Es ist ein bewegendes Stück. Eine 80-jährige Frau betrachtet ein Foto von sich selbst als Zweijährige. «Was kann ein Kind dafür, dass so etwas passiert?», fragt sie. «Der Missbrauch, all das. Das tut mir noch immer weh.» Theresa Rohr war ein Verdingkind. Sie wurde fremdplatziert, zwangsweise mit Medikamenten behandelt, in eine Psychiatrie eingewiesen.

SRF erzählt diese Geschichte. Mit Respekt. Mit Empathie. Mit dem gebotenen Ernst.

Und es erzählt die Geschichte der Aufarbeitung. 1986 die erste Entschuldigung an die Fahrenden. 2013 die offizielle Entschuldigung durch Bundesrätin Sommaruga an alle Opfer. 2017 der Solidaritätsbeitrag. Heute, 40 Jahre nach der ersten Entschuldigung, ist die Aufarbeitung noch immer nicht abgeschlossen.

«Eine gute Aufarbeitung brauche Zeit», sagt Susanne Kuster vom Bundesamt für Justiz. «Zuerst war es notwendig, dass die Gesellschaft hinschaut und erkennt, was passiert ist.»

Hinschaut. Erkennt. Was passiert ist.

Es sind richtige Worte. Sie sind notwendig.

Und sie sind zynisch. Denn während SRF die Aufarbeitung der Vergangenheit feiert, kämpft es vor Bundesgericht dagegen, dass die Gegenwart aufgearbeitet wird.

Vor Bundesgericht

SRF ist derzeit Partei in mindestens zwei Verfahren vor Bundesgericht, in denen es um den Zugang zu Informationen geht. Im einen Fall geht es um die Herausgabe der RKI-Protokolle — der internen Dokumente, die zeigen, wie die wissenschaftliche Beratung während der COVID-Pandemie wirklich ablief. Im anderen Fall geht es um die Berichterstattung über die Uniproteste — die propalästinensischen (teils antisemitischen) Demonstrationen an Schweizer Hochschulen.

In beiden Fällen verweigert SRF die Transparenz. In beiden Fällen kämpft es dagegen, dass die Öffentlichkeit erfährt, was wirklich passiert ist. In beiden Fällen blockiert es die Aufarbeitung der Gegenwart.

Und gleichzeitig produziert es Beiträge über die Aufarbeitung der Vergangenheit. Über die Verdingkinder. Über die Fahrenden. Über die Zwangsmassnahmen, für die der Bundesrat 40 Jahre brauchte, um sich zu entschuldigen.

Es ist eine bemerkenswerte Asymmetrie. Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist eine Erfolgsgeschichte. Die Aufarbeitung der Gegenwart ist ein Gerichtsverfahren — in dem SRF auf der Seite derjenigen steht, die die Aufarbeitung verhindern wollen.

Die Zwangsmassnahmen von heute

Die Schweiz hat eine Geschichte der Zwangsmassnahmen. Die Verdingkinder. Die Fahrenden. Die Zwangseinweisungen. Der Staat hat Menschen ihrer Freiheit beraubt, ihrer Würde, ihrer Rechte. Er hat es getan mit dem Argument, es sei zu ihrem Besten. Zum Schutz der Gesellschaft.

Das war damals. Und was ist heute?

Während der COVID-Pandemie hat der Staat Menschen ihrer Freiheit beraubt. Er hat sie eingesperrt. Er hat sie von ihren Angehörigen isoliert. Er hat Sterbende allein gelassen, weil Besuche verboten waren. Er hat Kinder von der Schule ausgeschlossen, die nicht geimpft waren. Er hat Erwachsene vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, die sich nicht impfen liessen. Er hat Unternehmen geschlossen, Existenzen zerstört, Arbeitsplätze vernichtet.

Man kann darüber streiten, ob die Massnahmen notwendig waren. Man kann darüber streiten, ob sie verhältnismässig waren. Aber man kann nicht bestreiten, dass es Zwangsmassnahmen waren. Staatlicher Zwang, ausgeübt mit dem Argument, es sei zum Schutz der Gesellschaft.

