9min
Der Experte, der das System entlastet
Medienkritik
9 Minuten

Der Experte, der das System entlastet

SRF/SRGSicherheitspolitikMigration
schwerwiegend
Teilen

SRF bringt einen Forensiker ins Studio. Jérôme Endrass, Professor für Forensische Psychologie. Er soll erklären, was schiefgelaufen ist. Und er erklärt es. Aber er erklärt es so, dass am Ende niemand schuld ist. Nicht die Ärzte. Nicht die Behörden. Nicht das System. Es ist die Akutsituation. Es ist der fehlende Informationsaustausch. Es ist die Fürsorge statt der Forensik. Es sind die begrenzten Ressourcen. Es ist die fehlende absolute Sicherheit. Am Ende heisst es: «Es gibt Fälle, die durch die Maschen fallen.» Das ist die Sprache der Behördenentlastung. Und SRF fragt nicht nach.

Zum SRF Interview mit Jérôme Endrass, 29.05.2026, 05:57 Uhr


Der Titel, der die Richtung vorgibt

«Sind Täter mit psychiatrischen Problemen die grösste Gefahr?»

Das ist die Frage, die SRF in den Raum stellt. Nicht: Ist der politische Islam die grösste Gefahr? Nicht: Warum werden bekannte Dschihad-Anhänger nicht ausgebürgert? Nicht: Warum versagen die Behörden bei der Überwachung?

Sondern: Sind psychisch Kranke die Gefahr?

Damit ist die Richtung klar. Das Problem ist die Psyche. Nicht die Ideologie. Nicht der Islamismus. Nicht das System. Die Psyche.

Das ist das «Kombination»-Narrativ, das wir schon kennen. Psychisch krank plus islamistisch radikalisiert. Aber die Frage lautet nicht nach der Kombination. Sie lautet nach dem einen Faktor. Und der Faktor, den SRF nennt, ist die Psyche.

Die Fürsorge, die nicht zur Forensik passt

Endrass erklärt: Die fürsorgerische Unterbringung (FU) diene vor allem der Prüfung von Selbstgefährdung. Die Fremdgefährdung sei «implizit darin enthalten, aber nicht einmal Teil des Gesetzestextes». Es seien auch keine Forensiker, die das beurteilen, sondern Fachärzte ohne forensische Ausbildung.

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Und sie wirft Fragen auf:

Warum wird ein Mann, der seit acht Jahren als Dschihad-Anhänger bekannt ist, der IS-Propaganda verbreitet hat, der aus der Türkei zurückgekehrt ist, über den Notruf in eine normale Psychiatrie eingeliefert — und nicht in eine forensische Einrichtung?

Warum gibt es keine Sonderregelung für Personen, die als Sicherheitsrisiko bekannt sind?

Warum wird die Fürsorge angewendet, wenn Forensik geboten wäre?

Endrass nennt das Problem: falsche Ärzte, falsches Gesetz, falsche Informationen. Aber er zieht nicht die Konsequenz: Das System ist falsch aufgestellt. Es behandelt einen bekannten Islamisten wie einen verwirrten Bürger, der eine Krise hat. Aber er hatte keine Krise. Er hatte eine Ideologie.

Das «Gesamtbild», das niemand hat

«Das Gesamtbild hat in dem Moment niemand.»

Das ist die zentrale Aussage von Endrass. In der Akutsituation fehlen die Informationen. Die Ärzte wussten nicht, wer der Mann war. Sie wussten nicht, dass er seit 2018 als radikalisiert galt. Sie wussten nicht, dass seine Brüder radikalisiert waren. Sie wussten nicht, dass er IS-Propaganda verbreitet hatte.

Aber: Warum wussten sie das nicht?

Die Polizei wusste es. Die Kantonspolizei Zürich hatte den Mann 2018 im Zusammenhang mit der An'Nur-Moschee ermittelt. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) wusste es. Die Nachrichtendienste wussten es.

Warum wurde diese Information nicht an die Klinik weitergegeben?

Endrass sagt: Das ist eine «politische Frage». Er sagt: Es gibt gute Gründe für den Datenschutz. Man wolle nicht den «gläsernen Bürger». Die Zusammenarbeit sei aber «sehr gut».

Das ist ein Widerspruch. Wenn die Zusammenarbeit so gut ist, warum wusste die Klinik nicht, wen sie da hatte?

Die Antwort: Weil die Zusammenarbeit nicht gut genug ist. Weil der Datenschutz die Sicherheit schlägt. Weil die Behörden Informationen zurückhalten, die Leben retten könnten.

