Der Experte und seine Idiotie
Zum SRF-Interview mit Andreas Böhm zum Iran-Krieg, Echo der Zeit, 6. Mai 2026
SRF bringt im «Echo der Zeit» ein achtminütiges Interview mit Andreas Böhm, «Nahostexperte und Dozent der Universität St. Gallen». Thema: die Entwicklungen im Iran-Krieg, in dem die USA und Israel militärisch gegen den Iran vorgegangen sind. Donald Trump habe sich «in eine missliche Lage manövriert», es gebe nur «drei schlechte Lösungen». Trump habe «strategische Idiotie» bewiesen. Im Trump-Team sei «niemand, der die Region kennt, der diplomatisch versiert ist». China könne als Garantiemacht auftreten, was zeigen würde, dass die «Stellung der USA als die führende Macht in der Region nicht mehr unwidersprochen ist».
Das Interview dauert acht Minuten. Es ist von einer bemerkenswerten analytischen Einseitigkeit geprägt, die in der Sendung nicht thematisiert wird.
Der Experte ohne Profil
Wer ist Andreas Böhm? SRF stellt ihn vor als «Nahostexperte und Dozent der Universität St. Gallen». In der Personen-Box wird ergänzt: «Dr. Andreas Böhm ist Dozent an der Universität St. Gallen (HSG). Seine Forschungsgebiete sind Philanthropie, Politische Theorie und der Mittlere Osten sowie die Geopolitik.»
Diese Selbstbeschreibung verdient Aufmerksamkeit. «Philanthropie, Politische Theorie und der Mittlere Osten sowie die Geopolitik» — das ist eine Liste, deren erste beiden Elemente keinen direkten Bezug zur Region haben. Eine Suche im akademischen Profil ergibt: Böhms Hauptarbeitsgebiet ist Philanthropie und Stiftungswesen, er ist am Center for Philanthropy Studies tätig gewesen. Sein publizistischer Output zum Mittleren Osten ist überschaubar. Er hat keinen ausgewiesenen Forschungsschwerpunkt in der iranischen Innenpolitik, in der Geschichte der iranisch-amerikanischen Beziehungen, in der Militärstrategie der Region oder in den Verhandlungsmechanismen, über die er nun spricht. Er scheint öfter mal in Lebanon zu sein.
Das ist kein Skandal. Akademische Lehrtätigkeit umfasst oft mehrere Gebiete. Aber wenn SRF jemanden als «Nahostexperte» einführt, der primär in einem anderen Feld forscht, dann ist das eine redaktionelle Entscheidung, die Erklärung verdient. Es gibt in der Schweiz und in Europa Wissenschaftler, deren Lebenswerk dem Iran und seiner Region gewidmet ist — zum Beispiel Reinhard Schulze.
Eine mögliche Antwort: Weil Böhm liefert, was die Sendung braucht. Eine andere Antwort: weil er verfügbar ist, schweizerisch akkreditiert, und kommunikativ versiert. Welche Antwort zutrifft, kann von aussen nicht entschieden werden. Aber das Profil des Experten ist nicht das eines fachlich tief verankerten Iran-Spezialisten.
Der analytische Stil
Bemerkenswert ist die rhetorische Schärfe der Aussagen. Böhm spricht von «strategischer Idiotie» Donald Trumps und seiner Leute. Er sagt, im Trump-Team sei «niemand, der die Region kennt». Er nennt Trumps «Ungeduld». Er sagt, Trump habe sich «in einen Schlamassel» manövriert.
Das ist nicht analytische Sprache. Das ist polemische Sprache. Ein akademischer Experte, der die Politik einer fremden Regierung mit dem Wort «Idiotie» belegt, hat sich aus dem Modus der Analyse in den Modus der Wertung begeben. Das mag berechtigt sein — Trumps Politik kann legitim als strategisch fehlerhaft kritisiert werden. Aber die Wortwahl signalisiert eine Position, kein Urteil.
SRF transportiert diese Wortwahl ohne Distanzierung. Der Interviewer Matthias Kündig fragt nicht nach: «Würden Sie eine andere amerikanische Administration auch der Idiotie bezichtigen, oder ist das eine spezifische Charakterisierung Trumps?» Er fragt auch nicht: «Auf welche konkreten Beratungsstrukturen im Trump-Team beziehen Sie sich, wenn Sie sagen, niemand kenne die Region?» Die Charakterisierung steht unwidersprochen.
Das ist bemerkenswert, weil das Trump-Team in der Aussenpolitik durchaus erfahrene Figuren umfasst. Marco Rubio als Aussenminister hat als Senator über ein Jahrzehnt im Foreign Relations Committee gedient, mit erheblichem Schwerpunkt auf Iran und Nahost. Mike Waltz, ehemaliger Sicherheitsberater, war Special Forces Officer mit Einsätzen in Afghanistan und der Region. Der Sondergesandte Steve Witkoff hat über die Abraham Accords intensive Kontakte in die Region. Es mag zutreffen, dass die strategische Linie der Administration kritikwürdig ist — aber die pauschale Behauptung, niemand kenne die Region, ist faktisch ungenau. SRF lässt sie stehen.
