Der Staat als Vollstrecker
Wie SRF einen statistisches Artefakt als Wirtschaftskrise verkauft, die Methodenänderung verschweigt, die den Vergleich ungültig macht, und die Brutalität einer Regelung analysiert, die Unternehmen für Steuerschulden vernichtet – oft ohne einen Rappen für den Staat übrig zu lassen
Zum SRF-Beitrag «Starker Anstieg der Konkurse im Jahr 2025», 21. Mai 2026
Es ist eine Zahl, die erschreckt. 12'485 Unternehmenskonkurse. Ein Anstieg von 61.2 Prozent. SRF schreibt: «Starker Anstieg.» Die Botschaft: Die Wirtschaft leidet. Die Firmen sterben.
Aber die Zahl erzählt nicht die ganze Geschichte. Und was SRF weglässt, verändert den Sinn komplett. Denn der Anstieg ist kein Wirtschaftsdrama. Er ist ein administrativer Vollzug. Und die Statistik, die ihn misst, ist ein Äpfel-mit-Birnen-Vergleich.
Der methodische Nebel
Das Bundesamt für Statistik (BFS) schreibt in seiner Medienmitteilung einen Satz, der alles verändert – und den SRF verschweigt: «Der Fragebogen zur Erhebung der Betreibungs- und Konkursdaten wurde aufgrund der am 1. Januar 2025 in Kraft getretenen Weisung Nr. 10 [...] komplett überarbeitet.»
Komplett überarbeitet. Das heisst: Die Zahlen für 2025 wurden mit einem anderen Fragebogen, anderen Kriterien und anderer Methodik erhoben als die Zahlen für 2024. Das BFS räumt selbst ein, dass dies «kurzfristig nicht alle Daten zur Verfügung» stellt und «bestimmte Vergleiche erschwert».
«Erschwert» ist ein Euphemismus. Es macht den Vergleich faktisch ungültig. Man kann nicht sagen, die Konkurse seien um 61.2 Prozent gestiegen, wenn sich die Art und Weise, wie man Konkurse zählt und erfasst, im selben Jahr grundlegend geändert hat. Das ist so, als würde man die Temperatur einmal mit Quecksilber und einmal mit Infrarot messen und dann einen Temperaturanstieg von 60 Prozent behaupten.
SRF verschweigt diese Methodenänderung. Es nennt die 61.2 Prozent, als wären sie eine objektive Wahrheit. Es zitiert das BFS, aber es zitiert nicht die Warnung des BFS. Es lässt den Eindruck einer Krise entstehen, obwohl die Zahl grösstenteils einen Methodenwechsel und einen Gesetzeswechsel abbildet – nicht den Zusammenbruch der Wirtschaft.
Der Paradigmenwechsel: Vom Pfändungs- zum Konkursstaat
Der zweite Grund für den Anstieg ist die Änderung des Schuldbetreibungs- und Konkursgesetzes (SchKG), die am 1. Januar 2025 in Kraft trat. Seitdem können Gläubiger bei unbezahlten Steuern oder Sozialversicherungsbeiträgen ein Konkursbegehren stellen. Vorher war nur die Pfändung möglich.
Das ist kein marginaler Unterschied. Das ist ein Paradigmenwechsel. Vorher galt: Der Staat pfändet. Er nimmt, was er kann. Er lässt das Unternehmen aber am Leben. Er zerstört nicht die Existenz, sondern beschlagnahmt Vermögen. Die neue Regel lautet: Der Staat kann den Konkurs beantragen. Er kann das Unternehmen vernichten. Er kann die Firma töten – nicht weil sie nicht lebensfähig ist, sondern weil sie dem Staat Geld schuldet.
SRF erwähnt diese Gesetzesänderung – aber an vierter Stelle, nach der Zahl, nach dem Anstieg, nach dem Verlust. Und es wertet sie nicht. Es fragt nicht, ob dieser Paradigmenwechsel richtig ist. Es fragt nicht, ob die alte Regel besser war. Es fragt nicht, ob die neue Regel Unternehmen zerstört, die gerettet werden könnten.
Die Bilanz der Vernichtung
Das BFS liefert eine Zahl, die die Brutalität dieser neuen Regel enthüllt: «Mehr als die Hälfte der Konkurse werden mangels Aktiven eingestellt.»
55.9 Prozent. Das heisst: Bei mehr als der Hälfte der Unternehmen, die in den Konkurs getrieben wurden – oft auf Betreiben des Staates –, stellt sich heraus: Es gibt nichts zu holen. Die Firma ist leer. Der Konkurs hat keine Gläubiger bereichert. Er hat nur vernichtet.
Noch deutlicher wird es bei den Finanzzahlen: Der finanzielle Verlust aus Konkursverlustscheinen erreichte 1.8 Milliarden Franken. Der Gesamterlös, der an Gläubiger ausbezahlt wurde, lag bei knapp 192 Millionen Franken.
1.8 Milliarden Verlust. 192 Millionen Erlös. Das ist eine Quote von knapp 10 Prozent. Für jeden Franken, den der Staat und andere Gläubiger aus den Konkursen herausholten, wurden 10 Franken vernichtet.
