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Das Vierteljahrhundert, das SRF nicht verstehen will
Medienkritik
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Das Vierteljahrhundert, das SRF nicht verstehen will

SRF/SRGGesellschaftDemokratie
schwerwiegend
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Yves Bossart blickt im «Kulturplatz» auf 25 Jahre 21. Jahrhundert zurück. Er sagt: «Wir haben die Zukunft verloren.» Er hat recht — und doch erzählt er die falsche Geschichte. Denn Bossart beschreibt die Symptome mit Eleganz: die Angst, die Krisen, die Atomisierung, das Smartphone als «Heroingerät». Aber er benennt die Ursache nicht. Er beschreibt das Gefängnis — und nennt es Stimmung. Er beschreibt die Schliessung — und nennt sie Rechtspopulismus. Er beschreibt den Kontrollverlust der Bürger — und übersieht den Kontrollgewinn der Mächtigen. Das ist kein Versehen. Es ist die Methode eines öffentlich-rechtlichen Senders, der die Krise als Wetter beschreibt — und nie als Konstruktion.

Zum SRF Beitrag «25 Jahre 21. Jahrhundert: Was uns seit 2000 geprägt hat», Kulturplatz, 27.05.2026

Die verlorene Zukunft — und die Frage, wer sie gestohlen hat

Bossart beginnt mit einer Wahrheit: «Wir haben die Zukunft verloren. Den Hoffnungshorizont. Die Erwartung, dass es im Grossen und Ganzen bergauf geht.»

Das ist präzise. Das ist richtig. Das ist gefühlt von Millionen.

Aber dann kommt der entscheidende Satz, der alles verrät: «In der politischen Welt fand also eine Schliessung statt, ein Rückzug, eine Rückwärtsorientierung. Rechtspopulismus und Retropolitik behaupten: Früher war alles besser.»

Hier vollzieht Bossart die klassische Inversion des öffentlich-rechtlichen Denkens. Die Bürger haben die Zukunft verloren — und schuld daran ist, dass sie nach rechts blicken. Die Schliessung wird nicht erklärt durch das, was den Menschen angetan wurde, sondern durch ihre Reaktion darauf.

Das ist, als würde man den Schrei des Verletzten für die Ursache der Wunde halten.

Die Wahrheit ist die umgekehrte: Die Menschen wurden nicht ängstlich, weil sie nach rechts blickten. Sie blickten nach rechts, weil man ihnen Grund zur Angst gegeben hatte. Der «Kontrollverlust angesichts der Globalisierung», den Bossart selbst benennt, ist real. «Take back control» war nicht die Ursache des Problems — es war die Diagnose. Und SRF behandelt die Diagnose als Krankheit.

Der 11. September — Schock oder Gelegenheit?

«Der 11. September 2001 erschüttert das Sicherheitsgefühl des Westens. Es folgen terroristische Attentate. An Flughäfen wird kontrolliert und bald hängen überall Überwachungskameras.»

Bossart beschreibt den Aufbau des Überwachungsstaats — als Naturereignis. Die Kameras «hängen» plötzlich überall. Im Passiv. Ohne Akteur. Ohne Entscheidung. Ohne Verantwortung.

Aber Kameras hängen nicht von selbst. Gesetze schreiben sich nicht selbst. Der PATRIOT Act — 342 Seiten dichter Juristensprache — fiel nicht vom Himmel. Er lag bereit. Er wartete auf seine Krise. Und als die Krise kam, wurde das Prinzip der Privatsphäre am helllichten Tag exekutiert — eingewickelt in die Fahne der «Sicherheit».

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Bossarts Erzählung und der Realität. Bossart sagt: Der Schock geschah, und der Überwachungsstaat folgte. Die Realität sagt: Der Schock wurde genutzt, um den Überwachungsstaat zu errichten, der ohne ihn nie durchsetzbar gewesen wäre.

«Diejenigen, die wesentliche Freiheit aufgeben, um ein wenig vorübergehende Sicherheit zu erkaufen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit», warnte Franklin. Wir gaben sie auf. Und wir erhielten keine von beiden.