Die unsichtbaren Akteure
Das Interview behandelt einen Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran. Es spricht über acht Minuten von amerikanischer Strategie, amerikanischer Idiotie, amerikanischer Ungeduld. Es nennt Donald Trump dreizehn Mal namentlich.
Es nennt den iranischen Obersten Rechtsgelehrten Ali Khamenei kein einziges Mal. Es nennt Präsident Pezeshkian nicht. Es nennt die Revolutionsgarden (IRGC) nicht. Es nennt das iranische Atomprogramm — den eigentlichen Kriegsgrund — nicht namentlich. Es spricht nicht über die iranische Strategie der Regionalmilizen (Hisbollah, Huthi, irakische Schiitenmilizen) als Instrument der Kriegführung. Es spricht nicht über iranische Angriffe auf Zivilbevölkerung in Israel. Es spricht nicht über die Frage, ob das iranische Regime selbst eine Eskalation verfolgte oder erlitt.
Stattdessen erscheint der Iran als rein reaktiver Akteur, der «strategische Vorteile» nutzt, weil die Amerikaner zu dumm sind, sie zu antizipieren. Der Iran «greift die Emirate an», er «legt die Strasse von Hormus lahm» — diese Handlungen werden referiert, aber nicht bewertet. Niemand sagt: Es ist eine Kriegshandlung, die Weltwirtschaft als Geisel zu nehmen. Niemand sagt: Es ist ein Bruch des Völkerrechts, fremde Schiffe zu gefährden. Niemand sagt: Die Bevölkerung der Emirate hat ein Recht auf Sicherheit. Diese Handlungen erscheinen als legitime taktische Mittel eines unterlegenen Akteurs.
Wenn der Iran als Akteur mit eigener Verantwortung, eigener Aggressivität, eigenen Kriegsverbrechen behandelt würde, sähe das Interview anders aus. Es würde fragen: Welche Verantwortung trägt das iranische Regime für die Eskalation? Was hat das iranische Atomprogramm in den Jahren vor dem Krieg bewirkt? Welche regionalen Stellvertreterkriege hat der Iran in den letzten Jahren geführt — in Syrien, im Libanon, in Jemen, im Irak, in Gaza? Wie verträgt sich die Charakterisierung des Iran als rationaler strategischer Akteur mit der Tatsache, dass das Regime seit 1979 Vernichtungsdrohungen gegen Israel als Staatsdoktrin pflegt?
Diese Fragen werden nicht gestellt. Stattdessen wird die «strategische Tiefe» des Iran als Vorteil im Sinne neutraler Geographie beschrieben, fast wie eine sportliche Eigenschaft.
Die China-Wendung
Eine besondere Beachtung verdient die Empfehlung, China als «Garantiemacht» einzubeziehen. Böhm sagt: «Letztlich wäre China in der Position, aufseiten des Iran zu garantieren, dass es für diese Verhandlungslösung dann auch gegenüber den USA eintritt.»
Diese Empfehlung verdient Aufmerksamkeit. China ist seit Jahren der wichtigste Abnehmer iranischen Öls — trotz amerikanischer Sanktionen. China hat 2023 die Wiederannäherung zwischen Iran und Saudi-Arabien vermittelt. China unterhält ein 25-Jahres-Abkommen mit dem Iran über strategische Zusammenarbeit. China unterstützt das iranische Regime politisch und wirtschaftlich seit Jahrzehnten.
Die Idee, dass eine Macht, die strategischer Verbündeter des Iran ist, als neutrale Garantiemacht einer Verhandlungslösung auftreten soll, ist eine bemerkenswerte Position. Sie bedeutet faktisch: Die USA sollen einer Friedensordnung zustimmen, die von ihrem strategischen Hauptkonkurrenten garantiert wird, in einer Region, die seit Jahrzehnten amerikanisch dominiert wurde, mit einem Land, das seit 1979 die USA als «Grossen Satan» bezeichnet.
Das ist nicht eine technische Vermittlerrolle. Das ist eine geopolitische Verschiebung von erheblicher Tragweite. Böhm benennt sie sogar — er fügt hinzu, das würde «zeigen, dass die Stellung der USA als die führende Macht in der Region nicht mehr unwidersprochen ist».
Diese Bemerkung wird im Tonfall der nüchternen Beobachtung vorgebracht. Sie ist tatsächlich eine programmatische Aussage. Sie wünscht sich oder begrüsst die Verschiebung der globalen Machtverhältnisse zugunsten Chinas. Das ist eine politische Position, keine Analyse.
Der Interviewer fragt nicht nach. Er fragt nicht: «Würden Sie eine chinesisch garantierte Friedensordnung im Nahen Osten für strategisch günstig für Europa und die Schweiz halten?» Er fragt nicht: «Welche Folgen hätte eine solche Verschiebung für die regelbasierte internationale Ordnung, die der Westen seit 1945 zu verteidigen versucht?» Er fragt nicht: «Welche Erfahrungen haben kleinere Staaten in chinesisch dominierten Sicherheitsarchitekturen gemacht?»
