Der WWF spricht, SRF schreibt mit
Der Tag ist Donnerstag. Der WWF hat am Morgen 145'000 Unterschriften für seine Finanzplatz-Initiative eingereicht. Am Mittag sendet SRF im «Rendez-vous» einen Beitrag mit dem Titel «Banken und klimaschädliche Konzerne: investieren oder nicht?»
Inhalt: Ein Interview mit Stephan Kellenberger, Leiter Nachhaltige Finanzpolitik beim WWF Schweiz. Grundlage: Eine Studie des «Recherchekollektivs WAV», durchgeführt «im Auftrag des WWF». Zentrales Beispiel: Das Abstimmungsverhalten der UBS bei der Generalversammlung von McDonald's, ausgewertet vom WAV für den WWF. Konklusion: Man brauche mehr Transparenz, und der WWF hoffe auf die Finanzplatz-Initiative.
Der WWF liefert die Studie. Der WWF liefert den Experten. Der WWF liefert die politische Forderung. SRF liefert das Mikrofon und die Reichweite.
Das ist kein Journalismus. Das ist eine Kampagnenbegleitung.
Sehen wir uns die Quellenstruktur genau an.
Zitiert wird: Stephan Kellenberger vom WWF. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Er ist der einzige namentlich genannte Experte im gesamten Beitrag. Er spricht als Interessenvertreter einer Organisation, die am selben Tag eine politische Initiative eingereicht hat. Er wird zitiert als neutrale Fachstimme.
Als Datengrundlage: Das «Recherchekollektiv WAV», das die Analyse des McDonald's-Abstimmungsverhaltens «im Auftrag des WWF» durchgeführt hat. Eine vom WWF bezahlte Recherche, die vom WWF-Experten präsentiert wird, um die vom WWF eingereichte Initiative zu stützen. Die Kreisbewegung ist vollständig.
Und als «andere Seite»: Die UBS, die nicht zum Fall kommentiert hat. Kein Gegenexperte. Kein Vertreter einer Pensionskasse, die erklären könnte, warum sie ihr Stimmrecht ausgelagert hat. Kein Ökonom, der die These der Wirksamkeit von «Engagement» gegen «Desinvestment» akademisch einordnet. Kein Vertreter einer anderen Umwelt- oder Wirtschaftsorganisation, die das Thema anders sehen würde. Nichts.
Ein Experte, eine Studie, eine Initiative, ein Auftraggeber. Alles unter demselben Logo.
Das ist der Mechanismus, den ich im Artikel «Der Feindsender» «Die Schlaufe» genannt habe, in seiner reinsten Form. Aber hier ist sie besonders kunstvoll, weil sie von aussen aussieht wie unabhängige Recherche. Ein «Recherchekollektiv» klingt nach investigativem Journalismus. Eine «Studie» klingt nach Wissenschaft. Ein Experte vom WWF klingt nach Fachautorität. Wenn man diese drei Elemente kombiniert, entsteht der Eindruck von drei unabhängigen Quellen. Tatsächlich ist es eine einzige Quelle in drei Gewändern.
Und diese eine Quelle ist, am gleichen Tag, Urheberin einer Volksinitiative, über die die Schweiz abstimmen wird.
Wenn die SVP am Tag der Einreichung einer ihrer Initiativen eine vom IWF-kritischen Institut der eigenen Stiftung finanzierte Studie präsentieren würde, mit einem eigenen Experten als Hauptstimme, und SRF würde das als «Rendez-vous»-Beitrag ohne Gegenstimme senden, bräche ein Sturm los. Zu Recht. Es wäre ein Paradebeispiel für Instrumentalisierung des öffentlichen Senders durch politische Akteure.
Hier geschieht exakt dasselbe. Nur in die andere Richtung. Und es fällt niemandem auf, weil es dem redaktionellen Komfort der Redaktion entspricht.
Das ist die Definition von institutioneller Vereinnahmung. Nicht, dass die Berichterstattung parteiisch wird — sondern dass bestimmte Parteilichkeiten nicht mehr als Parteilichkeiten wahrgenommen werden. Der WWF gilt als moralisch. Die UBS gilt als suspekt. Also ist es nicht nötig, die Kräfteverhältnisse zu überprüfen. Also ist es nicht nötig, eine Gegenstimme zu suchen. Also ist es nicht nötig, die methodischen Grenzen einer vom WWF bezahlten Recherche zu benennen. Die Redaktion spürt keine Pflicht zur Ausgewogenheit, weil sie die Ausgewogenheit bereits in sich selbst zu tragen glaubt.
Dabei gibt es echte Fragen, die ein Sender stellen könnte, der beiden Seiten dienen will.
