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Das Versagen, das den Staat ruft
Medienkritik
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Das Versagen, das den Staat ruft

SRF/SRGGesellschaftDemokratie
schwerwiegend
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Wie SRF das Scheitern von Netzcourage der Technologie anlastet — und die interne Krise, die gestrichenen Bundesgelder und die umstrittene Gründerin in einer wegklappbaren Box versteckt, um den Ruf nach einer neuen staatlichen Stelle lauter ertönen zu lassen

Zum SRF-Beitrag «Verein Netzcourage hört auf – wie geht es weiter?», 20. Mai 2026


Es ist eine Geschichte über eine Lücke. Ein Verein löst sich auf. Eine Beratungsstelle verschwindet. Betroffene von digitaler Gewalt stehen allein da. Wer übernimmt?

Es ist die klassische Erzählung des Lückenfüllers. Etwas verschwindet. Der Staat muss einspringen. Eine neue Stelle muss her. Mit klarem Auftrag und sicherer Finanzierung. Die Lücke ist das Argument. Das Argument für mehr Staat.

Aber was, wenn die Lücke nicht durch das Verschwinden des Vereins entstanden ist? Was, wenn die Lücke der Verein selbst war?

Die Schuld der Technologie

Jolanda Spiess sagt: «Von der Technologie überrannt.» KI-gestützte Hetze, Deepfake-Pornografie, Identitätsmissbrauch – die Aggressoren seien technisch immer einen Schritt voraus. «Wir wissen nicht, wie wir uns als privater Verein da noch wehren sollen.»

Das ist die Erzählung: Die Technologie ist schuld. Die Bosheit der Täter ist schuld. Das Versagen ist extern.

Aber was heisst «überrannt»? Netzcourage hat in zehn Jahren «mehrere hundert Betroffene» beraten. Mehrere hundert. In zehn Jahren. In einem Land mit 9 Millionen Einwohnern. Das sind vielleicht 50 Fälle pro Jahr. Das ist keine Beratungsstelle. Das ist eine Nische.

Warum wurde Netzcourage nicht häufiger aufgesucht? Weil die Betroffenen die Stelle nicht kannten? Weil sie nicht vertrauten? Weil die Stelle nicht die richtige war?

SRF fragt nicht. Es übernimmt die Erzählung von der Technologie, die den Verein überrannt hat. Es fragt nicht, ob der Verein auch an sich selbst gescheitert ist.

Die Box, die man wegklappen kann

SRF erwähnt die Kritik an Netzcourage. Aber wie?

Unter der Überschrift «Kritik an Netzcourage» steht eine Box. Eine Box, die man aufklappen kann. Die man aber auch zugeklappt lassen kann. Die standardmässig zugeklappt ist.

Was steht in der Box?

Erstens: Netzcourage habe eine «turbulente Geschichte». Jolanda Spiess stand «oft selbst im Zentrum der Diskussion, wegen verschiedener öffentlicher Auseinandersetzungen».

Zweitens: 2021 legten die Nationalrätinnen Tamara Funiciello und Greta Gysin ihre Ämter als Co-Präsidentinnen nieder – sie hatten sich mit Spiess «nicht über die Ausrichtung des Vereins einigen können».

Drittens: Im gleichen Jahr strich das Gleichstellungsbüro des Bundes dem Verein die Gelder. Der Bund hatte die Kommunikation des Vereins bemängelt – «und speziell die Rolle von Jolanda Spiess».

Das sind keine Fussnoten. Das sind die Gründe für das Scheitern. Der Verein verlor seine Co-Präsidentinnen. Der Bund strich die Gelder. Die Gründerin war umstritten. Die Kommunikation war mangelhaft.

Aber SRF versteckt diese Gründe in einer wegklappbaren Box. Unter der Überschrift «Kritik an Netzcourage». Nicht unter der Überschrift «Warum Netzcourage scheiterte».

Die Botschaft: Die Kritik ist Nebensache. Die Kritik ist optional. Die Kritik ist etwas, das man lesen kann, aber nicht muss.

Die Realität: Die Kritik ist die Geschichte. Die Kritik erklärt, warum der Verein nicht mehr existiert. Nicht die Technologie. Nicht die KI. Nicht die Deepfakes. Sondern die interne Krise, der Streit mit den Co-Präsidentinnen, der Entzug der Bundesgelder, die umstrittene Gründerin.

Der Verein, der zur Zielscheibe wurde

Spiess sagt: Netzcourage sei selbst zur Zielscheibe von Attacken geworden. «Wer sich mit uns gezeigt hat, geriet dann auch in den Fokus der Hater.» Bei Kooperationen oder Sponsoring hätten «entsprechende E-Mails zur Normalität gehört».

Das ist bedauerlich. Niemand sollte bedroht werden. Niemand sollte wegen seines Engagements angefeindet werden.

Aber die Frage, die SRF nicht stellt, lautet: Hat Netzcourage selbst dazu beigetragen, zur Zielscheibe zu werden? Hat die Kommunikation des Vereins – die der Bund bemängelt hat – die Angriffe befördert? Hat die Rolle von Jolanda Spiess – die der Bund bemängelt hat – die Polarisierung verstärkt?

