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Der Arbeitsmarkt als Asyl-Lösung
Medienkritik
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Der Arbeitsmarkt als Asyl-Lösung

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Wie das EJPD die berufliche Integration von Geflüchteten als Erfolgsstory verkauft, die Frage nach der Arbeitsmarktfähigkeit verschweigt, den Unterschied zwischen einem Ingenieur und einem Analphabeten einebnet, die «Extrameile» der Unternehmen als moralische Pflicht rahmt und nicht fragt, ob ein Lastwagenfahrer-Ausweis das Problem löst – oder nur das Symptom behandelt

Zur Medienmitteilung des EJPD «Wirtschaft und Behörden treiben Berufsintegration gemeinsam voran», 22. Mai 2026


Es ist eine Geschichte der Lösung. Bundesrat Jans trifft Unternehmen. Sozialpartner sind dabei. Kantone auch. Alle sind sich einig: Die Integration von Geflüchteten muss besser gelingen. Eine digitale Plattform soll helfen. Branchenkurse sollen helfen. Ein Pilotprojekt für Lastwagenfahrer soll helfen.

Es ist die Geschichte, die das EJPD erzählt. Und sie klingt gut. Wer könnte dagegen sein? Integration ist gut. Arbeit ist gut. Zusammenarbeit ist gut.

Aber die Geschichte ist unvollständig. Und was sie auslässt, verändert den Sinn komplett.

Denn die Geschichte handelt nicht von Integration. Sie handelt von Transformation. Von der Transformation eines Asylproblems in ein Arbeitsmarktproblem. Von der Transformation von Geflüchteten in Arbeitskräfte. Von der Transformation einer Frage, die niemand beantworten will – was machen diese Menschen hier? – in eine Frage, die jeder beantworten kann: wie bringen wir sie in Arbeit?

Das ist kein Unfall. Das ist eine Strategie.

Das Potenzial, das keines ist

Die Medienmitteilung spricht vom «inländischen Arbeitskräftepotenzial». Geflüchtete sind Teil dieses Potenzials. Sie sind hier. Sie können arbeiten. Sie wollen arbeiten. Also müssen sie arbeiten.

Das ist die Logik. Und sie ist verführerisch. Denn sie verwandelt ein Problem in eine Ressource. Sie verwandelt Menschen, die Geld kosten, in Menschen, die Geld bringen. Sie verwandelt Asylsuchende in Arbeitskräfte.

Aber was ist dieses «Potenzial»? Was können diese Menschen? Welche Qualifikationen bringen sie mit? Welche Sprachen sprechen sie? Welche Ausbildung haben sie? Welche Berufserfahrung haben sie?

Die Medienmitteilung sagt es nicht. Sie spricht von «stellensuchenden Geflüchteten» als wäre das eine homogene Gruppe. Als wäre ein syrischer Ingenieur dasselbe wie ein somalischer Hirte. Als wäre eine eritreische Ärztin dasselbe wie ein afghanischer Analphabet. Als wäre ein ukrainischer Informatiker dasselbe wie ein algerischer Schulabbrecher.

Sie sind nicht dasselbe. Ihr «Potenzial» ist nicht dasselbe. Ihre Integrationschancen sind nicht dieselben. Und die Massnahmen, die sie brauchen, sind nicht dieselben.

Aber das EJPD unterscheidet nicht. Es spricht von «Geflüchteten» als Kategorie. Es spricht von «Integration» als Lösung. Es spricht von «Potenzial» als gegeben.

Und es verschweigt die unbequeme Frage: Wie hoch ist das Potenzial wirklich? Wie viele der Geflüchteten haben eine Ausbildung, die auf dem Schweizer Arbeitsmarkt gebraucht wird? Wie viele sprechen eine Sprache, die hier verstanden wird? Wie viele haben die kognitiven, kulturellen und sozialen Voraussetzungen, um in einem hoch entwickelten Land wie der Schweiz arbeiten zu können?

Die Antwort lautet: Das Potenzial ist begrenzt. Sehr begrenzt. Nicht weil die Menschen schlechter sind. Sondern weil ihre Voraussetzungen andere sind. Weil die Schweiz einen der anspruchsvollsten Arbeitsmärkte der Welt hat. Weil hier nicht Muskelkraft gebraucht wird, sondern Fachwissen. Weil hier nicht Gehorsam gebraucht wird, sondern Eigeninitiative. Weil hier nicht Überleben gebraucht wird, sondern Komplexitätsbewältigung.