Endrass nennt das Problem. Aber er benennt nicht die Verantwortlichen. Er sagt nicht: Das SEM hat versagt. Die Polizei hat versagt. Das Bedrohungsmanagement hat versagt. Er sagt: «Das Gesamtbild hat niemand.» Als wäre es ein Naturereignis.

Der «gläserne Bürger», der nicht gemeint ist

«Es gibt gute Gründe, wieso man nicht will, dass alles irgendwo an einem Ort zusammenkommt. Das wird auch als wichtiges Rechtsgut angeschaut, dass man da nicht der gläserne Bürger ist.»

Der «gläserne Bürger». Das ist das Argument, das immer kommt, wenn es um mehr Überwachung geht. Der Bürger hat ein Recht auf Privatsphäre. Der Staat soll nicht alles wissen.

Aber: Der Winterthurer Täter war kein normaler Bürger. Er war ein bekannter Dschihad-Anhänger. Er war seit acht Jahren im Radar der Behörden. Er hatte IS-Propaganda verbreitet. Er war in der Türkei. Er war zurückgekehrt.

Das ist nicht der «gläserne Bürger», den man schützen muss. Das ist ein Sicherheitsrisiko, das man überwachen muss.

Die Frage lautet nicht: Sollen wir alle Bürger glasmachen? Die Frage lautet: Sollen wir bekannte Sicherheitsrisiken überwachen?

Endrass vermischt beides. Er spricht vom «gläsernen Bürger», als ginge es um Normalbürger. Es geht aber um einen Mann, der am Ende «Allahu Akbar» rufend auf Passanten einstach.

Die «grösste Gefahr», die falsch benannt wird

«Sind Einzeltäter mit psychiatrischen Problemen die derzeit grösste Gefahr? — Ja, im Bereich des Extremismus eindeutig.»

Das ist die Antwort von Endrass. Psychisch kranke Einzeltäter sind die grösste Gefahr.

Aber: Warum rufen psychisch kranke Einzeltäter «Allahu Akbar»? Warum rufen sie nicht «Heil Hitler»? Warum rufen sie nicht «Hare Krishna»? Warum rufen sie nicht einfach nichts?

Sie rufen «Allahu Akbar», weil der Islam die Ideologie ist, die ihre Gewalt legitimiert. Die Krankheit liefert die Disposition. Die Ideologie liefert die Motivation, das Ziel und die Rechtfertigung.

Endrass trennt beides. Er sagt: Die grösste Gefahr sind psychisch Kranke. Er sagt nicht: Die grösste Gefahr sind psychisch Kranke, die von einer Ideologie angesteckt wurden, die Gewalt legitimiert.

Das ist die halbe Wahrheit. Und die halbe Wahrheit entlastet die Ideologie.

Der Werther-Effekt, der die Berichterstattung dämpft

«Zusätzlich problematisch ist, dass durch die Berichterstattung, die natürlich notwendig ist, neue Fantasien ausgelöst werden. Es gibt auch so etwas wie einen Werther-Effekt.»

Der Werther-Effekt. Das ist das Argument, das immer kommt, wenn man über die Berichterstattung sprechen will. Zu viel Berichterstattung führt zu Nachahmung. Also: Vorsicht. Zurückhaltung. Nicht zu viel darüber schreiben.

Das ist legitim bei Suiziden. Bei terroristischen Anschlägen ist es problematisch. Denn der Werther-Effekt wird auch als Argument genutzt, um die Berichterstattung über islamistische Gewalt zu dämpfen. Nicht zu viel über den Islam schreiben. Nicht zu viel über die Ideologie schreiben. Nicht zu viel über die Radikalisierung schreiben. Sonst machen es andere nach.

Aber: Was ist die Alternative? Die Gefahr verschweigen? Die Ideologie nicht benennen? Die Radikalisierung nicht thematisieren?

Das ist genau das, was SRF am Donnerstag morgen getan hat. «Hintergrund unklar.» Nichts über den Islam. Nichts über den Dschihad. Nichts über die Radikalisierung. Und das war falsch.

Der Werther-Effekt ist ein reales Phänomen. Aber er darf nicht als Argument genutzt werden, um die Ursachen von Terrorismus zu verschweigen.

Die Maschen, durch die man fällt

«Es gibt diese Fälle, die gewissermassen durch die Maschen fallen. Das heisst nicht automatisch, dass die Behörden insgesamt nicht sehr gute Arbeit leisten würden.»

«Durch die Maschen fallen.» Das ist die Sprache der Verharmlosung. Es klingt nach einem Versehen. Nach einem kleinen Fehler. Nach etwas, das passieren kann.

