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Der Täter, der keiner sein darf
Medienkritik
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Der Täter, der keiner sein darf

SRF/SRGMigration
schwerwiegend
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Zum SRF-Beitrag «Auto rast im italienischen Modena in Menschenmenge», 17. Mai 2026

Ein Mann rast mit einem Auto in eine Menschenmenge. In der Altstadt von Modena. Mit hoher Geschwindigkeit. Gezielt auf den Fussgängerweg. Er erfasst eine Gruppe von Passanten. Eine Frau wird gegen ein Schaufenster gedrückt und verliert beide Beine. Menschen fliegen regelrecht durch die Luft.

Der Fahrer steigt aus. Mit einem Messer in der Hand. Er versucht zu fliehen. Passanten verfolgen ihn und überwältigen ihn.

Acht Verletzte, vier schwere. Eine Amputation. Ein Mann mit einem Messer, der nach einem Angriff mit einem Auto fliehen will.

SRF berichtet. Aber wie.

Was SRF sagt — und was es betont

Die Überschrift lautet: «Auto rast im italienischen Modena in Menschenmenge». Ein Auto rast. Nicht: Ein Mann rast. Ein Auto. Als hätte das Auto sich selbst entschieden. Als wäre der Fahrer ein Passagier seines eigenen Entschlusses.

Im Text dann: «Die Hintergründe des Vorfalls sind bisher unklar.» Und: «Ob es sich um einen Anschlag handle, dazu könne man noch nichts sagen.»

Ein Mann fährt gezielt in eine Menschenmenge. Steigt mit einem Messer aus. Versucht zu fliehen. Aber ob es ein Anschlag ist, kann man «noch nichts sagen».

Was müsste passieren, damit man etwas sagen kann?

Die Grammatik der Pathologisierung

SRF schreibt: Der mutmassliche Täter «soll psychische Probleme haben». Bestätigte Angaben gebe es noch nicht. Aber die Agentur Adnkronos melde, er sei in der Vergangenheit psychiatrisch behandelt worden.

Das Wort «soll» macht alles. Es erlaubt, die These in den Raum zu stellen, ohne sie zu belegen. Es erlaubt, den Täter zu pathologisieren, bevor die Fakten bekannt sind. Es erlaubt, den Vorfall als Einzelschicksal zu rahmen — als tragisches Ereignis, verursacht von einem kranken Mann, nicht als das, was es sein könnte: ein Anschlag.

Die Pathologisierung hat eine Funktion. Sie entpolitisiert. Sie nimmt dem Vorfall den Charakter des Absichtsvollen. Sie macht ihn zu einem Schicksalsschlag, nicht zu einer Tat. Sie macht den Täter zum Opfer — seiner Krankheit, seiner Umstände, seiner Psyche.

Das kann stimmen. Es kann sein, dass der Mann psychisch krank ist. Es kann sein, dass er nicht verantwortlich ist für das, was er getan hat. Aber es kann auch sein, dass er es ist. Dass er eine Absicht hatte. Dass er einen Plan verfolgte. Dass er ein Motiv hatte, das nichts mit seiner Psyche zu tun hat.

SRF entscheidet sich, bevor die Fakten bekannt sind. Es entscheidet sich für die Pathologisierung. Für das Einzelschicksal. Für die Krankheit. Nicht für den Anschlag. Nicht für die Absicht. Nicht für das Motiv.

Was SRF verschweigt

Aussenminister Antonio Tajani schrieb, der Mann habe «marokkanische Wurzeln». SRF erwähnt das — in einem Nebensatz. Als wäre es eine Fussnote. Als wäre es nicht erwähnenswert, dass ein Mann mit marokkanischen Wurzeln in eine italienische Menschenmenge rast, mit einem Messer aussteigt und versucht zu fliehen.

Das kann ein Zufall sein. Es kann irrelevant sein. Es kann sein, dass die marokkanischen Wurzeln nichts mit der Tat zu tun haben. Aber es kann auch sein, dass sie etwas damit zu tun haben. Dass es ein Motiv gibt, das mit der Identität des Täters zusammenhängt. Dass es einen politischen oder religiösen Hintergrund gibt.

Man weiss es nicht. Aber man müsste fragen. Man müsste die Frage stellen, statt sie zu verschweigen. Man müsste die Möglichkeit erwähnen, statt sie auszublenden.

SRF erwähnt die marokkanischen Wurzeln, aber es fragt nicht, was sie bedeuten könnten. Es erwähnt sie als Faktum, nicht als Kontext. Es erwähnt sie, um sie zu erledigen — nicht um sie zu untersuchen.

Das Muster

Es ist ein Muster. Ein Muster, das sich wiederholt. Immer wieder.

Ein Mann fährt in eine Menschenmenge. Die ersten Berichte sprechen von einem «Vorfall». Von einem «Unfall». Von einem «Verkehrsunfall». Dann stellt sich heraus: Es war kein Unfall. Es war absichtlich. Es war ein Anschlag.

Aber die ersten Berichte haben die Deutung gesetzt. Die Pathologisierung hat die Deutung gesetzt. Der Täter war krank. Der Vorfall war tragisch. Die Hintergründe sind unklar.