Das EJPD verschweigt das. Es spricht vom Potenzial, ohne das Potenzial zu definieren. Es spricht von Integration, ohne die Voraussetzungen zu nennen. Es spricht von Arbeit, ohne den Arbeitsmarkt zu beschreiben.

Die Extrameile, die nicht freiwillig ist

Christoph Ammann, Vizepräsident der KdK, sagt: «Die Offenheit der Unternehmen, eine Extrameile zu gehen und die berufliche Integration als Investition zu sehen, ist für deren Erfolg zentral.»

«Extrameile.» Das ist das Wort. Es bedeutet: Unternehmen sollen mehr tun, als sie müssten. Sie sollen Menschen einstellen, die nicht die üblichen Qualifikationen haben. Sie sollen Zeit investieren. Geld investieren. Geduld investieren. Sie sollen eine «Investition» tätigen, die sich vielleicht auszahlt – vielleicht aber auch nicht.

Das ist keine normale Einstellung. Das ist eine soziale Massnahme. Das ist keine Rekrutierung, sondern eine Fürsorge. Das ist kein Markt, sondern eine Pflicht.

Und die Frage lautet: Warum? Warum sollen Unternehmen eine Extrameile gehen? Warum sollen sie Menschen einstellen, die nicht die Qualifikationen haben, die sie normalerweise verlangen? Warum sollen sie ein Risiko eingehen, das sie bei einheimischen Stellensuchenden nicht eingehen würden?

Die Antwort lautet: Weil der Staat sie darum bittet. Weil die Gesellschaft es erwartet. Weil es moralisch richtig ist. Weil es politisch opportun ist.

Aber das sind keine Gründe für ein Unternehmen. Ein Unternehmen stellt Menschen ein, weil es sie braucht. Weil sie qualifiziert sind. Weil sie Wertschöpfung bringen. Nicht weil der Bundesrat sie darum bittet.

Wenn Unternehmen eine «Extrameile» gehen müssen, um Geflüchtete einzustellen, dann heisst das: Die Geflüchteten sind nicht die erste Wahl. Sie sind nicht die besten Kandidaten. Sie sind nicht die, die man normalerweise einstellen würde. Sie brauchen besondere Unterstützung. Besondere Betreuung. Besondere Nachsicht.

Das ist kein Potenzial. Das ist ein Projekt. Ein Projekt, das Zeit, Geld und Geduld kostet. Und das EJPD nennt es «Investition».

Der Lastwagenfahrer, der alles löst

Die Medienmitteilung nennt ein Beispiel: der Lastwagenfahrer-Ausweis. Der Schweizer Nutzfahrzeugverband ASTAG hat ein «digitales eLearning-Angebot sowie ein gezieltes Ausbildungsmodell» entwickelt, damit «geeignete und motivierte Personen rascher bei uns einsteigen können».

Das ist ein Beispiel. Und es ist aufschlussreich. Denn was sagt es über das «Potenzial» der Geflüchteten? Es sagt: Sie können Lastwagenfahrer werden. Wenn sie motiviert sind. Wenn sie das eLearning absolvieren. Wenn sie den Ausweis bestehen.

Lastwagenfahrer. Das ist kein Ingenieur. Das ist kein Informatiker. Das ist kein Arzt. Das ist kein Fachkraft, die auf dem Schweizer Arbeitsmarkt dringend gebraucht wird. Das ist ein Beruf, der eine gewisse Grundqualifikation erfordert, aber keine höhere Bildung.

Das ist das Potenzial. Das ist die Realität. Die meisten Geflüchteten werden keine hoch qualifizierten Jobs bekommen. Sie werden – wenn sie Glück haben – Jobs bekommen, die niedrig qualifiziert sind. Jobs, die schwer zu besetzen sind. Jobs, die die Einheimischen nicht wollen.

Das ist keine Kritik an den Geflüchteten. Es ist eine Feststellung. Ihr Potenzial ist begrenzt. Und die Massnahmen des EJPD sind darauf ausgerichtet, diese Grenze zu verschieben – nicht zu überwinden.

Aber das EJPD verkauft es anders. Es spricht von «Fachkräften». GastroSuisse spricht von «Fachkräften», die die Branche braucht. Und sie will das «Inländerpotenzial besser ausschöpfen, um weniger von Arbeitskräften aus dem Ausland abhängig zu sein».

