Der gesunde Menschenverstand und der kranke Markt
Wie SRF den «Gesundheitsmarkt» kritisiert, ohne das System zu hinterfragen – und die Freiheit des Einzelnen dem Diktat der Leitlinie unterordnet
Zum SRF-Beitrag «Zweifel am Nutzen vieler Vorsorgeuntersuchungen», 21. Mai 2026
Es ist eine Geschichte über einen Markt, der krankt. Über Influencer, die Ganzkörperscans bewerben. Über Ärzte, die unnötige Tests verordnen. Über Patienten, die «doppelt zahlen». Über Angst, die profitabel wird.
Es ist die Geschichte vom «Gesundheitsmarkt», den SRF zeichnet. Und sie ist nicht falsch. Es gibt ihn, diesen Markt. Es gibt Kliniken, die mit Angst Geld machen. Es gibt Influencer, die Scans bewerben, die niemand braucht. Es gibt Zufallsbefunde, die mehr schaden als nützen.
Aber die Geschichte ist unvollständig. Und das, was sie auslässt, ist wichtiger als das, was sie erzählt.
Der Markt, der kein Markt ist
SRF schreibt von einem «Gesundheitsmarkt». Nicolas Rodondi, Professor für Medizin und Präsident von Smarter Medicine, spricht von einem «regelrechten Gesundheitsmarkt, der von dieser Angst profitiert».
Ein Markt. Das klingt nach Freiwilligkeit. Nach Angebot und Nachfrage. Nach Konsumenten, die wählen. Nach Unternehmen, die konkurrieren.
Aber der Schweizer Gesundheitsmarkt ist kein Markt. Er ist ein kartellartiges Konstrukt aus staatlichen Vorgaben, obligatorischen Versicherungen, regulierten Preisen und geschützten Professionen. Die Krankenkassenprämien sind nicht das Ergebnis von Wettbewerb, sondern von politischen Verhandlungen. Die Tarife für Ärzte werden ausgehandelt, nicht geboten. Der Zugang zur medizinischen Profession ist reguliert, nicht offen. Und die Nachfrage wird nicht von informierten Konsumenten gesteuert, sondern von ängstlichen Patienten, die auf ärztliche Ratschläge angewiesen sind.
Wer diesen «Gesundheitsmarkt» kritisiert, ohne das System zu kritisieren, das ihn hervorbringt, kritisiert die Symptome, nicht die Ursache. Die Ursache lautet: Ein System, das Ärzte pro Untersuchung bezahlt, wird immer mehr Untersuchungen produzieren. Ein System, das Kliniken nach Fallzahlen finanziert, wird immer mehr Fälle generieren. Ein System, das Versicherungen erlaubt, Zusatzversicherungen für unnötige Checks zu verkaufen, wird immer mehr Angst schüren.
Das ist kein Marktversagen. Das ist ein Regulierungsversagen. Aber SRF nennt es «Gesundheitsmarkt». Weil «Markt» der Schuldige ist, den man kritisieren kann, ohne das System zu kritisieren, das den Markt erst möglich macht.
Die Zahl, die nicht hinterfragt wird
«Gemäss OECD werden rund zwanzig Prozent der Gesundheitskosten für Behandlungen ausgegeben, die den Patientinnen und Patienten keinerlei Nutzen bringen.»
Zwanzig Prozent. Das ist eine gewaltige Zahl. In der Schweiz, die jährlich über 80 Milliarden Franken für Gesundheit ausgibt, wären das 16 Milliarden Franken für nutzlose Behandlungen.
Aber was heisst «nutzlos»? Wer definiert «nutzlos»? Die OECD? Die Ärzte? Die Patienten? Die Versicherungen?
Die Antwort lautet: Die medizinische Leitlinie definiert «nutzlos». Und die Leitlinie wird geschrieben von Experten, die oft genug selbst Teil des Systems sind, das sie kritisieren. Die Leitlinie sagt: Diese Untersuchung ist nutzlos. Diese Behandlung ist unnötig. Dieses Screening bringt keinen Nutzen.
Aber was heisst «nutzlos» wirklich? Es heisst: Im Nachhinein, mit dem Wissen von heute, hat diese Behandlung dem Patienten keinen messbaren medizinischen Nutzen gebracht. Das ist eine retrospektive Feststellung. Sie hat den Vorteil der Rückschau. Sie weiss, was herauskam. Und weil nichts herauskam, war die Behandlung «nutzlos».
Das Problem: Medizin operiert nicht im Nachhinein. Sie operiert im Vorhinein. Sie operiert unter Ungewissheit. Der Arzt weiss im Moment der Untersuchung nicht, ob er etwas finden wird. Der Patient weiss nicht, ob der Check-up etwas ergibt. Sie tun die Untersuchung, weil sie es nicht wissen. Weil die Ungewissheit das Problem ist, nicht die Untersuchung.
