Der Trotz der Kommentatoren
Zum NZZ-Kommentar von Tobias Gafafer: «Zahlreiche Menschen wollen aus Trotz ein Ja einlegen, weil es ihnen zu viel geworden ist. Aber das ist gefährlich», 13. Mai 2026
Tobias Gafafer hat einen Kommentar geschrieben. Er hat ihn «Zahlreiche Menschen wollen aus Trotz ein Ja einlegen» betitelt. Der Titel ist eine Diagnose. Er sagt: Wer Ja stimmt, tut es aus Trotz. Aus Frustration. Aus emotionaler Überreaktion. Nicht aus Vernunft. Nicht aus Überzeugung. Sondern aus einem Gefühl, das man nicht ernst nehmen muss, weil es kein Argument ist.
Das ist die Ausgangslage. Und sie ist bemerkenswert. Denn Gafafer schreibt nicht über die Argumente der Befürworter. Er schreibt über deren Motive. Er pathologisiert sie. Wer Ja stimmt, ist getrieben — von Angst, von Wut, von Trotz. Wer Nein stimmt, ist vernünftig. Das ist die implizite Hierarchie des Textes.
Die Architektur der Angst
Der Kommentar ist schlau konstruiert. Er beginnt mit der Anerkennung: Das Unbehagen sei real. Die SVP habe ein Gespür für die Sorgen der Bevölkerung. Die Nettozuwanderung sei hoch. Der Wohnungsbau stocke. Die Nationalstrassen seien verstopft. Das alles wird eingeräumt — um dann sofort zu relativieren.
Die eigentliche Argumentation lautet: Die Initiative löst diese Probleme nicht. Sie schaffe neue. Der starre Deckel nehme die Flexibilität. Die Demografie entwickle sich ungünstig. Die geburtenstarken Jahrgänge gingen in Pension. Die Lebenserwartung steige. Das Angebot an inländischen Arbeitskräften sinke. Wer die Zuwanderung deckle, gefährde die AHV. Wer die AHV gefährde, gefährde den Wohlstand.
Das ist die Kette. Sie ist logisch schlüssig, wenn man die Prämissen akzeptiert. Die Prämissen lauten: Die AHV ist auf Zuwanderung angewiesen. Die Zuwanderung ist auf die Personenfreizügigkeit angewiesen. Die Personenfreizügigkeit ist auf die Bilateralen angewiesen. Wer die Bilateralen riskiert, riskiert alles.
Das ist das Argument. Es ist stark. Es ist auch einseitig. Denn es blendet die Gegenkette aus: Die Zuwanderung löst das Demografieproblem nicht, sie verschiebt es. Die heutigen Zuwanderer sind die morgigen Rentner. Um ihre Renten zu finanzieren, braucht es noch mehr Zuwanderer. Das System kennt kein Gleichgewicht, nur Wachstum. Wachstum erzeugt Infrastrukturbedarf. Infrastruktur kostet Geld. Das Geld kommt von Steuerzahlern. Die Steuerzahler sind die Bürger, die sich überfüllt fühlen. Die sich fremd fühlen. Die Trotz fühlen.
Gafafer erwähnt diese Gegenkette nicht. Er zitiert Mathias Binswanger nicht, der gesagt hat, dass die Hälfte des Wirtschaftswachstums auf Zuwanderung beruht, das Pro-Kopf-Wachstum aber nur 0,9 Prozent beträgt. Er erwähnt nicht, dass das Pyramidensystem der AHV ein Schneeballsystem ist, das irgendwann kollabieren muss. Er erwähnt nicht, dass die Ergänzungsleistungen — die «stille Schwester der AHV», über die die NZZ selbst geschrieben hat — bereits aus dem Ruder laufen und dass ein grosser Teil der Empfänger Zuwanderer mit Beitragslücken sind.
Der Brexit-Vergleich
Gafafer zieht den Brexit-Vergleich. Das ist das stärkste Argument der Gegenseite. Es ist auch das schwächste, weil es die Unterschiede verschweigt.
Grossbritannien ist eine Insel. Die Schweiz ist ein Binnenland, umgeben von der EU. Grossbritannien hat nach dem Brexit die Zuwanderung nicht begrenzt, sondern die Kanäle verändert: weniger EU-Bürger, mehr Nicht-EU-Bürger. Die Schweiz würde bei einer Kündigung der Personenfreizügigkeit dasselbe erleben: weniger EU-Bürger, mehr Drittstaatler. Das wäre nicht unbedingt besser.
Aber der Brexit-Vergleich verschweigt auch, was funktioniert hat. Grossbritannien hat die Souveränität zurückgewonnen. Es kann selbst entscheiden, wer kommt und wer nicht. Es hat das Recht, die Zuwanderung zu steuern — auch wenn es dieses Recht bisher nicht optimal genutzt hat. Die Schweiz hat dieses Recht nicht. Sie hat die Personenfreizügigkeit. Sie hat die Bilateralen. Sie hat Verträge, die sie binden.
