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Der Hochmut des Häslers
Medienkritik
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Der Hochmut des Häslers

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schwerwiegend
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Wie die NZZ-Kommentarspalte Georg Häslers Predigt demoliert, den Hochmutsvorwurf gegen den Autor kehrt, die Lüge von den 8'000 Zuwanderern dokumentiert, das BIP-pro-Kopf-Argument ins Zentrum rückt und beweist, dass die Leser differenzierter denken als der Kommentator – und dass ein Text, der das Volk auf der Frontseite der NZZ belehren will, genau das Gegenteil bewirkt

Zu den Kommentaren unter Georg Häslers NZZ-Kommentar «Hochmut kommt vor dem Fall», 23. Mai 2026


442 Kommentare. Das sind viele für einen NZZ-Kommentar. Es betrifft eine Abstimmung, die in drei Wochen ist.

Die meisten sagen dasselbe: Der Autor irrt sich. Nicht in der Diagnose. In der Therapie. Und er beleidigt die Patienten.

Die Kommentarspalte ist das demokratische Korrektiv zu einem undemokratischen Text. Die Antwort derjenigen, die Häsler nicht fragt. Der Beweis, dass die Debatte nicht das ist, was Häsler behauptet.

Der Spiegel, der umgedreht wird

T. Zwicky schreibt: «Der wahre Hochmut liegt nicht im Wunsch der Schweiz, souverän zu bleiben. Der Hochmut liegt in der Vorstellung, nur mehr EU-Integration und NATO-Anbindung seien der einzig legitime Weg für die Schweiz.»

110 Empfehlungen. Der meistempfohlene Kommentar.

Die Antwort ist vernichtend. Nicht weil sie laut ist. Sondern weil sie den Spiegel umdreht. Häsler wirft der Schweiz Hochmut vor. Zwicky wirft ihm Hochmut vor. Die Leser geben Zwicky recht.

Was ist der wahre Hochmut? Selbst über die eigene Bevölkerung entscheiden zu wollen? Oder einem Land zu sagen, dass es keine Wahl hat?

M. Lutz schreibt: «Der Kommentar stellt demokratische Selbstbehauptung als Hochmut dar. Genau darin liegt das Problem.»

86 Empfehlungen.

Die Leser haben verstanden, was Häsler tut. Er rahmt Selbstbestimmung als Hybris. Gehorsam als Vernunft. Unterordnung als Zusammenarbeit.

Sie wehren sich. Nicht weil sie die EU hassen. Sondern weil sie die Demokratie lieben.

Die Dichotomie, die zusammenbricht

Häslers zentrale Rahmung: Entweder Öffnung oder Abschottung. Entweder Europa oder Isolation. Entweder Zusammenarbeit oder Alleingang.

Die Leser weisen sie zurück.

S. Schmid schreibt: «Die Alternative zur gegenwärtigen unbegrenzten Zuwanderung ist nicht Abschottung, sondern kontrollierte Einwanderung nach Bedürfnissen der Schweiz einerseits und Qualifikationen der Einwanderer andererseits. Das ist nicht aussergewöhnlich, sondern in den meisten Ländern Standard.»

86 Empfehlungen.

Das Argument, das Häsler nicht führen will. Er spricht von «Abschottung». Von «Alleingang». Von «Isolation». Aber nicht von dem, was die Initiative fordert: eine Obergrenze. Eine Grenze. Ein Limit.

Und nicht von dem, was die meisten Länder längst praktizieren: kontrollierte Einwanderung nach Qualifikation und Bedarf.

Kanada macht das. Australien macht das. Neuseeland macht das. Die USA machen das. Grossbritannien macht es seit dem Brexit. Selbst die EU macht es – gegenüber Drittstaaten.

Nur die Schweiz soll es nicht dürfen.

P. Ruoss schreibt: «Als wenn es 'Abschottung' wäre, wenn man das tut, was jedes(!) Land ausserhalb des Schengenraums tut.»

Die Leser durchschauen die Rahmung. «Abschottung» ist ein Schimpfwort, keine Beschreibung. Wer eine Grenze zieht, schottet nicht ab. Wer kontrolliert, wer kommt, schottet nicht ab. Wer selektiert, schottet nicht ab.

Abschottung wäre: Niemand darf rein. Kontrollierte Einwanderung heisst: Manche dürfen rein, andere nicht. Das ist ein Unterschied. Und die Leser kennen ihn.