Genau das Argument, das auch bei den Verdingkindern verwendet wurde. Auch damals sagte man: Es ist zu ihrem Besten. Auch damals sagte man: Es ist zum Schutz der Gesellschaft. Auch damals sagte man: Der Staat weiss, was gut für die Menschen ist.

Und auch heute gibt es Opfer. Menschen, die ihre Angehörigen nicht in den Arm nehmen durften, bevor sie starben. Menschen, deren Kinder ein Jahr ihrer Bildung verloren haben. Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, weil sie sich nicht impfen lassen wollten. Menschen, die Impfschäden erlitten haben — und die heute kaum gehört werden.

Wo ist deren Aufarbeitung?

Die Grammatik der Zeit

Susanne Kuster sagt: Die Aufarbeitung brauche Zeit. «Zuerst war es notwendig, dass die Gesellschaft hinschaut und erkennt, was passiert ist.»

Das ist eine bequeme Aussage. Sie verschiebt die Verantwortung auf die Gesellschaft. Sie erklärt, warum es 40 Jahre gedauert hat, ohne diejenigen zu benennen, die die Aufarbeitung in dieser Zeit verhindert haben. Sie macht die Verzögerung zu einem natürlichen Prozess, statt zu einer aktiven Blockade.

Aber so ist es nicht. Die Aufarbeitung dauert nicht «einfach» 40 Jahre. Sie dauert 40 Jahre, weil diejenigen, die verantwortlich sind, sie verhindern. Weil die Medien nicht berichten. Weil die Politik nicht handelt. Weil die Behörden Akten verschliessen. Weil die Verantwortlichen in Rente gehen, bevor sie zur Rechenschaft gezogen werden können.

Die Grammatik der Zeit ist nicht passiv. Sie ist aktiv. Sie wird gemacht. Von denjenigen, die ein Interesse daran haben, dass die Aufarbeitung lange dauert.

Das Muster

Bei den Verdingkindern: 40 Jahre für eine Entschuldigung. Die Täter sind tot oder alt. Die Verantwortlichen sind in Rente. Die politischen Kosten der Entschuldigung sind null. Man kann sich die Hände reiben und sagen: Wir haben es aufgearbeitet. Wir haben gelernt. Wir sind besser geworden.

Bei den COVID-Massnahmen: Sechs Jahre her. Die Täter sind noch im Amt. Die Verantwortlichen sind noch aktiv. Die politischen Kosten der Aufarbeitung sind hoch. Man müsste Fragen beantworten, die man nicht beantworten will. Man müsste Dokumente offenlegen, die man nicht offenlegen will. Man müsste Verantwortung übernehmen, die man nicht übernehmen will.

Also wird die Aufarbeitung verschleppt. Verzögert. Verhindert. Vor Bundesgericht bekämpft.

SRF kämpft mit. Es kämpft dagegen, dass die RKI-Protokolle offengelegt werden. Es kämpft dagegen, dass die Berichterstattung über die Uniproteste transparent gemacht wird. Es kämpft dafür, dass die Aufarbeitung der Gegenwart nicht stattfindet — während es die Aufarbeitung der Vergangenheit feiert.

Die Frage, die SRF nicht stellt

Die Frage lautet: Wenn die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen 40 Jahre gedauert hat — wie lange wird die Aufarbeitung der COVID-Massnahmen dauern?

Werden wir 2066 auf eine Entschuldigung warten müssen? Werden die Opfer der COVID-Massnahmen — die isolierten Alten, die ruinierten Unternehmer, die traumatisierten Kinder, die Impfgeschädigten — 40 Jahre auf Anerkennung warten müssen? Werden sie erst dann gehört, wenn die Verantwortlichen längst in Rente sind, wenn die Akten vernichtet, wenn die Erinnerungen verblasst sind?

SRF stellt diese Frage nicht. Es feiert die Aufarbeitung der Vergangenheit, ohne die Aufarbeitung der Gegenwart einzufordern. Es zitiert die Worte von Susanne Kuster — «damit wir Menschen nicht ausgrenzen» —, ohne sie auf die jüngste Vergangenheit anzuwenden. Es zeigt die Opfer von gestern, ohne die Opfer von heute zu sehen.