Wer eine Untersuchung «nutzlos» nennt, weil sie nichts gefunden hat, argumentiert wie jemand, der eine Versicherung «nutzlos» nennt, weil das Haus nicht gebrannt hat. Die Versicherung hat keinen Nutzen gebracht? Doch. Sie hat die Gewissheit gebracht, dass man abgesichert ist. Sie hat die Angst vor dem Brand reduziert. Sie hat den Schlaf verbessert. Das ist kein medizinischer Nutzen. Aber es ist ein Nutzen.
Dasselbe gilt für den Check-up. Der Patient, der zur Untersuchung geht und die Nachricht erhält: «Alles ist in Ordnung», hat einen Nutzen. Den Nutzen der Gewissheit. Den Nutzen der Beruhigung. Den Nutzen, dass er sich keine Sorgen mehr machen muss – wenigstens für eine Weile.
Das ist kein «medizinischer» Nutzen im Sinne der Leitlinie. Die Leitlinie misst Überleben, Morbidität, Mortalität. Sie misst nicht Schlafqualität. Sie misst nicht Angstniveaus. Sie misst nicht die Fähigkeit, wieder zur Arbeit zu gehen, weil man weiss, dass man gesund ist.
Aber für den Patienten ist dieser Nutzen real. Er ist messbar – nur nicht in der Währung der Leitlinie.
Und dann gibt es das andere Problem: Die Geschichte der Medizin ist voll von Gewissheiten, die sich als falsch erwiesen haben. Die Hormonersatztherapie war «nützlich», bis eine grosse Studie zeigte, dass sie mehr schadet als nützt. Das PSA-Screening war «nützlich», bis man erkannte, dass es mehr Männer überbehandelt als rettet. Die jährliche Mammografie für Frauen unter 50 war «nützlich», bis die Leitlinie sie nicht mehr empfahl.
Die Experten, die heute zwanzig Prozent der Behandlungen für «nutzlos» erklären, sind die gleichen Experten, die vor zwanzig Jahren Behandlungen für «nützlich» erklärten, die heute als «nutzlos» gelten. Das ist kein Vorwurf. Es ist die Natur der Medizin: Sie revidiert sich ständig. Was heute Standard ist, kann morgen obsolet sein. Was heute «nutzlos» ist, kann morgen lebensrettend sein.
Wer das weiss, sollte bescheiden sein, wenn er den Begriff «nutzlos» verwendet. Er sollte sagen: «Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft bringt diese Behandlung wahrscheinlich keinen Nutzen.» Aber er sollte nicht sagen: «Diese Behandlung ist nutzlos.» Weil das eine Gewissheit behauptet, die niemand hat.
SRF fragt nicht nach dieser Bescheidenheit. Es übernimmt die OECD-Zahl als Fakt. Es fragt nicht, wer «Nutzen» definiert. Es fragt nicht, ob der Nutzen für den Patienten derselbe ist wie der Nutzen für das System. Es fragt nicht, ob die Reduktion von Gesundheitskosten auf den «bewiesenen Nutzen» die Freiheit des Einzelnen beschneidet, der für sich selbst entscheiden will, was ihm nützt. Und es fragt nicht, ob die zwanzig Prozent, die heute als «nutzlos» gelten, in zehn Jahren vielleicht anders bewertet werden.
Die Angst, die instrumentalisiert wird
Sophie Lelorain, Professorin für Gesundheitspsychologie, warnt: «Man findet immer etwas. Ängstliche Personen stürzen sich darauf, finden wahrscheinlich irgendeinen Befund, und das verstärkt ihre Angst.»
Das ist richtig. Zufallsbefunde können Angst verstärken. Sie können zu unnötigen Abklärungen führen. Sie können Komplikationen verursachen, die ohne das Screening nie aufgetreten wären.
Aber die Frage, die SRF nicht stellt, lautet: Wer instrumentalisiert die Angst? Die Influencer, die Ganzkörperscans bewerben? Die Kliniken, die Profit machen? Ja. Aber auch die Präventionsprogramme, die mit Plakaten und Kampagnen zur Teilnahme aufrufen. Auch die Krebsligen, die vor verspäteter Diagnose warnen. Auch der Staat, der Screening-Programme fördert und finanziert.
Die Angst vor dem Krebs ist real. Und sie wird von vielen Seiten geschürt – nicht nur von denjenigen, die SRF kritisiert. Der Unterschied ist nur: Wenn der Staat die Angst instrumentalisiert, um Menschen in Screening-Programme zu drängen, dann ist es «Prävention». Wenn eine Klinik die Angst instrumentalisiert, um Ganzkörperscans zu verkaufen, dann ist es ein «Gesundheitsmarkt».
