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Der Kontext der in Kiew fehlt
Medienkritik
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Der Kontext der in Kiew fehlt

SRF/SRGEU/AussenpolitikSicherheitspolitik
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SRF berichtet über die schwersten russischen Angriffe auf Kiew seit Beginn des Krieges. Der Beitrag schildert die Stimmung, den Zusammenhalt, die zerstörten Fenster des Journalisten. Was er nicht erwähnt: Die russischen Angriffe folgten auf eine massive ukrainische Offensivkampagne. Am 17. Mai startete die Ukraine fast 600 Drohnen gegen russische Ziele. Am 22. und 23. Mai wurden Ölraffinerien in Rjasan und Noworossijsk getroffen. Die russische Vergeltung vom 24./25. Mai war genau das: Vergeltung. SRF erzählt die zweite Hälfte der Geschichte. Die erste Hälfte fehlt.

Zum SRF Beitrag «Journalist in Kiew: 'Ich bin froh, unverletzt geblieben zu sein'», 26.05.2026


Die halbe Geschichte

Der Beitrag beginnt mit den russischen Angriffen. Er endet mit der Sorge um Flugabwehr. Dazwischen: ein Café, das Gratis-Kaffee ausschenkt. Eine Schlange Solidarischer. Ein Journalist, der Fenster repariert.

Das ist die menschliche Seite des Krieges. Sie ist echt. Sie ist wichtig. Sie ist aber nur die halbe Geschichte.

Die andere Hälfte: In den Wochen vor dem Angriff auf Kiew hat die Ukraine eine der intensivsten Offensivkampagnen des Krieges geführt. Fast 600 Drohnen in einer Nacht gegen Moskau und Belgorod. Treffer auf die Ölterminals von Noworossijsk — einer von Russlands wichtigsten Schwarzmeerhäfen. Ein Angriff auf eine Raffinerie in Syzran, 1000 Kilometer von der Grenze entfernt. Die Zerstörung eines russischen Drohnen-Kommandos in Starobilsk. Ein Treffer auf ein FSB-Hauptquartier in Cherson.

Das ist kein Randereignis. Das ist eine Eskalation. Und die russische Vergeltung folgte prompt: 600 Drohnen und 90 Raketen in einer Nacht, inklusive der nuklearfähigen Oreschnik-Rakete.

SRF erwähnt keinen dieser ukrainischen Angriffe. Die russische Vergeltung erscheint so als unprovozierte Aggression — nicht als Antwort auf eine ukrainische Offensive.

Der Journalist als Zeuge — und was er nicht sieht

Denis Trubetskoy ist ein Augenzeuge. Er hat zerbrochene Fenster. Er hat den Angriff erlebt. Seine Schilderungen sind authentisch.

Aber Trubetskoy ist auch ein Teil der Informationskette. Er lebt in Kiew. Er arbeitet für ukrainische und deutsche Medien. Er ist Teil der Kriegsgesellschaft, die er beschreibt.

Das heisst nicht, dass er lügt. Es heisst, dass seine Perspektive begrenzt ist — wie die jedes Augenzeugen. Er sieht die zerstörten Fenster in Kiew. Er sieht nicht die brennenden Ölraffinerien in Rjasan. Er erlebt die russischen Raketen. Er erlebt nicht die ukrainischen Drohnen, die vorausgingen.

Ein Interview mit einem Augenzeugen ist legitim. Aber ein Interview, das den Augenzeugen als einzige Quelle nutzt, produziert eine einseitige Darstellung. SRF fragt nicht nach dem Kontext. SRF fragt nicht nach der Vorgeschichte. SRF fragt nicht nach der Eskalationsspirale.

Die Patriot-Lücke

Trubetskoy sagt: Die ballistischen Raketen Russlands könnten «fast nur vom US-System Patriot abgefangen werden». Diese Vorräte seien klein. Die internationale Lage sei wegen der Politik Trumps schwierig.

Das ist ein wichtiger Punkt. Aber er wird unvollständig erzählt. Die Ukraine braucht Patriot-Systeme, um russische Raketen abzufangen. Gleichzeitig startet die Ukraine Hunderte von Drohnen gegen russische Infrastruktur. Jede dieser ukrainischen Offensiven provoziert eine russische Reaktion, die wiederum Patriot-Abfangraketen erfordert.

Die Frage lautet: Nutzt die Ukraine ihre Ressourcen und die westliche Unterstützung optimal, wenn sie Offensiven startet, die massive Vergeltung nach sich ziehen? Das ist eine legitime strategische Frage. SRF stellt sie nicht.

Stattdessen wird die Patriot-Frage als reines Versorgungsproblem dargestellt: Der Westen liefert nicht genug. Die Schuld liegt bei Trump. Die Ukraine ist das Opfer.

Die Eskalation, die keiner nennt

Krieg ist eine Spirale. Aktion, Reaktion, Vergeltung, Gegenvergeltung. Wer nur die Reaktion zeigt, ohne die Aktion, produziert Propaganda — auch wenn jede einzelne Aussage wahr ist.

Die ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Ölraffinerien sind militärisch legitim. Die russischen Vergeltungsangriffe auf Kiew sind militärisch erwartbar. Beides ist Teil desselben Krieges.

SRF zeigt nur die eine Seite. Die russischen Angriffe werden als «die bisher massivsten Attacken» dargestellt. Das stimmt. Die ukrainischen Vorangriffe werden nicht erwähnt. So entsteht der Eindruck einer einseitigen Aggression, nicht einer Eskalationsspirale.

Das ist keine Fälschung. Es ist eine Auslassung. Und Auslassungen können wirkungsvoller sein als Fälschungen — weil sie schwerer zu erkennen sind.


Der SRF-Bericht ist authentisch, was die Stimmung in Kiew betrifft. Er ist unvollständig, was den Kontext betrifft. Die russischen Angriffe auf Kiew sind real. Die ukrainischen Angriffe auf russische Infrastruktur in den Wochen davor sind auch real. Wer nur die einen erwähnt, nicht die anderen, produziert keine Lüge, aber ein verzerrtes Bild. Der Journalist mit den zerbrochenen Fenstern ist ein guter Zeuge für das Leid in Kiew. Er ist kein Zeuge für die Vorgeschichte. Die hätte SRF selbst liefern müssen. Das hat SRF nicht getan. Der Beitrag ist ein Dokument der Empathie. Er ist kein Dokument der Analyse.

Originalbeitrag auf X →

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