Der Aufmarsch: Die Guten und die Bösen
Der Tages-Anzeiger berichtet, dass am Samstag in Lausanne «Rechtsextreme auf Antifa treffen». Die Überschrift verteilt die Rollen: Die einen sind Rechtsextreme. Die anderen sind Antifa — Antifaschisten, also die, die gegen Faschismus sind. Wer gegen Faschismus ist, steht auf der richtigen Seite. Wer ihm gegenübersteht, auf der falschen. Das Framing ist abgeschlossen, bevor der erste Absatz beginnt.
Im achten Absatz, eingebettet in die Erklärung, warum rechtsextreme Gruppen derzeit aktiver auftreten, steht folgender Satz: Der französische Rechtsextremist Quentin Deranque «war am 14. Februar am Rande einer Kundgebung in Lyon von Linksextremen totgeprügelt worden.» Totgeprügelt. Von Linksextremen. Ein Mensch ist tot. Dieser Mord ist im Artikel kein Ereignis. Er ist Kontext. Er erklärt, warum die Rechtsextremen jetzt radikaler auftreten. Die Tötung eines Menschen durch linke Gewalt dient als Hintergrundinformation für die eigentliche Nachricht: dass Rechtsextreme Gewalt ankündigen.
Die linke Demonstration in Lausanne ist «bewilligt». Sie richtet sich gegen das «Erstarken des Faschismus». Die Organisatoren «erwarten 3000 Teilnehmer». Die rechte Gegendemonstration ist ein «Aufruf zur patriotischen Versammlung» in Anführungszeichen. Ihr Ton ist «martialisch». Sie wurde nicht bewilligt. Die eine Seite übt ein demokratisches Grundrecht aus. Die andere Seite bedroht es. Dass die Linke, deren Demonstration hier als legitim gerahmt wird, wenige Wochen zuvor in Lyon einen Menschen zu Tode geprügelt hat — dieser Zusammenhang wird vom Artikel nicht als Frage an die Legitimität der linken Demonstration formuliert. Er wird als Erklärung für die rechte Reaktion formuliert. Die Gewalt der einen Seite ist Ursache. Die Gewalt der anderen Seite ist Nachricht.
Der Artikel verbindet Mass-voll, eine massnahmenkritische Organisation, mit der Jungen Tat. Rimoldi wird gefragt, ob er in Lausanne teilnehme. Er sagt Nein. Die Verbindung steht trotzdem. Der letzte Absatz endet mit dem Nachrichtendienst, der vor der Onlineradikalisierung Minderjähriger warnt, die an einen «bevorstehenden Rassenkrieg» glaubten. Die Eskalation ist maximal. Eine vergleichbare Warnung vor linksextremer Radikalisierung, vor den Netzwerken, die den Mord in Lyon möglich machten, vor den Strukturen, die seit Jahren in Bern, Zürich und Basel Polizisten angreifen und Sachschäden in Millionenhöhe verursachen — fehlt. Nicht weil sie irrelevant wäre. Sondern weil sie das Bild stören würde.
Der Mechanismus: Linke Gewalt, einschliesslich eines Tötungsdelikts, ist Kontext. Rechte Gewalt, einschliesslich eines Telegram-Posts, ist die Geschichte. Welche Gewalt erzählt wird und welche Gewalt erklärt wird — das ist die redaktionelle Entscheidung, die der Artikel trifft, ohne sie als Entscheidung auszuweisen.
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