Die Frage lautet: Was ist wichtiger — die Souveränität oder der Marktzugang? Das ist eine politische Frage. Gafafer beantwortet sie nicht. Er tut so, als gäbe es nur eine vernünftige Antwort. Das ist keine Argumentation. Das ist eine Bevormundung.
Der Kommunisten-Vergleich
Gafafer schreibt, der starre Bevölkerungsdeckel erinnere «eher an kommunistische Staaten wie China als an die immer noch vergleichsweise liberale Schweiz». Das ist ein bemerkenswerter Satz. Er vergleicht eine direktdemokratische Initiative mit einem kommunistischen Regime. Er vergleicht einen Verfassungsartikel, den das Volk selbst beschliessen soll, mit einer Zwangsmassnahme, die eine Diktatur über ihr Volk verhängt.
Das ist nicht nur polemisch. Es ist falsch. Der Unterschied zwischen der Initiative und der chinesischen Ein-Kind-Politik ist fundamental: Die Initiative setzt eine Grenze. Wie diese Grenze erreicht wird, ist der Politik überlassen. Sie kann Zuwanderung begrenzen. Sie kann Integration fördern. Sie kann die Geburtenrate erhöhen. Sie kann die Wirtschaft umstrukturieren. Sie hat Werkzeuge. Die chinesische Ein-Kind-Politik war ein Zwangseingriff in die intimste Entscheidung des Einzelnen. Die Initiative ist keine Ein-Kind-Politik. Sie ist eine Obergrenze für die Wohnbevölkerung. Wer den Vergleich zieht, diskreditiert nicht die Initiative. Er diskreditiert sich selbst.
Die Nichtumsetzung der MEI
Das stärkste Argument der Befürworter steht nicht im Kommentar. Es steht in den Kommentaren. Es lautet: Die Politik hat die Masseneinwanderungsinitiative von 2014 nicht umgesetzt. Sie hat den Volkswillen ignoriert. Sie hat die direkte Demokratie untergraben. Wer das tut, erzeugt Trotz. Wer Trotz erzeugt, darf sich nicht über Trotz beschweren.
Gafafer erwähnt die MEI nicht. Er erwähnt nicht, dass der Bundesrat nach der Annahme der Initiative einen Kompromiss mit der EU ausgehandelt hat, der de facto eine Inländerbevorzugung bei der Stellenausschreibung brachte — eine Massnahme, die nie ernsthaft angewendet wurde. Er erwähnt nicht, dass das Parlament die Durchsetzungsinitiative mit dem Argument bekämpft hat, die MEI sei nun «umgesetzt» — obwohl sie es nicht war. Er erwähnt nicht, dass die Nichtumsetzung der MEI der Grund ist, warum viele Menschen jetzt die 10-Millionen-Initiative unterstützen: weil sie das Gefühl haben, dass die Politik sie nicht hört, solange die Konsequenzen nicht drastisch sind.
Das Gefühl ist auch richtig. Denn die MEI war nicht der erste Vertrauensbruch. Sie war die Folge eines vorhergehenden. Vor der Abstimmung über die Personenfreizügigkeit im Jahr 2000 hat der Bundesrat der Schweiz versprochen: Mit der PFZ kämen maximal 8'000 bis 10'000 Personen pro Jahr netto aus der EU/EFTA. Das stand im Abstimmungsbüchlein. Das stand in Expertenberichten. Das war die Grundlage, auf der das Volk zustimmte.
Was dann passierte, war das Fünf- bis Zehnfache. Jahr für Jahr. Über zwei Jahrzehnte lang. Die Schweiz wuchs von ca. 7,2 Millionen im Jahr 2000 auf über 9 Millionen — und steuert rasant auf die 10-Millionen-Marke zu, viel früher als die offiziellen Prognosen des Bundes je zugeben wollten. Das Volk wurde angelogen. Dann, als es mit der MEI versuchte, die selbst versprochene Steuerung einzufordern, wurde die Initiative schlicht nicht umgesetzt. Wieder vergingen mehr als zwölf Jahre. Wieder passierte nichts.
Das ist der eigentliche Skandal. Nicht die Initiative. Nicht der Trotz. Sondern der Trotz der Regierung. Die Tatsache, dass eine Regierung das Volk über Jahre hinweg belogen hat — mit falschen Prognosen, mit nicht gehaltenen Versprechen, mit einer Umsetzung, die keine war — und jetzt empört ist, dass das Volk ihr nicht mehr glaubt.
Die Kommentatoren
Die Kommentatoren sind wütend. Man spürt es in jedem Satz. Sie sind wütend auf die NZZ, die sie als einseitig empfinden. Auf den Bundesrat, der Versprechen bricht. Auf das Parlament, das den Volkswillen ignoriert. Auf die Wirtschaft, die von Zuwanderung profitiert und die Kosten externalisiert. Auf die Medien, die Kritik an der Zuwanderung als rassistisch diffamieren.
