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Der Klima Kreis: 99.9%
Medienkritik
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Der Klima Kreis: 99.9%

SRF/SRGKlima/EnergieMigration
schwerwiegend
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Am 29. März 2026 veröffentlicht SRF einen Beitrag über Klimamigration. Die Überschrift lautet: «Wenn das eigene Haus weggespült wird.» Der Beitrag zitiert drei Quellen. Eine Weltbank-Studie. Einen Postdoktoranden der ETH Zürich. Einen Professor der Universität Neuenburg. Alle drei kommen zum selben Schluss: Die Klimamigration werde «stark zunehmen», deshalb brauche es «konsequente Massnahmen zum Klimaschutz». Der Beitrag ist sich einig mit sich selbst.


Was der Beitrag in seinen eigenen Absätzen sagt, bevor er zum Schluss kommt:

Die Flusserosion in Bangladesch sei «nur zum Teil auf den Klimawandel zurückzuführen». Die meisten Menschen wollten nicht weg. Sie nähmen lieber einen Kredit auf und bauten in der Nähe neu. Das Bild eines «massiven Ansturms von Klimaflüchtlingen in Richtung Norden» habe sich «nicht bestätigt». Der grösste Teil der Migration geschehe auf kurze Distanzen und über kürzere Zeiträume. Den meisten fehle schlicht das Geld, um weiter zu ziehen. Die Zahl von 216 Millionen Klimamigranten bis 2050 sei «vermutlich zu hoch», weil die Anpassungsfähigkeit des Menschen zu wenig berücksichtigt worden sei.

Der Beitrag widerlegt seine eigene Prämisse in jedem Absatz. Dann kommt der letzte Satz: «In einem Punkt aber sind sich alle Forschenden einig: Die Klimamigration wird stark zunehmen und deshalb macht es Sinn, konsequente Massnahmen zum Klimaschutz zu ergreifen.»

Ein Artikel, der acht Absätze lang erklärt, warum die Zahlen zu hoch sind, die Ursachen nicht eindeutig und die Menschen nicht fliehen, schliesst mit der Forderung nach konsequentem Klimaschutz. Die Befunde relativieren. Die Schlussfolgerung nicht. Die Evidenz ist unsicher. Die Empfehlung ist sicher. Das ist keine Wissenschaftskommunikation. Das ist eine Predigt mit Fussnoten.


Drei Studien werden zitiert. Es lohnt sich, die Herkunft zu betrachten.

Die Weltbank-Studie von 2021: Die Weltbank ist eine internationale Organisation, die von ihren Mitgliedstaaten finanziert wird. Ihre Klimaabteilung verwaltet Milliarden an Klimafinanzierung. Die Studie prognostiziert 216 Millionen Klimamigranten. Der im Beitrag zitierte ETH-Forscher sagt, die Zahl sei zu hoch. SRF zitiert sie trotzdem in der Einleitung.

Die ETH-Studie von Jan Freihardt: Die ETH Zürich ist eine Bundesanstalt, finanziert durch den Bund. Der Lehrstuhl für Internationale Umweltpolitik, an dem Freihardt forscht, existiert im Rahmen von Forschungsprogrammen, die der Bund über den Schweizerischen Nationalfonds und direkte Beiträge finanziert. Die Studie untersucht 1'700 Familien in Bangladesch und kommt zum Ergebnis, dass die meisten nicht weit migrieren. Das Ergebnis relativiert die Weltbank-Zahl. Es stellt die Grundannahme der Klimamigration nicht in Frage.

Etienne Piguet, Professor für Migrationsforschung an der Universität Neuenburg: Eine kantonale Universität, finanziert durch Kanton und Bund. Piguet bestätigt Freihardts Befund. Die Migration geschehe auf kurze Distanzen. Den Leuten fehle das Geld. Das Ergebnis relativiert ebenfalls. Es stellt ebenfalls nichts in Frage.

Drei Quellen, alle aus öffentlich finanzierten Institutionen, deren Forschungsmittel an die Relevanz des Forschungsgegenstands gebunden sind. Klimamigration wird erforscht, weil Klimamigration als Problem definiert ist. Die Forschung wird finanziert, weil das Problem politische Priorität hat. Die Forschungsergebnisse bestätigen, dass das Problem existiert, wenn auch in geringerem Ausmass als angenommen. Die geringere Dimension rechtfertigt weitere Forschung, weil die Unsicherheit gross sei. Die Unsicherheit rechtfertigt weitere Finanzierung. Der Kreis schliesst sich.

