Der Partner, der keiner ist — und die Industrie, die es nicht sagen darf
Martin Hirzel, Präsident von Swissmem, sagt: «Das ist nicht, was man von einem Partner erwartet.» Er spricht über die EU. Über die Verdoppelung der Stahlzölle von 25 auf 50 Prozent. Über die Abschottung des Binnenmarkts. Über die existenzielle Bedrohung für die Schweizer Industrie. Was er nicht sagt: Was das für die Bilateralen bedeutet. Was das für die Souveränität bedeutet. Was das für die Frage bedeutet, ob die Schweiz überhaupt einen Partner hat — oder nur einen Hegemon, der die Regeln diktiert. Und SRF fragt nicht nach. SRF lässt Hirzel klagen — ohne die Konsequenzen zu ziehen. Ohne die Frage zu stellen, die sich aufdrängt: Wenn die EU so handelt, warum sollten wir uns ihr weiter annähern?
Zum SRF Beitrag «‹Hoch frustrierend und nicht, was man von einem Partner erwartet›», 29.05.2026
Der Zoll, der den Markt tötet
«Sobald die zollfreien Kontingente ausgeschöpft sind, muss ein Kunde 50 Prozent Strafzoll zahlen. Ich behaupte: Dann wird der Markt für unsere beiden Stahlwerke tot sein. Kein Kunde ist bereit, 50 Prozent mehr für Schweizer Stahl zu zahlen.»
Das ist eine existenzielle Aussage. Hirzel sagt: Die EU tötet den Schweizer Stahlmarkt. Nicht mit Absicht — aber mit Wirkung. Die Verdoppelung der SchutzZölle auf 50 Prozent macht Schweizer Stahl in der EU unrentabel. Das Geschäft schrumpft auf ein Minimum.
Was bedeutet das? Es bedeutet: Die EU schützt ihren Binnenmarkt — auf Kosten der Schweiz. Sie setzt auf Abschottung, auf Protektionismus, auf «Fortress Europe». Und die Schweiz ist nicht Partner, sondern Opfer.
SRF berichtet das. Aber es zieht nicht die Konsequenzen. Es fragt nicht: Was bedeutet das für die Bilateralen? Was bedeutet das für die Idee, dass die Schweiz und die EU Partner sind? Was bedeutet das für die Frage, ob die Schweiz sich weiter an die EU anpassen soll — oder ob sie sich abwenden muss?
«Hoch frustrierend»
«Das ist hoch frustrierend. Das ist nicht das, was man vom engsten Partner und Nachbarn EU erwartet.»
«Hoch frustrierend.» Das ist das Wort von Hirzel. Es ist das Wort eines Mannes, der nicht sagen will, was er wirklich denkt. Der nicht sagen darf, was er wirklich denkt. Weil er Präsident eines Industrieverbands ist. Weil er mit der EU verhandeln muss. Weil er auf den Zugang zum Binnenmarkt angewiesen ist.
Aber was heisst «hoch frustrierend» in der Sprache der Realität? Es heisst: Die EU missbraucht ihre Marktmacht. Sie diktiert die Bedingungen. Sie entscheidet, ob Schweizer Stahl in die EU gelangt — und zu welchem Preis. Sie entscheidet über die Existenz von Schweizer Unternehmen.
Das ist nicht «frustrierend». Das ist Erpressung.
Aber Hirzel sagt das nicht. Er sagt «frustrierend». Und SRF fragt nicht nach. Es lässt das Wort stehen — ohne zu fragen: Ist «frustrierend» das richtige Wort? Oder müsste es «unannehmbar» heissen? Oder «inakzeptabel»? Oder «feindselig»?
Die USA, die Rechtsstaat sind — und die EU, die es nicht ist
«Ein US-Gericht hat frühere, höhere Zölle für rechtswidrig erklärt. Schweizer Firmen können deshalb zu viel bezahlte Beträge zurückfordern. Funktioniert das in der Praxis? Ja, es funktioniert, die USA sind immer noch ein Rechtsstaat.»
Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Hirzel sagt: Die USA sind ein Rechtsstaat. Man kann Zölle zurückfordern. Es gibt ein Verfahren. Es funktioniert.
Was er nicht sagt — aber was er impliziert: Die EU ist kein Rechtsstaat. Bei der EU gibt es kein Verfahren. Bei der EU kann man keine Zölle zurückfordern. Bei der EU diktiert Brüssel — und die Schweiz muss akzeptieren.
