9min
Der Tresor, der im eigenen Land steht
Medienkritik
7 Minuten

Der Tresor, der im eigenen Land steht

SRF/SRGWirtschaftEU/Aussenpolitik
schwerwiegend
Teilen

SRF porträtiert ein südafrikanisches Videospiel über den Raub afrikanischer Kunst aus westlichen Museen. Die Schweizer Relevanz: keine genannte. Dabei wäre sie der eigentliche Stoff. Die Schweiz hat Benin-Bronzen zurückgegeben, das Museum Rietberg retournierte 2022, Genf beherbergt Freihäfen, in denen genau die gehandelte Kunst lagert, gegen die das Spiel ist. Ein Land, das Akteur der Debatte ist, wird als Zuschauer gerahmt. Und der Ursprung des Spiels, den der Beitrag selbst erzählt, ist ein türkisches Grabmal im British Museum: die älteste Restitutionsdebatte Europas ist die griechische, die Forderung nach den Parthenon-Skulpturen, seit zwei Jahrhunderten. Der Beitrag über geraubte Kunst verschweigt die geraubte Kunst, die Europa selbst betrifft.

Zum SRF-Beitrag «In diesem Spiel raubt man die Museen Europas aus», Echo der Zeit, 15.09.2026


Was der Beitrag leistet: Er ist ein gut gemachtes Porträt. Das Spiel wird erklärt, die politische Dimension benannt, der Entwickler zitiert, die reale Existenz der 70 Artefakte vermerkt. Die Pointe am Ende, dass die Büffelfigur im Spiel zurückkehrt und in der Realität weiter in New York steht, ist stark. Und die Selbstreflexion des Entwicklers, die Parodie der homogenen Afrika-Darstellung, ist eine echte Einsicht. Als Kulturbeitrag über ein Videospiel trägt er. Als Beitrag in einem Schweizer Medium über Restitution fehlt ihm der Spiegel, in dem das Land erscheint, das ihn sendet.

Die Rückgabe, die bereits geschah

Der Beitrag schreibt: «Die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter geht langsam voran.» Das ist die Rahmung: langsam, zögerlich, im Grunde gescheitert, die Diplomatie «habe jahrzehntelang versagt». Die Realität, die der Beitrag nicht nennt: Die Rückgabe läuft. Frankreich überführte 2021 sechsundzwanzig Benin-Bronzen nach Abomey. Deutschland übergab 2022 zwanzig Bronzen an Nigeria, weitere folgten, über tausend sind zur Rückkehr vorgemerkt. Das Museum Rietberg in Zürich gab 2022 eine Benin-Bronze zurück, eine der ersten Rückgaben weltweit, mit einer Zeremonie und einer Rede. Die Schweiz ist nicht Zuschauer der Restitution. Sie ist einer der Staaten, die sie praktiziert haben. Ein Beitrag, der ein Spiel feiert, das die Rückgabe simuliert, weil die Diplomatie versagt habe, und der verschweigt, dass die eigene Stadt eine der ersten echten Rückgaben durchgeführt hat, hat die Geschichte nicht gelesen, über die er berichtet. Die Prämisse des Spiels, die der Beitrag unkritisch übernimmt, ist in Teilen widerlegt durch die Taten, an denen die Schweiz beteiligt war.

Der Freihafen, der die Ware lagert

Die tiefere Schweizer Relevanz liegt woanders. Das Spiel richtet sich gegen den Handel mit geraubter Kunst, gegen Museen, die Raubgut zeigen, gegen einen Markt, der Diebesgut zum Dekorationsstück macht. Die Schweiz ist ein Zentrum genau dieses Marktes. Die Genfer Freihäfen lagern seit Jahrzehnten Kunst, deren Herkunft ungeklärt ist, darunter wiederholt beschlagnahmte Antiken. Der Kunsthandel der Schweiz gehört zu den grössten der Welt, und das Kulturgütertransfergesetz von 2005, das den Handel regulieren sollte, wurde von denselben Kreisen bekämpft, die es heute umgehen. Ein Land, dessen Lagerhäuser die Beutekammer der Debatte sind, über die das Spiel erzählt, hat in einem Beitrag über dieses Spiel eine Rolle. Der Beitrag kennt sie nicht. Er behandelt die Schweiz als Publikum, das von Johannesburg aus über westliche Museen informiert wird, während die westliche Infrastruktur des Handels teilweise im eigenen Land steht.