Das ist kein Vorwurf an die Forscher. Es ist eine Beschreibung des Systems, in dem sie arbeiten. Wer Klimamigration erforscht und zum Schluss kommt, dass sie kein relevantes Phänomen ist, hat seinen Forschungsgegenstand abgeschafft. Das Ergebnis ist akademisch zulässig. Es ist institutionell selbstmörderisch. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Lehrstuhl für Klimamigration die Klimamigration für irrelevant erklärt, ist ungefähr so hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass ein Rüstungskonzern den Frieden für ausgebrochen erklärt.


Der Beitrag enthält einen Satz, der mehr sagt, als sein Autor vermutlich beabsichtigt hat. Die Flusserosion am Jamuna sei «nur zum Teil auf den Klimawandel zurückzuführen».

Flusserosion in Bangladesch ist ein Phänomen, das seit Jahrhunderten dokumentiert ist. Das Ganges-Brahmaputra-Delta ist eines der dynamischsten Flusssysteme der Erde. Flüsse verändern dort ihren Lauf, Ufer brechen ab, Land wird weggespült und anderswo wieder angeschwemmt. Der Jamuna, der Hauptarm des Brahmaputra, hat seine Breite in den letzten zweihundert Jahren stellenweise verdreifacht. Die Ursachen sind komplex: tektonische Verschiebungen, Sedimentdynamik, Entwaldung im Oberlauf, Staudämme, Landnutzungsänderungen, Bevölkerungswachstum in Überschwemmungsgebieten. Der Klimawandel kann die Monsundynamik verändern und die Prozesse beschleunigen. Er ist nicht der Ursprung.


SRF nimmt ein multikausales Phänomen, nennt den Klimawandel als Teilursache und rahmt den gesamten Beitrag als Bericht über «Klimamigration». Die anderen Ursachen, Bevölkerungswachstum, Landnutzung, fehlende Infrastruktur, Armut, verschwinden im Framing. Der Beitrag sagt selbst, die Erosion sei nur teilweise klimabedingt. Er nennt den Vorgang trotzdem Klimamigration. Wenn Menschen umziehen, weil ein Flussufer bricht, das seit Jahrhunderten bricht, und die Ursachen vielfältig sind, dann ist die Zuschreibung an den Klimawandel eine redaktionelle Entscheidung. Keine wissenschaftliche Feststellung.


Der letzte Absatz verdient eine vollständige Wiederholung: «In einem Punkt aber sind sich alle Forschenden einig: Die Klimamigration wird stark zunehmen und deshalb macht es Sinn, konsequente Massnahmen zum Klimaschutz zu ergreifen, damit möglichst wenige Menschen wegen des Klimawandels umziehen oder flüchten müssen.»

Alle «Forschenden» sind sich einig. Der Satz ist die Schliessung der Debatte. Er steht am Ende eines Artikels, der die Unsicherheit der Prognosen, die Überschätzung der Zahlen und die Komplexität der Ursachen dokumentiert. Und er schliesst mit dem Konsens, der keinen Widerspruch duldet. Die Wissenschaft zweifelt an den Zahlen. Die Wissenschaft zweifelt an den Prognosen. Die Wissenschaft zweifelt nicht an der Massnahme.

SRF präsentiert einen Beitrag, dessen eigene Befunde die Dringlichkeit des Problems relativieren und dessen Schlussfolgerung die Dringlichkeit der Massnahme bekräftigt. Drei staatlich finanzierte Quellen bestätigen einander. Keine Gegenstimme. Kein Ökonom, der fragt, ob die Anpassung an Erosion nicht billiger wäre als die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft. Kein Demograph, der die Bevölkerungsentwicklung in Bangladesch als Haupttreiber benennt. Kein Hydrologe, der erklärt, dass der Jamuna auch ohne Klimawandel Ufer frisst.

Der Kreis: Die Regierung finanziert die Forschung. Die Forschung bestätigt das Problem. Das Problem rechtfertigt die Massnahme. Die Massnahme rechtfertigt die Finanzierung. Der Journalist berichtet den Kreis als Nachricht. Der Bürger liest die Nachricht als Wissenschaft.


Quellen: SRF, Christian von Burg, «Wenn das eigene Haus weggespült wird», Echo der Zeit, 23. März 2026; Weltbank, «Groundswell: Acting on Internal Climate Migration», 2021; ETH Zürich, Lehrstuhl für Internationale Umweltpolitik; Universität Neuenburg, Lehrstuhl für Migrationsgeografie.

Originalbeitrag auf X →

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