Die Angst ist dieselbe. Der Profit ist derselbe. Nur der Profiteur ist ein anderer.
Das Paradox der bewiesenen Screenings
SRF erwähnt in einer wegklappbaren Box: «Paradoxerweise werden gerade jene Screenings, deren Nutzen erwiesen ist – etwa Osteoporose- oder Blutdruckuntersuchungen – manchmal nicht ausreichend durchgeführt.»
Das ist das zentrale Paradox des Artikels. Die bewiesenen Screenings werden nicht genutzt. Die unbewiesenen werden übernutzt. Und anstatt zu fragen, warum das so ist, klagt SRF den «Gesundheitsmarkt» an.
Warum werden bewiesene Screenings nicht genutzt? Weil sie oft in der Grundversicherung enthalten sind und die Patienten die Kosten aus der eigenen Tasche bezahlen müssen, wenn sie die Franchise noch nicht erreicht haben. Weil die Teilnahme an staatlichen Programmen freiwillig ist und die Menschen sich nicht drängen lassen wollen. Weil die Angst vor dem Krebs nicht ausreicht, um die Bequemlichkeit zu überwinden.
Warum werden unbewiesene Screenings übernutzt? Weil sie als «Premium»-Angebot vermarktet werden. Weil die Zusatzversicherung sie bezahlt. Weil die Angst vor dem Krebs durch Influencer und Kliniken geschürt wird. Weil die Menschen das Gefühl haben, mehr ist besser.
Das Paradox hat eine Ursache: Das Schweizer Gesundheitssystem incentiviert das Falsche. Es belohnt teure, unnötige Untersuchungen durch Zusatzversicherungen. Es bestraft bewiesene Screenings durch Franchise und Selbstbehalt. Es lässt den Patienten allein bei der Entscheidung, was er nutzen soll, und dann klagt es ihn an, wenn er das Falsche wählt.
SRF erwähnt das Paradox. Aber es erklärt es nicht. Es versteckt es in einer Box. Weil die Erklärung das System kritisieren würde, nicht den Markt.
Die falsche Positive des Artikels
SRF schreibt: «Laut Zahlen von Unisanté führen von 1000 Mammografien im Rahmen der Screening-Programme mehr als 40 zu falsch positiven Ergebnissen. Dennoch bringt die frühe Erkennung von Brustkrebs viele Vorteile.»
Vierzig falsche Positive auf 1000 Mammografien. Das sind vier Prozent. Das heisst: Von 1000 Frauen, die zur Mammografie gehen, erhalten 40 die Nachricht: Wir haben etwas gefunden, das Krebs sein könnte. Sie müssen weitere Untersuchungen machen. Sie haben Angst. Sie können nicht schlafen. Sie machen sich Sorgen um ihr Leben.
Und dann stellt sich heraus: Es war nichts. Ein Zufallsbefund. Eine Normvariante. Ein Schatten auf dem Bild.
Das ist die Realität des «bewiesenen» Screenings. Es rettet Leben. Aber es verursacht auch Angst. Es findet Krebs früh. Aber es findet auch Dinge, die nie ein Problem gewesen wären. Es senkt die Sterblichkeit. Aber es erhöht die Morbidität – die Krankheitslast derer, die unnötig behandelt werden.
SRF erwähnt die falschen Positive. Aber es relativiert sie sofort: «Dennoch bringt die frühe Erkennung von Brustkrebs viele Vorteile.» Das ist die Sprache der Bilanz. Die Vorteile überwiegen die Nachteile. Für die Gesellschaft. Für die Statistik. Für die Leitlinie.
Aber was ist mit der Frau, die den falschen positiven Befund erhält? Für sie ist die Bilanz eine andere. Für sie ist die Angst real. Für sie ist die weitere Abklärung eine Belastung. Für sie ist das Screening kein statistischer Nutzen, sondern ein individuelles Risiko.
Die Frage lautet nicht: Überwiegen die Vorteile die Nachteile? Die Frage lautet: Wer entscheidet, ob die Vorteile die Nachteile überwiegen? Der Staat? Die Leitlinie? Der Arzt? Oder die Frau, die zur Mammografie geht?
SRF stellt diese Frage nicht. Es übernimmt die Bilanz der Experten. Es fragt nicht nach dem Recht des Einzelnen, das eigene Risiko zu definieren.
Der Patient, der nicht gefragt wird
Der Artikel zitiert vier Experten: Nicolas Rodondi (Smarter Medicine), Quoc Duy Vo (Chefarzt Radiologie), Kevin Selby (Unisanté), Sophie Lelorain (Gesundheitspsychologie). Alle kritisieren den «Gesundheitsmarkt». Alle warnen vor unnötigen Screenings. Alle fordern weniger Angst, mehr Vernunft, bessere Leitlinien.