Das ist der Unterschied zwischen den USA und der EU. Die USA haben ein Rechtssystem, das auch Ausländer schützt. Die EU hat ein politisches System, das die eigenen Interessen durchsetzt — auf Kosten derer, die nicht Mitglied sind.
SRF erwähnt diesen Unterschied nicht. Es zitiert Hirzels Aussage über die USA — ohne den Kontrast zur EU zu benennen. Es lässt die Geschichte von den zurückgeforderten Zöllen stehen — ohne zu fragen: Warum gibt es das bei der EU nicht? Warum kann die Schweiz bei der EU keine Zölle zurückfordern? Warum ist die EU nicht ein Rechtsraum, der auch Dritte schützt?
Die Abhängigkeit
«Wichtig ist, dass wir auf keinen Fall schlechter fahren als die EU, unser Hauptkonkurrent. Das muss erreichbar sein.»
Hirzel spricht über die US-Zölle. Er sagt: Die Schweiz darf nicht schlechter fahren als die EU. Das muss erreichbar sein.
Aber ist es erreichbar? Und was bedeutet diese Aussage über die Verhandlungsposition der Schweiz?
Die Schweiz ist nicht Mitglied der EU. Sie verhandelt nicht als gleichberechtigter Partner. Sie verhandelt als Bittsteller. Sie hofft, dass die EU sie nicht vergisst. Sie hofft, dass die EU ihr die gleichen Bedingungen gewährt wie den eigenen Mitgliedern.
Aber die EU hat keinen Grund, der Schweiz die gleichen Bedingungen zu gewähren. Die Schweiz zahlt keine Beiträge in den EU-Haushalt. Die Schweiz hat keine Stimme im EU-Parlament. Die Schweiz hat keinen Einfluss auf die EU-Gesetzgebung.
Die Schweiz ist abhängig vom Wohlwollen der EU. Und das Wohlwollen der EU ist begrenzt — wie die Stahlzölle zeigen.
Hirzel sagt: «Aus Bern höre ich ehrlich gesagt nicht viel darüber, wo man in den Verhandlungen aktuell steht. Es scheint herausfordernd zu sein.»
«Herausfordernd.» Das ist ein weiteres Wort, das die Realität beschönigt. Die Realität heisst: Die Schweiz hat keine Verhandlungsposition. Die Schweiz kann nicht verhandeln — sie kann nur akzeptieren. Sie kann nur hoffen, dass die EU gnädig ist.
Das ist keine «Herausforderung». Das ist eine Abhängigkeit.
Die KI, die ablenkt
«Es gibt Branchen, denen es sehr gut geht. Das betrifft vor allem die Elektrotechnik. Dieser Boom ist direkt auf die grossen Investitionen in die künstliche Intelligenz zurückzuführen.»
Hirzel beginnt das Interview mit einer guten Nachricht: Die Elektrotechnik boomt. Wegen KI. Wegen Datenzentren. Wegen der Investitionen der Grossfirmen.
Das ist eine gute Nachricht. Aber sie ist auch eine Ablenkung.
Die Elektrotechnik boomt — aber die Stahlindustrie stirbt. Die Grossfirmen profitieren — aber die KMU leiden. Die KI-Investitionen schaffen Wachstum — aber die EU-Zölle zerstören Märkte.
SRF beginnt den Artikel mit der guten Nachricht. «Die Schweizer Tech-Industrie ist zu Jahresbeginn leicht gewachsen.» Das ist der Teaser. Das ist das, was die Leser zuerst sehen.
Erst dann kommt die schlechte Nachricht: Die EU tötet den Stahlmarkt. Die US-Zölle sind unsicher. Die Lieferketten sind gestört.
Das ist die Struktur der Berichterstattung: Erst die gute Nachricht, dann die schlechte. Erst der Boom, dann die Krise. Erst die Hoffnung, dann die Realität.
Das ist nicht falsch. Aber es ist eine Auswahl. Es ist eine Gewichtung. Es ist eine Entscheidung, was die Leser zuerst sehen sollen.
Der Nahost-Konflikt, der die Lieferketten stört
«Eine Umfrage im April hat gezeigt, dass ein Viertel unserer Mitgliedsfirmen Probleme in der Lieferkette hat. Das heisst, Zulieferteile kommen zu spät, zu teuer oder sogar defekt an.»