Die Lüge, die nicht verjährt

B. Suter schreibt: «Die Volksabstimmung Bilaterale I wurde mit maximal 8'000 Zuwanderern gewonnen. Also würde der Souverän bloss korrigieren, was EU Turbos hinterhältig an der Urne erschlichen haben.»

51 Empfehlungen.

Das Argument, das die Debatte dominiert. Und in keinem der Artikel vorkommt, die über die Debatte berichten.

2005 wurde die Personenfreizügigkeit mit dem Versprechen angenommen, die Zuwanderung sei begrenzt. Die offiziellen Prognosen sprachen von 8'000 Personen pro Jahr. Die Realität war das Fünf- bis Zehnfache.

Keine Prognoseabweichung. Eine Lüge. Bewusst erzählt, um die Abstimmung zu gewinnen. Nie korrigiert. Nie eingestanden.

Die Leser erinnern sich. Sie haben nicht vergessen. Sie haben nicht verziehen. Und sie werden es am 14. Juni zeigen.

Suter schreibt: «Ohne Deckel ändert sich nichts, nada.»

Die Logik der Initiative. Nicht weil ein Deckel die beste Lösung ist. Sondern weil alles andere nicht funktioniert hat. Die Versprechen nicht gehalten wurden. Die Prognosen gelogen waren. Die Regierung nicht zugehört hat.

Ein Deckel ist ein Notbehelf. Aber ein Notbehelf, der notwendig ist, weil die Regierung den Notstand nicht behebt.

Der Wohlstand, der nicht ankommt

Häsler spricht vom Wohlstand. Von der Wirtschaft. Vom Erfolg. Die Leser sprechen von etwas anderem: vom BIP pro Kopf.

Suter schreibt: «Ein BIP Rückgang ist kein Drama, wenn man wieder Lebensqualität gewinnt und pro Kopf mehr Kaufkraft hat.»

Das Argument, das die Debatte verändern könnte. Wenn das BIP wächst, aber die Bevölkerung schneller wächst, sinkt das BIP pro Kopf. Das Land hat mehr Wohlstand insgesamt, aber weniger Wohlstand pro Kopf. Es ist reicher, aber die Menschen sind ärmer.

Keine Theorie. Realität der Schweiz. Das BIP wächst seit Jahren. Aber das BIP pro Kopf stagniert. Die Wirtschaft wächst. Aber die Lebensqualität sinkt. Die Unternehmen profitieren. Aber die Menschen leiden.

Die Leser verstehen das. Sie leben es. Sie zahlen die Mieten, die steigen. Sie stehen in den Zügen, die voller werden. Sie warten im Spital, das überlastet ist. Sie sehen die Landschaft, die zubetoniert wird.

Und sie fragen: Wem nützt das Wachstum? Wem nützt die Zuwanderung? Wem nützt die Personenfreizügigkeit?

Den Unternehmen. Den Immobilienbesitzern. Den Reichen. Denen, die von billigem Personal profitieren. Von steigenden Mieten. Von wachsenden Märkten.

Aber nicht den Menschen, die hier schon leben. Für sie ist das Wachstum ein Nullsummenspiel. Mehr Menschen, mehr Konkurrenz, mehr Kosten, weniger Lebensqualität.

Das Gegenargument, das ernst zu nehmen ist

R. Nussbaumer schreibt: «Ob die EU ein Ja zur 10 Mio-CH auch so abgeklärt wie der Leserbriefschreibende sieht, ist mehr als fraglich. Irgendwann wird das schweizerische Rosinenpicken die EU-Toleranzschwelle erreichen.»

19 Empfehlungen.

Das stärkste Gegenargument. Und eines, das die Befürworter der Initiative ernst nehmen müssen.

Die Schweiz hat die bilateralen Verträge. Sie profitiert vom Binnenmarkt. Von der Personenfreizügigkeit. Aber sie will die Personenfreizügigkeit begrenzen. Sie will die Rosinen aus dem Kuchen picken – die Marktzutrittsrechte, aber nicht die Pflichten.

Ein legitimer Einwand. Er verdient eine ehrliche Antwort.

Die Antwort lautet: Die Schweiz kann nicht alles haben. Sie muss wählen. Und sie wählt die Selbstbestimmung.

Das bedeutet: Neue Verträge aushandeln. Kompromisse machen. Nachteile in Kauf nehmen. Aber die Kontrolle über die Zuwanderung zurückgewinnen.