Die Wut ist legitim. Sie ist auch vielleicht auch gefährlich, weil sie zu Vereinfachungen führen kann. Die Initiative ist eine harte Lösung. Sie ist eine Notbremse. Und Notbremsen haben Nebenwirkungen. Das sagt Gafafer richtig. Er sagt aber nicht, dass die Alternative — das Weiter-so — auch Nebenwirkungen hat. Dass die Schweiz wächst. Dass die Infrastruktur nicht mithält. Dass die Mieten steigen. Dass die Schulen überlastet sind. Dass das Zusammenleben schwieriger wird. Dass die Identität erodiert. Dass die Demokratie unter Druck gerät, wenn ein Drittel der Bevölkerung aus dem Ausland stammt und eigene Vorstellungen des Zusammenlebens mitbringt.
Walter Keller schreibt in seinem Kommentar: «Zuwanderer bringen nicht nur Arbeitskraft, sondern auch ihre eigenen Vorstellungen des Zusammenlebens mit. Nach einer gewissen Aufenthaltsdauer können sie sich richtigerweise einbürgern lassen und an demokratischen Prozessen teilnehmen. Es wäre realitätsfern anzunehmen, dass ein so hoher Anteil neu Eingebürgerter die Leitkultur und die politischen Präferenzen nicht beeinflusst.» Das ist ein Tabubruch. Es ist auch eine legitime Frage. Die NZZ hätte sie stellen können. Sie hat es nicht getan.
Die Frage der Steuerung
Sven Fuhrmann, der in der Kommentarspalte als Gegner der Initiative auftritt, macht ein Argument, das die Debatte eigentlich voranbringen würde: «Steuerung ist möglich, ohne die Bilateralen zu opfern.» Er schlägt einen Sprachnachweis vor. Eine Inländerbevorzugung, die ernst gemeint ist. Eine Ventilklausel, die funktioniert.
Das sind die Vorschläge, die die Politik seit Jahren nicht macht. Die FDP setzt nicht um. Die Mitte setzt nicht um. Der Bundesrat setzt nicht um. Stattdessen heisst es: Die Initiative ist gefährlich. Wer Ja stimmt, ist ein Trottel. Wer Nein stimmt, ist vernünftig. Das ist keine Debatte. Das ist eine Bevormundung.
Die Kommentatoren haben das verstanden. Sie schreiben: «Wo ist Plan B?» «Warum zeigt die Gegenseite keine Alternativen?» «Warum wurde die MEI nicht umgesetzt?» Das sind die Fragen, die Gafafer nicht beantwortet. Die NZZ nicht beantwortet. Der Bundesrat nicht beantwortet. Die Politik nicht beantwortet.
Wer keine Antworten gibt, erzeugt Trotz. Wer Trotz erzeugt, darf sich nicht über Trotz beschweren.
Die Antwort gibt es.
Wer am 14. Juni 2026 zu den Urnen geht und sich fragt, ob es einen vernünftigen Mittelweg zwischen «alles wie bisher» und «10-Millionen-Initiative» gäbe, hat in einem Bundesratsbericht die offizielle Antwort: Nein, gibt es nicht. Nicht, weil keiner denkbar wäre, sondern weil die rechtlichen und institutionellen Strukturen keinen Raum für ihn lassen. Diese Antwort ist verfasst in 27 Seiten ergebnisoffener Verwaltungssprache. Sie ist deshalb nicht weniger eindeutig.
Der Befund
Gafafers Kommentar ist ein Beispiel für die Diskrepanz zwischen der medialen Elite und der Bevölkerung. Er diagnostiziert Trotz. Er pathologisiert ihn. Er erklärt ihn für gefährlich. Er tut aber nicht das, was er tun müsste: ihn ernst nehmen.
Trotz ist keine Krankheit. Trotz ist eine Reaktion. Eine Reaktion auf eine Politik, die nicht hört. Auf eine Wirtschaft, die nicht teilt. Auf eine Medienlandschaft, die nicht differenziert. Auf eine Gesellschaft, die nicht diskutiert, sondern diffamiert.
Die 10-Millionen-Initiative ist keine besonders gute Initiative. Sie ist starr. Sie ist konstruiert. Aber sie ist auch ein Symptom. Ein Symptom für eine Demokratie, die ihre Bürger nicht mehr ernst nimmt. Für eine Politik, die Versprechen bricht. Für eine Wirtschaft, die Gewinne privatisiert und Kosten sozialisiert. Für eine Medienkultur, die Kritik als Populismus abtut, statt sie zu analysieren.
Wer das Symptom bekämpft, ohne die Krankheit zu heilen, wird den Patienten verlieren. Die Kommentatoren in der NZZ haben das verstanden. Tobias Gafafer hat es nicht verstanden. Die NZZ hat es nicht verstanden. Der Bundesrat hat es nicht verstanden.
Am 14. Juni wird das Volk entscheiden. Vielleicht entscheidet es aus Trotz. Vielleicht entscheidet es aus Überzeugung. Vielleicht entscheidet es aus einer Mischung aus beidem. Was immer es entscheidet — es wird eine Entscheidung sein, die die Politik verdient hat.
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