Das ist die Rahmung: Geflüchtete als Ersatz für ausländische Arbeitskräfte. Geflüchtete als Lösung für den Fachkräftemangel. Geflüchtete als Potenzial, das nur geweckt werden muss.

Aber ein Koch, der einen Branchenkurs macht, ist kein Fachkraft im Sinne der Schweizer Wirtschaft. Ein Lastwagenfahrer, der ein eLearning absolviert, ist kein Fachkraft im Sinne der Schweizer Wirtschaft. Eine Pflegehilfe, die einen Sprachkurs macht, ist keine Fachkraft im Sinne der Schweizer Wirtschaft.

Das EJPD verschleift die Begriffe. Es nennt alle «Fachkräfte», die eine Arbeit finden. Es nennt alle «Potenzial», die arbeiten können. Es nennt alle «Integration», die einen Job bekommen.

Die Plattform, die verbindet

Path2Work. Eine digitale Stellenplattform. Eine Beratungsstelle. Ein Projekt der ETH und der Universität Lausanne. Unterstützt vom Arbeitgeberverband und vom Gewerbeverband.

Das ist die Lösung. Digital. Effizient. Modern. Eine Plattform, die Geflüchtete mit Unternehmen verbindet. Die Berater mit Beratenen. Die Nachfrage mit dem Angebot.

Aber was ist das Problem? Das Problem ist nicht die Verbindung. Das Problem ist die Qualifikation. Das Problem ist nicht, dass die Unternehmen die Geflüchteten nicht finden. Das Problem ist, dass die Geflüchteten nicht die Qualifikationen haben, die die Unternehmen suchen.

Eine Plattform löst das nicht. Eine Plattform verbindet. Aber sie qualifiziert nicht. Sie bildet nicht aus. Sie verändert nicht die Tatsache, dass ein syrischer Lehrer nicht als Lehrer in der Schweiz arbeiten kann. Dass ein afghanischer Bauer nicht als Bauer in der Schweiz arbeiten kann. Dass ein eritreischer Mechaniker nicht als Mechaniker in der Schweiz arbeiten kann – ohne Anerkennung, ohne Nachqualifizierung, ohne Sprachkenntnisse.

Path2Work ist eine Brücke. Aber eine Brücke nützt nichts, wenn auf der einen Seite Menschen stehen, die nicht gehen können, und auf der anderen Seite Unternehmen, die nicht warten wollen.

Die Zirkularität der Argumentation

Die Medienmitteilung enthält eine bemerkenswerte Zirkularität. Einerseits heisst es: «Grundsätzlich gelinge die Integration von Stellensuchenden in der Schweiz gut.» Andererseits heisst es: «Wiedereinsteigerinnen, älteren Arbeitnehmenden und insbesondere Geflüchteten fällt der Zugang zum Arbeitsmarkt aber oft nicht leicht. Sie brauchen daher gezielte Unterstützung.»

Wenn die Integration grundsätzlich gut gelingt – warum brauchen dann alle gezielte Unterstützung? Wenn das System funktioniert – warum braucht es dann eine Extrameile der Unternehmen? Wenn das Potenzial da ist – warum braucht es dann eine digitale Plattform, um es zu wecken?

Die Antwort lautet: Weil die Integration nicht gut gelingt. Weil das System nicht funktioniert. Weil das Potenzial begrenzt ist. Und weil die Medienmitteilung eine Erfolgsmeldung ist, die die Probleme verschweigt, die sie lösen will.

Das ist keine Lüge. Es ist eine Rahmung. Die Rahmung lautet: Es funktioniert grundsätzlich, aber es muss besser funktionieren. Die Realität lautet: Es funktioniert nicht grundsätzlich, und es muss grundlegend verändert werden – oder die Frage muss anders gestellt werden.

Die Frage, die das EJPD nicht stellt

Die Frage lautet nicht: Wie integrieren wir Geflüchtete in den Arbeitsmarkt?

Die Frage lautet: Sind diese Menschen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt integrierbar? Zu welchem Preis? Mit welchem Ergebnis? Und: Ist das die beste Verwendung der Ressourcen, die wir haben?

Die Frage lautet: Wenn Unternehmen eine «Extrameile» gehen müssen, um Geflüchtete einzustellen – was heisst das über die Qualifikation der Geflüchteten? Und was heisst das über die Effizienz der Massnahmen?

