Das System SRF: Framing im Krieg
Die SRF-Redaktion hat kein böses Ziel. Sie betreibt keine Propaganda. Sie versucht, etwa im Iran-Krieg, ein komplexes Thema in vielen Facetten abzubilden. Sie gibt vielen Stimmen Raum. Sie ist nicht parteiisch im engeren Sinn.
SRF ist aber Teil eines Systems, das bestimmte Grundannahmen teilt und reproduziert. Die westliche Nachrichtenökonomie, die transatlantische Informationskette, die gemeinsame Sprache der europäischen Leitmedien, die Ausbildung der Journalisten an ähnlichen Universitäten, die Agentur-Quellen wie AP, Reuters, AFP, die Expertenpools, auf die sie zurückgreifen. Das alles produziert eine Homogenität im Framing, die der einzelne Journalist nicht einfach durchbrechen kann, selbst wenn er oder sie wollte.
Die iranische Perspektive ist in diesem Framing strukturell unterrepräsentiert, weil sie in den Agenturen unterrepräsentiert ist. Die strategische Komplexität des Konflikts, mit Israel als eigentlichem Treiber, verschwindet, weil die etablierte Sprache anders gebaut ist. Die historischen und regionalen Vorgeschichten werden auf wenige Schlagworte reduziert, weil die Tagesnachricht keinen Raum für Tiefe lässt.
Was man SRF vorwerfen kann, ist nicht die einzelne Voreingenommenheit, sondern die fehlende Reflexion über diese strukturellen Verzerrungen. Ein öffentlich-rechtliches Medium, das sich selbst als neutral versteht, müsste diese Fragen stellen: Woher kommen unsere Quellen? Wer sind unsere Experten? Welche Perspektiven kommen vor und welche nicht? Warum? Was sagt das über unsere eigene Position?
Diese Reflexion findet in der Berichterstattung kaum sichtbar statt. Der Zuschauer sieht das Resultat, nicht den Produktionsprozess. Wir sehen 150 Beiträge zum Iran-Krieg und halten das für Vielfalt. Es ist aber, wenn man genau hinschaut, eine sehr spezifische Form von Vielfalt, eine, die die grundlegenden Fragen nicht ins Zentrum rückt.
Was das für den Schweizer Bürger bedeutet
Der Schweizer, der sich über den Iran-Krieg informiert, erhält am Ende dieser sechs Wochen ein klares Bild. Er weiss, dass Öl teurer ist, dass Trump chaotisch handelt, dass der Iran Raketen auf Stützpunkte schiesst, dass Waffenruhen brüchig sind, dass die Golfstaaten ratlos sind, dass die WM unter Druck steht, dass jüdische Einrichtungen in Europa angegriffen werden, dass das iranische Regime sich hält, dass die Bevölkerung leidet.
Er weiss eine Menge. Aber was weiss er nicht?
Er weiss nicht, mit welcher Begründung die USA und Israel den Iran tatsächlich angegriffen haben, ob die Beweise für die offiziellen Kriegsgründe (etwa ein iranisches Atomwaffenprogramm) extern verifiziert sind. Er weiss nicht, welche Rolle die israelische Regierung als Treiber des Krieges tatsächlich spielt. Er weiss nicht, wie die nichtwestliche Welt diesen Krieg bewertet. Er weiss nicht, was die historische Parallele zum Irakkrieg lehrt und ob sie hier zutrifft. Er weiss nicht, wer nach diesem Krieg als Sieger dasteht und wer die langfristigen Kosten trägt.
Das wären die zentralen Fragen eines Krieges.
Das Wort, das fehlt: Eine kurze Klärung
Hier verdient ein Begriff eine Bemerkung, der in der medialen Auseinandersetzung mit dem Krieg eine merkwürdige Rolle spielt: das Völkerrecht. Wer in den westlichen Leitmedien nach einer Bewertung des Angriffs sucht, findet ihn entweder als unkritischen Vorwurf gegen Russland und immer öfter Israel, oder als argumentatives Vakuum, wenn die eigene Seite handelt.
Das Völkerrecht ist kein Gesetz. Es ist eine Sammlung von Normen, Verträgen und Statuten, deren Durchsetzung primär an die Bereitschaft der Staaten gebunden ist, sich ihnen zu unterwerfen. Der Internationale Gerichtshof hat keine Polizei. Der Internationale Strafgerichtshof wird von zentralen Akteuren wie den USA und Russland gar nicht anerkannt. Nicht-staatliche Akteure wie Hamas, Hisbollah oder die Huthi fallen weitgehend durch das Raster.
Ob der Angriff auf den Iran völkerrechtlich zulässig war, ist unter Völkerrechtlern nicht entschieden. Manche argumentieren mit dem Selbstverteidigungsrecht und einer angenommenen unmittelbaren Bedrohung durch das iranische Atomprogramm. Andere halten den Krieg für einen Aggressionskrieg ohne hinreichende Rechtfertigung. Die Frage ist gelehrt umstritten, nicht trivial entschieden.