Die Griechen, die im Ursprung stehen und nicht vorkommen

Der bewegendste Moment des Beitrags ist die Ursprungsgeschichte: Die Mutter des Entwicklers besucht das British Museum und sieht ein antikes Grabmal aus der Türkei, Stein für Stein abgetragen, nach London verschifft, dort wieder aufgebaut. Ihre Wut darüber gebiert das Spiel. Der Beitrag erzählt die Szene und merkt nicht, was er erzählt: Der Zündfunke der ganzen Geschichte ist kein afrikanisches Artefakt. Es ist ein anatolisches. Die älteste und lauteste Restitutionsforderung der Welt ist die griechische: Die Parthenon-Skulpturen, von Lord Elgin zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aus Athen entfernt, seitdem im British Museum, von Griechenland seit Generationen zurückgefordert, Gegenstand von Verhandlungen, Kampagnen, UNO-Resolutionen und einem Streit, der nie endet. Die Türkei fordert ihrerseits Artefakte zurück, Italien hat mit den USA Rückführungsabkommen. Die Restitutionsdebatte ist nicht Afrika gegen den Westen. Sie ist ein weltweiter Streit, dessen europäische Variante, Griechenland gegen Grossbritannien, älter ist als die afrikanische und die Türkei-Verbindung im eigenen Ursprungszitat trägt. Der Beitrag rahmt das Spiel als afrikanische Antwort auf westliche Museen und überliest den europäischen Kern der eigenen Ursprungsszene. Ein Land wie Griechenland, das seit zweihundert Jahren dieselbe Forderung erhebt, die das Spiel vertritt, kommt mit keinem Wort vor. Die Homogenisierung, die der Entwickler am Westen kritisiert, die Afrika zum Land mache, betreibt der Beitrag in umgekehrter Richtung: Der Restitutionsstreit wird zum afrikanischen Anliegen erklärt, und die europäischen Kläger verschwinden.

Das Unrecht, das als Prämisse durchgeht

Der Beitrag schreibt: «Das ist, so die Prämisse des Spiels, ein Unrecht, und es soll wiedergutgemacht werden.» Die Prämisse wird referiert und im selben Satz übernommen. Die Restitutionsdebatte ist real, aber sie ist eine Debatte. Es gibt Rechtspositionen, die Erwerbungen in bestimmten Epochen für nichtig halten, und solche, die Eigentumserwerb auch unter kolonialen Bedingungen für rechtsbeständig erklären. Es gibt Museen, die Rückgaben ablehnen, weil sie Fürsorge und Zugang argumentieren, und Herkunftsländer, die Rückgaben aus politischen Gründen nutzen. Es gibt den Fall der Benin-Bronzen, der wegen der dokumentierten Gewalttat des britischen Straffeldzugs der klarste ist, und es gibt Millionen Objekte, deren Erwerbsgeschichte komplexer ist. Der Beitrag braucht keine Gegenposition zu vertreten. Er müsste die Existenz der Debatte benennen, wenn er die Prämisse eines politischen Kunstwerks als Fakt druckt. Stattdessen steht das Unrecht als gesetzt da, und das Spiel erscheint als logische Antwort. Ein Beitrag, der die Prämisse des Aktivismus übernimmt, ist keine Reportage mehr über den Aktivismus. Er ist sein Verteiler.

Die Eskalation, die verharmlost wird

Das Spiel heisst «Relooted» und handelt von Einbrüchen in Museen. Der Beitrag betont die Harmlosigkeit: keine Schüsse, keine Profis, eine Grossmutter, ein Professor, ein tollpatschiger Roboter. Das ist die Verharmlosung der Eskalation zum Familienausflug. Die Prämisse, die der Beitrag selbst zitiert, lautet: Die Diplomatie habe versagt, also sei es Zeit für andere Mittel. Andere Mittel sind Einbruch und Diebstahl. Ein Spiel, das Selbstjustiz als Antwort auf langsames Recht feiert, ist ein politisches Statement, das man vertreten kann. Aber ein Beitrag, der die Selbstjustiz als charmantes Jump'n'Run beschreibt und die Frage nach der Eskalationslogik nicht einmal andeutet, hat die Politik des Produkts konsumiert, statt sie zu beschreiben.


Das Muster ist das Fenster, das nur nach aussen öffnet. Ein Schweizer Sender berichtet über einen afrikanischen Blick auf westliche Museen und bietet der Schweiz die Rolle des unbeteiligten Beobachters an. Die eigene Rückgabepraxis, die eigenen Freihäfen, die eigene Rolle im Kunsthandel: alles unsichtbar. Die europäische Variante der Debatte, die im Ursprungszitat des Beitrags selbst steht, das türkische Grabmal, die griechische Forderung: ebenfalls unsichtbar. So entsteht aus einem weltweiten Streit, an dem die Schweiz auf mehreren Seiten beteiligt ist, eine Geschichte, in der das Publikum zuschauen darf, als ginge es es nichts an.

So funktioniert dieser Beitrag: Er porträtiert ein Spiel über geraubte Kunst und verschweigt, dass die eigene Stadt eine der ersten Rückgaben durchgeführt hat. Er zitiert die Ursprungsszene, ein türkisches Grabmal in London, und überliest die europäische Restitutionsdebatte, die darin steckt. Er übernimmt die Prämisse des Spiels, die Diplomatie habe versagt, obwohl die Rückgaben laufen, teilweise mit Schweizer Beteiligung. Er verharmlost die Selbstjustiz-Prämisse zur Familienunterhaltung und nennt die Genfer Freihäfen mit keinem Wort. Wer den Beitrag hört, weiss, wie ein südafrikanisches Spiel die westlichen Museen kritisiert. Wer wissen will, was die Schweiz mit geraubter Kunst zu tun hat, was in Genf lagert, was das Rietberg zurückgab und was Griechenland seit zweihundert Jahren fordert, muss die Fragen mitnehmen. Der Beitrag hat sie im eigenen Material liegen gehabt, im Ursprungszitat, in der eigenen Stadt, im eigenen Archiv. Das ist keine Kulturberichterstattung mit Schweizer Bezug. Das ist eine Reportage über einen Tresor, der im eigenen Land steht, gefilmt durch ein Fenster, das nur nach aussen öffnet.

Originalbeitrag auf X →

Ähnliche Beiträge

Kein Artikel verpassen.