Die Frage lautet: Wenn das «Potenzial» vor allem in niedrig qualifizierten Jobs liegt – Lastwagenfahrer, Gastgewerbe, einfache Tätigkeiten – wie viel Fachkräftemangel lösen wir dann wirklich? Und wie viel Wohlstand produzieren wir damit?

Die Frage lautet: Was kostet die Integration? Was bringt sie? Und gibt es eine bessere Verwendung der Mittel – zum Beispiel für einheimische Stellensuchende, die die Qualifikationen haben, aber den Job nicht finden?

Die Frage lautet: Warum spricht das EJPD von «Geflüchteten» als homogener Gruppe, obwohl die Qualifikationen, Sprachen und Kulturen völlig unterschiedlich sind? Warum unterscheidet es nicht zwischen einem ukrainischen Informatiker und einem somalischen Hirten? Warum behandelt es sie als dasselbe «Potenzial»?

Die Frage lautet: Was ist der Zusammenhang zwischen der Integrationsrhetorik und der Bevölkerungsinitiative, gegen die der Bundesrat kämpft? Auf der EJPD-Website warnt Jans: Die Initiative «verschärft den Fachkräftemangel». Gleichzeitig verkauft er Geflüchtete als Arbeitskräfte. Ist das derselbe Fachkräftemangel? Dieselben Arbeitskräfte? Oder ist das eine politische Konstruktion, die zwei Probleme – Asyl und Fachkräftemangel – verbindet, die nichts miteinander zu tun haben?

Die Frage lautet: Wenn wir Geflüchtete als Arbeitskräfte rahmen – was passiert dann mit denen, die nicht arbeiten können? Den Kranken. Den Alten. Den Traumatisierten. Den Analphabeten. Denjenigen, die die Sprache nie lernen werden. Werden sie zu einem Problem, das wir nicht lösen können – weil wir sie als Potenzial gerahmt haben, das wir nicht wecken können?

Das EJPD stellt keine dieser Fragen. Es feiert die Zusammenarbeit. Es feiert die Plattform. Es feiert die Bereitschaft der Unternehmen. Es feiert die Massnahmen. Es feiert sich selbst.

Das ist keine Medienmitteilung über Integration. Das ist eine Medienmitteilung über die Transformation eines Problems in eine Lösung. Die Transformation von Geflüchteten in Arbeitskräfte. Die Transformation von Kosten in Investitionen. Die Transformation einer Frage, die niemand beantworten will – was machen diese Menschen hier? – in eine Frage, die jeder beantworten kann: wie bringen wir sie in Arbeit?

Aber die Transformation ändert nicht die Realität. Die Realität lautet: Die meisten Geflüchteten werden keine Fachkräfte. Die meisten werden keine hohen Steuern zahlen. Die meisten werden mehr kosten, als sie bringen. Und die meisten werden hier bleiben – egal, ob sie arbeiten oder nicht.

Das ist das Problem, das die Medienmitteilung nicht löst. Weil sie es nicht nennt.


Das EJPD verkündet einen neuen Schub bei der beruflichen Integration von Geflüchteten. Bundesrat Jans trifft Unternehmen. Eine digitale Plattform soll helfen. Branchenkurse sollen helfen. Ein Lastwagenfahrer-Pilotprojekt soll helfen. Alle sind sich einig: Die Integration muss besser gelingen. Aber das EJPD fragt nicht, ob sie gelingen kann. Es fragt nicht, ob das Potenzial da ist. Es fragt nicht, was die Integration kostet und was sie bringt. Es fragt nicht, warum Unternehmen eine «Extrameile» gehen müssen, um Geflüchtete einzustellen – und was das über die Qualifikationen der Geflüchteten aussagt. Es fragt nicht, ob ein Lastwagenfahrer-Ausweis den Fachkräftemangel löst – oder nur ein Symptom behandelt. Es fragt nicht, ob die Integration von Geflüchteten die beste Verwendung der Ressourcen ist – oder ob es dringendere Probleme gibt. Es fragt nicht, weil die Antwort die Erfolgsmeldung zerstören würde: dass hier nicht ein Potenzial geweckt wird, sondern ein Problem umdeklariert wird. Aus Asyl wird Arbeitsmarkt. Aus Kosten werden Investitionen. Aus einer Frage, die niemand beantworten will, wird eine Frage, die jeder beantworten kann. Aber die Umdeklarierung ändert nicht die Realität. Sie ändert nur die Sprache.

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