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Der Preis, der den Staat verschweigt
Medienkritik
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Der Preis, der den Staat verschweigt

SRF/SRGWirtschaft
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SRF berichtet über Tankstellen unter Druck: Niedrigwasser, Irankrieg, hohe Frachtkosten. Erstmals wieder über zwei Franken pro Liter. Der Beitrag erklärt die Preiszusammensetzung — Steuern 50 Prozent, Wareneinkauf 40 Prozent, Rest Marge — und verschweigt die naheliegendste Frage: Wenn der Staat die Hälfte jedes Liters kassiert, wessen Preisproblem ist das eigentlich? Der Beitrag klagt mit den Tankstellen über die Margen und nennt nicht, dass der grösste Profiteur des hohen Preises die öffentliche Hand ist — die bei jedem Franken mehr an der Zapfsäule mitverdient.

Zum SRF-Beitrag «Niedrigwasser und Irankrieg: Schweizer Tankstellen unter Druck», Echo der Zeit, 23.08.2026


Was der Beitrag leistet: Er erklärt die Preiszusammensetzung transparent — eine Grafik, die viele Wirtschaftsbeiträge weglassen. Er zitiert zwei Betreiber mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Und er nennt konkrete Zahlen: 18 Rappen Frachtkosten statt einem. Das ist sauberes Handwerk.

Die Hälfte, die niemand hinterfragt

Der Beitrag sagt: Bei zwei Franken pro Liter erhält der Staat «via Steuern und Abgaben knapp 50 Prozent». Das ist ein Franken pro Liter. Bei einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 800 Litern zahlt jeder Autofahrer 800 Franken Steuer pro Jahr — nur am Zapfhahn. Der Beitrag nennt die Zahl — und fragt nicht weiter. Er klagt über die Margen der Tankstellen, über die Frachtkosten, über die Beschaffungspreise. Er verschweigt: Der Staat ist der grösste Gewinner des hohen Preises. Die Mineralölsteuer ist fix — sie fällt pro Liter an, unabhängig vom Marktpreis. Aber die Mehrwertsteuer ist prozentual: Je höher der Preis, desto mehr Mehrwertsteuer. Wenn der Preis von 1,80 auf 2,00 Franken steigt, steigt die Mehrwertsteuer von 13 auf 14,6 Rappen. Der Staat verdient an jedem Preisanstieg mit — ohne ein Risiko zu tragen, ohne eine Fracht zu bezahlen, ohne einen Rhein zu brauchen. Die Frage, ob ein Staat, der die Hälfte des Preises kassiert, das Recht hat, hohe Treibstoffpreise zu tolerieren, wird nicht gestellt. Die Frage, ob eine Senkung der Mineralölsteuer — wie sie andere Länder in Krisen praktizierten — ein Instrument wäre, wird nicht gestellt.

Der Krieg, der als Erklärung genügt

Der Beitrag nennt den Irankonflikt als Ursache der hohen Beschaffungspreise — und belässt es dabei. Der Betreiber sagt: «so hohe Beschaffungspreise ganz generell wegen des Irankonflikts.» Der Beitrag übernimmt die Formel — und erklärt nicht, wie der Krieg den Preis treibt. Der Krieg läuft. Die Strasse von Hormus ist gesperrt — eine der wichtigsten Öl- und Gasrouten der Welt. Iranisches Öl fällt vom Markt. Tanker routen um Afrika. Versicherungen steigen. Frachtkosten explodieren. Jedes dieser Elemente hat einen messbaren Effekt auf den Schweizer Zapfhahn. Der Beitrag nennt keines davon. Er nennt das Wort «Irankonflikt» — als wäre das Wort selbst die Erklärung. Ein Krieg ist keine Preisursache; er ist ein Bündel von Preisursachen. Wer das Bündel nicht öffnet, nennt einen Krieg und nennt keine Zahl. Die Frage, wie viel der Preisanstieg auf den Krieg zurückgeht und wie viel auf das Niedrigwasser, wird nicht gestellt. Die Frage, ob die Sperrung der Strasse von Hormus — die seit Monaten andauert — eine dauerhafte Umstrukturierung der Schweizer Treibstoffversorgung erfordert, wird nicht gestellt.