Das ist die dritte Krise, die Hirzel nennt: Der Nahost-Konflikt. Er stört die Lieferketten. Er verteuert die Transporte. Er verunsichert die Unternehmen.
Das ist eine reale Krise. Aber es ist auch eine Krise, die von der Politik nicht gelöst wird. Die Schweiz hat keinen Einfluss auf den Nahost-Konflikt. Sie hat keinen Einfluss auf die Lieferketten. Sie kann nur reagieren — nicht agieren.
Das ist die Lage der Schweizer Industrie: Sie ist abhängig von Entwicklungen, die sie nicht kontrolliert. US-Zölle, EU-Protektionismus, Nahost-Konflikt — alles sind externe Schocks, die die Industrie treffen, ohne dass sie sich wehren kann.
Und die Politik? Die Politik schweigt. «Aus Bern höre ich ehrlich gesagt nicht viel.»
Die Frage, die SRF nicht stellt
Was bedeutet es für die Schweiz, wenn die EU nicht mehr Partner ist — sondern Hegemon?
Diese Frage wird nicht gestellt. Nicht von SRF. Nicht von Hirzel. Nicht von der Politik.
Aber sie ist die wichtigste Frage der Debatte.
Die Bilateralen basieren auf der Idee, dass die Schweiz und die EU Partner sind. Dass sie zusammenarbeiten. Dass sie voneinander profitieren. Dass sie sich gegenseitig respektieren.
Wenn die EU die Stahlzölle verdoppelt, wenn sie den Binnenmarkt abschottet, wenn sie die Schweiz wie einen Drittstaat behandelt — dann ist sie kein Partner mehr. Dann ist sie ein Hegemon, der die Regeln diktiert.
Was bedeutet das für die Schweiz?
Es bedeutet: Die Schweiz muss sich entscheiden. Entweder sie akzeptiert die Rolle des Bittstellers — und hofft, dass die EU gnädig ist. Oder sie sucht neue Partner, neue Märkte, neue Strategien.
Es bedeutet: Die Schweiz muss über die Bilateralen nachdenken. Sind sie noch das richtige Modell? Oder sind sie ein Anachronismus, der die Schweiz in die Abhängigkeit führt?
Es bedeutet: Die Schweiz muss über die Souveränität nachdenken. Wie viel Autonomie ist sie bereit aufzugeben — für den Zugang zu einem Markt, der sie nicht als Partner behandelt?
Das sind die Fragen, die SRF nicht stellt. Es lässt Hirzel klagen — ohne die Konsequenzen zu ziehen. Es berichtet die Krise — ohne die Ursachen zu benennen. Es zeigt die Frustration — ohne die Alternative zu diskutieren.
Martin Hirzel sagt: «Das ist nicht, was man von einem Partner erwartet.» Er hat recht. Die EU verhält sich nicht wie ein Partner. Sie verhält sich wie ein Hegemon. Sie schottet ihren Markt ab. Sie verdoppelt die Zölle. Sie diktiert die Bedingungen. Und die Schweiz kann nur akzeptieren — oder abwanderen. Das ist die Realität der Bilateralen. Es ist die Realität einer Beziehung, die nicht mehr partnerschaftlich ist. SRF berichtet diese Realität — aber es benennt sie nicht. Es lässt Hirzel «frustrierend» sagen, ohne zu fragen: Ist das nicht mehr als frustrierend? Ist das nicht inakzeptabel? Es lässt ihn «herausfordernd» sagen, ohne zu fragen: Ist das nicht aussichtslos? Es berichtet die Krise der Industrie — ohne die Krise der Beziehung zu benennen. Die Krise der Beziehung heisst: Die Schweiz hat keinen Partner in der EU. Sie hat einen Hegemon. Und ein Hegemon ist kein Partner. Ein Hegemon ist ein Problem. Das ist die Geschichte, die SRF nicht erzählt. Die Geschichte eines Landes, das glaubt, einen Partner zu haben — und feststellt, dass es einen Herrn hat. Die Geschichte von Bilateralen, die als Partnerschaft verkauft werden — und als Abhängigkeit funktionieren. Die Geschichte einer Industrie, die auf einen Markt angewiesen ist — der sie nicht will. Das ist nicht «frustrierend». Das ist eine existenzielle Frage. Und sie verdient eine Antwort, die mehr ist als ein Interview in einem SRF-Format, das die Krise beschreibt — ohne sie zu benennen.
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