Mehr noch: Es kämpft aktiv dagegen, dass die Opfer von heute gehört werden. Vor Bundesgericht. In zwei Verfahren. Gleichzeitig.

Das ist keine Aufarbeitung. Das ist ein Ritual. Ein Ritual, das den Staat entlastet, indem es die ferne Vergangenheit verurteilt, ohne die jüngste Vergangenheit infrage zu stellen. Ein Ritual, das die Medien feiern, weil es sie nicht herausfordert. Im Gegenteil: Es entlastet sie. Es zeigt, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Auf der Seite der Opfer — aber nur derjenigen, die nicht mehr stören.

Die Gnade der späten Reue

Die Aufarbeitung der Verdingkinder ist wichtig. Sie ist notwendig. Sie ist überfällig. Die Opfer haben ein Recht auf Anerkennung. Auf Entschuldigung. Auf Wiedergutmachung. Theresa Rohr hat ein Recht darauf, dass ihre Geschichte erzählt wird.

Aber die Aufarbeitung der Verdingkinder ist auch bequem. Sie ist bequem, weil sie die Vergangenheit betrifft. Weil die Täter nicht mehr im Amt sind. Weil die Verantwortlichen nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Weil die Entschuldigung nichts kostet.

Die Aufarbeitung der COVID-Massnahmen wäre unbequem. Sie wäre unbequem, weil sie die jüngste Vergangenheit betrifft. Weil die Täter noch im Amt sind. Weil die Verantwortlichen noch zur Rechenschaft gezogen werden könnten. Weil die Entschuldigung Konsequenzen hätte — politische, juristische, finanzielle.

SRF wählt die Bequemlichkeit. Es berichtet über die Aufarbeitung der fernen Vergangenheit. Es verschweigt die Verweigerung der Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit. Es feiert die Gnade der späten Reue — und bekämpft die Forderung nach gegenwärtiger Transparenz vor Gericht.

Die 40-Jahre-Regel

Es gibt eine Regel. Eine ungeschriebene Regel des staatlichen Umgangs mit eigenem Versagen.

Die Regel lautet: 40 Jahre. 40 Jahre dauert es, bis ein Staat sich für seine Verbrechen entschuldigt. 40 Jahre, bis die Akten geöffnet werden. 40 Jahre, bis die Opfer einen Solidaritätsbeitrag erhalten — der nicht annähernd dem entspricht, was sie verloren haben. 40 Jahre, bis die Medien berichten dürfen.

40 Jahre, weil dann die Täter tot sind. Weil die Verantwortlichen nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können. Weil die Entschuldigung nichts mehr kostet.

Werden die Opfer der COVID-Massnahmen 40 Jahre warten müssen? Wenn das Muster stimmt, ja. Wenn SRF und die anderen Medien weiterhin gegen die Aufarbeitung kämpfen. Wenn die Akten weiterhin verschlossen bleiben. Wenn die Verantwortlichen in Ruhe in Rente gehen können.

2066 wird dann ein Beitrag erscheinen. Eine Frau wird vor einer Ausstellungswand stehen. Sie wird sagen: «Ich war damals 60. Sie haben mich ausgegrenzt, weil ich mich nicht impfen lassen wollte. Sie haben mich nicht mehr in die Restaurants gelassen. Sie haben mich behandelt wie eine Pestkranke. Das tut mir noch heute weh.»

SRF wird respektvoll berichten. Es wird Susanne Kusters Nachfolgerin zitieren: «Eine gute Aufarbeitung braucht Zeit. Zuerst war es notwendig, dass die Gesellschaft hinschaut und erkennt, was passiert ist.»

Niemand wird sich daran erinnern, dass SRF 2026 vor Bundesgericht dagegen gekämpft hat.


Während SRF die Aufarbeitung der Vergangenheit feiert, kämpft es vor Bundesgericht gegen die Aufarbeitung der Gegenwart. Die Opfer von gestern haben eine Stimme. Die Opfer von heute werden 40 Jahre warten müssen. Das ist die Grammatik des öffentlichen Senders: Reue, wenn sie nichts mehr kostet. Schweigen, wenn sie etwas kosten würde.

Originalbeitrag auf X →

Ähnliche Beiträge

Kein Artikel verpassen.