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Der Bär in Altadena, Kalifornien
Medienkritik
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Der Bär in Altadena, Kalifornien

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Zum SRF-Beitrag «Kalifornien: Bär sorgt in Wohngegend für Aufregung», 11. Mai 2026

Was berichtet wird

SRF meldet, dass in Altadena, Kalifornien, ein Schwarzbär durch ein Wohnviertel spaziert ist. Er kletterte auf Bäume, lief durch Gärten, Dutzende Menschen fotografierten ihn. Ein Anwohner legte ihm Essen und Wasser hin, wovon Experten abrieten. Die Tierschutzbehörde von Pasadena und die Sheriff-Behörde von Los Angeles County rückten aus, sperrten ab, kontrollierten die Menschenmenge. Die Wildtierbehörden fordern Abstand. Der Beitrag ist 46 Sekunden lang.

Was nicht berichtet wird

Während SRF den Bären auf dem Baum filmt, läuft im selben Bundesstaat einer der grössten Betrugskomplexe der amerikanischen Geschichte ab. Bis Mai 2026 sind in Kalifornien geschätzte 180 Milliarden Dollar durch verschiedene Betrugsfälle unterschlagen worden. Über 400 Hospizbetreiber wurden mit Zahlungsstopps belegt — viele existierten gar nicht, andere meldeten gesunde Personen als sterbenskrank an, um Medi-Cal-Leistungen abzurechnen. Ein einzelner Fall umfasst 267 Millionen Dollar.

Kriminelle kaufen im Darknet Identitäten, um Sozialleistungen zu beantragen. Etwa 10 Prozent der 114 Milliarden Dollar an Arbeitslosenunterstützung während der Pandemie waren betrügerisch — über 11 Milliarden Dollar in einem einzigen Bundesstaat. Die US-Justizbehörde hat eine «West Coast Strike Force» eingerichtet, um die Betrugswelle in Kalifornien, Nevada und Arizona zu bekämpfen. Weitere Fälle betreffen Gelder zur Obdachlosenbekämpfung, gefälschte Studienkredite, Identitätsdiebstahl in industriellem Massstab.

Über keinen dieser Komplexe hat SRF in den letzten Wochen berichtet. Über den Bären auf dem Baum schon.

Die Redaktionslogik

Diese Asymmetrie ist nicht zufällig. Sie folgt einer Logik, die sich in der SRF-Auslandberichterstattung wiederholt beobachten lässt. Tiergeschichten aus den USA, Wettermeldungen aus Kalifornien, Promi-Kuriositäten, Polizeieinsätze mit pittoreskem Beigeschmack — diese Formate finden den Weg ins Programm. Strukturelle Befunde über die institutionelle Funktionsfähigkeit eines amerikanischen Bundesstaates finden ihn nicht.

Das Argument, ein Bär in einem Vorort sei lokal interessant, trägt nicht. Lokal interessant ist er in Altadena. Für Schweizer Gebührenzahler ist er nichts. Was Schweizer Gebührenzahler interessieren könnte: dass ein amerikanischer Bundesstaat mit dem fünftgrössten BIP der Welt 180 Milliarden Dollar an Betrugsschäden akkumuliert, dass das Verwaltungssystem von Medi-Cal — dem grössten staatlichen Krankenversicherungsprogramm der USA — in dem Mass kompromittierbar ist, dass 400 nicht existierende Hospizbetreiber Leistungen abrechnen konnten, dass die Bundesjustiz eine Sondereinheit gegen die Westküsten-Betrugswelle ins Leben rufen muss.

Das sind Befunde mit weltpolitischer Relevanz. Sie betreffen die Funktionsfähigkeit westlicher Staaten, die Grenzen digitalisierter Sozialverwaltung, die Verwundbarkeit grosser Transferprogramme. Sie sind komplex zu recherchieren, sie passen nicht in 46 Sekunden, sie eignen sich nicht für Luftaufnahmen. Sie eignen sich für seriöse Berichterstattung. Diese findet bei SRF nicht statt.

Was die Auswahl bedeutet

Eine Redaktion, die Bären filmt und Betrugsskandale ignoriert, trifft eine inhaltliche Aussage. Sie sagt: Das eine sehen wir, das andere nicht. Die Aussage wird nicht explizit getroffen. Sie ergibt sich aus der Programmgestaltung.

Wer dem öffentlichen Rundfunk Gebühren bezahlt, finanziert eine Institution, die ihre eigene Auswahl rechtfertigen muss. Der Service public soll nicht das Spektakuläre zeigen, sondern das Relevante. Wenn er das Spektakuläre zeigt und das Relevante weglässt, verfehlt er seinen Auftrag. Nicht durch einen einzelnen Beitrag — der Bär in Altadena ist als Bagatelle erträglich. Sondern durch das Muster: Bagatellen mit Bewegtbild kommen rein, strukturelle Berichte ohne Spektakel bleiben draussen.

Der Befund

Das Bild eines Bären auf einem Baum ist visuell ansprechend. Das Bild eines 267-Millionen-Dollar-Hospizbetrugs gibt es nicht. Das ist der ganze redaktionelle Unterschied. SRF berichtet, was sich filmen lässt. Was sich nicht filmen lässt, kommt nicht vor — auch wenn es um Beträge geht, die das Schweizer Bundesbudget übersteigen, und um institutionelle Verfallserscheinungen, die für die Beurteilung westlicher Demokratien relevant wären.

Der Bär wird beobachtet. Die 180 Milliarden Dollar werden nicht beobachtet. Beide Phänomene fanden im selben Bundesstaat in derselben Woche statt. Eines passte ins Programm. Das andere nicht.

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