Die erste: Funktioniert Divestment? Die akademische Debatte ist genuin offen. Eine Studie der NYU Stern School argumentiert, dass Divestment den CO2-Preis von Zielunternehmen kaum beeinflusst, weil die Aktien von anderen Investoren übernommen werden, denen die Emissionen gleichgültig sind. Andere Studien zeigen Reputations- und Finanzierungseffekte. Die Forschung ist uneins. Ein öffentlicher Sender müsste das abbilden. Stattdessen wird «Engagement» als selbstverständlich produktive Alternative präsentiert, ohne dass die Frage gestellt wird, ob auch «Engagement» empirisch funktioniert.
Die zweite: Was heisst «klimaschädlich»? McDonald's wird als Beispiel gewählt, weil Fleisch Emissionen verursacht. Aber nach welcher Logik wäre ein Aktionärsantrag, der von einer Fastfoodkette einen Netto-Null-Plan fordert, realistisch umsetzbar? McDonald's könnte sein Fleischgeschäft nicht netto-null bringen, ohne aufzuhören, Fleisch zu verkaufen. Die Forderung ist entweder kosmetisch oder existenzbedrohend. Ein Sender, der den Bürger auf eine Verfassungsabstimmung vorbereiten soll, müsste genau das diskutieren: Was genau soll «nachhaltig investieren» im konkreten Fall heissen, wenn das Geschäftsmodell selbst emissionsintensiv ist? Keine Silbe dazu.
Die dritte: Pensionskassen. Der Beitrag erwähnt sie als potenzielle Verlierer mangelnder Transparenz. Er erwähnt nicht, dass Pensionskassen auch die Renten von Millionen Schweizern verwalten und einer treuhänderischen Pflicht gegenüber diesen Versicherten unterliegen. Was, wenn ein Vermögensverwalter nach einer vom WWF gewünschten Ausschlussstrategie investiert und damit geringere Renditen erzielt? Wer trägt das Risiko? Die Pensionäre, deren Rente sinkt, oder der WWF, der die Strategie gefordert hat? Das ist eine zentrale Frage in der Finanzplatz-Debatte. Im Beitrag kommt sie nicht vor.
Die vierte: Wer definiert «nachhaltig»? Wer überprüft? Wer sanktioniert? Diese Fragen zur Initiative selbst — der entscheidenden Frage jeder Verfassungsabstimmung — werden nicht gestellt. Weder der Initiative noch ihrem Gegenteil wird Substanz zugestanden. Es gibt nur den moralischen Imperativ und den Verweis, dass «der Finanzplatz» sich äussern müsse.
Das Schlimmste am Beitrag ist der letzte Absatz. «Spätestens im Abstimmungskampf zu dieser Volksinitiative werden die Vertreterinnen und Vertreter des Finanzplatzes konkret Stellung nehmen — und in der Öffentlichkeit mehr Engagement zeigen müssen.»
Das ist keine Berichterstattung. Das ist eine redaktionelle Aufforderung. SRF teilt dem Finanzplatz mit, dass er sich im Abstimmungskampf erklären müsse, nachdem SRF einen Beitrag gesendet hat, in dem der Finanzplatz nicht zu Wort kam. Die Abwesenheit einer Gegenstimme wird nicht als Versäumnis der Redaktion dargestellt, sondern als Versäumnis der Gegenseite. Die Gegenseite soll «Engagement zeigen» — nachdem ihr keine Gelegenheit dazu gegeben wurde.
Das ist die Inversion der journalistischen Verantwortung. Es ist die Aufgabe des Senders, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Wenn die eine Seite im Beitrag fehlt, ist das ein Versäumnis der Redaktion, nicht der Seite. Hier wird das Fehlen umgedeutet in eine moralische Schuld der Abwesenden.
Der Celio-Standard, einmal mehr. «Wir registrieren, was um uns herum geschieht, nehmen Berichte und Erklärungen beider Seiten auf.» Beider Seiten. Nicht einer Seite mit anschliessender Ermahnung, die andere solle gefälligst auch reden.
Was hier geschieht, ist keine Registrierung. Es ist Lancierung. Der Beitrag registriert nicht einen politischen Prozess, er wirkt an ihm mit. Die WWF-Initiative wurde am Morgen eingereicht, und am Mittag liefert der öffentliche Sender eine vierundachtzig Sekunden lange Werbung dafür, verkleidet als Finanzreportage.
Wenn die Finanzplatz-Initiative zur Abstimmung kommt, wird SRF berichten. Höflich. Ausgewogen. Mit beiden Seiten. Und der durchschnittliche Bürger wird das Gefühl haben, informiert worden zu sein.
Was er nicht wissen wird: Dass die Agenda dieser Abstimmung Monate zuvor gesetzt wurde, in kleinen Beiträgen wie diesem, in denen ein Interessenvertreter als Experte auftrat, seine eigene Studie zitierte, seine eigene Initiative bewarb, und niemand widersprach. Der Abstimmungskampf wird fair wirken. Aber die Frage, über die abgestimmt wird, ist längst in den Köpfen der Hörer vorformatiert.
Das ist die eigentliche Macht institutioneller Medien. Nicht zu entscheiden, was man denken soll. Sondern zu entscheiden, worüber man überhaupt nachdenkt.
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