SRF nennt das «das Sicherheitsgefühl wurde erschüttert». Als wäre die Überwachung eine Therapie für ein erschüttertes Gefühl. Nicht: ein Machtgewinn für die, die schon immer überwachen wollten.

2008 — die Krise, die SRF nicht versteht

Hier versagt Bossart am deutlichsten. Er schreibt:

«Ab 2007 folgt dann die Weltfinanzkrise, die Investmentbank Lehman Brothers geht pleite, die Blase am Immobilienmarkt platzt. Das Vertrauen in die globale Finanzindustrie ist erschüttert, eine Krise, die 2011 in den ‹Occupy Wall Street›-Protesten kulminiert.»

Das ist alles. Drei Sätze. Über das Ereignis, das das moralische Fundament des 21. Jahrhunderts zerstört hat.

Was Bossart nicht sagt — was er nicht einmal zu denken scheint: Am 15. September 2008 wurde das Prinzip des Scheiterns ermordet.

Die Banken wurden gerettet. Nicht die Hausbesitzer, denen man Ramschhypotheken angedreht hatte. Nicht die Rentner, deren Vorsorge verdampfte. Nicht die Arbeiter, die ihre Jobs verloren. Die Banken wurden gerettet — jene Institutionen, deren rücksichtsloses Spiel die Krise geschaffen hatte, wurden auf öffentliche Kosten schadlos gehalten.

In diesem Moment starb etwas Wesentliches. Kapitalismus ohne Scheitern ist kein Kapitalismus. Es ist ein Spiel, in dem bestimmte Spieler nicht verlieren können. Sozialismus für die Elite: Verluste werden vergesellschaftet, Gewinne privatisiert.

Und die Botschaft, die durch die folgenden siebzehn Jahre hallte, lautete: Es gibt keine Konsequenzen für die, die zählen. Die Regeln gelten nur für die, die nicht zählen.

Das ist die Wurzel der verlorenen Zukunft, von der Bossart spricht. Nicht der Rechtspopulismus. Nicht die «Retropolitik». Sondern die Erfahrung von Millionen, dass das Spiel manipuliert ist. Dass nichts mehr «echt» ist. Dass wir alle in einem Theater spielen, dessen Drehbuch jeder als falsch erkennt — aber niemand benennen darf.

Bossart nennt «Occupy Wall Street» eine Kulmination. Es war eine Beerdigung. Die Beerdigung des Vertrauens. Und SRF berichtet vom Begräbnis, ohne den Toten zu nennen.

«Diversität als Norm» — die Befreiung, die zur Waffe wurde

Bossart feiert die Sensibilisierung: MeToo, Black Lives Matter, LGBTQ als «gängige Buchstabenreihenfolge», der «alte weisse Mann», der «vom Thron gestossen» wird.

Dann, fast widerwillig, die Einschränkung: «Die Sprache der ‹Wokeness› breitet sich aus, vorwiegend in Nischen. Vieles wird ‹moralisch problematisch›.»

«Vorwiegend in Nischen.» Das ist die Verharmlosung des Jahrzehnts. Die moralische Bewertung der Kunstschaffenden, von der Bossart spricht, ist keine Nische. Sie ist das herrschende Paradigma der Kulturinstitutionen, der Universitäten, der Medien — auch von SRF.

Und hier liegt die tiefere Inversion, die Bossart nicht erkennt: Werte ohne Prinzipien sind Instrumente der Kontrolle. Als wir zuliessen, dass «Werte» die «Prinzipien» ersetzten, gaben wir den Mächtigen das Werkzeug, die Bedingungen unserer eigenen Unterwerfung zu definieren. «Sicherheit» wurde zur Rechtfertigung der Überwachung. «Gerechtigkeit» wurde zur Rechtfertigung der Diskriminierung. «Nachhaltigkeit» wurde zur Rechtfertigung der Kontrolle.

Die «Befreiung», die Bossart feiert, war zugleich eine Entwaffnung. Wir verloren, wie es ein Soziologe formulierte, «die Autorität, auf Anstand zu bestehen». Wir wollten das «Gute» ohne den Mut, das «Böse» zu benennen. Wir wollten Tugend ohne Urteil. Moral ohne Massstab.