Das Atomabkommen ohne Geschichte
Böhm verweist auf das Atomabkommen, «das Barack Obama damals verhandelt hat», als «logischen Anknüpfungspunkt». Das ist eine selektive Geschichtsschreibung. Der Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) von 2015 wurde von der Trump-Administration 2018 aufgekündigt, mit der Begründung, das Abkommen sei zu schwach: Es habe das iranische Raketenprogramm nicht abgedeckt, es habe Sunset-Klauseln enthalten, die das iranische Atomprogramm nach Jahren wieder freigegeben hätten, es habe regionale Aktivitäten des Iran nicht thematisiert.
Diese Kritik kann man teilen oder ablehnen. Aber sie ist substantiell. Sie zu ignorieren und das JCPOA als naheliegende Grundlage künftiger Verhandlungen darzustellen, blendet die Auseinandersetzung aus, die in den letzten zehn Jahren genau über die Frage geführt wurde, ob ein erweitertes oder ein einfacheres Abkommen sinnvoller ist. Böhm präsentiert die Obama-Linie als selbstverständliche Lösung. Sie ist eine politische Position, die in den USA und in Europa kontrovers ist.
Wieder fragt SRF nicht nach. Wieder steht die Position unkommentiert.
Der Interviewer
Eine Beobachtung zum Interviewer Matthias Kündig. In acht Minuten stellt er fünf Fragen. Keine davon ist eine kritische Nachfrage. Jede davon eröffnet Böhm eine weitere Bühne, seine Position auszubreiten. Der erste Satz seiner zweiten Frage lautet: «Sie haben kurz nach den ersten Angriffen der USA und Israels auf den Iran gewarnt, dass der Iran versuchen werde, den Konflikt in die Länge zu ziehen. Warum?» Das ist eine Frage, die bestätigt, dass Böhm Recht hatte. Sie ist nicht neutral.
Die letzten beiden Fragen — über Lösungsmöglichkeiten und über China als Garantiemacht — sind weitgehend Stichwortgaben. Der Interviewer assistiert dem Experten dabei, seine politische Empfehlung zu entfalten. Er prüft sie nicht.
Das ist nicht journalistisches Versagen im Sinne von Unkenntnis. Es ist eine bestimmte Form von Interviewführung, in der der Experte als Autorität gesetzt wird und der Journalist als seine Bühne fungiert. Es funktioniert, wenn der Experte tatsächlich die unparteiliche Autorität ist, als die er präsentiert wird. Es funktioniert nicht, wenn der Experte eine politische Position vertritt, die ihrerseits prüfungswürdig wäre.
Der Befund
Acht Minuten Echo der Zeit zu einem Krieg von erheblicher Tragweite. Acht Minuten, in denen ein einziger Experte sprechen darf, dessen fachliche Verankerung im Thema dünn ist, dessen Sprache polemisch ist, dessen politische Position deutlich erkennbar ist, ohne dass sie als solche markiert wird.
Die wesentlichen Operationen des Interviews:
Erstens, die Charakterisierung der Trump-Administration als «strategisch idiotisch» wird unwidersprochen übernommen. Eine Distanzierung erfolgt nicht. Eine Gegenposition wird nicht eingeholt.
Zweitens, der Iran als Akteur wird ausschliesslich in seiner taktischen Reaktion auf amerikanische Handlungen beschrieben. Eigenständige iranische Aggression, ideologische Programmatik, regionale Stellvertreterkriege werden ausgeblendet.
Drittens, China wird als naheliegender Garantiestaat einer Friedensordnung präsentiert, ohne dass die Tragweite dieser Empfehlung diskutiert wird. Die geopolitische Verschiebung erscheint als technische Lösung.
Viertens, die historische Auseinandersetzung über das JCPOA wird zugunsten der Obama-Position einseitig aufgelöst.
Fünftens, der Interviewer assistiert dem Experten, statt ihn zu prüfen.
Wer das Interview hört, geht mit dem Eindruck nach Hause, dass die amerikanische Iran-Politik unter Trump ein Trümmerhaufen aus Inkompetenz und Ungeduld ist, dass der Iran in diesem Konflikt weitgehend reaktiv handelt, dass die naheliegende Lösung in einer Rückkehr zur Obama-Diplomatie unter chinesischer Garantie liegt und dass die abnehmende Vorherrschaft der USA im Nahen Osten eine begrüssenswerte Entwicklung ist.
Wer einen anderen Eindruck hätte mitnehmen können — durch ein Interview etwa mit einem Iran-Spezialisten, der die Innenpolitik der Islamischen Republik kennt, oder mit einem Strategen, der die Logik der amerikanischen Bedrohungsperzeption nachvollzieht, oder mit einem regionalen Fachmann, der die Folgen einer chinesisch garantierten Sicherheitsordnung für die kleineren Staaten am Persischen Golf kennt —, hört dieses Interview nicht. SRF hat sich für eine Stimme entschieden.
«Es gibt nur drei schlechte Lösungen», sagt Böhm. Was er nicht sagt: Es gibt auch nur eine Stimme im Studio. Und die Auswahl dieser Stimme ist selbst eine politische Entscheidung — nicht in Teheran getroffen, nicht in Washington, sondern in Zürich.
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