Die Konsolidierung, die als Naturgesetz gerahmt wird

Beide Betreiber sagen: Es kommt eine Konsolidierung. Zu viele Tankstellen, sinkender Verbrauch, effizientere Fahrzeuge. Der Beitrag übernimmt die Prognose — und fragt nicht, was sie bedeutet. Konsolidierung heisst: Tankstellen schliessen. Kleine Betreiber verschwinden. Die Grossen wachsen. Auf dem Land verschwinden Zapfsäulen — und mit ihnen die Versorgungssicherheit. Die Frage, ob eine Konsolidierung, die beide Betreiber als selbstverständlich prognostizieren, gut oder schlecht ist für den Verbraucher, wird nicht gestellt. Die Frage, ob ein Land, das seine Treibstoffversorgung über den Rhein abwickelt und bei Niedrigwasser 18 Rappen Frachtkosten pro Liter zahlt, seine Versorgung diversifizieren sollte, wird nicht gestellt.

Die Margen, die keinen Massstab haben

Der Beitrag klagt: Die Margen seien «massiv gesunken». Wie gross sind sie? Der Beitrag nennt keine Zahl. Wie viel verdient eine Tankstelle pro Liter? Fünf Rappen? Zehn? Zwanzig? Ohne Zahl ist die Klage eine Behauptung. Der Betreiber sagt: «Es ist sehr, sehr schwierig, überhaupt etwas zu verdienen.» Der Beitrag übernimmt das — ohne zu prüfen, ob es stimmt. Wie viele Tankstellen in der Schweiz sind profitabel? Wie viele verlieren Geld? Wie viele schlossen in den letzten Jahren? Die Frage, ob eine Branche, die 700 Tankstellen umfasst und über zu viele klagt, ein Geschäftsmodell hat, das funktioniert, wird nicht gestellt.


Das Muster ist der Preis als Naturereignis. Der Preis steigt — wegen Niedrigwasser, wegen Krieg, wegen Frachtkosten. Was nicht vorkommt: Der Preis besteht zur Hälfte aus staatlichen Abgaben. Der Staat ist nicht Umstand des Preises — er ist Bestandteil. Ein Beitrag, der die Zusammensetzung des Preises zeigt und den Staat als fixen Bestandteil nennt, ohne ihn als Akteur zu behandeln, zeigt die Hälfte des Preises und versteckt die Verantwortung für die andere Hälfte. Der Regen kommt hoffentlich, die Frachter laden wieder — aber der Krieg läuft weiter, und der Franken pro Liter, den der Staat kassiert, bleibt. Er war vor dem Niedrigwasser da. Er ist nach dem Niedrigwasser da. Er ist der einzige Bestandteil des Preises, der nie sinkt.

So funktioniert dieser Beitrag: Er meldet hohe Treibstoffpreise und erklärt die Zusammensetzung — Steuern, Wareneinkauf, Marge. Er klagt mit den Tankstellen über Margen und Frachtkosten. Er verschweigt, dass der Staat die Hälfte des Preises kassiert und an jedem Preisanstieg mitverdient. Er nennt den Krieg als Ursache, ohne den Mechanismus zu erklären — die gesperrte Strasse von Hormus, das fehlende iranische Öl, die Umwege der Tanker. Er übernimmt die Konsolidierungsprognose ohne Analyse. Und er nennt keine Margenzahl, die die Klage belegen würde. Wer den Beitrag hört, weiss, dass der Rhein trocken ist und der Krieg teuer war. Wer wissen will, warum der Liter zwei Franken kostet — und wer davon profitiert —, bekommt eine halbe Antwort. Die andere Hälfte steht in der eigenen Grafik. Der Beitrag hat sie gelesen und nicht verstanden.

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