Und als die Krise kam — als der Staat Gehorsam verlangte — hatten wir nichts mehr, womit wir Widerstand leisten konnten. Unsere Prinzipien waren in Bedeutungslosigkeit relativiert. Unsere Tugenden zu Social-Media-Performances reduziert. Unsere Werte waren das, was die Mächtigen uns sagten, dass sie sein sollten.

Die «Demokratisierung der Öffentlichkeit» — und ihre Lüge

Bossart beschreibt die digitale Öffnung ehrlich: «Internet für alle, gratis Wikipedia. Alle können senden. Es gibt keine Gatekeeper mehr.»

Und dann die Desillusionierung: «Bald aber merken wir: Geld und Macht dominieren auch die virtuelle Welt.»

Das ist näher an der Wahrheit als alles andere im Artikel. Aber Bossart zieht nicht die Konsequenz. Er beschreibt «Handysucht, Echokammern, Shitstorms, Verschwörungstheorien, Propaganda» — die hässliche Kehrseite. Aber er fragt nicht: Wer profitiert davon?

Die Antwort, die SRF nie gibt: Die Spaltung ist profitabel. Die Algorithmen, die unsere Feeds steuern, lernten, dass Empörung das Engagement antreibt. Angst erzeugt Klicks. Hass hält Augen am Bildschirm. Und so wurden die Maschinen optimiert, uns auseinanderzureissen — weil unsere Spaltung Geld einbringt.

Das ist keine «Kehrseite». Das ist das Geschäftsmodell. Die Ethik hinkte der Technologie nicht bloss hinterher — sie wurde ersetzt durch eine «Value-Washing»-Industrie, die die lauteste Performance der Tugend belohnt und das kalkulierteste Laster praktiziert.

Corona — die Krise, die «vieles bloss verstärkt» hat

Hier kommt Bossart der Wahrheit am nächsten — und weicht ihr am entschiedensten aus:

«Und dann kommt, 2020, wie aus dem Nichts: Corona. Eine globale Krise, von der man zunächst dachte, sie werde alles verändern. Aber sie hat vieles bloss verstärkt: die Digitalisierung, die Erschöpfung, die Einsamkeit.»

«Wie aus dem Nichts.» «Bloss verstärkt.» Drei Worte und eine Verharmlosung.

Was Corona tatsächlich tat: Es beschleunigte die Errichtung der Kontrollinfrastruktur über alles hinaus, was zuvor denkbar war. Massnahmen, die 2019 eine Revolution ausgelöst hätten, wurden 2020 als notwendig akzeptiert. Lockdowns. Reiseverbote. Geschäftsschliessungen per Dekret. Impfvorgaben. Digitale Gesundheitspässe. Die Verfolgung von Bewegung. Das Verbot der Versammlung.

Man sagte uns, es sei vorübergehend. Zwei Wochen, um die Kurve zu glätten. Der Notstand ging nie vorbei. Die Befugnisse kehrten nie zurück. Die digitalen Gesundheitspässe entwickelten sich zu digitalen Identitätssystemen. Das Prinzip, dass der Staat vorschreiben darf, was in deinen Körper gelangt, wurde von einer Bevölkerung akzeptiert, der man sagte, Widerstand sei egoistisch, asozial, gefährlich.

Wir tauschten das Prinzip der körperlichen Autonomie gegen den «Wert» der kollektiven Sicherheit. Und wir lernten, dass Werte — anders als Prinzipien — alles bedeuten können, was die Macht braucht, dass sie bedeuten.

Bossart nennt das «vieles bloss verstärkt». Als hätte ein Mensch mit einem dritten Glas Wein «bloss verstärkt» getrunken. Nein: Corona war der Moment, in dem der Käfig seine Form annahm. Und SRF, der Sender, der die Massnahmen mittrug, kann das nicht benennen — denn dann müsste er sich selbst befragen.

Das Smartphone — «Heroingerät» ohne Dealer

Bossart zitiert die eigene SRF-Glosse: «Ein halbes Jahr ‹Heroingerät› – und ich bin heil geblieben.» Er nennt das Smartphone «diese grosse Verfügbarkeits- und Zerstreuungsmaschine, die uns das Wichtigste raubt: die Pause.»

