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Der Behördenjournalismus: Fakten ohne Fragen
Medienkritik
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Der Behördenjournalismus: Fakten ohne Fragen

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Um 14:42 Uhr liefert SRF die Recherche. Und man muss fair sein: Für die Bestätigung solcher Details braucht es Zeit. Der Journalist Daniel Glaus hat seinen Job gemacht. Der Täter ist ein Dschihad-Anhänger. Er war in der Winterthurer Islamisten-Szene aktiv. Er ist ein schweizerisch-türkischer Doppelbürger. Er war in der Psychiatrie. Diese Fakten liegen nun auf dem Tisch. Aber hier zeigt sich das eigentliche Problem von SRF: Der Sender gräbt genau so tief, wie die Akten der Behörden reichen – und keinen Millimeter weiter. SRF listet ein monumentales Staatsversagen auf, liest es aber vor wie einen Wetterbericht. Die Fakten sind da. Die kritischen Fragen an die Macht fehlen völlig.

Zum SRF Beitrag «Verdächtiger war in Winterthurer Islamisten-Szene aktiv», 28.05.2026, 14:42 Uhr


Die Recherche, die liefert (und wo sie aufhört)

Es ist ein journalistischer Erfolg für SRF, diese Details am frühen Nachmittag bestätigen zu können:

Der Täter war der Polizei seit 2018 aus dem Umfeld der radikalen An'Nur-Moschee bekannt.

Seine zwei Brüder sind ebenfalls radikalisiert.

Er hielt sich jahrelang in der Türkei auf und kehrte erst im Mai 2026 zurück.

Er wurde am 25. Mai in die Psychiatrie eingewiesen und am 27. Mai – am Vorabend der Tat – als «nicht fremdgefährdend» entlassen.

Das ist solides Handwerk. Die Lücke von heute Morgen («Hintergrund unklar») ist geschlossen.

Aber wer diesen Text liest, merkt sofort: SRF fungiert hier als Protokollant der Sicherheitsbehörden. Man hat Quellen bei der Polizei, man hat Einblick in Akten. Das ist gut. Doch ein öffentlich-rechtliches Medium darf nicht nur der Lautsprecher der Behörden sein. Es muss der Kontrolleur der Behörden sein. Und genau diese Kontrollfunktion verweigert SRF komplett.

Das Protokoll eines Staatsversagens

Lesen wir die von SRF zusammengetragenen Fakten noch einmal, aber diesmal mit den Augen eines kritischen Bürgers:

Ein Mann ist den Schweizer Sicherheitsbehörden seit acht Jahren als radikaler Islamist bekannt. Er konsumiert und teilt IS-Propaganda. Seine ganze Familie (zwei Brüder) fällt durch Radikalisierung auf. Er verzieht sich für zwei Jahre in die Türkei – das klassische Transitland für Dschihadisten. Er kommt im Mai 2026 zurück, macht «wirre Aussagen» am Telefon, wird in die Psychiatrie gesteckt. Und ein Arzt lässt diesen polizeibekannten, radikalisierten IS-Sympathisanten nach 48 Stunden frei, weil von ihm «keine Fremdgefährdung» ausgehe.

Am nächsten Morgen sticht er mit «Allahu Akbar»-Rufen drei Menschen am Bahnhof nieder.

Das ist kein tragisches Unglück. Das ist ein katastrophales, mehrfaches Behördenversagen. Polizei, Nachrichtendienst, Psychiatrie, Justiz – alle Warnlampen blinkten seit 2018 rot, und trotzdem konnte der Mann auf Gleis 3 unschuldige Pendler abstechen.

Wo ist die Empörung von SRF? Wo ist die kritische Frage an den Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr? Wo ist die Konfrontation der Klinikleitung? SRF notiert das Totalversagen des Staates völlig emotionslos und ohne jede politische Einordnung.

Der Arzt, der nicht gefragt wird

«Am 27. Mai – am Mittwoch – habe ihm ein Arzt attestiert, es gehe von ihm keine Selbst- oder Fremdgefährdung mehr aus, worauf der mutmassliche Täter am Abend die Klinik selbst verlassen habe.»

Dieser Satz ist ein Skandal. Ein Psychiater hat das Risiko eines bekannten Islamisten fundamental falsch eingeschätzt, mit fatalen Folgen für drei Passanten.