Wer einen Verein gegen Hass im Netz gründet, muss wissen, dass er selbst zum Ziel werden kann. Das ist die Tragödie des Engagements. Aber es ist auch die Verantwortung derer, die den Verein führen. Wenn die Kommunikation polarisiert, wenn die Gründerin umstritten ist, wenn die Co-Präsidentinnen zurücktreten – dann ist das nicht nur die Schuld der Hater. Dann ist es auch die Schuld derer, die den Verein geführt haben.

SRF stellt diese Frage nicht. Es zitiert Spiess als Opfer. Als jemanden, der «überrannt» wurde. Nicht als jemanden, der möglicherweise zur eigenen Zielscheibe beigetragen hat.

Der Ruf nach dem Staat

Unicef fordert eine «spezialisierte, niederschwellige Stelle, mit klarem Auftrag und sicherer Finanzierung». Grüne-Nationalrätin Meret Schneider hat eine Motion für eine nationale Anlaufstelle eingereicht. Der Bundesrat muss klären: «Braucht es eine Stelle mit einer solchen Spezialisierung? Wie würde sie finanziert, wo würde sie institutionell angesiedelt?»

Das ist die Richtung der Berichterstattung: Das Versagen eines privaten Vereins wird zum Argument für eine staatliche Lösung. Der Verein hat versagt – also muss der Staat einspringen. Die private Initiative war nicht stark genug – also braucht es eine öffentliche.

Aber was, wenn der Verein nicht an mangelnder Stärke gescheitert ist? Was, wenn er an mangelnder Führung gescheitert ist? An mangelhafter Kommunikation? An einer umstrittenen Gründerin?

Wenn das der Fall ist, dann löst eine staatliche Stelle das Problem nicht. Dann bekommt der Staat dieselben Probleme: eine umstrittene Leitung, eine mangelhafte Kommunikation, interne Konflikte. Nur dass der Staat sie nicht streichen kann. Nicht ohne politischen Widerstand.

Die richtige Frage lautet nicht: Brauchen wir eine staatliche Stelle? Die Frage lautet: Warum ist die private Stelle gescheitert? Und was können wir daraus lernen?

SRF stellt die erste Frage. Nicht die zweite.

Die Zahl, die nichts sagt

«Mehrere hundert Betroffene» in zehn Jahren. SRF nennt diese Zahl ohne Kontext. Ist das viel? Ist das wenig?

Die Schweiz hat 9 Millionen Einwohner. Cybermobbing, Deepfakes – das sind reale Probleme – ob man diese nun «digitale Gewalt» nennen muss, ist fraglich. Und eine spezialisierte Beratungsstelle erreicht «mehrere hundert» Menschen in zehn Jahren?

Das ist keine Lücke, die durch eine neue Stelle geschlossen werden muss. Das ist ein Hinweis darauf, dass das Modell nicht funktioniert hat. Dass die Betroffenen den Verein nicht erreicht haben. Oder dass der Verein die Betroffenen nicht erreicht hat.

SRF fragt nicht, warum die Zahl so klein ist. Es fragt nicht, ob das Modell der spezialisierten Beratungsstelle das richtige ist. Es fragt nicht, ob es andere Wege gibt, Betroffene zu erreichen.

Es nimmt die Zahl als Beweis dafür, dass es eine Lücke gibt. Nicht als Beweis dafür, dass das Modell gescheitert ist.

Die Frage, die SRF nicht stellt

Die Frage lautet nicht: Wer übernimmt, wenn Netzcourage verschwindet?

Die Frage lautet: Warum hat Netzcourage nicht mehr erreicht? Warum hat der Verein in zehn Jahren nur «mehrere hundert» Betroffene beraten? Warum haben die Co-Präsidentinnen zurücktreten müssen? Warum hat der Bund die Gelder gestrichen? Warum war die Gründerin umstritten?

Die Antworten auf diese Fragen würden zeigen, ob das Problem die Technologie ist oder die Organisation. Ob wir eine neue Stelle brauchen oder ein neues Modell. Ob der Staat einspringen muss oder ob die Zivilgesellschaft es besser kann – mit anderer Führung, anderer Kommunikation, anderer Struktur.

SRF stellt diese Fragen nicht. Es übernimmt die Erzählung vom Verein, der von der Technologie überrannt wurde. Es versteckt die interne Krise in einer wegklappbaren Box. Und es ruft nach dem Staat.

Das ist nicht Berichterstattung über ein Problem. Das ist die Vorbereitung einer Lösung – ohne das Problem verstanden zu haben.


Netzcourage löst sich auf. SRF fragt: Wer übernimmt? Es zitiert Jolanda Spiess, die sagt, der Verein sei «von der Technologie überrannt» worden. Es versteckt die interne Krise – den Rücktritt der Co-Präsidentinnen, die gestrichenen Bundesgelder, die Kritik an Spiess – in einer wegklappbaren Box. Es nennt die Zahl von «mehreren hundert» Betroffenen in zehn Jahren, ohne zu fragen, warum das so wenig ist. Und es ruft nach einer staatlichen Lösung, ohne zu fragen, ob das private Modell an der Struktur oder an der Führung gescheitert ist. Das Versagen von Netzcourage wird der Technologie zugeschrieben. Nicht der Gründerin. Nicht der Kommunikation. Nicht der Struktur. Und aus dem Versagen wird der Ruf nach dem Staat abgeleitet. Das ist nicht Analyse. Das ist die Vorbereitung einer Lösung, die das Problem nicht löst, weil sie es nicht verstanden hat.

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