Eine seriöse Berichterstattung müsste diese Streitfrage thematisieren, anstatt sie auszuklammern. Sie müsste die Argumente beider Seiten benennen. Sie müsste auch benennen, dass die Anwendung des Völkerrechts in der westlichen Berichterstattung asymmetrisch geschieht, mit grosser Schärfe gegen Russland und mit grosser Zurückhaltung gegen Israel und die USA. Diese Asymmetrie ist nicht völkerrechtlich begründet, sondern politisch. Sie zu thematisieren wäre Aufgabe einer reflektierten Berichterstattung. Sie geschieht nicht.
Damit ist das Völkerrecht, ironischerweise, in der medialen Praxis weniger ein Massstab als ein Instrument. Es wird gegen die Gegner des Westens scharf angewendet, gegenüber Verbündeten weich. Diese Beobachtung ist keine Verteidigung des iranischen Regimes, das selbst zahlreiche Normen verletzt, von Hinrichtungen Minderjähriger bis zur Niederschlagung von Protesten. Sie ist eine Beobachtung über die mediale Praxis, die das Wort «Völkerrecht» benutzt, ohne seine Komplexität zu erklären.
Der eigentliche Befund
Die SRF-Berichterstattung hat die zentralen Fragen wahrscheinlich nicht verdrängt, weil jemand es explizit so wollte. Sie hat sie strukturell nicht in den Vordergrund gerückt, weil die Nachrichtenlogik es so produziert hat. Jeder einzelne Tag brachte neue Meldungen, die Aufmerksamkeit verlangten. Die strukturellen Fragen bleiben unerreichbar, weil sie einen Schritt zurück erfordern, den die tägliche Berichterstattung nicht leisten kann.
Die Medienkrise, über die seit Jahren geredet wird, ist nicht primär eine Finanzkrise und nicht primär eine Vertrauenskrise. Sie ist eine Reflexionskrise. Medien produzieren Nachrichten mit hoher Geschwindigkeit und begrenzter Selbstbeobachtung. Sie lassen Experten auftreten, ohne deren Auswahlkriterien zu reflektieren. Sie übernehmen Framings, ohne sie zu prüfen. Sie ersetzen Analyse durch Aktualität.
Die SRF-Iran-Berichterstattung ist nicht schlechter als vergleichbare Berichterstattung in anderen Ländern. Sie ist vermutlich besser als die meisten. Sie ist handwerklich ordentlich, quellengestützt, vielfältig in den behandelten Themen. Das ist anerkennenswert.
Das Problem ist nicht dieses Niveau. Das Problem ist, dass selbst dieses Niveau strukturell nicht ausreicht für die Fragen, die ein Krieg dieser Art aufwirft. Ein Krieg gegen einen Staat mit 85 Millionen Einwohnern, mit der Tötung des Staatsoberhaupts, mit tausenden zivilen Opfern, mit weitreichenden geopolitischen Folgen, dieser Krieg verlangt mehr als gute Tagesberichterstattung. Er verlangt eine Berichterstattung, die ihre eigenen Voraussetzungen reflektiert. Die fragt, ob die offiziellen Begründungen extern verifiziert sind. Die thematisiert, dass die rechtliche Bewertung umstritten ist. Die einbezieht, wie die nichtwestliche Welt diesen Krieg liest. Die historische Parallelen zum Irakkrieg von 2003 zieht, in dem ähnliche Begründungen sich später als haltlos erwiesen.
Das tut SRF nicht, nicht in dieser Menge an Beiträgen und nicht mit der nötigen Deutlichkeit. Das tun die deutschen und österreichischen Leitmedien auch nicht. Das tun die französischen, britischen, amerikanischen Leitmedien auch nicht. Es ist ein kollektives Versagen.
Die Öffentlichkeit, die dieses Versagen bemerken müsste, hat die Ressourcen nicht, es zu erkennen. Sie liest die einzelnen Beiträge, wie sie kommen. Sie bildet sich ein Bild, das sie für das richtige hält, weil sie keinen Vergleichsmassstab hat. Die Fragen, die nicht gestellt werden, erreichen sie nicht. Das Framing, das sie konsumiert, erscheint ihr als die Wirklichkeit.
So entsteht aus handwerklich anständiger Berichterstattung eine Öffentlichkeit, die weniger weiss, als sie wissen könnte.
Es ist ein Strukturproblem. Und es ist das eigentliche Thema, das hinter der Frage nach «ein paar Beiträgen zum Iran» steht.
Am Ende ist die Tötung eines Staatsoberhaupts in einer Infobox untergebracht. Das war das Bild aus dem ersten Text. Es gilt weiter. Es gilt nicht nur für einen einzelnen Beitrag. Es gilt für die Summe von 150. Und damit gilt es für die Art und Weise, wie eine ganze westliche Öffentlichkeit Kriege konsumiert, die in ihrem Namen geführt werden.
Das ist, wenn man ehrlich ist, ein ernsteres Problem als jede einzelne Medienkritik. Es betrifft nicht die Integrität einzelner Redaktionen, sondern die Verfasstheit demokratischer Öffentlichkeiten, wenn sie Kriegen gegenüberstehen, für die ihre eigenen Regierungen Mitverantwortung tragen. Die Vergangenheit, vom Vietnamkrieg über den Irakkrieg bis Libyen, legt nahe, dass diese Verfasstheit schwach ist. Die Gegenwart bestätigt es.
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