Was fehlt? Der Patient. Der Mensch, der sich für oder gegen ein Screening entscheidet. Der Mensch, der die Angst vor dem Krebs abwägt gegen die Angst vor dem Zufallsbefund. Der Mensch, der für sich selbst entscheidet, was ihm nützt.
SRF fragt ihn nicht. Es fragt die Experten. Die Experten sagen: Die Mehrheit der Screenings ist unnötig. Die Experten sagen: Der Nutzen ist nicht bewiesen. Die Experten sagen: Die Angst wird instrumentalisiert.
Aber die Experten sind nicht diejenigen, die die Angst spüren. Die Experten sind nicht diejenigen, die die Prämie bezahlen. Die Experten sind nicht diejenigen, die entscheiden, ob sie zur Mammografie gehen oder nicht.
Die Experten haben eine Rolle im Diskurs. Aber sie haben nicht die einzige Rolle. Der Patient hat auch eine Rolle. Er hat das Recht, informiert zu werden. Er hat das Recht, selbst zu entscheiden. Er hat das Recht, einen Check-up zu machen, auch wenn die Leitlinie ihn nicht empfiehlt. Weil er die Angst vor dem Krebs nicht aushält. Weil er die Gewissheit will, gesund zu sein. Weil er für sich selbst entscheidet, was ihm nützt.
Das ist keine «Unvernunft». Das ist Freiheit. Die Freiheit, die eigene Gesundheit selbst zu definieren. Die Freiheit, das eigene Risiko selbst zu tragen. Die Freiheit, den eigenen Nutzen selbst zu bestimmen.
SRF erwähnt diese Freiheit nicht. Es erwähnt nur die Kosten. Die Kosten für das System. Die Kosten für die Prämien. Die Kosten für die Patienten, die «doppelt zahlen».
Aber Freiheit kostet. Freiheit bedeutet, dass Menschen Entscheidungen treffen, die andere für unnötig halten. Dass Menschen Geld ausgeben, das andere für verschwendet halten. Dass Menschen Risiken eingehen, die andere für unverantwortlich halten.
Die Frage lautet nicht: Wie reduzieren wir unnötige Screenings? Die Frage lautet: Wie schaffen wir ein System, das die Freiheit des Einzelnen respektiert, ohne die Gemeinschaft zu belasten?
Die Antwort lautet nicht: Mehr Leitlinien. Mehr Experten. Mehr Regulierung. Die Antwort lautet: Mehr Transparenz. Mehr Information. Mehr Eigenverantwortung. Ein System, in dem der Patient die Kosten seiner Entscheidung trägt, aber auch die Freiheit hat, sie zu treffen. Ein System, in dem der Arzt berät, aber nicht bestimmt. Ein System, in dem die Leitlinie informiert, aber nicht regiert.
Das ist die Alternative, die SRF nicht erwähnt. Weil sie den Experten ihre Autorität nimmt. Weil sie dem System seine Kontrolle nimmt. Weil sie den «Gesundheitsmarkt» nicht abschafft, sondern ihn auf eine ehrlichere Grundlage stellt: die Grundlage der mündigen Entscheidung.
SRF kritisiert den «Gesundheitsmarkt». Es zitiert Experten, die vor unnötigen Screenings warnen. Es nennt die OECD-Zahl von zwanzig Prozent nutzloser Behandlungen. Es warnt vor Influencern, die Ganzkörperscans bewerben. Aber es fragt nicht, wer «nutzlos» definiert – und verschweigt, dass die Antwort der Experten auf der Rückschau beruht, die der Patient im Moment der Entscheidung nicht hat. Es fragt nicht, warum bewiesene Screenings nicht genutzt werden, während unbewiesene übernutzt werden – und versteckt das Paradox in einer wegklappbaren Box. Es fragt nicht, ob die Angst, die es kritisiert, auch von staatlichen Präventionsprogrammen instrumentalisiert wird. Es erwähnt die falschen Positive der «bewiesenen» Mammografie, ohne die Frage zu stellen, wer entscheidet, ob die Vorteile die Nachteile überwiegen. Und es fragt nicht nach dem Recht des Einzelnen, das eigene Risiko zu definieren, den eigenen Nutzen zu bestimmen, die eigene Gesundheit selbst zu verwalten. Die Alternative – mehr Transparenz, mehr Information, mehr Eigenverantwortung – wird nicht erwähnt. Weil sie den Experten die Autorität nimmt. Weil sie dem System die Kontrolle nimmt. Weil sie den Bürger als mündigen Patienten sieht, nicht als Kostenfaktor. Das ist keine Berichterstattung über ein Problem. Das ist die Reproduktion einer Perspektive, die den Experten mehr zutraut als dem Bürger.
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