Schöne Worte. Aber wer ist der Dealer? Wer designt die Sucht?

Es ist dieselbe Frage wie bei von der Leyens Rede über Kinder und KI: Man beklagt die «addictive design» — aber man behandelt sie als Eigenschaft des Geräts, nicht als Entscheidung der Hersteller. Das Smartphone raubt uns nicht die Pause. Konzerne, die unsere Aufmerksamkeit als Ware behandeln, rauben uns die Pause. «Je mehr Aufmerksamkeit, desto höher der Profit.»

Bossart personalisiert die Maschine («Heroingerät») und entpersonalisiert die Verantwortung. Das Gerät ist der Täter. Die, die es so bauten, dass es süchtig macht, bleiben unsichtbar.

Die «Atomisierung» — Symptom ohne Diagnose

Bossart benennt das Endstadium: «Individualismus. Die Atomisierung der Gesellschaft.» Airpods, die helfen, sich in die Blase zurückzuziehen. Der Körper als «letzte Bastion der Selbstwirksamkeit». «Bizeps gegen Ohnmachtsgefühle.»

Das ist eine brillante Beobachtung. Der Körper als letzte Kontrolle in einer Welt des Kontrollverlusts. Aber Bossart fragt nicht: Warum die Ohnmacht? Warum der Kontrollverlust?

Die Antwort liegt in dem, was wir verloren, bevor die Krise kam. Jahrhundertelang war die westliche Zivilisation verankert durch Institutionen, die moralische Autorität boten — Kirchen, philosophische Traditionen, Gemeinschaftsstrukturen. Das letzte Vierteljahrhundert vollendete ihre Zerstörung. Die Kirchen leerten sich. Die Traditionen wurden als Vorurteile toter weisser Männer abgetan. Die Gemeinschaften atomisierten zu Sammlungen von Individuen, die auf Bildschirme starren.

Und in das Vakuum strömte der moralische Relativismus: die Lehre, dass es keine Wahrheit gibt, nur Perspektiven; kein Richtig und Falsch, nur Macht und Widerstand gegen Macht.

Wir nannten das Befreiung. Tatsächlich entwaffneten wir uns. Die Atomisierung, die Bossart beklagt, ist nicht Schicksal. Sie ist das Ergebnis der Zerstörung jeder Struktur, die dem Individuum erlaubte, mehr zu sein als ein verwaltbarer Datenpunkt.

Was Bossart völlig fehlt: das Geld

Und hier ist die grösste Lücke. In 27 Minuten Kulturplatz, in einem Artikel über das, «was uns seit 2000 geprägt hat», fehlt das Wichtigste: das Geld.

Kein Wort über die Zentralbank-Digitalwährungen, die pilotiert werden. Kein Wort über die digitale Identität, normalisiert durch die Gesundheitspässe der Pandemie. Kein Wort über programmierbares Geld, bei dem jede Transaktion verfolgt, jeder Kauf genehmigt oder verweigert werden kann.

Durch die Geschichte hindurch war Geld die letzte Zuflucht des Individuums. Gold konnte versteckt werden. Bargeld konnte über Grenzen getragen werden. Wohlstand liess sich in Freiheit umwandeln. Die Architekten des digitalen Käfigs verstanden das. Und sie verbrachten das letzte Jahrzehnt damit, diesen letzten Fluchtweg zu schliessen.

Bossart erwähnt es nicht. Nicht aus Bosheit — sondern weil es ausserhalb seines Rahmens liegt. Sein Rahmen ist kulturell, stimmungsmässig, ästhetisch. Vokuhila und Fidget Spinner. Amy Winehouse und Taylor Swift. Der Rahmen erlaubt es, die verlorene Zukunft zu betrauern — aber nicht zu fragen, wer den Tresorraum baut, in dem die Freiheit eingeschlossen wird.

Der Ausweg, den SRF nicht kennt

Bossart endet mit einem Schulterzucken: «Aber hey! Es gab auch viele schöne Dinge.» Taylor Swift. Harry Potter. Sprachnachrichten. «Der Weltgeist ist auf Speed. Und er leidet an Zerstreuung. Wie wir alle.»