Wenn sich dann herausstellt, dass es ein Anschlag war — mit politischem oder religiösem Motiv —, dann ist die erste Deutung schon verblasst. Die Menschen erinnern sich an den «Vorfall», nicht an den Anschlag. Sie erinnern sich an den «kranken Mann», nicht an den Täter. Sie erinnern sich an das Einzelschicksal, nicht an das Muster.

Das ist die Grammatik der Pathologisierung. Sie funktioniert, indem sie die erste Deutung setzt. Die erste Deutung ist die stärkste. Sie prägt die Wahrnehmung. Sie bestimmt, was die Menschen für möglich halten. Und was nicht.

Die Frage, die SRF nicht stellt

Die Frage lautet: Was wäre, wenn der Täter kein Mann mit marokkanischen Wurzeln wäre? Was wäre, wenn er ein italienischer Rechtsextremer wäre? Ein weisser Rassist? Ein Anhänger von Giorgia Meloni?

Würde SRF dann von «psychischen Problemen» sprechen? Würde es die Hintergründe als «unklar» bezeichnen? Würde es die Frage, ob es ein Anschlag sei, offen lassen?

Oder würde es sofort von einem Anschlag sprechen? Von Hass? Von Rechtsextremismus? Von der Gefahr, die von der rechten Szene ausgeht?

Die Antwort ist offensichtlich. SRF würde die Frage nicht offen lassen. Es würde den Vorfall sofort einordnen. Als Anschlag. Als Hasskriminalität. Als Beweis für die Gefahr, die von bestimmten Gruppen ausgeht.

Aber bei einem Mann mit marokkanischen Wurzeln, der in eine Menschenmenge rast und mit einem Messer aussteigt, da sind die Hintergründe «unklar». Da kann man «noch nichts sagen». Da «soll» er psychische Probleme haben.

Das ist keine Neutralität. Das ist eine asymmetrische Grammatik der Einordnung. Sie bestimmt, welche Taten als Anschläge gelten und welche als Einzelschicksale. Welche Täter als politisch gelten und welche als psychisch krank. Welche Hintergründe erwähnenswert sind und welche nicht.

Was die Asymmetrie bewirkt

Die Asymmetrie der Einordnung hat eine Funktion. Sie schützt bestimmte Narrative. Das Narrativ, dass Einwanderung bereichernd ist. Dass Islam und Moderne vereinbar sind. Dass die wahre Gefahr von rechts kommt. Dass Taten wie die in Modena Einzelfälle sind, keine Muster.

Diese Narrative können stimmen. Aber sie können auch falsch sein. Und sie können nicht überprüft werden, wenn die Medien die Fakten so präsentieren, dass sie die Narrative bestätigen — statt sie infrage zu stellen.

Die Asymmetrie der Einordnung verhindert die Debatte, die die Gesellschaft führen müsste. Die Debatte über die Kosten der Einwanderung. Über die Integration von Migranten. Über die Frage, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Herkunft von Tätern und der Art ihrer Taten.

Das sind unbequeme Fragen. Aber sie sind Fragen, die gestellt werden müssen. Wenn sie nicht gestellt werden, dann werden sie von anderen gestellt. Von Populisten. Von Demagogen. Von Leuten, die einfache Antworten auf komplexe Fragen geben.

Die Medien könnten diese Fragen stellen. Sie könnten die Debatte moderieren. Sie könnten die Fakten präsentieren, die für eine sachliche Diskussion nötig sind.

Stattdessen pathologisieren sie die Täter. Verschweigen die Kontexte. Betonen die Einzelfälle. Und wundern sich, wenn die Menschen ihnen nicht mehr glauben.

Der Täter, der keiner sein darf

Der Mann in Modena ist ein Täter. Er hat Menschen verletzt. Er hat eine Frau beide Beine amputiert. Er ist mit einem Messer ausgestiegen. Er hat versucht zu fliehen.

Aber in der Grammatik von SRF ist er kein Täter. Er ist ein Mann mit psychischen Problemen. Ein Einzelschicksal. Ein Vorfall, dessen Hintergründe unklar sind.

Das ist keine Berichterstattung. Das ist eine Entlastung. Eine Entlastung des Täters. Eine Entlastung der Narrative, die den Täter nicht vorsehen. Eine Entlastung der Medien, die die Narrative nicht infrage stellen wollen.

Der Täter, der keiner sein darf, weil er nicht ins Bild passt. Weil seine Herkunft die falsche ist. Weil sein Motiv das falsche sein könnte. Weil seine Tat die falschen Fragen aufwirft.

Also wird er pathologisiert. Entpolitisiert. Entschärft.

Und die Frau, die beide Beine verloren hat? Die acht Verletzten? Die Menschen, die in Modena auf der Strasse standen, als ein Auto auf sie zuraste?

Sie sind Kollateralschäden einer Berichterstattung, die die Täter schützt, die sie nicht schützen will. Die die Narrative bestätigt, die sie bestätigen will. Die die Fragen nicht stellt, die sie nicht stellen will.

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