Ein kritischer Journalist würde jetzt fragen: Wer trägt die Verantwortung für diesen Fehlentscheid? Wurde dem Arzt die dschihadistische Vorgeschichte des Patienten überhaupt mitgeteilt? Arbeiten Polizei und Psychiatrie zusammen, oder gibt es einen fatalen Datenschutz-Blindflug? Warum haben Täter in der Schweiz immer wieder das Glück, von verständnisvollen Gutachtern auf die Gesellschaft losgelassen zu werden?

SRF stellt keine einzige dieser Fragen. Der Fehlentscheid des Arztes wird einfach als Teil der Chronologie hingenommen. Schwamm drüber.

Das Narrativ der «Kombination»

Besonders entlarvend ist dieser Absatz von SRF: «Bestätigt sich dieses Profil, entspräche das einer Kombination, wie sie Sicherheitsbehörden europaweit seit einiger Zeit beobachten.»

Die «Kombination». Gemeint ist: psychisch gestört plus islamistisch radikalisiert.

Das ist das absolute Lieblingsnarrativ europäischer Behörden, und SRF übernimmt es unkritisch. Warum ist es so beliebt? Weil es die Tat pathologisiert. Wenn der Täter einfach «verrückt» ist, dann ist es ein medizinisches Problem. Dann hat es nichts mit der verfehlten Migrationspolitik zu tun. Nichts mit Einbürgerungspraxis. Nichts mit dem politischen Islam, der in der Schweiz Fuss gefasst hat.

Aber psychische Krankheiten gibt es überall auf der Welt. Nur seltsamerweise rufen verwirrte Schweizer ohne Migrationshintergrund extrem selten «Allahu Akbar» und stechen in Bahnhöfen auf Menschen ein. Die psychische Labilität mag der Auslöser sein, aber die islamistische Ideologie liefert das Drehbuch, das Ziel und die moralische Rechtfertigung für die Gewalt.

Indem SRF brav die «Kombination»-Theorie der Behörden zitiert, wird der politische Zündstoff der Tat neutralisiert. Aus einem islamistischen Terrorakt wird ein psychiatrischer Notfall. Wie bestellt und vorhergesagt. Leider.

Die Doppelbürgerschaft, die folgenlos bleibt

«Der heute Festgenommene ist gemäss Angaben der Kantonspolizei Schweizerisch-türkischer Doppelbürger. (...) 1994 in der Schweiz geboren und 2009 eingebürgert.»

2009 eingebürgert. Drei Brüder, alle radikalisiert.

Ein unabhängiges Medium würde nun die politische Debatte eröffnen: War diese Einbürgerung ein Fehler? Wie kann es sein, dass eine ganze Familie den Schweizer Pass erhält und danach in den Dschihadismus abdriftet? Müsste einem Doppelbürger, der aktiv IS-Propaganda verbreitet, der Schweizer Pass entzogen werden?

Die gesetzlichen Grundlagen dafür existieren (Art. 42 Bürgerrechtsgesetz: Entzug des Bürgerrechts bei erheblicher Gefährdung der inneren oder äusseren Sicherheit). Aber SRF erwähnt das nicht. Der Sender liefert den Fakt der Einbürgerung, weil er auf dem Tisch liegt, aber er verweigert die politische Diskussion darüber.

Fazit: Die Grenze des Erlaubten

Man darf SRF nicht vorwerfen, in diesem Fall keine Fakten geliefert zu haben. Das haben sie. Sie haben ihre Quellen bei den Behörden angezapft und die Chronologie sauber rekonstruiert.

Aber genau hier liegt die Schmerzgrenze des gebührenfinanzierten Journalismus. Er funktioniert hervorragend als Verlautbarungsorgan. Er versagt komplett als vierte Gewalt.

Ein echter Journalist nimmt diese Fakten und konfrontiert die Macht:

«Herr Polizeikommandant, warum läuft ein seit acht Jahren bekannter Dschihadist frei herum?»

«Herr Klinikdirektor, wie konnte Ihr Arzt diesen Mann als ungefährlich einstufen?»

«Frau Justizministerin, warum entziehen wir solchen Doppelbürgern nicht den Pass?»

Nichts davon bei SRF. Der Sender berichtet über die Realität, als wäre sie ein unabänderliches Naturereignis. Die Messerattacke am Bahnhof Winterthur wird dokumentiert, aber niemand wird zur Verantwortung gezogen. Das ist Behördenjournalismus in Reinkultur: Fakten sammeln, abtippen, Feierabend. Die politische Komfortzone des Staates wird zu keinem Zeitpunkt gestört.

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