Das ist die Resignation des Kulturjournalismus. Man beschreibt den Käfig, zuckt mit den Schultern und zählt die hübschen Dinge auf, die an seinen Gitterstäben hängen.

Aber es gibt einen Ausweg — und er liegt genau dort, wo SRF nie hinsieht. In denselben Technologien, die zur Kontrolle eingesetzt werden, liegen die Samen der Befreiung. Am 3. Januar 2009, in den rauchenden Ruinen der Finanzkrise, startete eine pseudonyme Figur ein Protokoll, das revolutionärer sein sollte als jede politische Bewegung des Jahrhunderts. Es bewies: Wir brauchen den «Wert» des Zentralbank-Vertrauens nicht, wenn wir das Prinzip der mathematischen Knappheit haben. Konsens ohne Autorität. Wahrheit ohne Vertrauen. Souveränität, in Code geschrieben.

Verschlüsselung bewies: Wir brauchen den «Wert» des staatlichen Schutzes nicht, wenn wir das Prinzip privater Kommunikation haben. Räume, die kein Überwachungsapparat durchdringen kann — nicht, weil die Wächter nicht wollen, sondern weil die Mathematik es unmöglich macht.

Das ist der Ausweg, den ein öffentlich-rechtlicher Sender niemals zeigen wird. Denn der Ausweg führt nicht durch die Institutionen — er führt um sie herum. Nicht durch Reform des Unreformierbaren, sondern durch den Bau der Alternative. Und ein Sender, der von der Zwangsgebühr lebt, ist selbst eine Institution. Er kann den Bürgern nicht den Weg aus den Institutionen zeigen, ohne sich selbst infrage zu stellen.


Yves Bossart sagt: «Wir haben die Zukunft verloren.» Er hat recht. Aber er erzählt die Geschichte eines Wetters, nicht eines Verbrechens. Er beschreibt die Angst, ohne die Täter zu nennen. Er beschreibt die Schliessung und macht die Geschlossenen dafür verantwortlich. Er beschreibt 2008 als «erschüttertes Vertrauen» — nicht als ermordetes Prinzip. Er beschreibt Corona als etwas, das «vieles bloss verstärkt» hat — nicht als den Moment, in dem der Käfig seine Form annahm. Er beschreibt das Smartphone als «Heroingerät» — ohne nach dem Dealer zu fragen. Und er vergisst das Geld völlig — den letzten Fluchtweg, der gerade zugemauert wird. Das ist die Signatur des öffentlich-rechtlichen Denkens: Die Krise wird als Stimmung verkauft, nie als Konstruktion. Die Symptome werden mit Eleganz katalogisiert — Vokuhila, Fidget Spinner, Greta, Taylor Swift —, während die Ursache unbenannt bleibt. Denn die Ursache zu benennen hiesse, Verantwortung zu benennen. Und Verantwortung zu benennen hiesse, Macht zu benennen. Und Macht zu benennen ist genau das, was ein zwangsfinanzierter Sender nicht kann — weil er selbst Teil der Macht ist. Das letzte Vierteljahrhundert war kein Niedergang. Niedergang impliziert Entropie, das natürliche Verfallen der Dinge. Es war Design. Prinzipien wurden gegen Werte getauscht. Tugend wurde durch Compliance ersetzt. Das souveräne Individuum wurde zur verwaltbaren Einheit in einer verwaltbaren Bevölkerung. Und SRF? SRF macht daraus einen 27-minütigen Kulturplatz mit Bildergalerie. Es betrauert die verlorene Zukunft — und ist Teil der Maschine, die sie gestohlen hat. Die Bürger zahlen 335 Franken im Jahr für einen Sender, der ihnen die Geschichte ihrer eigenen Entmündigung erzählt — als wäre es eine Nostalgie-Sendung über Amy Winehouse und Klingeltöne. «In einer Zeit des Betrugs ist es ein revolutionärer Akt, die Wahrheit zu sagen.» SRF sagt sie nicht. Es sagt nur, wie sich der Betrug anfühlt — und nennt es Kultur.

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