Ist das den Preis wert? Die Frage, die das Volk am 14. Juni beantwortet. Nicht: Was will die EU? Sondern: Was wollen wir?

Der Text, der rekrutiert

H. Wahl schreibt: «Ich war bisher unentschieden. Dieser Artikel mit der unsinnigen Angstmacherei hat mich jedoch nun zu einer klaren Zustimmung zur 10-Mio.-Initiative gebracht.»

55 Empfehlungen.

Die Ironie des Kommentars. Häsler will die Schweiz vor der Initiative warnen. Die Wähler überzeugen, Nein zu stimmen. Er erreicht das Gegenteil. Er treibt sie in die Arme der Initiative.

Warum? Weil er belehrt. Weil er moralisiert. Weil er die Wähler als hochmütig, eigensinnig und naiv darstellt. Weil er ihnen sagt, dass sie keine Wahl haben. Dass sie gehorchen müssen.

Menschen wollen nicht belehrt werden. Nicht moralisiert werden. Nicht gesagt bekommen, dass sie dumm sind. Sie wollen gefragt werden. Gehört werden. Respektiert werden.

Häsler respektiert sie nicht. Er sagt ihnen, was sie denken sollen. Und sie antworten: Nein.

Die Frage, die die Kommentarspalte stellt

Warum verstehen die Leser das Problem besser als der Kommentator?

Weil sie es leben. Weil sie die vollen Züge erleben. Die hohen Mieten. Die langen Warteschlangen. Die verbaute Landschaft. Die Konkurrenz um Wohnraum, Arbeitsplätze, Schulplätze, Arztstunden.

Häsler schreibt aus der Perspektive der Eliten. Derer, die von der Zuwanderung profitieren. Die billiges Personal haben. Steigende Immobilienwerte. Wachsende Märkte. Internationale Karrieren.

Die Leser schreiben aus der Perspektive derer, die die Kosten tragen. Die vollen Züge. Die hohen Mieten. Die langen Warteschlangen. Die verbaute Landschaft. Die schwindende Lebensqualität.

Das ist kein Hochmut. Das ist Erfahrung. Und Erfahrung ist das, was die Eliten nicht haben. Weil sie in einer anderen Welt leben. In der die Züge nicht voll sind, weil sie die erste Klasse nehmen. In der die Mieten nicht hoch sind, weil sie Eigentum haben. In der die Warteschlangen nicht lang sind, weil sie private Ärzte haben. In der die Landschaft nicht zubetoniert ist, weil sie im Seehinterrain wohnen.

Die Kommentarspalte ist die Stimme derer, die sonst nicht gehört werden. Das demokratische Korrektiv zu einem undemokratischen Text. Der Beweis, dass die Debatte nicht das ist, was die Eliten behaupten.

Die Debatte ist nicht: Öffnung oder Abschottung. Die Debatte ist: Selbstbestimmung oder Unterordnung. Kontrolle oder Automatismus. Demokratie oder Bürokratie.

Und die Leser haben entschieden. Nicht für die SVP. Nicht gegen die EU. Sondern für sich selbst. Für ihre Erfahrung. Für ihre Lebensrealität. Für ihr Recht, über ihr eigenes Land zu bestimmen.

Das ist kein Hochmut. Das ist Demokratie, Herr Häsler.

Seit wann haben FDP Mitglieder mühe mit Demokratie? Seit wann hat sich die NZZ komplett von ihrem liberalen Geist getrennt?


Die Kommentarspalte unter Häslers Artikel ist ein Phänomen. 442 Kommentare. Die meisten gegen den Autor. Die meisten differenzierter als der Text. Die Leser weisen die falsche Dichotomie zurück. Den Hochmutsvorwurf. Sie erinnern an die Lüge von den 8'000 Zuwanderern. Sie argumentieren mit dem BIP pro Kopf, nicht mit dem BIP. Mit der Lebensqualität, nicht mit dem Wohlstand. Mit der Erfahrung, nicht mit der Theorie. Mit der Demokratie, nicht mit der Geopolitik. Häsler will belehren. Die Leser belehren ihn. Sie zeigen ihm, dass die Debatte nicht das ist, was er behauptet. Dass die Menschen nicht das sind, was er denkt. Dass die Demokratie nicht das ist, was er fürchtet. Die Kommentarspalte ist das demokratische Korrektiv zu einem undemokratischen Text. Der Beweis, dass die direkte Demokratie funktioniert – auch wenn die Eliten es nicht wollen. Besonders dann.

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