Das ist keine effiziente Schuldbetreibung. Das ist ein wirtschaftliches Flächenschlagverfahren. Der Staat treibt Unternehmen in den Konkurs, um Steuerschulden einzutreiben, und am Ende bleibt nicht einmal genug übrig, um die Verfahrenskosten zu decken. Die Firma ist tot. Die Arbeitsplätze sind weg. Die Wertschöpfung ist erloschen. Und der Staat? Hat weniger als vorher.
SRF nennt die 1.8 Milliarden Verlust. Es nennt aber nicht die 192 Millionen Erlös. Es nennt nicht die Diskrepanz. Es fragt nicht, ob der Preis, den die Wirtschaft für diese Konkurse zahlt, in irgendeinem Verhältnis zum Nutzen für die Gläubiger steht. Es verschweigt die Bilanz der Vernichtung.
Die stillen Tode: Art. 731b OR
Das BFS erwähnt noch eine weitere Zahl: 2755 Auflösungen und Liquidationen von Unternehmen mit «Mängeln in der Organisation» (Art. 731b OR). Das sind Firmen, die nicht zwingend überschuldet sind. Sie werden aufgelöst, weil sie bürokratische Hürden nicht erfüllen. Weil sie Formulare nicht einreichen. Weil sie Statuten nicht anpassen. Weil sie dem administrativen Ideal des Staates nicht entsprechen.
Auch hier gilt: Der Staat vernichtet Unternehmen. Nicht weil sie nicht zahlen. Nicht weil sie nicht wirtschaften. Sondern weil sie nicht funktionieren, wie der Staat es will. Es ist der administrative Tod. Still, bürokratisch, ohne Schlagzeilen.
SRF erwähnt diese Zahl nicht. Sie passt nicht in die Erzählung von der Wirtschaftskrise. Sie erzählt eine andere Geschichte: Die Geschichte eines Staates, der Unternehmen nicht nur wegen Geld, sondern auch wegen Formalien vernichtet.
Die Frage, die SRF nicht stellt
Die Frage lautet nicht: Warum steigen die Konkurse?
Die Frage lautet: Ist es richtig, dass der Staat Unternehmen für Steuerschulden in den Konkurs treiben kann, wenn mehr als die Hälfte dieser Konkurse mangels Aktiven eingestellt wird? Ist es richtig, dass der Staat die Existenz von Firmen vernichtet, wenn für jeden eingetriebenen Franken zehn Franken an wirtschaftlichem Wert zerstört werden? Ist es richtig, dass eine Gesetzesänderung und eine Methodenänderung in derselben Schlagzeile als «starker Anstieg» verkauft werden, ohne dass die methodische Warnung des BFS erwähnt wird?
Die Frage lautet: Wem nützt dieser Paradigmenwechsel? Den Gläubigern, die 10 Rappen auf den Franken erhalten? Den Konkursverwaltern, die mehr Verfahren haben? Dem Staat, der Firmen vernichtet, um Steuern einzutreiben, die es nicht mehr gibt?
Die Frage lautet: Wer verliert? Die Unternehmer, die ihre Firma verlieren? Die Mitarbeiter, die ihren Job verlieren? Die Wirtschaft, die Wertschöpfung verliert? Die Gesellschaft, die Arbeitsplätze und Steuersubstrat verliert?
SRF stellt keine dieser Fragen. Es nennt die Zahl. Es nennt den Anstieg. Es verschweigt die Methodenänderung. Es verschweigt die Bilanz der Vernichtung. Es verschweigt die stillen Tode nach Art. 731b OR. Und es nennt die Ausrede des BFS: «Lassen sich nicht genau beziffern.»
Das ist keine Berichterstattung, sondern eine schlechte Reproduktion einer Pressemitteilung. Ohne Analyse. Ohne Kritik. Ohne die Frage, die am Anfang stehen müsste: Ist das Gesetz richtig?
12'485 Unternehmenskonkurse. Ein Anstieg von 61.2 Prozent. SRF nennt die Zahl und die Schlagzeile lautet: «Starker Anstieg.» Aber der Anstieg ist ein statistisches Artefakt. Das BFS hat die Erhebungsmethode komplett überarbeitet – SRF verschweigt das. Der Anstieg ist ein gesetzlicher Vollzug. Der Staat kann Firmen für Steuerschulden in den Konkurs treiben – SRF erwähnt es, aber wertet es nicht. Der Anstieg ist eine Bilanz der Vernichtung. 1.8 Milliarden Verlust stehen 192 Millionen Erlös gegenüber. Über die Hälfte der Konkurse wird mangels Aktiven eingestellt – SRF verschweigt die Quote. 2755 Firmen werden wegen organisatorischer Mängel aufgelöst, nicht wegen Insolvenz – SRF erwähnt sie nicht. Die Frage, ob der Staat das Recht haben sollte, Unternehmen zu vernichten, um Steuern einzutreiben, die es nicht mehr gibt, wird nicht gestellt. Die Frage, ob der methodische Bruch den Vergleich ungültig macht, wird nicht gestellt. Das ist keine Berichterstattung über ein Problem. Das ist die Reproduktion einer Pressemitteilung, die den Staat als Vollstrecker normalisiert – ohne die Frage zu stellen, ob der Preis, den die Wirtschaft zahlt, den Nutzen für den Staat wert ist.
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