Aber: Der Mann war seit acht Jahren bekannt. Er hatte IS-Propaganda verbreitet. Seine Brüder waren radikalisiert. Er war in der Türkei. Er war zurückgekehrt. Er hatte wirre Aussagen gemacht. Er war in der Psychiatrie. Er wurde entlassen. Zwei Tage später stach er auf Passanten ein.

Das ist kein «Durch-die-Maschen-Fallen». Das ist ein Systemversagen. Ein Versagen auf allen Ebenen: Polizei, Nachrichtendienst, SEM, Psychiatrie, Justiz.

Endrass sagt: «Was man vielleicht nicht sieht, ist, wie viel auch verhindert wird. Da funktioniert etwas sehr gut.»

Das mag stimmen. Aber: Wenn ein bekannter Islamist drei Menschen am Bahnhof erstechen kann, dann funktioniert das System nicht sehr gut. Dann funktioniert es für diesen Fall nicht. Und dieser Fall zählt.

Die Frage, die Endrass nicht stellt

Endrass nennt die Probleme:

Fehlende forensische Expertise in der Psychiatrie

Fehlendes Gesamtbild in der Akutsituation

Datenschutz statt Informationstransfer

Begrenzte Ressourcen

Er nennt nicht die Lösungen:

Forensische Begutachtung bei bekannten Sicherheitsrisiken

Automatischer Informationsaustausch zwischen Polizei und Psychiatrie bei Personen, die als radikalisiert gelten

Bürgerrechtsentzug nach Artikel 42 bei Dschihad-Anhängern

Ausweisung von Doppelbürgern, die die innere Sicherheit gefährden

Er nennt nicht die Verantwortlichen:

Das SEM, das den Bürgerrechtsentzug nicht beantragt hat

Das EJPD, das die Weisungen erlassen hat, nach denen Behörden vorgehen sollen

Das Parlament, das die Instrumente verdünnt hat

Den Bundesrat, der die Strategie der Toleranz verfolgt

Er nennt nicht die Konsequenzen:

Der Mann hätte 2018 ausgebürgert werden müssen

Der Mann hätte nicht in eine normale Psychiatrie, sondern in eine forensische Einrichtung eingeliefert werden müssen

Die Klinik hätte die Sicherheitsakten einsehen müssen

Der Mann hätte nach der Entlassung überwacht werden müssen

Endrass analysiert das Problem. Aber er benennt nicht die Ursachen. Er benennt nicht die Verantwortlichen. Er benennt nicht die Lösungen.

Das ist die Rolle des Experten im öffentlichen Diskurs: Er erklärt, warum etwas passiert ist. Aber er sagt nicht, wer es hätte verhindern können. Und er sagt nicht, wie es in Zukunft verhindert werden kann.


Jérôme Endrass ist ein kompetenter Forensiker. Seine Analyse der Akutsituation ist korrekt: Die Ärzte hatten nicht alle Informationen. Die FU ist auf Selbstgefährdung ausgerichtet, nicht auf Fremdgefährdung. Es gibt keine absolute Sicherheit. Das alles stimmt. Aber es ist die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte lautet: Der Mann war seit acht Jahren als Dschihad-Anhänger bekannt. Die Behörden hatten die Informationen. Sie wurden nicht weitergegeben. Der Bürgerrechtsentzug wurde nicht geprüft. Die Psychiatrie wurde nicht informiert. Das Bedrohungsmanagement hat versagt. Das ist kein «Durch-die-Maschen-Fallen». Das ist ein Systemversagen. Und Endrass benennt es nicht. Er sagt: «Es gibt Fälle, die durch die Maschen fallen.» Er sagt nicht: «Es gibt Behörden, die Informationen zurückhalten.» Er sagt nicht: «Es gibt Gesetze, die nicht angewendet werden.» Er sagt nicht: «Es gibt Politiker, die die Instrumente verdünnt haben.» Das ist die Grenze des Experten: Er darf erklären. Er darf nicht anklagen. SRF nutzt diese Grenze. Es bringt einen Experten, der das System erklärt — aber nicht das System anklagt. Und so bleibt die Debatte sicher. Die Ärzte haben sich geirrt. Die Informationen fehlten. Die Maschen waren zu gross. Niemand ist schuld. Ausser dem Täter. Und der ist psychisch krank. Also ist die Psychiatrie das Problem. Nicht der Islam. Nicht die Politik. Nicht das System. Das ist das Narrativ von SRF. Und der Experte liefert die Bausteine dafür.

Originalbeitrag auf X →

Ähnliche Beiträge

Kein Artikel verpassen.